4. Quartalsbericht 2022

Paul Kronenberg
Co-Gründer von kanthari

Bild oben: Die Teilnehmer:innen des 13ten kanthari Lehrganges

“Das Buch heisst Möglichkeiten und sein erstes Kapital ist der Neujahrstag" – Edith Lovejoy Pierce, Dichterin

“Spread the spice!” so nennen wir die jährliche öffentliche Ausstellung, das Grand Finale des sechswöchigen Intensivkurses für soziales Unternehmertum.

BASCH (Business and Social Change) ist ein kleiner Abschnitt des Gesamtprogramms. Der Kurs, der in anschaulicher und unterhaltender Weise alle wesentlichen Elemente eines regulären Business-Studiums enthält, basiert auf unserer Ansicht, dass profitträchtige Unternehmen nur dann akzeptabel sind, wenn sie einen entscheidenden Beitrag zu einer gerechteren und umweltfreundlicheren Zukunft leisten.

Liebe Unterstützer und Unterstützerinnen, liebe Freunde und Freundinnen

Mit diesem vierten Newsletter möchten wir Ihnen alles Gute für das kommende Jahr wünschen und wir hoffen, dass diese Nachrichten Ihnen dabei helfen können, neue Lösungen für alte und neue Probleme zu finden.

Beginnen wir mit der bereits eingangs erwähnter Ausstellung: Dort stellten 16 Teilnehmer:innen und fünf kanthari-Alumni ihre Geschäftsideen, Dienstleistungen und Produkte, wie z.B. Spiele, ätherische Öle, leckere Lebensmittel und als Highlight Nudeln aus Maniok, aus. 

Joshua aus Kamerun, ein kanthari Absolvent von 2019, hat eine Lösung entdeckt, wie man die in Afrika durch den Ukraine-Krieg verursachten Weizennotlage entgegenwirken kann. Statt Getreide nutzt er getrockneten Maniok, um Brot, Kekse und Nudeln herzustellen. Wir, seine ersten Versuchskaninchen, waren begeistert. Nicht nur vom Geschmack, aber auch weil es sich um ein lokales und sehr viel gesünderes Produkt handelt.   

Vanna, ein blinder Kambodschaner, der in seinem Heimatland blinden Kindern die MINT-Fächer schmackhaft machen will, gab einen Einblick in die unterhaltsamen Elemente der Mathematik und der Naturwissenschaften. Er nahm Kinder, ausgestattet mit einer Augenbinde, mit auf eine kleine Reise durch ein Detektivlabor. Anhand einfacher “wissenschaftlicher” Experimente mussten sie den vermeintlichen Schuldigen ermitteln.
 
Und Deepu, eine Rollstuhlfahrerin, erstellte einen Hindernisparcours für “Walker” (Laufende). Die “Walkers” wurden in einen Rollstuhl gesetzt und mussten einfache alltägliche Aufgaben erfüllen, wobei die meisten kläglich scheiterten. Das sorgte nicht nur für viel Gelächter, sondern vor allem für die Einsicht, was es im Alltag bedeutet, weder gehen noch stehen zu können.

Links: Andre aus Papua Indonesien
Rechts: Sangeeta JK mit dem kanthari Award

kanthari TALKS

Ab November bereiten wir unsere Teilnehmer:innen auf den Start ihrer sozialen Organisationen vor. Neben der Gründung einer Organisation geht es dabei oft auch um den kostengünstigen und umweltfreundlichen Bau von Gebäuden, um Fundraising und vor allem um Kommunikation und um öffentliches Reden.  Der Höhepunkt des vierten Aktes waren wie in jedem Jahr die kanthari TALKS.

Diese ähneln dem Format der TED-Talks, allerdings mit einigen wesentlichen Unterschieden: Die Sprecher stellen nicht nur in anschaulicher Weise ihre persönlichen Lebensgeschichten und Lösungen für erlebte soziale- und Umweltprobleme vor, sie stehen auch einem kritischen Panel von internationalen Journalisten und kanthari Alumni Rede und Antwort. Das ist für die Zuhörenden besonders wichtig. Denn nur so können sie beurteilen, ob ein kanthari intrinsisch motiviert ist und über das notwendige Fachwissen verfügt.

Dafür trainieren wir sie im Vorfeld durch die sogenannten “Hot Seats”. Hier werden sie wöchentlich durch die Catalysts und andere Teilnehmer:innne mit kritischen Fragen zu bestimmten Aspekten ihrer Arbeit konfrontiert. Das war sicher nicht ihre Lieblingsbeschäftigung, aber am Ende waren alle froh und die harte Schulung hatte sich gelohnt. Sie können sich die kanthari TALKS hier ansehen

Ein Aufschrei der Begeisterung ging durch den Saal, als Nancy Mbaura ihre Rede mit einer unerwarteten Pointe beendete. Nancy ist eine hoch engagierte Frau, die von frühester Kindheit an für ihr Recht auf Bildung kämpfte. Sie stammt aus einer eher abgelegenen Region, aus Norton/Simbabwe.

Bekannt wurde sie dafür, dass sie eine Bierhalle in eine Schule für fast 2’000 Kinder umfunktionierte. Die Schule finanziert sich heute durch eine Fahrschule. Hier bildet Nancy alleinstehende Mütter zu Lastwagenfahrerinnen aus. Von Nancy können wir etwas Wichtiges für unsere Zukunft lernen, nämlich wie man aus wenigen Mitteln Großes erschaffen kann.

