Tyrone Havnar

Simbabwe erlangte traurige Bekanntheit wegen seiner Homophobie. Mit Total Together plant Tyrone ein Altersheim mit Sterbebegleitung für Senior:innen der LGBTQI+ Gemeinschaft. Das Ziel ist es, die Akzeptanz der LGBTQI+ Gemeinschaft im Gesundheitswesen zu erhöhen.

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Mirranda Tiri

Khanya Africa

Mirranda Tiri – Simbabwe

Mirranda litt lange unter Depressionen und wurde Opfer von sexueller Gewalt. Mit Khanya Africa organisiert sie Aufklärungsprogramme und Wildnis-Camps, in denen Mädchen und Frauen zusammenkommen. Sie können dort über Tabuthemen wie psychische Gesundheit, sexuellen und körperlichen Missbrauch, Sexualität und Menstruationshygiene offen sprechen und sich austauschen. Mit Aktivitäten, die von abenteuerlichen Spielen bis zu nachdenklichen Sitzungen reichen, will Mirranda das Selbstvertrauen der Begünstigten steigern.

 

Mirranda sagt:

In Simbabwe sind das psychische Wohlbefinden und die sexuelle, reproduktive Gesundheit von Mädchen mit Stigma, Mythen und falschen Vorstellungen verbunden. Aufgrund dessen sowie kultureller und religiöser Überzeugungen sind vor allem Mädchen aus stark patriarchalischen Gemeinschaften ohne persönliches Unterstützungssystem gefährdet.

Ich bin eine Überlebende von sexuellem Missbrauch und kämpfte mit Depressionen, als ich gerade die Pubertät erreicht hatte. Nachdem ich diese Herausforderungen erlebt und überwunden hatte, war ich motiviert, Mädchen zu helfen, aufzublühen, ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen wiederherzustellen und einen gesunden Körper und Geist zu erhalten. Mein Ziel ist es, Aufklärungsprogramme und Zentren zu schaffen und Camps abzuhalten, in denen Mädchen zusammenkommen können, um über Tabuthemen wie psychische Gesundheit, sexuellen und körperlichen Missbrauch, Menstruationshygiene und Sexualität zu sprechen. Kostenlose Beratungsdienste sollen für Gemeinden ohne Ressourcen zugänglich gemacht werden. Es ist Zeit für Veränderung!

Im Gegensatz zu den meisten anderen habe ich das Glück gehabt, eine gute Ausbildung zu bekommen. Deshalb habe ich eine Einrichtung gegründet, in der wir Kindern und Jugendlichen aus dem Slum grundlegende Computerkenntnisse, Konversations- und Englischkenntnisse sowie Soft- und Life-Skills vermitteln. 

Die erworbenen Fähigkeiten helfen ihnen, Widrigkeiten zu überwinden, Selbstvertrauen zu gewinnen und eine Beschäftigung zu finden. Außerdem versuchen wir, einen aktiven Dialog zwischen allen Beteiligten über den Zugang zu Ressourcen, Ideen und Perspektiven sowie das Bewusstsein für staatliche Programme zu schaffen.

Live your Truth

Sexueller Missbrauch und Vernachlässigung durch ihre engsten Familienmitglieder prägten Mirrandas Kindheit. Die einzige Chance, ihre Wahrheit zu finden, hatte sie, als sie einige Jahre in der Wildnis Namibias verbrachte. Aber sie ließ nicht zu, dass all diese Widrigkeiten ihre Zukunft bestimmten. In ihrer Abschlussrede erzählt sie von ihrem Traum Wildniscamps für junge Mädchen zu organisieren, damit diese ihr wahres Selbst entdecken können.

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Precious Kiwiti

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Mitten im Netz von Gleichgesinnten – Mirranda Tiri – Zimbabwe

Vielen kanthari Absolventen, die die ersten großen Wellenbrecher hinter sich gelassen haben, geht es genau wie uns damals vor vielen Jahren. Obwohl es scheint, als seien die größten Hindernisse überwunden. Obwohl man weiß, in welche Richtung es nun gehen soll. Wir alle fallen früher oder später in ein Loch, aus dem wir uns nur mit Mühen wieder hinausmanövrieren können. Man fühlt sich allein, unverstanden und vielleicht etwas fehl am Platz. Denn kanthari zu sein bedeutet oft, ganz anders als andere an Probleme heranzugehen.

Wenn man keinem Netzwerk von ähnlich funktionierenden, ähnlich denkenden Menschen angehört, wenn man nicht von anderen Projekt-Initiatoren motiviert und zum Weitermachen angefeuert wird, dann ist man schnell am Ende und das, noch bevor das Projekt erst richtig angefangen hat.

Damals in Tibet hatten wir enge freundschaftliche Kontakte zur recht überschaubaren Expatriot-Community. Zu Franzosen, Belgiern, Italienern und Engländern, die für die dort Ansässigen Hilfsorganisationen arbeiteten. In Krisenzeiten, wenn Spendengelder ausblieben und wir unsere blinden Kinder für den Winter nicht einkleiden konnten, dann half man uns schnell und unbürokratisch aus. Im Gegenzug revanchierte sich Paul mit technischem Knowhow, sorgte für erste Internetanschlüsse oder zeichnete Baupläne für Dorfkliniken und Büroräume. Zusammen feierte man Geburtstage oder Halloween. Diejenigen, die den langen kalten Wintern trotzten, kamen zusammen, um sich an einem Elektro-Ofen, der aufgrund mangelnder Elektrizität eigentlich nicht legal betrieben werden durfte, zu wärmen, und gemeinsam fabrizierten wir aus uns unbekannten lokalen Lebensmitteln so etwas wie eine Pizza oder ein Pasta Gericht.

