Shivani Kumari stammt aus Jharkhand im Osten Indiens. Der Verlust ihres Augenlichts machte es ihr schwer, mit den Erwartungen der Gesellschaft Schritt zu halten. Aber sie fand ihre innere Stärke in der Natur. Shivani fordert ein Umdenken zur natürlichen Landwirtschaft, sie möchte ein Bewusstsein für einheimische Nutzpflanzen schaffen. Es geht ihr um Nahrung durch wildwachsende Kräuter, die sie “Waldnahrung” nennt. Mit ihrer Organisation “Wild” setzt sie sich für ein Leben in und mit der Natur ein. Dafür hat sie ein Ausbildungskonzept entwickelt. In ihren Workshops möchte sie auch Menschen mit chronischen Krankheiten, Behinderungen und Sehbehinderungen integrieren.

Born to be WILD - Steppenwolf

Im Schlamm wälzen, von einem Dach zum anderen springen, auf Bäume klettern, mit meiner Großmutter Mais pflücken, in unserem Lehmhaus entspannen, Samen in meinem kleinen Garten pflanzen und Vögel und Schmetterlinge beobachten… Das war mein Leben, bevor ich 11 Jahre alt wurde.

Als ich aber mein linkes Augenlicht zu verlieren begann und an chronischen Magenkrankheiten lit, merkte ich, wie mein Selbstvertrauen langsam schwand. Kraft gab mir nur die tägliche “Unterhaltung” mit einem Guavenbaum in meinem Garten. Die Menschen um mich her beschränkten sich darauf, mir gute Ratschläge zu geben. Sie wußten genau, was ich tun und was ich besser lassen sollte, welchen Gott ich anbeten musste, welchen Arzt aufsuchen usw.

Meine Familie versuchte, alles Mögliche und Unmögliche zu tun, aber mein Augenlicht konnte nicht wieder hergestellt werden. Nun, ich hatte ja immer noch ein funktionierendes Auge, das musste erst einmal reichen. Meine Eltern hatten, wie viele Eltern in meinem Land, ein einziges Ziel: Ich sollte gute Noten schreiben. Daher musste ich besonders hart arbeiten, was mein anderes Auge beeinträchtigte. Als ich meinen Eltern meine Beschwerden vortrug, meinten sie nur: “Oh, es gibt viele Leute mit Augenproblemen, und sie machen trotzdem einen guten Job, warum kannst du das nicht?”

Meine Eltern haben mich immer dazu gedrängt, einen spitzen Abschluss hinzulegen und einen guten Regierungsjob zu ergattern. Es sollte mindestens eine höhere Beamtenlaufbahn sein. Aber die Verbindung zwischen mir und der Natur war stärker als der Wunsch, den Traum meiner Eltern zu leben.
Es war die Wut über Umweltverschmutzung und Abholzung, die mich nur noch stärker von einem konventionellen Leben wegjagte. Die Wut über die Lage der Bauern, die aufgrund der Umweltverschmutzung keine andere Möglichkeit mehr sahen, als in die Städte abzuwandern. Und schließlich die Frustration darüber, dass meine kleine Oase der Kindheit, mein Garten und mein Guavebaum dem geschäftlichen Wachstum meines Vaters weichen musste. Statt mit dem Auto, fuhr ich weite Strecken mit dem Fahrrad, aber ich konnte meine Familie und Freunde nicht dazu inspirieren, dasselbe zu tun. Auf diesen einsamen Fahrradtouren erfuhr ich mehr über unsere verschandelte Lebenswirklichkeit.

Überall dunkle Rauchschwaden, die Himmel und Häuser verschlingen, mit Ruß bedeckte Menschen, die nicht gesund aussehen, Minen, die die Erde zerreißen, das Trinkwasser, trüb durch Gifte und Schwermetalle. Und wo immer ich auch hinblickte, wurde viel Wald abgeholzt. War das mein Heimatstaat, Jharkhand, der Staat, der für seinen fruchtbaren Boden, seine dichten Wälder und seine reiche Artenvielfalt bekannt war? Jetzt ist jeder nur noch auf das Wohlergehen der Industrie bedacht, die ohne an die Zukunft zu denken, Mineralien abbauen und Urwälder durch Beton-dschungel ersetzen.

Und auf wessen Rücken wird das alles ausgetragen? Wir, die Einwohner, sind diejenigen, die gesundheitlich und wirtschaftlich draufzahlen! Obwohl ich oft vor Wut weinen musste, hatte ich nie den Mut, meine Stimme zu erheben oder gegen diese Zerstörung aufzubegehren. Meine Familie war der Meinung, dass mich das alles nichts angehe. Ich solle mich auf mein Studium fokussieren, allein könne ich sowieso nichts ausrichten.

“Sei brav und such dir einen guten Job”.Aber das Schicksal hatte andere Pläne für mich: Während meines Studiums begann ich unter starken Augenschmerzen zu leiden. Ich war nicht mehr in der Lage längere Zeit vor dem Computerbildschirm zu sitzen. Ich verlor das Interesse an meinem Studium und so scheiterte ich daran, den Traum meiner Eltern zu erfüllen. Dadurch hatte ich aber die Möglichkeit, mich einer NGO anzuschließen. Diese NGO arbeitete in ländlichem Umfeld. Das kam mir gerade Recht, denn ich sehnte mich danach, in die Natur zurückzukehren, in einem Lehmhaus zu wohnen und mich gesund zu ernähren.

