Adegbite Tobi Gabriel

Entojutu

Adegbite Tobi Gabriel – Nigeria 

Tobi, Biologe und Landwirt, sorgt sich um die umweltverschmutzenden, stinkenden und Methan freisetzenden organischen Abfälle. Diese verfüttert seine Organisation Entojutu an die Larven der schwarzen Soldatenfliege. Nach einer kurzen Aufzuchtsphase werden die Larven geerntet und getrocknet zu hochwertigem Tierfutter verarbeitet. Die Rückstände werden als organischer Dünger eingesetzt. Entojutu unterstützt Landwirte bei der Umstellung auf diese und andere umweltfreundliche Arbeitsmethoden.

Tobi sagt:

Als Umweltbiologe und Gesundheitswissenschaftler interessierte ich mich leidenschaftlich für die Landwirtschaft und absolvierte eine Ausbildung, um auf die “grosse und richtige Art” Landwirtschaft betreiben zu können. Auf dieser Reise wurde ich Zeuge dessen, was der gewöhnliche nigerianische Bauer in seinem Bestreben, die Nation zu ernähren, erlebt. Es war schockierend.

Ich habe gross versagt, nicht nur einmal, sondern zweimal. Die Probleme reichten von Unsicherheit über hohe Produktionskosten bis hin zum Klimawandel und vielem mehr. Auf der Suche nach Lösungen stiess ich auf ein weiteres Problem im Lebensmittelsystem. Nämlich die organischen Abfälle, die rund um meine neu errichtete Farm Umweltschäden verursachten. Deshalb gründete ich Entojutu, das sich auf die Lösung von zwei Problemen konzentriert: Nahrungsmittelknappheit und Probleme mit organischen Abfällen. 

Und wie? Entojutu nutzt die Larven der schwarzen Soldatenfliege, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln, und liefert hochwertiges Insektenprotein, das wasser- und klimaintensives Pflanzenprotein sowie übermässig geerntetes und erschöpfendes Fischprotein, das in Tierfutter verwendet wird, ersetzt.

Entojutu - Flies for Change

Sehen Sie sich Tobis inspirierende Abschlussrede bei den 2021 kanthari Talks an und lernen Sie, wie er die Larven der Schwarzen Soldatenfliege einsetzt, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln. 

Mehr zu Tobi

Fliegen für den Wandel

Adegbite Tobi Gabriel ist Biologe und Landwirt aus Nigeria. Landwirte in Nigeria stehen vor vielen Herausforderungen, die meisten Bauern sind hoch verschuldet. Zudem sorgt sich

Zentrum des Zuhörens Teil 1

Meine erste Begegnung mit einer Person, die Stotterte, hatte ich, als ich 14 Jahre alt war. Ich begleitete damals meine Eltern und Geschwister zu einem religiösen Treffen und konnte es nicht erwarten, endlich rauszukommen, um meinen eigenen Dingen nachzugehen. Da wurde ich plötzlich hellhörig: neben mir stand eine hübsche junge Frau, die mit einer anderen Besucherin sprach. Ich hörte nicht auf das, was die Frau sagte, sondern wie farbig ihre Stimme klang. Interessant für mich war, dass jedes Wort zu knistern und zu klackern schien. Die Sätze nahmen eine Form an, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Und noch etwas faszinierte mich, die Geduld der Gesprächspartnerin, der Zuhörerin. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als den Platz dieser geduldigen älteren Dame einzunehmen, denn sie hatte mir, ohne, dass sie etwas davon wissen konnte, eine wertvolle Lektion in Sachen Kommunikation erteilt, aber leider hatte ich als Teenager die sozialen Fähigkeiten einer Kartoffel und wagte es nicht, mich in das Gespräch einzuklinken.

Normalisierung von Sprachstörungen

16 Jahre später lernte ich während des kanthari Programms Puneet Singh kennen, einen Stotterer, der im Januar diesen Jahres die Organisation ssstart gründete. Sein Ziel ist es, Sprachstörungen in der Gesellschaft zu normalisieren und er möchte für Akzeptanz verschiedener Kommunikationsstile werben. Ich habe ihn heute kontaktiert, knapp einen Monat nach Abschluss des kanthari-Kurses. Er war guter Dinge und beschrieb, dass die ersten drei Monate zwar nicht einfach waren, er aber bereits jetzt die ersten Resultate des von ihm aufgebauten Netzwerks erkennen könne. Man muss Puneet zugutehalten, dass er unheimlich kontaktfreudig ist. Wenn immer sich eine kleine Chance ergibt, erkundet er Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sowohl mit individuellen Personen als auch mit Organisationen.

Durch seine Verbindung zur Freedom Employability Academy (FEA) steht Puneet kurz vor der Unterzeichnung eines Einjahresvertrags mit einem in den USA ansässigen indischen Ehepaar, das seine Räumlichkeiten in Dwarka, Delhi, ihm als kostenloses ssstart-Zentrum zur Verfügung stellen möchte. 