Was uns jedoch trotz der vielen Freundschaften in der Fremde fehlte, waren Gleichgesinnte. Bei den Expats handelte es sich zum Großteil um Delegierte von Medicines sans Frontieres oder Save the Children, selten um die Gründer der Organisationen selbst. Wir sehnten uns nach Kontakten zu Leuten, die wie wir so verrückt waren, sich zu zutrauen, ein Hilfsprojekt, eine Schule, oder eine Klinik aus dem Boden zu stampfen. Es war doch etwas ganz anderes, ob man “nur” die im fernen Europa ausgeklügelten Hilfsmaßnahmen umsetzte, von anderen gesammelten Spendengeldern ausgab und vorher entschiedene Operationen ausführte oder ob man gleichermaßen Verantwortung für alle projektrelevanten Teilbereiche hatte. Daher wünschen wir uns heute, dass es den kantharis mit ihren Netzwerken besser ergeht. Wir freuen uns über jegliche Anzeichen der generationenübergreifenden Solidarität.

Besonders diejenigen, die aus Ländern stammen, in denen schon viele kantharis erfolgreich wirken, haben großes Glück. Denn während Freunde oder Familienangehörige den neuen, oft sehr unkonventionellen Projekt-Ideen eher skeptisch gegenüberstehen, haben die erfahrenen kantharis immer ein offenes Ohr. Und, da sie die Bürokratie, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen ihres eigenen Landes aus erster Hand genau kennen, können sie den “Startern” mit praktischen Problem-Lösungen zur Seite stehen.

Ein gutes Beispiel für ein Solidaritätsnetzwerk unter kantharis ist die Gruppe aus dem Süd-Afrikanischen Zimbabwe. Besonders die Berichte Mirrandas machen deutlich, wie wichtig solch eine generationsübergreifende Hilfestellung in der Anfangsphase sein kann.

Nachdem Mirranda vor knapp einem Vierteljahr nach Zimbabwe zurückgekehrt ist, mache ich einen ersten Anruf:

“Hallo?”

“Hi!”

“Kannst Du mich hören?”

Immer das Gleiche, denn entweder hier oder auf der anderen Seite der Welt, irgendwo gibt es immer Internet Probleme. Das schreckt uns aber nicht davon zurück, uns regelmäßig mit den frisch zertifizierten kantharis auszutauschen. Und in dieser Woche ist Mirranda an der Reihe. Sie gehörte, mit ihren 20 Jahren, zu den jüngsten kanthari Teilnehmern. Offiziell heißt es auf unserer Webseite, dass wir erst ab 22 Jahren Anmeldungen akzeptieren. Sonst sehen wir uns offen für alle Altersgruppen. Nun, ein gutes Maß an Lebenserfahrung muss schon sein. Als wir aber die Bewerbung von Mirranda durchsahen und uns ein kleiner Einblick in ihren Lebenslauf gewährt wurde, verlor das Mindestalter seine Bedeutung.

Während des siebenmonatigen Kurses hier in Kerala saß ich mit Mirranda für viele Stunden auf unserer Dachterrasse und hörte mir ihre Lebensgeschichte an. Ich war erschüttert, erstaunt, sprachlos und dann wieder voller Bewunderung. Beim Zuhören musste ich mir wieder und wieder vor Augen halten, dass sie all das, was mindestens drei Leben hätte füllen können, in nur 20 Lebensjahren erfahren hatte.

Mirranda war gerade einmal sechs Jahre alt, als die Mutter, die von Gewalt und Alkohol überschattete Beziehung mit ihrem Mann nicht mehr aushielt. Sie liess die Kinder beim Vater zurück, um selbst ein neues Leben in Südafrika zu starten.

 

Von da an wurden Mirranda und ihre zwei Jahre ältere Schwester zu unfreiwilligen Nomaden. Sie zogen von einer Familie zur nächsten und überall fühlten sie sich nicht zugehörig, ausgenutzt und immer ‘zu viel’. Mirranda erzählt von täglicher verbaler Gewalt, von offensichtlicher Ablehnung und von einer Vergewaltigung durch einen ihrer entfernteren Cousins. Der Cousin bedrohte sie mit den Worten: “Ukangotaura chete ndinokuuraya nemhuri yako” (Falls Du jemanden etwas erzählst, werde ich Dich und Deine Familie umbringen.)

In der Vorstellungsrunde, gleich zu Beginn des Kurses erzählte sie zum ersten Mal davon. Damals verschämt und mit zitternder Stimme. Auf der Dachterrasse, knapp drei Monate später, beschrieb sie erneut diese traumatische Erfahrung. Diesmal ganz ohne Scham, dafür aber mit Wut. Sie machte mir klar, dass sie es fortan nicht mehr verheimlichen wollte. Das verursachte eine mittlere Familienkrise, denn ohne den Namen des Cousins zu nennen, machte sie durch Social Media ihr Erlebnis öffentlich.

“Er kann mich nicht mehr töten, denn das kleine hilflose Kind von damals ist schon tot. Stattdessen lebe ich! Ich bin stark und ich weiß, mich zu wehren.”

Genau das nimmt man ihr ab, wenn man sie, wie bei den kanthari Talks auf der Bühne sprechen sieht. Sie ist für alle Zuhörer deutlich eine Überlebende. Stark, aber nicht verbittert, erzählt sie von dunklen, untröstlichen, aber auch von wunderschönen Zeiten. Als sie etwa neun Jahre alt war, kam ihre Mutter zurück, um sie und ihre Schwester mitzunehmen. Die Mutter hatte sich in einen Deutschen Expatriat verliebt und zum ersten Mal, allerdings nur für wenige Jahre, erlebten die beiden Kinder, was es bedeutet, einer geborgenen liebevollen Familie anzugehören. Der neue Stiefvater hatte einen Traum. Er wollte in Namibia ein Ökotourismus Camp aufbauen. Die Wildnis, der See, die Nilpferde und die nächtlichen Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel war für ganze fünf Jahre ihr Zuhause. Dann aber wurde die Mutter schwer krank. Man brachte sie zurück nach Zimbabwe, wo sie schliesslich verstarb. Mirranda war gerade einmal 14 Jahre alt.

