Umwelt und Frieden – Verbindungen knüpfen

Nduku’s Organisation heisst Xhuma Africa. Eine Friedensakademie, die in Kamerun afrikanische Jugendliche befähigt, ihre lokalen Gemeinschaften in friedliche und umweltfreundliche Umgebungen zu verwandeln.

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Nutzpflanzen als Mittel für den Frieden

Das Projekt von Joshua zielt darauf ab, Waisen und Frauen auszubilden, um Arbeitslosigkeit und Hunger zu bekämpfen und den anhaltenden Konflikt zu beenden.

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Kunst statt Droge

Mit einer Kunstschule möchte Claude der Jugend in Kamerun einen Ausweg aus den Drogen und der Kriminalität bieten.

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Landwirtschaft für eine friedliche Zukunft

Kamerun hat schwierige Zeiten hinter sich. Kuta möchte Jugendliche ausbilden, damit sie selbstständig ein Einkommen als Landwirte generieren können.

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Hassreden bekämpfen, um Frieden zu schaffen

Nduku hat die Folgen der anglo-französischen Konflikte in Kamerun aus erster Hand miterlebt. Eines Tages wurde er auf dem Rückweg von der Schule von Rebellen entführt, angekettet und gefoltert.

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Ausbruch aus dem Armutskreislauf

Mit dem Table Banking Projekt wird EnKindle 84 hilfsbedürftigen und gefährdeten Frauen den Ausstieg aus dem Armutskreislauf ermöglichen.

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Berufsausbildungen für den Umweltschutz

Limbi und ihr Team bei einer Aufforstaktion

Eco Balance nutzt in Kamerun die Umwelt als Instrument, um den positiven sozialen Wandel in der Gemeinschaft herbeizuführen.

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Berufsausbildung für Waisen

Peace Crops bietet in Kamerun landwirtschaftliche und unternehmerische Schulung, um Waisen ein selbständiges und unabhängiges Leben zu ermöglichen.

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Tag 333 – Mikrokredite, Verheißung oder Geschäft mit der Armut?

Eine mehrteilige Auseinandersetzung mit Befürwortern und Kritikern des Mikrofinanzwesens, Teil 5

“Wann immer ich auf ein Problem stoße, starte ich ein Business, um das Problem zu lösen.” – Muhammad Yunus, Gründer der Grameen-Bank und soziales Aushängeschild für alle, die meinen, dass Gutes tun und dabei noch reicher werden kein Widerspruch darstellen muss.

Und wie beim letzten Kapitel juckt es mir in den Fingern, das Zitat ein wenig umzuformulieren: Vielleicht so? “Wann immer ich ein Business starte, verursache ich neue Probleme, die gelöst werden müssen.”

Die Probleme, entstanden aus den Geschäftsideen des Herrn Dr. Yunus liegen auf der Hand:
– Krankmachende Selbstausbeutung,
– Überschuldung durch zu kurze Rückzahlfristen und überhöhte Zinssätze,
– noch größere Macht den Kredit-Haien, die gerne einspringen, um Schuldenlöcher zu stopfen,
– Bevormundung der Frauen, jetzt nicht nur durch ihren eigenen Ehemann, sondern auch durch die meist männlichen Mitarbeiter der MFI (Mikrofinanz-Institute) und und und…
Ich frage mich, gibt es Alternativen, die den Mikrofinanz-Opfern helfen, sich der Misere und der Steuerung und Kontrolle von oben zu entziehen?

Wie in einem früheren Blog-Post angekündigt, möchte ich in diesem letzten Blog zur Reihe Mikrokredite ein mögliches Alternativkonzept vorstellen. Es handelt sich um das Table-Banking, eine besondere Spielart, die von unten entwickelt wurde und die Mikrobänker und Investoren im Regen stehen läßt.

7. „Die Bank zu Tisch“ – Table-Banking
Man spricht in Investorenkreisen der Mikrofinanzindustrie vollmundig von BOP, (the bottom of the pyramid), und meint die wirtschaftliche Förderung der Ärmsten der Armen. Geht es den Ökonomen, den Mikrobänkern und anderen Investoren wirklich um die Bekämpfung der Armut, dann reicht ihre Vorstellungskraft vielleicht bis zur Notwendigkeit, Frauen zu fördern, aber keinen Schritt weiter.