Aus dem Slum

Dazu kommt, dass ein Teil seiner künftigen Teilnehmer, Jugendliche aus den Slums, gleich um die Ecke leben. Puneet, der selbst in einem Slum in Delhi wohnt, hat sich bereits an die jüngeren Bewohner gewandt und das Interesse von mindestens sechs 12- bis 13-Jährigen gewonnen. Er rechnet mit etwa 20 weiteren Teilnehmern für den nächsten Kommunikationsworkshops im ssstart Zentrum. Um dem Eindruck vieler Eltern entgegenzuwirken, im Zentrum würde nur “unnützes Singen und Tanzen” stattfinden, richtet einer der Eigentümer des Gebäudes auch ein Mathematiknachhilfe-Programm ein.

Die Räumlichkeiten werden gerade umgestaltet, sie werden farbig dekoriert und es wird sogar ein Skatepark angelegt. Angesichts dieser attraktiven Ausstattung ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Zentrum von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten bevölkert wird. Sie kommen vielleicht wegen der Algebra oder der Kick-flips, aber sie werden es als bessere Kommunikatoren verlassen. Das Besondere ist, dass die Freiwilligen, die Puneet bei der Umgestaltung des Zentrums helfen, auch zu den ersten Teilnehmern seines bereits ausgeführten Workshops gehörten. Darunter waren auch 2 oder 3, die stottern oder andere Sprachstörungen haben; so wurde ein integratives Kommunikationsumfeld geschaffen.

Unkomplizierte Interaktionen sind selten

Wie Puneet schon in frühen Lebensjahren erkannte, ist unkomplizierte Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Sprachstörungen eher selten. Es reicht aber nicht aus, die Gesellschaft lediglich über die Existenz von Sprachstörungen aufzuklären und vielleicht dadurch zu sensibilisieren. Nach Ansicht von Puneet ist der Aufbau von Empathie und Geduld der nächste konkrete Schritt zur Normalisierung der Sprachstörung oder sprachlichen Eigenarten.

Diese erste Gruppe war recht interessant. Sie trafen sich zweimal pro Woche online. Zunächst hatten sie viele Fragen zu Puneets Lebensweg, z. B. wie er dazu kam, sein Stottern zu akzeptieren, seine Organisation zu gründen, eine große Online-Fangemeinde aufzubauen usw. Dann erzählten sie von ihrem eigenen Leben und ihren Herausforderungen. Viele der Mädchen waren besonders daran interessiert zu lernen, wie sie ihr “nein” erfolgreich kommunizieren können. Nein zu sagen zur traditionellen Gesellschaft um sie herum, zu den vorgegebenen Plänen ihrer Eltern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, und zu anderen unangenehmen Situationen. ssstart war in der Lage, Situationen aus dem wirklichen Leben zu schaffen und Rollenspiele zu veranstalten, bei denen die Teilnehmerinnen lediglich einen Weg finden sollten, Nein zu sagen.

Pflege der Offline-Kommunikation

Dann traf sich die Gruppe auch persönlich in den Lodhi-Gärten, um die dringend benötigte Offline-Kommunikation zu pflegen. Seine zweite Gruppe besteht aus Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, was eine große Herausforderung darstellt, da sie sich nicht so leicht öffnen können. Aber ssstart entwickelt sich weiter. Innerhalb des letzten Monats ist viel passiert, und das ist ein Grund zum Feiern. Es sollte dann aber ein Fest des Hörens sein! ssstart arbeitet mit Marva Shand-McIntosh, der Gründerin des “I Love to Listen Day” (16. Mai) zusammen.

Puneet sagt: “zuzuhören ist eine der menschlichsten Aktionen, die wir tun können, um unserem Gegenüber zu zeigen, wie wichtig uns Menschen sind. Kommunikationsstörungen und Sprachbehinderungen wie Stottern, geben uns die einzigartige Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und damit einfühlsame Geduld zu demonstrieren.”

Zuhör-Party

Bei der “Zuhörparty” werden zwei Personen zusammengebracht, die ausreichend Zeit haben, ihre Lebensgeschichten miteinander zu teilen.

Aller Anfang ist schwer, aber es ist besonders ermutigend, wenn sich Personen aus Freundes- oder Familienkreisen anschließen. Puneets Schulfreund, Chinmay Panigrahi, ebenfalls ein Stotterer, ist von Beruf Anwalt. Sie waren immer mal wieder sporadisch in Kontakt, aber als Chinmay Puneets Beiträge über ssstart in den sozialen Medien sah, war er begeistert.

Chinmay, der von vielen potenziellen Mandanten bis hin zu Richtern wegen seiner Sprachweise oft nicht ernstgenommen, ja sogar verachtet wird, ist genau der richtige Mann, um sich für die Normalisierung des Stotterns in seinem Beruf einzusetzen.

ssstart ist zweifellos dabei, Lärm zu machen. Man braucht nur noch an Bord zu kommen und zuzuhören.