“Von da an wurden wir wieder von einem zum anderen verschoben. Hin und wieder lebte ich auch im Internat. Überall fühlte ich mich einsam.”

Irgendwann heckten die Geschwister ein Plan aus. Sie wollten zurück nach Namibia, zurück zu ihrem Stiefvater. Doch als sie ihn kontaktierten, fanden sie heraus, dass er sich nach dem Tod der Mutter das Leben genommen hatte.

“Am Ende wohnten wir bei unserem Großvater. Doch auch der hatte schon bald die Nase voll und warf uns hinaus. Das war unser Glück, denn jetzt konnten wir offiziell für uns selbst sorgen. Meine Schwester und ich mieteten ein Zimmer und zum ersten Mal hatten wir ein Zuhause.”

Und was entstand aus all ihren guten und schlechten Erfahrungen? In ihrer Rede während den kanthari Talks beschreibt sie ihr Traum-Projekt mit Namen “Khanya Africa”.

Sie richtet sie sich an Teenager, die sich wie sie selbst mit den Veränderungen mit ihrem eigenen Körper und von der Welt da draußen verlassen fühlen. Sie möchte besonders jugendlichen Mädchen dazu gewinnen, sich im Falle gefühlter Einsamkeit Hilfe zu suchen. Entweder professioneller Art oder sie können sich an Khanya Africa wenden.

 

Zur Erneuerung der Motivation und des Selbstbewusstseins, wird sie Workshops und Wildness-Camps organisieren. Sie möchte, dass viele Teenager ähnlich gute Erfahrungen mit der Wildnis haben, wie sie selbst und ihre Schwester damals in Namibia.

Ein deutscher Bekanter, Vater von zwei pubertierenden Jugendlichen, sah sie gemeinsam mit seinem älteren Sohn im kanthari talks Live-Stream. Der Sohn, der gerade durch eine Motivationskrise ging, war von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Willensstärke und ihrer Offenheit so angetan, dass er sich überlegte, freiwillig ein Referat über Mirranda und ihr Leben in der Schule zu halten.

Und was ist aus ihren Ideen geworden?

Bereits Anfang dieses Jahres organisierte sie ihren ersten Khanya Workshop mit 14 Mädchen zwischen 9 und 20 Jahren.

Viele der Jugendlichen berichteten von ihren Emotionen, von ihren Ängsten nicht geliebt zu sein, von ihrer Sorge vor der Zukunft, aber auch von ihren Hoffnungen, selbst Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Die 18jährige Ruvimba (Namen geändert) berichtete zum ersten Mal im Leben über erfahrenen sexuellen Missbrauch. Und genau wie Mirranda möchte sie kein Opfer sein, sondern anderen Kindern helfen, sich zu wehren.

“Sie wird sich bestimmt einmal für kanthari bewerben.” sagt Mirranda, und ich höre, wie sie sich freut, ein Glied in der kanthari Kette sein zu können.

Mirranda selbst erfuhr vom kanthari Programm durch Trevor, einem Absolventen von 2018, der sich mit seiner Organisation “Purple Hand Africa” für die unterdrückte und kriminalisierte LGBTQ-Gemeinschaft einsetzt. Gemeinsam kontaktierten sie Nancy, eine engagierte Initiatorin einer Schule und Teilnehmerin des 2022 kanthari Kurses. Nancy bot Mirranda Räumlichkeiten in ihrer Schule für ihren ersten Khanya Workshop an. So wird die Information über kanthari von einer Generation an die nächste weitergeleitet. Und langsam spinnt sich ein Netzwerk von engagierten Veränderern, Projektgründern und Initiatoren, eine Gemeinschaft, die wir damals so dringend benötigt hätten.

Total Together!

Tyrone Havnar stammt aus Nyanga, Simbabwe. Simbabwe ist ein Land, das traurige Bekanntheit für seine Homophobie genießt. Der Hass gegen die LGBTQI+ Gemeinschaft wird auch noch nach Mugabe durch die politische Führung geschürt. Als Homosexueller hat Tyrone erfahren müssen, wie schwierig es ist, Zugang zu einer LGBTQI+ freundlichen Gesundheitsversorgung zu erhalten. Nun ist Tyrone jung und gesund. Was ist aber mit homosexuellen Senioren, die oft keine familiäre Unterstützung genießen, nicht selten alleine leben und arbeitslos sind und sehr viel mehr als Tyrone auf medizinische Versorgung angewiesen sind? Durch seine Organisation “Total Together”, plant Tyrone die Gründung eines Altersheims mit Sterbebegleitung für LGBTQI+ Senioren.

“Er ist nicht mein Sohn!”, rief mein Vater. “Denkst Du etwa, ich bin Dir untreu?!” schoss meine Mutter zurück.

Das war wie so oft der Beginn eines heftigen Streits, der dann immer tagelang andauerte. Ich wusste, dass es keinen Frieden geben würde.

Was sie damals noch nicht wussten: ich war schwul, aber mir war das schon in jungen Jahren klar. Später hieß es: “Er ist ein Fluch. Wir werden für unsere Sünden bestraft.” Das ist der traurige Glaube vieler simbabwianischer Familien.