Doch diese Rückkehr aufs Land schockierte mich. Die Wälder waren verschwunden, die Lehmhäuser waren in Betonbauten umgewandelt worden, die Bauern hatten die Landwirtschaft aufgegeben, weil sie Verluste erlitten hatten, und in den Plantagen mit Monokulturen wurden Chemikalien versprüht. Ich kündigte meinen Job bei der NGO und begann, mehr über natürliche Landwirtschaft zu lernen, indem ich in einen Garten experimentierte, auf Biohöfen ehrenamtlich arbeitete und mich mit Umweltschützern in ganz Indien traf. Es war nicht leicht, meinen Job aufzugeben. Meine Eltern sagten zu mir: “Wie kannst du nur deine Familie nicht unterstützen? Wir haben zu viel Geld für dein Studium ausgegeben!”, “Eine Frau kann keine Bäuerin sein!”, “Wie willst du einen guten Ehemann finden?!

Ich vertraute auf meine innere Stimme, stellte meine Ohren auf Durchzug und setzte meine Reise fort. Während ich mit und in der Natur arbeitete, vergaß ich fast meine Augenschmerzen. Ich konnte stundenlang in Beeten buddeln. Ich genoss die Berührung und den Geruch von feuchter Erde, Blumen und Früchten, besonders das Zwitschern der Vögel und das Rascheln des Laubes.

Im kanthari Institut, wo ich momentan lerne, wie man eine Organisation leitet, musste ich wieder mit einem Laptop arbeiten. Und wieder nahmen meine Augenschmerzen Überhand über mein Leben. Allerdings hier durfte ich zugeben, dass ich eigentlich sehbehindert bin. Hier traf ich Menschen, die trotz ihrer völligen Blindheit selbstbewusst sind und der Welt bewiesen haben, dass es keine Grenzen gibt, wenn man nur die notwendige Leidenschaft mitbringt.

Wenn andere Menschen, die überhaupt nichts sehen können, die Gesellschaft positiv verändern können, dann muss auch ich mich auf meine Stärken konzentrieren und meinen eigenen Weg zu einer positiven Veränderung im Umgang mit unserer Umwelt finden. Daher plane ich, eine Organisation mit dem Namen “Wild” zu gründen.

Ich möchte natürliche Landwirtschaft mit Aufforstung verbinden, ich möchte ein Bewusstsein für einheimische und wilde Nutzpflanzen schaffen und ich möchte aufzeigen, wie wir in Harmonie mit der Natur leben können.Während wir uns um die Natur kümmern, wollen wir auch diejenigen nicht vergessen, die normalerweise nicht Teil der Lösung sind. Da ich selbst sehbehindert bin, konzentriert sich meine Organisation auf Menschen mit Sehbehinderungen sowie körperlich Behinderte und andere ausgegrenzte Menschen.WILD bietet Schulungen in vier Phasen an:

W = Wandern: Die Teilnehmer besuchen agrarökologische Bauernhöfe, um zu lernen, wie man Pflanzen identifiziert, Bäume in Einer Baumschule großzieht, wie man Bienen und Insekten umhegt und wie man Herstellung von gesunden Lebensmitteln im Einklang mit der Natur entwickelt.
I = Imagination: Während Sehende ihre Pläne anhand von Zeichnungen visualisieren, müssen Sehbehinderte mit taktilen Modellen arbeiten. Mit Ton oder Wachs bauen die Teilnehmer einen fantasievollen Miniaturbauernhof mit allen Bereichen, die in einem natürlichen landwirtschaftlichen Umfeld benötigt werden.
L = Lernen: Diese Phase ist dem praktischen Lernen durch die Durchführung von Aktivitäten vor Ort gewidmet. Die Teilnehmer lernen einheimische und nicht kultivierte Produkte mit Mehrwert kennen, z. B. Hirseklöße, Kräutersaft, Tee, Kaffee, Pickles und Marmeladen. Außerdem werden sie an einer Saatgutbank arbeiten.
D = Deliver: Sie werden unternehmerische Fähigkeiten wie Marketing und Finanzmanagement erwerben.

Wir werden den Klimawandel nicht aufhalten können, aber wenn wir gemeinsam handeln, können wir unsere Umwelt auf künftige Herausforderungen vorbereiten.
Wir sind geboren, um in der Wildnis zu leben, aber wir haben den Kontakt zu unserer natürlichen Wildnis verloren. Gemeinsam mit den Sehbehinderten und Körperbehinderten werden wir zeigen, dass wir weder Sehkraft noch einen “perfekten” Körper brauchen, um für unser Recht zu kämpfen, zu einer gesünderen Umwelt beizutragen.

Abhilash wird seine Geschichte und seine Projektidee für einen sozialen Wandel in Indien während der kanthari TALKS öffentlich machen. Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/

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