Bitte Checken Sie regelmäßig den kanthari Blog, Teil Zwei folgt in den nächsten Wochen.

Bescheidene Anfänge

Als wir Akhina Mohan in ihrem Zuhause aufsuchten, fanden wir uns in einem Garten voller exotischer, nicht einheimischer Bäume, Blumen und Schlingpflanzen wieder. Die Liebe ihrer Mutter zur ausgefallenen Flora hatte Akhina oft erwähnt. Auch Akhina liebt pflanzen, aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Sie bevorzugt ein blühendes natürliches Ökosystem mit einheimischer Flora.

Obwohl ich während des kanthari Programms als Catalyst eng mit Akhina zusammengearbeitet hatte, fühlte ich mich auf dieser Reise in ihre Heimatstadt als drittes Rad am Wagen. Eine Fliege an der Wand, die die Geburt ihrer Organisation “alarmo” miterleben durfte.

Erste Schritte als Changemaker

Für einen Außenstehenden würden die ersten Schritte in das Leben eines Changemakers, die Registrierung der Organisation, die Einrichtung eines Bankkontos, die erste Vorstandssitzung usw. wie banale, uninteressante Aufgaben erscheinen. Aber der erfolgreiche Abschluss jedes dieser Etappen erfüllt die Initiatoren mit einer Hoffnung auf einen baldigen Beginn und kribbelnden Aufregung. Es ist das Gefühl, mit der eigenen Lebensaufgabe Schritt für Schritt voranzukommen.

Ich beobachtete Akhina, wie sie mit Manu und Riya, ihren Co-gründern, auf der Veranda saß und ihre erste Vorstandssitzung leitete. Eine ruhige, etwas bürokratisch anmutende Angelegenheit; ein Zeugnis für den bescheidenen Beginn dessen, was eines Tages einen großen positiven Einfluss auf die Ökologie Keralas haben sollte.

Kinder und Jugendliche Klimaschützer

Akhina hat alarmo gegründet, um Kinder und Jugendliche zu Klimaschützern auszubilden. Durch das Engagement der jungen Menschen, die um ihre Zukunft kämpfen, sollen erwachsene Einflussnehmer in den Gemeinden dazu gebracht werden, lokale Umweltprobleme zu erkennen und Lösungsvorschläge durzusetzen. Aber zunächst muss der Funke auf die Kinder überspringen. Das ist bereits geschehen, wenn auch nur bei einigen wenigen Kindern.

Der erste Workshop, ein Pilotprojekt von alarmo, bestand aus drei neugierigen Kindern aus einer ureinwohner Gemeinschaft in Erumanathoor, Wayanad. Während des Workshops besuchten sie das Gurukula Botanical Sanctuary und tauchten in einen Regenwald ein, der in seiner ursprünglichen Pracht wiederhergestellt wurde. Für die dort lebenden Ureinwohner sind alle Pflanzen, Insekten, Vögel, Fische, Säugetiere, Amphibien, Reptilien, Pilze, Würmer und Menschen, mit anderen Worten, alle Lebewesen, gleichermaßen heilig. Die Kinder waren gebannt, als sie mit einem Ranger durch den üppigen Dschungel wanderten. Überall gab es Neues zu entdecken. Für Akhina war es ermutigend zu sehen, dass die Kinder ungeduldig auf weitere Aktionen von alarmo hofften.

Die Startphase

In den letzten drei Monaten, also während der Startphase ihres Projektes, traf sie sich mit rund 17 solcher Kinder. Das war schon ein Erfolg, denn hin und wieder gab es in einigen Teilen Keralas wieder Lockdowns durch Covid-Ausbrüche.

Da viele der Kinder über zwei Jahre keinen geregelten Schulalltag hatten, gab es große Schreib-, Sprach- und Lesedefizite. Das machte es für Akhina nicht leicht, ihnen einfache Aufgaben zu geben.

Doch während viele Initiatoren nur allzu schnell aufgeben und Covid-bedingte Hürden immer eine dankbare Entschuldigung bieten, ließ sich Akhina nicht abschrecken.
“Ich hätte warten können, bis ich größere Gruppen beisammenhätte. Aber der Spaß der drei ersten Kinder hat mir so viel Mut gemacht.” Jetzt hat sie genug Erfahrung gesammelt, um das erste größere Sommercamp zu planen. Zudem hat sie jetzt schon drei kleine Botschafter, die bereits ihre Eltern überzeugt haben und die begierig sind, andere Kinder mit zu alarmo zu bringen. Ein kleiner, aber entscheidender Schritt auf dem Weg zu ihrer Mission.

Das erste Sommer Camp

Nun, hier in Kerala haben wir jetzt Sommerferien und alarmo ist in Erumanathoor (Wayanad) aktiv. 15 Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren nehmen an einem einmonatigen Sommer-Camp teil.