Die eine Milliarde Menschen mit Behinderungen werden bei staatlichen Zuschüssen und bei Kreditvergaben sowohl von Banken als auch von Mikrofinanzinstituten in der Regel außen vor gelassen. Hat das Erfolgsrezept “Business” etwa doch seine Grenzen oder ist das fehlende Vertrauen in die Fähigkeiten der Behinderten auf mangelnde Phantasie zurückzuführen?

Im kanthari Institut sind wir hingegen von den Möglichkeiten derjenigen, die notgedrungen die Welt aus einer ganz anderen Perspektive sehen, überzeugt. Wir sehen Behinderung zwar als “Hindernis”, ein Ziel auf konventionellen Wegen zu erreichen, aber wir haben auch immer wieder erfahren, dass genau in diesen “Hindernissen” ganz neue bahnbrechende Chancen stecken. Dabei geht es um Ideen, die nur aufgrund der Behinderung, aufgrund eines Mangels entstehen konnten.

Im Jahr 2014 reisten Paul und ich nach Kenia, um einige Projekte der kanthari Absolventen zu besuchen. In Kitale, einer kleinen Stadt im nördlichen Rift-Valley, im Schatten des 4300 meter hohen Mount Elgon, trafen wir auf Joseck Otongo. Joseck war bereits weit über 50, als er 2010 zu uns ans kanthari Institut kam. Er hatte sein Leben lang als Buchführer gearbeitet. Doch dann wurde er blind und verlor seinen Job. Gemeinsam mit anderen arbeitslosen Blinden versuchte er ein Unternehmen zu starten. Doch obwohl die MFI normalerweise den Selbsthilfegruppen Mikrokredite förmlich nachtragen, glaubte niemand an die Geschäftstüchtigkeit der blinden Unternehmer. Sowohl Banken, als auch MFI schalteten auf stur und bewilligten ihnen keine Kredite.

Joseck und sein Team gaben nicht auf. In einer Krisensitzung legten sie alles auf den Tisch, was sie hatten. Der eine hatte Hühner, der andere besaß ein kleines Maisfeld, der Dritte konnte backen und Joseck verfügte über Kenntnisse der Finanzbuchhaltung. Und jetzt konnte es losgehen: Ernten, Kochen, Backen, Verkaufen. Der Gewinn wurde wieder aufgetischt und neu investiert. Aus der Not geboren, entwickelten Joseck und seine blinden Freunde, wie gleichzeitig viele andere MFI-Geschädigte, eine würdevolle Alternative zum Mikrofinanz-Geschäft, eine Methode, die man heute allgemein als Table-Banking bezeichnet.

Erst nach vielen Jahren wurden die lokalen Mikrobanken auf Josecks Organisation Mbusie aufmerksam und nun offerierte man ihnen einen Kredit, aber den lehnten sie ab, denn sie wollten unabhängig sein. Eine Finanzspritze von 10000 Schilling, die nicht zurückbezahlt werden musste, wurde allerdings gerne angenommen.

Die Gruppenmitglieder die gemeinsam gestartet waren, sind nun fast alle freie Unternehmer und können ihre Familien ernähren. Für mich ist dies ein interessantes Beispiel, wie Business ohne Fremdeinwirkung, aber mit der entsprechenden Grundausstattung Leidenschaft, Durchaltevermögen, Idee und Kenntnisse, durchaus funktionieren kann.

Teh Francis, kanthari Absolvent von 2016, ist Pastor einer großen Gemeinde im kriegsgebeutelten Westen Kameruns. Er war einer der ersten, die Mikrokredite an Frauen verlieh. Für sein Engagement erlangte er nationale und internationale Bekanntheit. Aus der Sicht der Finanziers war seine Aktion ein großer Erfolg. Doch Teh spürte den Druck und die Selbstaufgabe der Frauen und suchte verzweifelt nach einer Alternative. Ich erzählte ihm von Joseck und seiner Tisch-Bank und er war begeistert. Gemeinsam entwickelten wir ein Business-Curriculum für Frauen, die zwar weder lesen noch schreiben gelernt hatten, aber dennoch Träume haben, die sie mit Talent, Leidenschaft und Eigeninitiative realisieren können. Für Teh und für die Frauen-Selbsthilfegruppen seiner Gemeinde hat sich seitdem einiges verändert:

Die Frauen werden nicht mehr den sog. Haftungs- oder Solidaritätsgruppen zugeordnet. Sie suchen sich ihre Business-Partnerinnen selbst. Auch die Art des Business wird ihnen nicht mehr vorgeschrieben. Zuvor legte man ihnen nah, sich gemeinsam im Palmöl-Geschäft zu engagieren. Doch Teh sah mittlerweile den Fokus auf Palmöl als ökologisch problematisch an und er fürchtete, dass man die Frauengruppen mit vermeintlich gewinnträchtigen Business-Konzepten in etwas hineindrängte, das nicht von ihnen selbst entwickelt wurde. Um einer eventuellen Bevormundung entgegenzuwirken, ist seine Organisation zunächst nur beratend tätig. Die Frauen werden in ihren eigenen Träumen bestärkt und lernen, wie Teh es selbst im kanthari Institut erfahren hat, nur die Methoden zur Umsetzung ihrer Ideen.

Eventuelle Zuschüsse spielen erst später eine Rolle, dann nämlich, wenn die Frauen eine gemeinsame Idee, die auch aus mehreren Geschäftsmodellen bestehen kann, auf den Tisch legen.

Wichtig für Teh ist, dass die Business-Idee zunächst mit eigenem Einsatz initiiert wird. Nur dann, so Teh, entwickelt sie sich organisch. Wie bei Joseck werden bereits verfügbare Ressourcen wie Lebensmittel, Tierprodukte, aber auch Utensilien, Kenntnisse und Arbeitskraft zu Tisch gebracht. Und erst wenn das kleine Geschäft die Startphase überwunden hat, wenn das Konzept ausgereift, getestet und die Unternehmerinnen noch mehr Feuer gefangen haben, kann die Gruppe bei Tehs‘ Organisation “Enkindle Cameroon” einen Zuschuss beantragen. Bei diesem Zuschuss geht es um keinen Kredit, der zurückbezahlt werden muss. Es gibt also keinen Druck von außen, was die Dynamik des gesamten Prozesses erheblich entlastet.

“Streit in den Gruppen kann natürlich in keinem Team ausgeschlossen werden. Aber der Einsatz bleibt in der Gruppe. Er wird gemeinsam verwendet, gemeinsam vermehrt oder auch gemeinsam in den Sand gesetzt.”

Wirtschaftliche Förderung der Armen bekommt bei diesen Beispielen einen ganz neuen Charakter. Es geht nicht mehr darum, Geld in einen Kreislauf zu bringen, um es in Kürze mit hohen Profiten wieder zu entziehen. Im Vordergrund steht hier, dass alle Beteiligten selbst entscheiden, wie man die zur Verfügung stehenden Mittel, ob Geld, Materialien, Wissen oder Arbeitskraft, entsprechend einsetzt. Der Einsatz bleibt im Besitz der Unternehmenden. Sie sind niemandem Rechenschaft schuldig außer sich selbst. Sobald also eine engagierte Gruppe für eine Geschäftsidee brennt, würde jedes begleitende Businesstraining auf fruchtbaren Boden fallen.

Und trotzdem halte ich es für naiv, vielleicht sogar für fahrlässig zu glauben, dass Business als eine Art Allheilmittel für jedes Problem in dieser Welt funktioniert.
Seit mehr als 30 Jahren wird die Geschäftsidee des Muhammad Yunus umgesetzt. Doch die Armut ist noch lange nicht aus der Welt. Was bleibt, ist ein kleines Gedankenspiel: Was wäre, wenn die hunderte Milliarden US$, die in das Geschäft mit der Armut gesteckt wurden, in qualitativ hochwertige Bildungs- und nachhaltige Umweltprojekte geflossen wären?

“Ein wirklich schöner Traum.” würde der Mikrobänker sagen. Dann würde er mir zulächeln und mir vielleicht dabei väterlich auf die Schulter klopfen: “Und wo bleibt mein Gewinn?”

Tag 319 – Mikrokredite, Verheißung oder Geschäft mit der Armut?

 

– Eine mehrteilige Auseinandersetzung mit Befürwortern und Kritikern des Mikrofinanzwesens, Teil 3

von Sabriye Tenberken

Nachdem ich in den ersten zwei Blog-Einträgen, in Kapitel 1 bis 4 die Chancen und Herausforderungen der Mikrofinanzierung beleuchtet habe, interessiert mich in diesem Blog das Motiv der Kreditgeber und ihr Geschäftsmodell: die Mütter als Zielgruppe.
 