Oh, wie ich mich selbst hasste und wie ich mich danach sehnte, einfach unsichtbar zu sein. Ich hatte solche Angst davor, dass jemand das Wort “schwul” in den Mund nimmt, dass ich jedes Mal erstarrte, wenn es zur Sprache kam. Ich tat so, als wäre ich heterosexuell, und gab vor, eine Freundin zu haben, damit niemand um mich herum sehen konnte, dass ich nicht der Norm entsprach.

Doch egal, wie oft und wie sehr ich versuchte, es zu verbergen, mein wahres Ich fand immer einen Spalt, durch den es entweichen und mich entlarven konnte. Die Religion war das Wichtigste im Leben meiner Familienangehörigen.

Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde in der Kirche über Schwule und Engel gepredigt, die beide zu den Verdammten gehörten. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und ich schaute mich um, um zu sehen, ob jemand wusste, dass ich dazu gehörte. Ich hatte das Gefühl, dass der Pastor mit seiner Predigt mich ansprach, und ich fragte mich, ob er mich in seinem Gotteshaus beschämen wollte. Jeden Sonntag ging ich mit der Angst in die Kirche, im Namen der Religion vor allen bloßgestellt und angegriffen zu werden.

Als die Pubertät eintrat, ließen sich alle Jungen um mich herum Bärte wachsen, und ihre Stimmen wurden brüchig.
Das war bei mir erst einmal nicht der Fall. Ich fragte daher eine Lehrerin, warum ich anders sei, und sie sagte: “Wenn du meinst, dass du etwas Besonderes bist, denk noch einmal darüber nach, Kind. Du bist im Bürgerkrieg entstanden, wo die Weißen die Schwarzen vergewaltigt haben, also bedenke einfach, dass es nichts an deiner Art gibt, worauf Du stolz sein kannst!” Auch sie bezog sich nicht auf meine damals geheim gehaltene Homosexualität, sondern darauf, dass ich sowohl indische wie auch schottische Vorfahren hatte.

All das rief ein Gefühl des Selbsthasses hervor. Ich war verwirrt. Wer war ich? Warum war ich so anders? War ich weniger Mensch?

Besonders aber, dass ich mich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte und das in einem Land, in dem offen darüber gesprochen wurde, wie wertlos das Leben Schwuler sei, machte mir große Angst. Ich fürchtete, angegriffen oder, schlimmer noch, verhaftet zu werden, weil ich ich war.

Da ich nicht die Freiheit habe, legal einen Mann zu heiraten, geschweige denn, mich mit meinem Freund irgendwo niederzulassen, machte ich mir zunehmend Sorgen darüber, was aus mir werden würde, wenn ich älter würde.

Ich hatte Mitleid mit allen, die mit mir leben mussten, und dachte, dass ich mich bei ihnen dafür entschuldigen müsste, dass ich so war, wie ich war.

Als ich 27 Jahre alt war, erkrankte ich einmal schwer und musste ärztlich behandelt werden. Auf dem Weg zur Behandlung wurde ich von einer älteren Krankenschwester betreut, die anfangs sehr freundlich war.

Sie fragte mich nach meiner Familiengeschichte und ob ich einen Partner hätte. Ohne groß nachzudenken, sagte ich: “Ja, ich habe einen; er ist zu Hause”. Sie machte eine Schreibpause, weil sie annahm, ich hätte einen Fehler gemacht. “Sie meinen doch sicherlich SIE?!” kicherte sie und meinte, dass Englisch keine freundliche Sprache sei. Ich sagte ihr, dass ich IHN meinte. Ihr fröhliches Gesicht erstarrte. Ich konnte Abscheu und Wut sehen. Sie stand auf und verkündete meine Sexualität vor allen Anwesenden in der Klinik. Sie beschämte mich mühelos und mit so viel Vergnügen, dass ich hinauslief, ohne Hilfe zu erhalten, während sie alle riefen: “Wir behandeln hier keine Abscheulichkeiten. Respektieren Sie unsere Einrichtung und gehen Sie dorthin, wo Ihre Art hingehört – in die dichte Wildnis”. Ich verließ die Einrichtung voller Scham, und weil ich Schmerzen hatte, musste ich über einen Freund nach alternativen Diensten Ausschau halten.

Altersdiskriminierung ist eine große Herausforderung, und die meisten Menschen auf der Welt haben Angst davor, allein alt zu werden. In Simbabwe werden gleichgeschlechtliche Beziehungen sowohl von der Gesellschaft als auch von jungen Angehörigen der LGBTQI+ Gemeinschaft diskriminiert. Die jüngeren LGBTQI+-Generationen in Simbabwe bezeichnen die Älteren in der Gemeinschaft häufig als “chigogodera”, was eine abfällige Bezeichnung für das Altern ist.

Obwohl im Rahmen des Globalen Fonds Schritte zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge für Angehörige der LGBTQI+ Gemeinschaft unternommen wurden, sind diese immer noch diskriminierend, da sie sich hauptsächlich auf die jüngere Generation konzentrieren und die Dienste meist nur in den Großstädten zur Verfügung stehen. Diese Kliniken sind für die älteren Menschen, die meist allein und ohne Betreuer leben, nicht leicht zugänglich.

Wer nie geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hat, wird von der gesamten Familie mit Scham behandelt und vernachlässigt oder gar verleugnet.

Es besteht also ein dringender Bedarf an kompetenter medizinischer Betreuung. Und wir benötigen menschenfreundliche Altersheime und Hospize. Und genau daran arbeiten wir.

Durch unsere Total Together Klinik werden wir auch psychologische Unterstützung anbieten, die bei akutem
Bedarf schnell und zuverlässig ist und eine langfristige Betreuung der älteren Menschen ermöglicht.