Heute, während ich diesen Blog-Beitrag schreibe, sind schon drei Tage verstrichen. Am ersten Tag, so Akhina, waren die Kinder ein bisschen eingeschüchtert. Alle hatten sich in einem Klassenzimmer versammelt und sollten sich vorstellen. Akhina kam sich vor wie eine Lehrerin vor einer Klasse braver Schülerinnen und Schüler, auf der einen Seite die Mädchen, auf der anderen die Jungen. Es war so still, dass man die vielen Zikaden im Hintergrund hören konnte. Sie organisierte einige Spiele und Team-Übungen, bis die Kinder aus ihrem Kokon herauskamen. Aber irgendetwas fehlte noch: eine Wolke des Unbehagens hing über dem Workshop. Akhina merkte, dass sie ihre Strategie ändern musste. Sie bat die Kinder, ihre Lieblingsplätze im Dorf zu zeigen. Wo hielten sie sich besonders gerne auf? Wo spielten sie gerne und wo fühlten sie sich von den Erwachsenen unbeobachtet?
Sie führten sie zu einer Lichtung im Dickicht. da gab es einen kleinen Bach und ein improvisierter Platz zum Fußball spielen. Ein Ball wurde gefunden, und das Spiel begann. Plötzlich wurden sie lockerer. Jetzt waren ihr Geschnatter und Gelächter lauter als das der Zikaden.

Mit der Natur verbunden

Nach dem Ballspiel beschlossen sie, am Bach entlangzulaufen und ein wenig zu planschen. Es wurde deutlich, dass diese Kinder bereits tief mit der schönen Natur verbunden sind. Sie überraschten Akhina mit ihrem Wissen und ihrer Achtung vor Pflanzen und Tieren. Sie zeigten auf unterschiedliche Heilpflanzen und auf Bäume und erklärten, wie man die Rinde und Blätter verwertet. Sie zupften die Blutegel, die an ihren Füßen und Beinen hingen, mit großer Routine ab, und einige begannen mit den Blutsäugern Akhina spielerisch zu jagen.

Einige fingen Kaulquappen, offenbar eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Snobin, ein Teammitglied, erklärte ihnen die Metamorphose der Frösche, ein Konzept, das ihnen nicht klar war. Aber sie hörten interessiert zu.

Für diese Kinder ist der Bezug zur Natur nicht gestört. Das Problem ist, ihnen klarzumachen, dass dieses Stück Paradis von der “Modernisierung”, die sie selbst so bewundern, bedroht ist. Sie müssen erkennen, dass die Pflanzen und Bäume, mit denen sie so vertraut sind, zu ihren Lebzeiten vom Aussterben bedroht sind.

Ihnen fehlt noch das Verständnis und die Kommunikationsfähigkeit, die Erwachsenen ihrer Dorfgemeinschaft zu alarmieren, die Natur, durch die sie alle gesegnet sind nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen.

Kleine Umweltbotschafter

Das Camp von Alarmo (Projekt Urava, was auf Malayalam Wasserquelle bedeutet) soll helfen, dieses Verständnis bei den Kindern zu entwickeln.

Jetzt, da die Jungen und Mädchen zusammengefunden und etwas Selbstvertrauen gewonnen haben, sind sie bereit, sich mit den vielen verschiedenen Aktivitäten des Camps auseinanderzusetzen. Genau wie die drei ersten Kinder werden sie auf “Forschungsreisen” in ihrem eigenen Dschungel gehen, um etwas grundlegendes über ihre Umwelt und den heute so benötigten Umweltschutz zu erfahren. Durch Schreiben, Zeichnen und Theater werden sie in Kommunikation geschult und durch Experimente lernen sie über Kompostierung, Herstellung von Bioenzymen, Regenwassersammlung, Wasserfilterung usw.

Es kann sein, dass Akhina im Laufe des Camps Aktionen verändern und anpassen muss, aber die ersten Schritte von alarmo gehen schon in die richtige Richtung, kleine Umweltbotschafter oder Botschafter des Wanders zu fördern.

Akhina liebt die kleinen Schritte. Ideen werden entwickelt, verworfen und neu zusammengestellt. Eine Organisation gegründet, ein Pilotprojekt ins Leben gerufen und schließlich ein ganzes Sommer Camp.

Wie so oft liefert uns die Natur auch hier nützliche Lehrbeispiele. Selbst die längsten Flüsse der Welt haben ihre bescheidenen Anfänge in kleinen Rinnsalen, aus unterirdischen Quellen gespeist.

