Kolumne

Es gibt nichts Gutes, ausser…   

24.10.2016

Eine Kolumne von Publizist und Philosoph Ludwig Hasler zu einer blinden Frau, die auszog, um die Welt auf eigene Faust zu verändern.

Als Vortragstourist begegnet man allerlei Leuten. Mit Sabriye Tenberken hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Ich sprach über Ethik und Unternehmergeist, darüber, dass es meist am Handeln hapert, nicht an der Theorie, dass man ein prima Ethiker sein kann und trotzdem ein Kotzbrocken oder eine ökologische Dreckschleuder, ich erinnerte an David S., der im Juli in München zehn Menschen erschossen hatte, als Schüler komplett unauffällig war, einzig im Fach Ethik aber Sonderklasse. Kurz, Thema war, was Blaise Pascal so formuliert hatte:
«Alle guten Grundsätze sind im Umlauf, man unterlässt es nur, sie durchzuführen.»
 

Soziale Pionierin
Danach kam aus dem Publikum die Frau mit dem Blindenstock. Schnell war mir klar: Von ihr könnten wir lernen, die Welt zu verändern. Ihre Geschichte in Kürzestversion: Sabriye Tenberken, 1970 in Köln geboren, mit zwölf erblindet, studiert Soziologie und Philosophie, studiert Tibetologie, wozu sie erst ein eigenes Lese- und Schreibverfahren für Blinde erfinden muss. Sie hört, in Tibet gebe es auffällig viele Blinde, blinde Kinder lebten dort wie Ausgestossene, ganz ohne Bildung.
 

Da muss man doch was tun, sagt sie und fährt, mit 26, allein nach Lhasa, erkundet auf wochenlangen Ritten durchs Hochgebirge die Lage, stösst auf Skepsis vor allem westlicher «Fachleute», die glauben, nur sehende Sonderpädagogen könnten Blinden helfen.
 

1998 gründet sie die erste Blindenschule in Lhasa, übergibt sie später ehemaligen Schülern, die wiederum neue Schulen eröffnen. Zusammen mit Paul Kronenberg gründet sie das «Kantharische Institut» im südindischen Kerala: einen Campus für soziale Pioniere, die selber aus Randgruppen stammen und heute mehr als 80 Sozialprojekte in aller Welt leiten, etwa mit Kindersoldaten in Afrika, mit Aids-Waisen in Südamerika … Wer es ausführlicher will: Sabriye Tenberken: Die Traumwerkstatt von Kerala (Kiepenheuer & Witsch, 2015).
 

Der Untertitel lautet: «Die Welt verändern – das kann man lernen». Nicht durch gebetartiges Erörtern von «Werten», nicht durch den «Dialog der Kulturen». Nur durch Anpacken. Die sogenannten Werte sind bekannt und in aller Munde: Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Respekt, Diversity etc. Wiederkäuen bringt nichts, schadet eher. «Respect» zum Beispiel ist durch inflationären Gebrauch (siehe Street Parade) zu Wischiwaschi verkommen (siehe «Fifa», «Rio 2016»), heuchlerisch angeschlagen.
 

Dass der Mensch zum Handeln geboren ist, konnten wir schon immer wissen, im Gespräch mit Sabriye Tenberken wird es sichtbar: Die Frau ist umwerfend lustig, gescheit, energetisch ein Kraftwerk, ansteckend, nicht die Spur von Bedenkenträgerei, kein Anflug von Sorgendruck, mit einem selten trockenen Humor gesegnet, und wenn man sie überrascht, ist sie nicht «erstaunt», sondern «von den Socken». Ganz so, als müsste sie höchstpersönlich für die Richtigkeit der Sentenz Schopenhauers bürgen: «Es gibt kein Glück, ausser im Gebrauch der eigenen Kräfte.»
 

Wer nicht hören will, muss fühlen
Jedermanns Sache ist es nicht, blind nach Lhasa oder Kerala zu galoppieren. Anpacken kann jeder, auch sehend, wo immer: Ohne Tatkraft bleibt Ethik eine selbstgefällige Nullnummer. Die Stärke des Dialogs (Verständigung) ist gleichzeitig seine Schwäche: Fixiert aufs Verständige, halbiert er das zwiespältig bewegte Menschenherz.

Er funktioniert so recht wie schlecht wie die Zehn Gebote, die finden auch alle okay – und brechen sie am Laufmeter. Warum? Weil wir zwiespältige Typen sind, mal mehr dem Geistigen zugeneigt, mal mehr dem Animalischen. Der Dialog spricht den Verstandesmenschen an, verharmlost die doppelbödige Menschennatur.
Er unterschätzt das Böse, das total fixiert ist auf sich selbst. Kurioserweise setzt der Dialog voraus, was er bewirken will: Perspektivenwechsel, Interesse am Andern, Rücksicht aufs Ganze. Er scheitert überall, wo Kräfte im Spiel sind, die nicht mit sich reden lassen.

Wer auf Argumente nicht hören will, muss fühlen. Nicht als Strafe. Als geglückte Erfahrung! Etwa als Erfahrung, wie toll es ist, Kindersoldaten in ein ziviles Leben zu führen, blinde Kinder lesen und schreiben zu lehren. Generell als Erfahrung, ein kleines Stück Welt zu verändern. Als Erfahrung, Akteur dieser Welt zu sein, nicht bloss Zuschauer.
 

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