Darüber hinaus werden wir auch LGBTQI+ Angehörige in anderen Einrichtungen aufsuchen, um ihnen zu signalisieren, dass sie nicht alleine sind. In dieser Weise werden wir Stück für Stück die Akzeptanz für uns im Gesundheitswesen und in Altenheimen erschaffen.

Meine Reise durch die Hölle und zurück

Precious Kiwiti aus Harare, Simbabwe, war stadtbekannt. Sie hatte, aus einer kinderreichen, eher ärmlichen Familie kommend, in eine der einflussreichsten Familien eingeheiratet und betrieb erfolgreich ein angesehenes Restaurant und später einen beliebten Catering-Service. Mit ihrer Organisation “Precious Hearts Haven” leitete sie einen Kindergarten für alleinerziehende Mütter aus den Armenvierteln. Doch kaum jemand wusste von der Tragödie, die sich hinter der strahlenden Fassade verbarg. In ihren beiden Ehen wurde Precious vergewaltigt, gefoltert und wurde sogar Opfer einer Scheinhinrichtung.

Als Überlebende möchte sie Frauen, die Gewalt in der Ehe erlitten haben, Hoffnung, Widerstandskraft und Würde zurückgeben. Ihre Organisation Precious Hearts Haven will sich für eine gewaltlosere Gesellschaft einsetzen, sie wird zunächst geheime Frauenhäuser errichten, um dort die Frauen zu verstecken und zu fördern.

Es war ein Sonntagmorgen. Ich hatte meine Kinder ausgehfertig gemacht und sie in die Kirche geschickt. Und dann war ich allein, allein mit mir, meinen Sorgen und meinen blauen Flecken, allein mit der Erkenntnis, dass mein Leben an diesem Tag enden sollte, und zwar genau in diesem Zimmer, in dem ich ständigen psychischen und physischen Terror erlebt hatte.

Ich saß auf dem Boden und lehnte mich an mein Bett. In meiner Hand hielt ich ein Glas mit einer tödlichen Mischung aus Pestiziden und Rattengift. Neben mir lag mein Telefon; ich hatte gerade eine Nachricht an meinen Bruder geschickt, eine recht lange Nachricht, in der ich ihn anflehte, auf meine Kinder und meinen Besitz aufzupassen, den ich ohne das Wissen meines Mannes gekauft hatte. Ich war mir sicher, dass er die SMS erst nach der Kirche lesen würde, und bis dahin würde ich nicht mehr da sein.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich eine Zeit lang dasaß und auf den richtigen Moment wartete, um das Glas zu heben. Und dann: “Tante P!” Die Tür flog auf und meine Schwägerin stürmte herein. Sie riss mir das Glas aus der Hand, und erst dann begann ich zu weinen. “Weine, Tantchen!”, sagte sie und tröstete mich. “Jetzt darfst du weinen! Du bist in Sicherheit.”

Fünf Jahre und zwei Ehen früher: “Mwanangu waroorwa, wandibvisa mukushorwa” (meine Tochter, du bist jetzt verheiratet; du hast mich aus der Schande geholt). Das waren die Worte meiner Mutter bei meiner ersten Hochzeit. Die ganze Gemeinde begann zu jubeln und zu tanzen. Und ich wusste, dass ich mit meiner Wahl die ganze Familie stolz gemacht hatte.

Gleich nach meiner Hochzeit war alles perfekt. Wir wohnten in einem schönen Haus. Ich hatte einen Chauffeur, nur zu meinem eigenen Komfort, und ich hatte wunderbare Schwiegereltern. Mein Mann tat alles, um mich glücklich zu machen und mir das Gefühl zu geben, zu Hause zu sein. Bald war ich schwanger, und als meine Tochter geboren wurde, waren wir beide überglücklich.

Aber als die Liebe verblasste, erfuhr ich, was es in meiner Gesellschaft bedeutet, eine verheiratete Frau zu sein. Heute blicke ich auf zwei Ehen zurück, in denen ich psychische Manipulation und körperliche Folter erlebt habe.

Warum habe ich die Muster, die Warnzeichen, nicht erkannt? Und warum habe ich die Alarmglocke nicht läuten hören? Nun, ich war vor Liebe taub und blind und sehnte mich einfach nur danach, dass mich jemand liebt.

Ja, am Anfang ist es Liebe. Aber dann verwandelt sich die Wärme und liebevolle Fürsorge Schritt für Schritt in Überbehütung. “Geh nicht allein weg. Deine Familie braucht dich, und du solltest dich nicht selbst gefährden”. “Warum musst du arbeiten? Ich kann mich doch um dich und unser Kind kümmern!”

Ich war immer auf der Suche nach Unabhängigkeit. Ich war die erste Frau in meiner Familie, die einen Führerschein besaß. Ich war die erste, die ins Ausland reiste. Und im Alter von 26 Jahren eröffnete ich zusammen mit meinem Bruder ein angesehenes Restaurant “Kiwiti Barbecue”, mit mehr als 100 Plätzen. Als mein Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam, war ich gezwungen, es zu schließen, nicht weil ich nicht stark genug war, es allein zu führen, sondern weil mein Mann sich um meine Sicherheit sorgen würde. Moment mal, tat er das wirklich?!

Langsam aber sicher wird aus der Überbehütung, dem angeblichen Schutz die Kontrolle. “Wen hast du angerufen?”, “Wie viel hast du ausgegeben?”