(Wenn Sie die Projekte von alarmo unterstützen möchten, besuchen Sie bitte die Milaap-Fundraiser-Seite: https://milaap.org/fundraisers/support-to-run-projects-under-alarmo

Achterbahn

Achterbahn

Vor einigen Jahren überhörte ich ein Gespräch zwischen meinem Bruder und meiner Mutter. Meine Mutter hatte sich Stifte, Pinsel und Farben besorgt, eine Leinwand aufgespannt und wollte nun mit dem Malen beginnen. Doch da war die Angst vor dem Start, die Angst davor, die makellose, weiße Leinwand zu verschandeln. Mein Bruder ist Künstler und unterrichtet Zeichnen, Malen und Kunst-Installationen. Er kannte diese Anfangsangst von seinen Studenten und vielleicht auch aus eigener Erfahrung. “Nicht lange nachdenken”, meinte er. Kurzerhand gab er meiner Mutter einen Stift in die Hand und brachte sie dazu einfach loszukritzeln. Die Leinwand war nun nicht mehr sauber und unberührt und die Hemmschwelle, loszulegen war damit überwunden.

Ich habe diesen kleinen, aber sehr wirksamen Trick auf den Beginn eines Projektes übertragen. Nicht lange nachdenken, was alles schieflaufen könnte, einfach anfangen und daraus mehr werden lassen. Und tatsächlich, es funktioniert! Diejenigen, die den Mut haben, einfach loszulegen, erleben oft, dass sich die so überwundene Angst vom Anfang in eine Art Euphorie umwandeln läßt und viele erfahren, dass jeder Start, wenn man ihm nur eine Chance gibt, unter einer magischen Spannung steht.

Die Magie des Anfangs

Aus aktuellem Anlass, denn 16 unserer kantharis haben ihre betreute dreimonatige Startphase in der letzten Woche abgeschlossen, möchte ich in diesem Blog die Magie des Anfangs untersuchen. Dafür nutze ich auch Reflexionen eines unserer Teilnehmer. Es handelt sich um Biman Roy, einen kanthari aus dem letzten Jahrgang, der mit seiner Organisation BON in seinem Heimatdorf im indischen Westbengal, die traditionellen Bauern zu einer umweltschonenden und gesünderen Landwirtschaft bewegen möchte.

Biman hat einen interessanten Lebensweg hinter sich. Er stammt aus einem abgelegenen Dorf. Als Kind bestand sein Spielplatz aus Dschungel, Feldern, Bächen und schlammigen Teichen, in denen sich Kinder und Büffel gleicher Maßen suhlten. Dann kam er in die Schule und seine mathematische Begabung ebnete ihm den Weg durch Universitäten in Indien und Schweden, wo er schließlich seinen Doktor in Computer Wissenschaften machte. Doch während der gesamten Studienzeit, zwischen Computern und mathematischen Konzepten, vergass er nie die Leidenschaft für die “Wildness” seiner Heimat, die Mannigfaltigkeit der Früchte, Kräuter und Gemüsesorten und die schattigen uralten Bäume. 2021 war er so weit. Er ließ Europa und die Träume seiner Eltern, er würde irgendwann ein Professor für Mathematik werden, hinter sich und kehrte, mit einem siebenmonatigen Zwischenstopp im kanthari Institut, in seine Heimat zurück.

Jeder Beginn ist eine Achterbahn

Biman ist ein Zauderer. Er denkt zu viel und seine detaillierten Analysen stehen seinen Aktionen oft im Weg. Daher gab ich ihm den Rat: “Egal was du tust, fang einfach an.” Er folgte diesem Rat und stürzte sich gleich nach den Abschlussreden in Aktivitäten. Gemeinsam mit Akhina, ebenfalls einer Teilnehmerin der letzten Generation, reiste er von Kerala nach Odissa und besuchte unterwegs verschiedene Projekte. In Odissa traf er sich mit kanthari Absolventen, die ihm von ihren Startphasen erzählten. Einer von ihnen war Karthik, Gründer von Sristi Village, einem heute sehr erfolgreichen Projekt. Karthik kehrte unmittelbar nach kanthari erst einmal in seinen alten Job als Leiter eines Waisenheims zurück. Das sei aber keine gute Idee gewesen. Erklärte er den frisch gebackenen kantharis. Denn das große Selbstbewusstsein, dass er während der Monate im kanthari Institut aufgebaut hatte, sei durch seinen wieder hergestellten Alltagstrott völlig in sich zusammengefallen. Dazu gesellte sich die Skepsis von Familienangehörigen, Freunden und Kollegen. Karthik erlebte eine Depression, aus der er sich erst durch die Umsetzung seiner Projekt-Ideen befreien konnte. “Fangt so schnell wie möglich an und seht zu, dass ihr eure Hochstimmung in die Startphase hinüberrettet. Ihr werdet sie brauchen. Denn jeder Beginn ist eine Achterbahn!”

Nach drei Monaten, in denen die kantharis durch Ehemalige in ihren Anfängen begleitet werden, verfassen sie einen Abschlussbericht. Diese Berichte sind sehr spannend zu lesen, sie geben uns einen tiefen Einblick in die Lebensumstände jedes Einzelnen und sie geben Aufschluss über die emotionale Stärke, mit der sie die vielen Hindernisse überwinden und die mannigfaltigen Probleme lösen. 

