23. Tag – Meghana Raveendra Gründerin von Moringa

Meghana während den kanthari Talks

(Von Chacko Jakob, kanthari Katalyst)

April ist hier in Indien die heißeste Zeit. Schüler und Studenten hätten jetzt zwei lange Monate Sommerferien. Kurz vorher hätte es Prüfungen gegeben, doch die fielen in diesem Jahr aus. Die Ferien kamen unverhofft früh. Studenten, die moderne Universitäten besuchen, haben die Möglichkeit, sich online weiterzubilden. Aber die vielen Kinder? Trotz Corona-Freizeit gibt es keinen Grund zum Jubeln. Covid-19 wurde hier in Indien und in vielen anderen Ländern zum Stresstest des Bildungssystems.

Staatenübergreifend wird hier in Indien das Problem diskutiert, wie man die Schüler in die nächst höhere Jahrgangsstufe entlassen kann. Denn besonders Kinder, die auf staatliche Schulen gehen und durch den bisherigen Unterrichtsausfall dem Lehrstoff hinterherhinken, werden, so wird befürchtet, in weiterführenden Klassenstufen kläglich versagen. Als Schulabgänger werden sie später bei ihrer Arbeitssuche von den wirtschaftlichen Folgen der Krise am meisten betroffen sein. Es wird Jahre dauern, bis sich der Arbeitsmarkt davon erholt hat.
Das Virus hat in Indien bereits heute die Arbeitslosenrate auf 23% angehoben. Der ohnehin schon harte Wettbewerb auf dem indischen Arbeitsmarkt wird speziell unter jungen Menschen gnadenlos werden. Das ist extrem beunruhigend. Die hohe Selbstmordrate in Indien betrifft Jugendliche zwischen 15 und 20 – auch schon vor der Covid-Krise. Das hat viele Gründe: Leistungsdruck in der Schule, Druck durch die eigene Familie und mangelnde Zukunftsperspektiven.

Meghana Raveendra, Gründerin von „Moringa“ und Kanthari-Teilnehmerin im letzten Jahr, erlebte selbst Angstzustände während ihrer Schulzeit. Sie weiß genau, wie die Schüler von heute sich fühlen. Meghana arbeitet zurzeit am Aufbau ihrer Organisation „Moringa“, die sich für den Abbau des Leistungsdrucks im Bildungssystem und für ein kinderfreundliches Lern- und Lehrsystem einsetzt. „Moringa“ versucht, Kinder zum eigenständigen Lernen zu befähigen. Und dafür scheint die verhängte Ausgangssperre eine ideale Ausgangs-Plattform zu bieten.

Indien braucht ein Bildungssystem, das solche Kinder, die nicht aus wohlhabenden Verhältnissen stammen und daher keinen Zugang zur digitalen Bildung haben, nicht vernachlässigt, sondern fördert. Meghana ist jedoch auch besorgt, dass man als einzigen Ausweg aus der jetzigen Misere den Unterricht einzig auf Online-Unterricht eingrenzt. Denn die vielbeschworenen digitalen Lernmethoden, wie zum Beispiel „Webinars“ bergen die Gefahr eines Rückschritts in den Frontalunterricht. Der Lehrer steht vor der Kamera und redet, dabei bittet er die Schüler an den Bildschirmen, sich stumm zu schalten. Online geht das natürlich nicht anders, aber es lädt nicht gerade zu einer lebhaften Interaktion ein.

Fraglich ist auch, ob die zusätzliche Zeit am Bildschirm nicht gesundheitsgefährdend ist.
“Wir müssen jetzt die Chance ergreifen, über Sinn und Unsinn von Lehrbüchern, Stundenplänen, Unterrichtsinhalten und Prüfungen, auch von Lehrern, nachzudenken.”

Meghana glaubt, dass der Schulstress noch lange bis ins Erwachsenenalter nachwirkt. Sich im Bildungssystem nur auf Abschlüsse zu konzentrieren, habe laut Meghana zur Folge, dass Kinder dadurch ihre Lust am Lernen und die Fähigkeit, kritisch zu denken, einbüßen. Und so komme es dazu, dass sie keine größeren Ambitionen mehr haben.
Wie Kinan JB, Pädagoge für alternative Bildung, bereits sagt: “Kinder lernen natürlich durch die Lebenserfahrungen in der Welt und nicht allein durch das Wort”. Und hier kommt „Moringas“ Mission ins Spiel. Es sollte nicht darum gehen, das Kind für das System fit zu machen, sondern es zum selbstständigen Lernen anzuleiten. Und was bedeutet das?

Kinder sind von Natur aus neugierig und kreativ, und sie lernen, indem sie mit ihrer Umwelt interagieren. Doch Irgendwann entscheiden wir Erwachsenen über ihren Kopf hinweg, dass sie genug interagiert haben und setzen sie 6 bis 8 Stunden am Tag hinter einen Schreibtisch inmitten von vier Wänden.

Meghana fordert, dass die Interaktion mit der Umwelt niemals aufhören darf. „moringa“ nutzt künstlerisches Schaffen, Zeichnen, Malen, Theaterspielen, Musik als Medium fürs Lernen. So können Kinder zu ihrer ursprünglichen, spielerischen Lernform zurückfinden. Sie werden damit laut Meghana krisenresistenter und widerstandsfähiger gegen Konkurrenzdruck. Wichtig für sie ist, dass die Kinder weder wegen ihres Geschlechts noch wegen ihres wirtschaftlichen Hintergrunds diskriminiert werden. Und so sollen die Kinder in ihren Möglichkeiten nicht durch das herrschende Bildungssystem eingeschränkt werden. Meghana sieht zurzeit die Chance für ein solches Bildungssystem durchaus positiv: “Ich habe die Hoffnung, dass sowohl Eltern als auch Schulen und ihre Lehrer sich selbst gezwungen sehen, dazuzulernen. So werden sie wohlmöglich begreifen, wie unabhängig ihre Kinder im Leben weiterkommen können.”