Nachdem ich Hausfrau geworden war, musste ich um alles bitten und ich musste jede Ausgabe erklären. Ich fühlte mich eingesperrt und die neue Erfahrung, abhängig zu sein, beeinträchtigte mein Selbstwertgefühl. Da ich etwas tun wollte, bat ich meinen Mann, mich wenigstens an den Wochenenden arbeiten zu lassen. Er stimmte zu, allerdings unter strengen Auflagen. Als Geschäftsfrau gründete ich einen Catering-Service, der wie mein Restaurant ebenfalls sehr erfolgreich wurde. Aber dann begannen die Anrufe: “Wo bist du?”, “Warum lassen dich deine Kunden nicht nach Hause kommen?”

Es dauert nicht lange, bis diese Kontrolle in eifersüchtige Besitzergreifung umschlägt. “Du musst nach Hause kommen, wenn ich es dir sage! Du musst nur für mich und die Kinder da sein!”

Ich fühlte mich oft einsam. Ich war nicht in der Lage, meine Freundschaften oder die Beziehung zu meiner Familie zu pflegen und ich hatte keine Freiheit, zu arbeiten und mein eigenes Einkommen zu verdienen. Ich verlor an Körpergewicht, nicht weil ich es wollte, sondern weil ich meinen Lebenssinn verlor. Mein Mann sah, dass ich abgenommen hatte, doch seine Interpretation war eine ganz andere: “Na, willst du attraktiv aussehen? Sieh doch, wie dich die jungen Männer anstarren!”, “Wenn du nicht sofort zunimmst, trag wenigstens etwas lockere Kleidung, sonst lasse ich dich nicht mehr aus dem Haus!”

Die erste körperliche Gewaltanwendung und sei es nur ein Stoß, überschreitet die Grenze. Hier schlägt Besitzgier nach und nach in physische Gewalt um. Noch wird allerdings alles schnell entschuldigt und damit die Gemüter beruhigt: “Es tut mir leid! Ich wollte das nicht tun! Kannst du mir verzeihen?”

Ich hätte ihn direkt stoppen müssen. Aber ich glaubte seinen Worten, das er es bereute und gab ihm damit die Erlaubnis, weiterzumachen. Damit begann der Weg der Brutalität, von dem es kein Zurück mehr gab: Ich wurde nun tagtäglich angegriffen, oft so brutal, dass ich ins Krankenhaus hätte gebracht werden sollen. Aber da wäre ich gezwungen worden, die Wahrheit zu offenbaren.

Um den guten Ruf meiner Ehen zu schützen, blieb ich zu Hause und kühlte meine Wunden selbst. Und daher setzte sich der Schrecken fort. Regelmäßig wurde ich vergewaltigt, gewürgt, angekettet und wenn immer meine Ehemänner in der Nähe waren, fürchtete ich um mein Leben. Einmal wurde ich sogar Opfer einer Scheinhinrichtung. Mein Mann wollte sein neues Spielzeug, eine Pistole, vorführen. Ich hielt einen Sicherheitsabstand und beobachtete ihn misstrauisch. Er zielte auf einen Baum zu meiner Linken, doch in letzter Sekunde schwenkte er seine Waffe herum, zielte auf mich und feuerte dann eine Kugel knapp über meinem Kopf ab, die hinter mir einen anderen Baum traf.

Immer wieder schossen mir Fragen durch den Kopf: Wohin könnte ich gehen? Zurück zu meinen Eltern? Aber was würde die Gemeinde dazu sagen, dass ich in zwei Ehen gescheitert war?!

Und was ist mit denjenigen Frauen, die mich für meine Stärke immer bewundert hatten? Würden sie jetzt auf mich herabsehen? Wie sollte ich allein und ohne Job meine Kinder erziehen? Würden die Männer mich für eine Prostituierte halten, wenn ich alleinstehend wäre?

In Simbabwe haben wir eine “Durchhalte-Kultur”, ganz egal wie sehr man körperlich und auch psychisch verletzt ist.Ja, die Ehe wird in unserer Kultur als “legalisierte Sklaverei” angesehen und es wird akzeptiert.

So riet mir eine ältere Frau aus meiner Kirchengemeinde später, als ich mich trennen wollte, meinen Widerstand aufzugeben und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. “Schließlich sind Sie Christin, und Gott ist mit Ihnen!” Nun, obwohl Gott mit mir war, war mein Selbstvertrauen erschüttert, und ich fühlte mich, als trüge ich einen Aufkleber mit der Aufschrift “Missbrauch mich” auf der Stirn. Was mir half, war, über meinen Schmerz mit engen Familienangehörigen und mit meinen Freunden zu sprechen. Und natürlich überlebte ich aufgrund meiner Liebe zu meinen Kindern.

Als meine Brüder mich daran erinnerten, dass schon unsere ältere Schwester von ihrem Mann totgeprügelt wurde, wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte und durfte. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging mit meinen Blessuren zur Polizei, um ihn anzuzeigen.

Heilung geht niemals über Nacht. Ich ging mehrmals durch die Hölle, kam aber immer wieder zurück, und heute kann ich mit Fug und Recht sagen: “Ich bin eine Überlebende”.

Doch heute ist die Zukunft wichtig, ich möchte hier erklären wie wir mit unserer Organisation “Precious Hearts Haven” der in Simbabwe verbreiteten Gewalt-Epidemie, dem tagtäglichen Missbrauch von Frauen und Mädchen den Kampf ansagen wollen: Wir haben einen Drei-Stufen-Ansatz:

Schritt 1: Precious Hearts Haven:
Es geht hier um einen vorübergehenden sicheren Ort für Frauen und Mädchen, wo sie sich vor ihren Männern verstecken können. Von dort aus können sie rechtliche Schritte gegen den Gewalttäter unternehmen. Dort bieten wir bei Bedarf Rechtshilfe und psychologische Beratung an.