Bimans Einschätzung

Besonders Biman’s Bericht spiegelt die Achterbahn des Anfangs, die wir, Projekt Initiatoren alle kennen, in sehr eindrücklicher Weise wider. Hier ein kleiner Auszug:

“Wenn ich auf mein dreimonatigen Projekt Beginn zurückblicke, dann sehe ich in mir drei unterschiedliche Persönlichkeiten:

Der Enthusiast (Januar, erster Monat): Am Anfang war ich unheimlich aufgeregt und dem entsprechend überaktiv. Ich habe online meine Projekte vorgestellt, mich mit potenziellen Begünstigten getroffen, ich habe versucht, meine Organisation zu registrieren, bin umhergefahren, um organisches Material und diverse Gemüsesaht zu sammeln und habe den Boden für die ersten Pflanzungen vorbereitet. Ich war von morgens bis abends beschäftigt, und in meiner Vorstellung war ich davon überzeugt, dass ich alles, was ich mir erträumt hatte, auch erreichen kann. Doch dann setzte die Realität ein.

Der Pessimist (Februar bis Mitte März): Die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, waren nicht so motiviert, die Saat ging nicht richtig auf, ich konnte viele Fragen nach meinen Erklärungen und öffentlichen Auftritten nicht wirklich beantworten, die Registrierung meiner Organisation Bon ging nicht voran, denn bürokratisch war es ein einziges Durcheinander, und und und. Ich verlor sehr schnell meine Motivation und mein Selbstvertrauen ging den Bach runter! Hier war ich wieder einmal, “Mr. Overthinker”, ich war verwirrt darüber, was ich eigentlich tun wollte!
Der “Sag niemals nie”-Typ (Mitte März bis heute): Nach vielem Hin und Her, nach Selbstzweifeln und Selbstreflexionen scheint es, dass ich einfach handeln muss, ohne zu viel nachzudenken. Es ist genau wie Sabriye mir immer geraten hat. Anstatt mich auf 100 Dinge zu konzentrieren, habe ich beschlossen, mich vorerst nur auf ein Thema zu fokussieren, nämlich auf die Einrichtung von drei Modellgärten. Und das zahlt sich bisher gut aus. Es bringt mich wieder auf den richtigen Weg.”

Der nächste Schritt

In diesen Tagen ist Biman in Schweden, Dänemark und Deutschland unterwegs. Er spricht zu Studentengruppen, zu Umweltaktivisten und er knüpft wertvolle Kontakte mit potenziellen Unterstützern.

Seine Pläne für das nächste Jahr sind klar:

Drei Modellgärten, um die Menschen davon zu überzeugen, dass man auf wenig Grund, mit wenig Mitteln viele unterschiedliche Gemüsesorten pflanzen kann.
Acht Kurzfilme in lokalen Sprachen, um Bauern einen Einblick in erfolgreiche ökologische Landwirtschaft zu vermitteln,
Eine Dorfküche, in der mit ganz neuen natürlichen Nahrungsmitteln experimentiert werden soll, um den Appetit der Menschen auf abwechslungsreiche Nahrung zu fördern.

Und wie stehen Deine Eltern zu all dem?

Biman lacht. “Nun im Prinzip verstehen sie mich und meine Beweggründe. Aber natürlich sind sie auch typisch indische Eltern, die sich Sorgen machen und es nicht gutheißen, dass ein Doktor der Mathematik mit einer Fahrradkarre durchs Dorf fährt, um trockenes Laub für den Kompost zu sammeln.”

Nun, Die Achterbahn hat ihre erste große Runde beendet, die Leinwand ist für Biman bereits bekritzelt, jetzt ist es an ihm, mehr daraus zu machen.

Wofür es sich zu streiten lohnt

“Barrierefreiheit für Behinderte kann nur in Friedenszeiten realiert werden. Um in Katastrophenzeiten zu überleben, müssen wir im Voraus darauf vorbereitet sein, unter allen denkbaren Umständen zu leben.” – Nematullah Ahangosh.

Der Tag, an dem unsere blinden Schüler etwas ratlos von einer Stadtbegehung mit dem Lhasa-Behindertenbüro zurückkamen, ist noch gut in meiner Erinnerung. Die Mitarbeiter der Behörde waren morgens in unserer Schule eingetroffen und verkündeten großspurig eine Überraschung. Alle älteren Kinder sollten ihre Blindenstöcke mitnehmen, man mache gemeinsam einen Stadtrundgang. Es war offensichtlich, dass unsere Schüler, die sehr selbstständig aufwuchsen und tagtäglich allein oder auch in Gruppen ihre Streifzüge durch die nahgelegende Altstadt von Lhasa unternahmen, von einer behördlich überwachten Stadtbegehung nicht besonders begeistert waren. Doch sie begleiteten die Offiziellen ohne Murren, vielleicht um ihnen einen Gefallen zu tun. Paul und ich waren hingegen sehr gespannt, was es so wichtiges im Stadtbild gab), dass es unseren Schülern vorgeführt werden sollte?