5.    Muttergefühle als Rückzahlgarantie
“Wenn eine mittellose Mutter beginnt ein Einkommen zu verdienen, kreisen ihre Erfolgsträume immer um ihre Kinder. Die nächste Priorität einer Frau ist der Haushalt. Sie will Utensilien kaufen, ein stärkeres Dach bauen oder ein Bett für sich und ihre Familie finden. Ein Mann hat ganz andere Prioritäten. Wenn ein mittelloser Vater ein zusätzliches Einkommen verdient, richtet sich seine Aufmerksamkeit auf sich selbst. So bringt Geld, das über eine Frau in einen Haushalt kommt, mehr Vorteile für die ganze Familie.” – Muhammad Yunus, Ökonom aus Bangladesh, Gründer der Grameen Bank und Träger des Freidensnobelpreises.
 
Die Fragen, die sich mir in den letzten Wochen, in denen ich mich mit der Mikrofinanzierung und ihren Konsequenzen auseinandersetze, stellen:  sind Mikrokredite ein Mittel, Frauen zu emanzipieren oder bewirken sie das Gegenteil, nämlich die Manifestierung der Geschlechterungerechtigkeit?
Aber fangen wir mal von vorne an:
Warum bevorzugen  männliche Kreditgeber eigentlich Frauen als Kreditnehmende?

„Ist doch klar“, würde der  Mikrobänker vorbringen, “es geht uns um die Emanzipation der Frau! Denn sobald die Frau selbst Zugang zu Finanzdienstleistungen bekommt, wird sie sich aus der Vorherrschaft der Männer befreien können. Sie wird in der Lage sein, selbst Entscheidungen zu treffen , und diese Entscheidungen sind immer im Sinne der Familie!”
Klingt zunächst plausibel. Und nicht nur das, diese neuen Mikrobänker klingen richtig sympathisch, empatisch und sogar erfrischend aktivistisch.
Aber wie steht es mit dem Geschäftsmodell?
„Kein Problem. Gutes tun und Gewinnmaximierung müssen  sich doch gar nicht widersprechen!“
Handelt es sich hier um eine Revolution des Finanzwesens, um einen grundlegenden Geisteswandel oder steckt der Teufel tief verborgen in des Bänkers Aktentaschen?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir versuchen, uns in die Mentalität der Mikrobänker hinein zu versetzen.

Dem Mikrobänker muss es darum gehen, möglichst viele Kredite möglichst schnell und gewinnträchtig unter die Leute zu bringen. Für den Erfolg ist die hohe Rückzahlquote entscheidend. Und – um daran zu erinnern – zurückgezahlt wird nicht nur der Rumpfbetrag, sondern auch durchschnittlich 30% Zinsen inklusive.
Wer  benötigt traditionellerweise Kredite? Unternehmerische Persönlichkeiten, die entweder eine Geschäftsidee umsetzen wollen oder ein bereits existierendes Business auszubauen gedenken und dafür ein Startkapital benötigen. 

Unternehmer sind in der Regel risikofreudig. Und genau das macht eine Kreditvergabe zum Glücksspiel. Wieviel Risiko darf es sein? Wer hat eine kreditwürdige Idee? Wer kann es sich leisten? Auf  wen kann man setzen?
Bis 1983, also bis zur Gründung der Grameen Bank durch den Ökonom Muhammad Yunus, waren die Nutznießer überwiegend gebildete Männer aus dem Mittelstand oder aus der Oberschicht, die einen Business-Plan vorlegen mussten. Man sah Geschäftstüchtigkeit und Risikobereitschaft eher als männliche Qualitäten an und hielt so Frauen von Finanzdienstleistungen bewusst oder unbewusst fern. Seit den 80iger Jahren scheint sich diese Einstellung allerdings geändert zu haben. Für die weltweit hunderte milliardenschwere Mikrofinanz-Industrie geht es bei der neuen Zielgruppe um wahre Erfolgsgaranten, um die Ärmsten der Armen, um Frauen aus der Unterschicht, die vor dem Grameen-Zeitalter niemals Zugang zu einer Finanzdienstleistung gehabt hätten. Heute aber, unter dem Label der “finanziellen Inklusion”, steht für die Frauen die Tür zu Mikrobanken weit offen. Und nicht nur das, man bittet sie sogar hinein und scheut keine Mühen, ihnen eine “Finanzhilfe” als Sprungbrett aus der Armut schmackhaft zu machen. 