Besonders die vielen Jugendlichen, die Online zuhörten, waren von Gautams Rede begeistert:
Im weitgehend wohlhabenden und entwickelten Kerala gibt es einen Bezirk mit Namen Kasaragod. Kasaragod wird oft als das sogenannte Armenviertel von Kerala angesehen. Das grösste Problem ist die Arbeitslosigkeit der Jugendlichen. Daraus ergeben sich häufige kommunale Konflikte und Kriminalität, wie Drogenhandel und Schmuggel. Die gefährdeten Jugendlichen von Kasaragod, die ohne angemessene Orientierung in einem mangelhaften Bildungssystem und ohne Berufsaussichten aufgewachsen sind, werden leicht von polarisierenden religiösen und politischen Ideologien angezogen. Gautham ist Teil der jungen Gemeinschaft von Kasaragod. Auch er hat die ansteckende kommunale Depression erlebt. Mit seiner Organisation “Firefly” (Glühwürmchen) will er die Perspektiven der jungen Generation stärken und den Ruf seiner Heimatstadt verbessern.

Zertifizierung

Die diesjährige Zertifizierung war ganz besonders. Zwei bekannte Gastredner sprachen zu den Teilnehmenden. Dr. Shashi Tharoor, Abgeordneter des indischen Parlaments, nahm Online an der Veranstaltung teil. Er konnte nicht dabei sein, da er einige Tage zuvor einen kleinen Unfall hatte. In seiner Ansprache wandte er sich jedem Einzelnen der 13. Generation der kanthari Teilnehmenden zu. Er erwähnte, was sie vorhatten oder bereits geleistet hatten, und er bestätigte, wie wichtig ihre Ideen für unsere Zukunft seien.

Der zweite Redner war Shanker Ramakrishnan, ein in Kerala bekannter Filmemacher und Schauspieler, der, nachdem er einen Blick auf die Lebensgeschichten der diesjährigen Teilnehmer:innen geworfen hatte, seine ursprüngliche Rede verwarf und aus dem Stehgreif eine sehr bewegende Ansprache hielt, in der er voller Bewunderung erklärte, dass jede einzelne Geschichte ein Drehbuch für einen Film abgeben könnte.

kanthari Award

Der jährliche kanthari Award für das Lebenswerk wurde an Sangeeta JK verliehen. Sie ist die Gründerin der Kiran Society, einer in Varanasi beheimatete Kommune für Kinder und Erwachsene mit und ohne Behinderungen. Sangeeta wurde in der Schweiz geboren, lebt aber seit mehr als 50 Jahren in Indien und hat in dieser Zeit das Leben von Tausenden von behinderten und ausgegrenzten Menschen positiv verändert. Während ihres ersten Aufenthalts in Varanasi bemerkte sie die Schwierigkeiten von Kindern mit Lepra und/oder Kinderlähmung, wie sie mit viel Mühen die vielen Treppenstufen in den Straßen von Varanasi bewältigen mussten. Das brachte sie auf die Idee, einen Ort zu schaffen, an dem alles zugänglich ist und sich niemand behindert fühlen muss.

Bild links: Schauspieler Shanker Ramakrishnan mit Deepu Kiran
Bild rechts: Eine Teilnehmerin des Fair Shea Trainings von Frank Ekow Arkorful

kantharis auf der ganzen Welt

Diesmal drei Absolvent:innen des 2021 Lehrganges

Frank trainiert derzeit mehr als 150 Frauen in der Herstellung von qualitativ hochwertiger Bio-Shea-Butter. Die Sheabutter wird in verschiedenen Kosmetikprodukten verwendet. Das gibt den Frauen eine Einkommensquelle während der Trockenzeit. Damit die Frauen ihre Produkte zu fairen Preisen verkaufen können, treten sie der Fair Shea Kooperative bei. Nach der Schulung können die Frauen ihr Einkommen vervierfachen.

Die Treasure Hunt ist ein dreimonatiges Programm für indische Jugendliche, um mehr über sich selbst und ihre Interessen zu lernen, alte Strukturen zu verlernen und neue relevante zu erlernen. Sie sollen aus ihren Käfigen der Erwartungen ausbrechen und ihre Ängste überwinden. Sie lernen, nachhaltig zu leben, zu arbeiten und zum sozialen Wandel beizutragen. Dabei leisten sie 5’000 Stunden ehrenamtliche Arbeit in verschiedenen sozialen Organisationen in Südindien.

Geeta bietet Trainingseinheiten für alleinstehende oder verwitwete Frauen aus einkommensschwachen Familien an. Die Frauen lernen, wie sie Produkte aus umweltfreundlichen Materialien herstellen, vermarkten und verkaufen können. Darüber hinaus führt sie derzeit ein Finanzbuchhaltungstraining für 500 Frauen durch. 

Liebe Leserin, lieber Leser

Alle Teilnehmenden sind inzwischen nach Hause oder an die Orte zurückgekehrt, an denen sie etwas verändern wollen.

Wir wünschen Ihnen alles Gute für das neue Jahr und wir möchten uns auch bei Ihnen für die großartige Unterstützung und das Interesse bedanken, das Sie dem kanthari Programm und dem Leben und Wirken so vieler Veränderer entgegenbringen. 

Mit den allerbesten Wünschen für Sie und Ihre Familien,
das gesamte kanthari-Team, sabriye und paul

Helfen Sie uns weitere Change maker auszubilden! 

Über den folgenden Link, erfahren Sie, wie das geht.  

VIELEN HERZLICHEN DANK! 

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