“Nichts Besonderes”, meinte einer der Jungen, nachdem sie, ihre Stöcke hinter sich her ziehend, etwas gelangweilt zurück in die Schule schlurften. “nur zwei Betonrillen auf dem Gehweg. “Gemeinsam mit Yudron, einer ehemaligen Schülerin, die nach unbegleiteten Reisen und nach Studien im Mainland China und Malaysa mittlerweile bei uns als Lehrerin tätig war, machten wir uns auf die Suche und stießen auf taktile Leitlinien, die speziell für Blinde auf den Bürgersteigen, rund um die Altstadt angebracht worden waren. “Ist doch mal ein Fortschritt!” meinte ich gutgelaunt, doch Yudron blieb skeptisch. “Damit macht man uns nur abhängig und irgenwann werden wir nicht mehr in der Lage sein, unsere eigenen Wege zu finden.”

An diese Aussage erinnerte ich mich, als Paul und ich einige Zeit später durch Honkong reisten. Überall gab es diese Leitlinien auf Bürgersteigen, überall akkustische Ampeln und Braillebeschriftungen. Doch als wir uns mit einigen lokalen Blinden unterhielten, ob sie denn auch mal außerhalb Hongkongs etwas unternähmen, waren die Antworten einhellig: Nur in Hongkong. Woanders gäbe es zu viele Barrieren.

Während unserer Zeit in Tibet und in Indien hatte sich allerdings auch in Europa bezüglich der Barrierefreiheit einiges getan. Bei meinen kurzen Aufenthalten in Deutschland war ich doch recht erstaunt über die mannigfaltigen Anpassungen, manche in meinen Augen sinnvoller als andere. Zum Beispiel: Braillebeschriftungen auf Medikamentenschachteln oder in öffentlichen Aufzügen sehe ich durchaus als notwendige Errungenschaft. Dann aber gab es bald in jedem Bahnhof, in sämtlichen Fußgängerzonen diese Leitlinien, die mich zunächst eher verwirrten. Irgendwann machte ich mir einen Spaß daraus, steckte die Spitze meines Stockes in eine der Rillen und ging drauflos. Doch während ich mich darauf konzentrierte, mich ganz auf diese Rille zu verlassen, fühlte ich mich schnell von meinem Orientierungssinn im Stich gelassen und so brach ich das Experiment bald wieder ab, mit dem gemischten Gefühl in Sachen Mobilität zur “alten Schule” zu gehören.

Währund unserer Zeit in Indien wurden wir so gut wie gar nicht mit dem Thema der Barrierefreiheit für Blinde konfrontiert. Natürlich machte ich mich in Konferenzen und Gesprächen mit Regierungsangehörigen für ein rollstuhlgerechtes Kerala stark, für Rampen, Aufzüge und rollstuhlfreundliche Toiletten, aber taktile Leitlinien für Blinde auf Bürgersteigen hatten für mich überhaupt keine Priorität. Ich hatte sie bei meinen Reisen durch Asien nicht vermisst und daher vollkommen vergessen. Erst als Sonderpädagogen im kanthari Campus auftauchten und sich darüber mokierten, dass Wege nicht blindengemäß gekennzeichnet seien und die Flure nicht rechtwinklig zueinander lägen und dadurch der Blinde in seiner Orientierung eingeschränkt würde, wurden wir bockig und meinten, die Welt ist rund und bestünde nicht aus “blindenfreundlichen” 90 Grad Winkeln.

Viele der blinden kantharis, die bei uns lernten, Organisationen zu gründen, kamen aus afrikanischen Ländern. Sie hatten, wie unsere blinden Kinder in Tibet, gelernt, sich in unwegsamem Terrain zurecht zu finden. Auch für sie bestanden die größten Errungenschaften, für die es sich zu kämpfen lohnt, nicht in aufwändigen infrastrukturellen Anpassungen, sondern in einer qualitativ hochwertigen Ausbildung.

“Und wie stehen blinde Inderinnen und Inder zur barrierefreien Infrastruktur?” fragte mich mal ein deutscher Journalist, der, selbst blind, mittlerweile sich an den Reisekomfort in Europa gewöhnt hatte. “Nun, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß!” antwortete ich knapp und erklärte dann, dass in Indien nur wenige den Mut hätten, sich, alleine, lediglich mit weißem Stock ausgerüstet, in das Verkehrschaos zu stürzen. “Wozu braucht man Leitlinien, wenn es noch nicht einmal Bürgersteige gibt!” Und dann, vor einigen Wochen, wurde ich sehr unsanft von Blinden meiner Wahlheimat Indien darauf aufmerksam gemacht, dass man hier sehr wohl für blindengerechte Infrastruktur kämpfte.