Zur näheren Erklärung: Not macht erfinderisch. Wir alle haben das irgendwann einmal erlebt. In der Krise gelingt es uns plötzlich, unerkannte Potentiale zu aktivieren. Wir sind wach, wehrhaft und widerstandsfähig und wir sind in der Lage, kreative Lösungen für alte und neue Probleme zu finden. Allerdings sind wir in schwierigen Zeiten auch sehr verletzlich und greifen nach jedem Strohhalm, der uns hingehalten wird, ohne abzuwägen, ob die Hilfestellung uns nicht noch tiefer in die Misere zwingt. Beides, sowohl Erfindungsgabe als auch Bedürftigkeit kommt dem Geschäft mit den Mikrokrediten entgegen.

Und dann der “revolutionäre” Fokus auf die Frau: Betrachten wir uns, immer aus der Sicht der Kreditgeber, diese neue Kategorie von Kunden, liegt es auf der Hand, sich ein paar gängiger weiblicher Stereotypen zu bedienen:
“Frauen werden schon als Mädchen zur Selbstlosigkeit erzogen und übernehmen Verantwortung für andere.” “Sie sehen das Wohl der eigenen Familie an erster Stelle. Alles andere, auch persönliche Bedürfnisse, werden hintangestellt.”
“Werden Frauen zu Müttern, haben Kinder und Haushalt Priorität.”

In patriarchalen Strukturen, und die meisten Kulturen dieser Welt sind patriarchal, mögen diese Eigenschaften, die man Frauen und besonders Müttern nachsagt, schon stimmen. Warum auch nicht. Die Frau und Mutter hat oft keine andere Wahl als genau so zu sein wie man es von ihr erwartet. Sorgenvolle Aufopferung, selbstloses Verantwortungsgefühl, das Bedürfnis, es allen recht machen zu wollen, sind nämlich nicht nur wichtig, wenn es darum geht, Kinder großzuziehen oder einen Ehemann bei Laune zu halten. Es sind, wer hätte das gedacht, Eigenschaften, die zur perfekten Mentalität einer kreditwürdigen Persönlichkeit gehören.

Die ungewohnt hohen Rückzahlraten von 95 bis 100%, eine Goldmine für die Finanzbranche, mögen zwar verblüffen, sind aber bei genauerer Betrachtung folgerichtig. In einem Patriarchat lernt die Frau schon von klein auf, zuerst den auferlegten Pflichten nachzukommen und erst dann für sich selbst zu sorgen.
Und genau das passiert. Der Kredit wird pünktlich in voller Höhe, mit Zinsen zurückgezahlt, auch wenn es das eigene Wohlbefinden beeinträchtigt.
Ganz anders bei den männlichen Kreditnehmern, die in der Regel weniger Angst vor dem Druck von außen haben und scheinbar auch gut damit leben können, in der Schuld von anderen zu stehen. Frauen sind also von ihrer Sozialisation her die geeigneteren Schuldnerinnen. Nicht ihre kluge Geschäftspraxis, wo sollen sie das auch gelernt haben, sondern ihre anerzogene Gewissenhaftigkeit ist der Garant für die Rückzahlung.

Hinzu kommt, dass die Analphabetisierung unter Frauen in vielen Ländern sehr hoch ist. Was passiert also mit einem Geschäftsvertrag, der nicht oder nur unzureichend gelesen und verstanden werden kann. Ein Fingerabdruck und der Deal ist rund. Der Mangel an Bildung wird also hier zum Geschäft.
Darüber hinaus gibt es noch andere Eigenschaften, die Frauen zur beliebten Zielgruppe machen.

Gerhard Klas zitiert in seinem Aufsatz, Mythos Mikrokredit, einen ehemaligen Manager der Grameen Bank, Sardar Amin. Hier heißt es: Frauen seien leichter greifbar und weniger mobil.