Schritt 2: Übergang zum Leben: 
Nach der ersten Heilungsphase haben die Frauen die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen. In diesen Workshops werden sie mit anderen Betroffenen auf die gängigen Muster, die Alarmglocken eines Gewaltkreislaufs aufmerksam gemacht. Dabei geht es auch um das Erlernen der gewaltfreien Kommunikation sowie um Konfliktresolution.

Schritt 3: Kubatana (d.h. Verbindung):
Sobald die Frauen in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, bieten wir ihnen ein intensives berufliches Training an, bei dem es besonders um die Gastronomie geht.
Aus meiner eigenen Erfahrung als Betreiberin eines Restaurants weiß ich, wie Mahlzeiten in einer freundlichen Umgebung verbinden und zu einem offenen Austausch auch über schwierige Themen einlädt.

Wir planen eine Kubatana-Restaurantkette mit kleineren und größeren Lokalen, die alle von unseren betroffenen, aber nun geheilten Frauen geleitet werden sollen. Kubatana soll dafür bekannt sein, dass diese Orte für Gewaltlosigkeit, für offene Kommunikation und Essen mit Zeit und Muße stehen.

Wir hoffen, dass sowohl diese Orte, wie auch die Frauen, die trotz ihrer Geschichte nun in Leitungspositionen stehen, mit dazu beitragen, dass die Gewaltspirale in der simbabwischen Kultur Schritt für Schritt abgebremst wird.

Precious wird ihre Geschichte und Projektidee während der kanthari TALKS präsentieren. Wann? 17 und 18 Dezember 2021!

Wo? Livestream auf http://www.kantharitalks.org/

Lebe Deine Wahrheit

Während eines Campingausflugs in Namibia entdeckten meine Eltern das Paradies an einem Ort, den auch Livingstone einst als “Garten Eden” bezeichnete. Es war in einer wunderschönen atemberaubenden Landschaft mit wilden Tieren, eine fast unberührte Umgebung. Das einzige von Menschenhand geschaffene Bauwerk, war eine kleine Lehmhütte. Wir verbrachten viel Zeit mit Mokoro-Safaris (ein traditionelles Kanu), besuchten die Umgebung und unternahmen geführte Wanderungen und Rundfahrten. Wir spielten Spiele, benannten Pflanzen, Bäume und Vögel und lernten etwas über die Sterne. Wir waren verliebt in die Wildnis. Meine Eltern wussten damals, dass wir hierhergehörten. Diese Jahre, von 9 bis 14 Jahren, waren die beste Zeit meiner Kindheit.

Ich wurde in eine zerrüttete Familie hineingeboren und war ein unerwünschtes Kind. In einem Zuhause voller Terror und Gewalt litt meine Mutter darunter, dass es meine Schwester und mich gab. Vielleicht war es aus Angst oder Verbitterung, aber meine Mutter floh als ich 5 Jahre alt war nach Südafrika. Sie ließ meine Schwester und mich in der Obhut unseres Vaters zurück. Wir waren alles, was von ihrer Ehe übrigblieb.

Wir wurden oft von einem Haus eines Verwandten zum nächsten geschoben. Wir blieben aber nie lange an einem Ort. Während eines Aufenthalts bei einem Verwandten auf dem Lande wurde ich sexuell missbraucht. Ich war erst 6 Jahre alt und wusste nicht, was es bedeutet, berührt und vergewaltigt zu werden. “Ukangotaura chete ndinokuuraya nemhuri yako” (wenn du es jemandem erzählst, bringe ich dich und deine Familie um) sind die Worte, an die ich mich heute noch in aller Klarheit erinnere. Ich kann mich nicht mehr an das Mädchen erinnern, das ich vor diesem Vorfall war, weil mein Vergewaltiger sie getötet hat.

Ohne zu wissen, welche Last ich trug, kam meine Mutter als ich 9 Jahre alt war zurück und nahm uns mit. Aber diesmal war die Situation anders. Sie hatte Adolf kennengelernt, einen Mann, in den sie unsterblich verliebt war. In jedem Urlaub fuhren wir raus aus der Stadt in die Wildnis. Und so begann die schönste Zeit meiner Kindheit. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich in eine gut funktionierende Familie zu gehören.

Doch das Universum setzte dem ein Ende.
Als ich 14 Jahre alt wurde, verstarb meine Mutter. Ich wurde auf ein Internat geschickt. Alles was ich fühlte, war Verlassenheit und Sinnlosigkeit im Leben. In der Schule wurde ich schikaniert, litt unter Depressionen und Angstzuständen und zog mich völlig aus der Gesellschaft zurück. Außerdem war ich gerade in die Pubertät gekommen und hatte so viele Fragen zu meinem Körper und den Veränderungen, die ich erlebte.
Nach dem Abschluss der High School wollte ich zurück in die Wildnis, die ich mit guten Erinnerungen und dem Gefühl, dorthin zu gehören, verband. Ich wollte in die dahin zurück, wo es niemanden gab, der mich verurteilte, und wo überall Frieden herrschte.

Ich weiß noch, wer ich in der Zeit in der Wildnis war. Aber ich konnte nicht mehr dorthin zurück. Adolf, eine Vaterfigur, als ich sie am meisten brauchte, war depressiv und hatte sich mittlerweile das Leben genommen. Also wurden meine Schwester und ich wieder wie Nomaden von einer Familie zur anderen geschickt. Schließlich beschloss unser Vater, dass wir dauerhaft bei unseren Großeltern bleiben sollten.
Doch innerhalb eines Jahres jagte unser Großvater sowohl meine Schwester als auch mich aus seinem Haus. Das war im Nachhinein allerdings ein Glücksfall. Wir mieteten ein Zimmer und zum ersten Mal seit langer Zeit hatten wir das Gefühl, endlich frei und zu Hause zu sein.