Ich hatte die Möglichkeit, ein zweiwöchiges “Survival Camp” für Blinde von der Seitenlinie mitzuverfolgen. Nematullah Ahangosh, der Gründer der Initiative “Stretch More” und Organisator des Survival Camps, ist Absolvent des letzten kanthari Kurses. Er kommt aus Afghanistan und kann, da er sich hin und wieder in internationalen Medien erbost über die dort herrschenden Zustände ausgelassen hatte, zunächst einmal nicht mehr dahin zurück. Nemat, wie wir ihn hier in kanthari nennen, ist gehbehindert. Aufgrund einer fortschreitenden Muskelerkrankung weiß er, dass er in nicht all zu langer Zeit im Rollstuhl sitzen wird. In seiner Abschlussrede bei den kanthari talks beschrieb er eindrücklich, wie gefählich ein Kriegsgebiet für Menschen mit Behinderungen ist.

“Im Chaos sind alle behindert.”, sagt Nematullah lakonisch. “Man vergisst uns. Deshalb müssen wir lernen, uns in Krisen selbst zu retten.” Jetzt bietet er mit seiner Initiative “Stretch-More“ Survival Camps für Behinderte in Krisengebieten an. Trotz der Tatsache, dass Kerala zu einem der friedlichsten Staaten Indiens zählt, gibt es auch hier Krisen, die gerade für Menschen mit Behinderungen lebensbedrohlich sein können. Denken wir nur an die Jahrhundert-Flutkatastrophe von 2018, in der viele Menschen starben, weil sie nicht schwimmen konnten.

 

Nemat machte eine kleine Werbekampagne, und die Mutigsten, vier blinde junge Männer, meldeten sich für einen zweiwöchigen Workshop an. Gemeinsam mit Riya, einer unserer Catalysatorinnen und selbst ehemalige Schwimmerin im Jugend-National-Team Indiens, organisierten sie ein intensives Schwimmtraining. Zusätzlich lernten sie auch alles, was ihnen zum Überleben in einer Krise helfen könnte: Verschiedene Methoden, Wasser zu filtern, Schutzhütten bauen, ohne Streichhölzer Feuer machen und als erste Hilfe Wunden versorgen bis der Arzt kommt. “Das mit dem Feuermachen hat nicht geklappt.”, meinte Nemat und fügte ironisch hinzu, “wir wären schon längst jämmerlich verhungert!”

Da ich Nemats Teilnehmer für unvergleichlich unternehmungslustig hielt, lud ich sie zu einer schon länger geplanten Fokusgruppendiskussion mit Repräsentanten der Kerala Universität für Architektur ein. Bei der Diskussion ging es um universales Design und um die Frage, ob blindenfreundliche Infrastruktur wirklich notwendig sei oder ob man die knappen oeffentlichen Gelder nicht besser für wirklich notwendige aber teure Baumaßnahmen für Gehbehinderte verwenden sollte. Denn taktile Untergrundsbeläge müssten, wie viele Straßen in den Tropen, jährlich erneuert werden. Blinde kämen auch so gut zurecht. Wenn man etwas für uns tun wollte, dann sollte man öffentliche Gelder doch besser in stabile Langstöcke und gutes Mobilitätstraining investieren.

Unbedacht, und im Glauben, nicht allein mit meiner Meinung da zu stehen, machte ich meine Witzchen über Leitlinien und bekam prompt von den anderen blinden Diskussionsteilnehmern eine verbale Tracht Prügel. Sie machten mir all zu deutlich, dass sie sich von mir und meinen Ideen verraten fühlten. Und als Nemat die Diskussion später noch einmal aufgriff, beschuldigten sie auch ihn, gegen Blindentechniken und blindengerechte infrastrukturelle Maßnahmen zu sein. Nemat war von den Vorwürfen zunächst überrascht, vielleicht sogar ein wenig gekränkt. Doch dann wurde uns etwas Entscheidendes bewusst: Wir beide, Nemat und ich, hatten zwar in unterschiedlicher Weise die Erfahrung gemacht, dass Barrieren durchaus auch stärken können. Es geht Nemat aber, wie auch uns in kanthari, um Empowerment, um die Befähigung, in jeder Lebenslage, wenn nötig auch alleine, zurecht zu kommen. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen, ist es so wichtig zu wissen, für welche Maßnahmen wir uns einsetzen müssen. Dabei spielt eine solidarische Grundhaltung unter den verschiedenen Behindertengruppen eine ganz wichtige Rolle. Während Blinde sich mit entsprechendem Training auch ohne Leitlinien, mehr oder weniger schnell, mal mit oder ohne Hilfe Überall zurecht finden können, sind Treppen ohne Rampe oder Aufzug für Menschen im Rollstuhl unüberwindlich. Anders sieht es dafür im Internet aus. Viele Webseiten sind für Blinde, die auf Bildschirmlesesysteme angewiesen sind, nicht zugänglich. Hier sind wir diejenigen, die im virtuellen Sinne eine Rampe oder einen Aufzug benötigen. Letztendlich geht es um Selbstverantwortung ohne Bevormundung und darum geht es uns in erster Linie, mit Bedacht entscheiden zu können, wofür es sich überhaupt zu streiten lohnt.