Das Dorf und die Gemeinschaft wird daher für Frauen besonders wichtig. Oft geschieht es, dass eine Frau ihr Leben lang den eigenen Wohnort nicht verläßt. Jeder weiß, wo sie sich aufhält und was sie tut. Für die Grameen Bank war genau das ein ausschlaggebender Vorteil. “Man kümmert sich und hält zusammen.”
Die oft angewandte zusätzliche Hilfe, die Kleinkreditnehmende bekommen, ist die Zuteilung in eine “Haftungsgrupppe” oder auch “Solidaritätsgruppe”. Es handelt sich dabei um fünf bis zehn Kreditnehmende, die sich gegenseitig beim Aufbau einer eventuellen Geschäftsidee und natürlich bei der Kredit-Rückzahlung unterstützen sollen. Aber hier fängt es an, zu menscheln.

Gerhard Klas und der Dokumentarfilm “Microdebts” von Tom Heinemann zeigen auf, wie genau diese Solidarität ins Gegenteil umschlagen kann, wenn es um Geld geht. Die Frauen fangen an, gegeneinander zu hetzen. Das kranke Kind wird verschwiegen, denn man möchte nicht aus der Gruppe ausgeschlossen werden.
Teh Francis, ein 2016 kanthari Absolvent, war einer der ersten, der Mikrokredite nach Kamerun brachte. Mittlerweile hat er sich von der Praxis abgewandt und geht stattdessen einen für mich überzeugenden alternativen Weg, den ich im vierten Teil dieser Reihe beschreiben werde.

Seine Vorbehalte haben unter Anderem mit den sog. “Solidaritätsgruppen” zu tun. Er machte die Erfahrung, wie der Druck, in der Schuld einer externen Organisation, der MFI (Mikro-Finanz-Institution) zu stehen, sich sehr negativ auf die gesamte Gruppe übertrug. Die Konsequenzen waren nicht Solidarität oder Zusammenhalt, sondern interner Psychoterror. Es blieb nicht dabei, dem zahlungsunfähigen Gruppenmitglied ins Gewissen zu reden. Es ging von Mobbing bis zum Ausschluss und wenn all das nicht half, dann blieb nur noch: “rette sich wer kann!”. Einige der Frauen verschwanden spurlos. Sie ließen ihre Familien zurück in der Annahme, dass die Schulden mit ihrem eigenen Verschwinden getilgt seien. Laut Teh gehören die Frauen, die nicht zurückgezahlt haben, zur Minderheit. Aber auch er ist der Meinung, dass zu große gesundheitliche und psychische Opfer gebracht werden mussten, um die Verträge mit der jeweiligen MFI einhalten zu können.

Und schließlich gibt es nachweislich das Phänomen, dass eine große Anzahl von Frauen Kredite für ihre Ehemänner beantragen. Die kaufen sich dafür Konsumgüter wie Motorräder und Fernseher, und wieder bleibt nichts übrig für die gesunde Ernährung und für die Bildung der Kinder.

“Die Emanzipation der Frau erfolgt nicht einfach durch finanzielle Unabhängigkeit.” Erklärte mir Tosin, eine nigerianische kanthari Absolventin von 2013.

“Meine Mutter hatte mir immer gesagt: mach eine gute Ausbildung und finde einen gutbezahlten Job, dann, nur dann wirst Du niemals Opfer von häuslicher Gewalt werden.” Tosin befolgte den Rat ihrer mutter. Sie studierte und bekam einen gutbezahlten Job. Und trotzdem wurde sie von ihrem Ehemann krankenhausreif geschlagen.

“Ich habe mich verprügeln lassen. Auch wenn ich materiell unabhängig war, war ich geistig noch lange nicht so weit!”
Tosin öffnete mir damals kräftig die Augen. Bis dahin hatte ich keinen Zweifel daran, dass Frauen nur die gleichen Chancen wie Männer haben müssten, dass sie nur finanziell unabhängig sein müssten, um sie aus dem Patriarchat befreien zu können. Aber die Realität ist viel komplizierter.
 
Nachhaltige soziale Veränderung geschieht nur, wenn sich die innere Einstellung zur eigenen Rolle, zum Selbstwert verändert. Dazu muss sich aber auch das Umfeld, sogar eine ganze Gesellschaft in ihren Grundzügen, besonders in ihrem Rollenverständnis verändern. Der anfangs zitierte Satz von Muhammad Yunus  zeigt allerdings, dass es der Grameen Bank und ihren Anhängern nicht um diese Art sozialer Veränderung geht. Die Rollenklischees werden verstärkt und sonst bleibt es eben doch “Business as usual” und das auf Kosten der Frauen.