Nach einem Monat lernte ich Trevor kennen. Er ist der Gründer von Purple Hand Africa und 2018 kanthari. Er arbeitet in Simbabwe mit der LGBTIQ-Gemeinschaft. Ich schloss mich seinem Team an. Das öffnete mir die Türen zu einer ganz neuen Welt. In den Gesprächen, die wir während der Camps führten, wurde mir klar, dass die meisten Menschen ähnliche Geschichten über brutale Herausforderungen in ihrer Jugend erlebt hatten. Ich dachte an die Reise- und Campingphase meines Lebens zurück. Die Zeit, in der ich unbeschwert und in Kontakt mit meiner Familie und meinen Gefühlen war. Ich war motiviert, andere Mädchen zu unterstützen, denen es ähnlich erging wie mir. Sie sollen die gleiche Art von Heilung wie ich erfahren. In unseren Wildnis Camps können sie sich wieder mit ihren Eltern, ihrem inneren Selbst und der Natur verbinden. Weit weg von den Augen der Welt, können sie sich dort selbst entdecken. Ich möchte den Mädchen helfen, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Wahrheiten zu leben.
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Mirranda ist eine kanthari Teilnehmerin dieses Jahres und Gründerin von Kanya Africa.
Kanya Africa möchte Mädchen die Möglichkeit geben, sich frei auszudrücken, sich weiterzuentwickeln und ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, und zwar durch Wildnis Camps und andere kreative Orte. Durch Aktivitäten, die von lustigen und abenteuerlichen Spielen bis hin zu ruhigen, nachdenklichen Sitzungen reichen, werden die Wildnis Camps den Mädchen die Möglichkeit geben, die Bindung zwischen ihnen zu stärken, ihr Selbstvertrauen zu steigern und sich einander anzuvertrauen, um ihre tiefsten Herausforderungen zu teilen.

Am 17. Dezember 2021 um 15:55 Uhr Indischer Zeit (11:25 EST) wird Ihre Abschlussrede präsentieren. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.kantharitalks.org/

Meine Regenbogen-Existenz

Früher hatte ich Angst davor, zu mir selbst zu stehen, meine wahre Natur zu offenbaren.

Ich war ein ungeschütztes Individuum, das sich weder für seine Existenz entschuldigen muss, noch davor zurückschrecken darf, energisch aufzutreten und dem Leben und der Schönheit der Natur entgegenzutreten.

Ich wurde oft von den Gemeindemitgliedern so wie auch von meiner Familie unterdrückt, aber ich war immer in der Lage, wieder aufzustehen.

Das Bild von Afrika ist geprägt durch Geschichten über Krieg, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und HIV. Daher ist es gerade jetzt wichtig, davon zu erzählen, wie schwule Menschen in Afrika leben. Wir müssen Geschichten von Liebe, Entwicklung, und einem schönen, lebendigen Dasein erzählen. Nur so können wir das Gefühl dafür schaffen, dass ein schwules Leben Glück bedeuten kann.

Es ist klar, dass mein Leben mehr ist als meine Sexualität. Daher geht es mir um die Erfassung der ganzen Bandbreite unserer menschlichen Erfahrungen. Ich nenne es die “Regenbogen-Existenz”.

Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich von meinen eigenen Eltern abgelehnt und aufgefordert, auszuziehen. Seitdem lebe ich unabhängig. Ich kann sagen, ich hatte keine schöne Kindheit. Ich habe schon als Kind sehr viele Herausforderungen meistern müssen, da ich nie jemanden hatte, der mich schützte und sicher durchs Leben führen konnte.

Das ließ in mir den Wunsch entstehen, etwas für schwule ausgegrenzte Kinder und Jugendliche zu tun. Ich möchte, dass sich die freie Liebe zwischen schwulen Männern und Frauen in Afrika normalisiert. Zur Zeit leben sie noch ein Leben im Geheimen. In vielen Ländern Afrikas sind gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten. Das hält uns jedoch nicht davon ab, weiterzuleben und zu lieben.

In Simbabwe engagieren sich Schwule seit Jahren in der Mode, in der Musikbranche, in kreativen Medien, in der Bildung, alles mit dem Ziel, die Geschlechternormative herauszufordern. Warum aber nicht auch ein professionelles Leben in der Politik oder in Menschenrechtsorganisationen? Unsere Möglichkeiten müssen in jedem Fall jenseits unserer Sexualität beurteilt werden.

Es geht mir darum, höher zu zielen, um Tag für Tag mehr für die LGBTIQ Gemeinschaft zu erreichen. Ich möchte meinen Lesern sagen, dass, was ich fordere, ist nicht bloße Akzeptanz, sondern ein Umdenken, ein Verständnis dafür, wer wir sind.

Während ich das schreibe, bin ich auf dem kanthari-Campus in Kerala, im Süden Indiens. Ich bin hier, um Fähigkeiten zu erwerben, wie man eine erfolgreiche Organisation leitet oder ein soziales Unternehmen führt. Ich möchte lernen, wie ich auf die effektivste Weise ein Umdenken in der Gesellschaft erzielen kann. Ich hoffe auch, mehr über Netzwerke und Partnerschaften zu erfahren und ich möchte wissen, was es braucht, um als erfolgreicher sozialer Changemaker zu agieren.

Ich werde mein Traum-Projekt durch Engagement und Enthusiasmus vorwärts bringen und dabei trete ich in einen Dialog mit anderen Changemakern aus der ganzen Welt ein.

Tyrones Organisation “Iromh-Africa” {I reach out my hand – Africa} richtet sich sowohl an Jugendliche, als auch an ältere Menschen, die aufgrund von Stigmatisierung keinen Zugang zur Gesundheitsvorsorge haben.