Zentrum des Zuhörens Teil 1

Meine erste Begegnung mit einer Person, die Stotterte, hatte ich, als ich 14 Jahre alt war. Ich begleitete damals meine Eltern und Geschwister zu einem religiösen Treffen und konnte es nicht erwarten, endlich rauszukommen, um meinen eigenen Dingen nachzugehen. Da wurde ich plötzlich hellhörig: neben mir stand eine hübsche junge Frau, die mit einer anderen Besucherin sprach. Ich hörte nicht auf das, was die Frau sagte, sondern wie farbig ihre Stimme klang. Interessant für mich war, dass jedes Wort zu knistern und zu klackern schien. Die Sätze nahmen eine Form an, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Und noch etwas faszinierte mich, die Geduld der Gesprächspartnerin, der Zuhörerin. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als den Platz dieser geduldigen älteren Dame einzunehmen, denn sie hatte mir, ohne, dass sie etwas davon wissen konnte, eine wertvolle Lektion in Sachen Kommunikation erteilt, aber leider hatte ich als Teenager die sozialen Fähigkeiten einer Kartoffel und wagte es nicht, mich in das Gespräch einzuklinken.

Normalisierung von Sprachstörungen

16 Jahre später lernte ich während des kanthari Programms Puneet Singh kennen, einen Stotterer, der im Januar diesen Jahres die Organisation ssstart gründete. Sein Ziel ist es, Sprachstörungen in der Gesellschaft zu normalisieren und er möchte für Akzeptanz verschiedener Kommunikationsstile werben. Ich habe ihn heute kontaktiert, knapp einen Monat nach Abschluss des kanthari-Kurses. Er war guter Dinge und beschrieb, dass die ersten drei Monate zwar nicht einfach waren, er aber bereits jetzt die ersten Resultate des von ihm aufgebauten Netzwerks erkennen könne. Man muss Puneet zugutehalten, dass er unheimlich kontaktfreudig ist. Wenn immer sich eine kleine Chance ergibt, erkundet er Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sowohl mit individuellen Personen als auch mit Organisationen.

Durch seine Verbindung zur Freedom Employability Academy (FEA) steht Puneet kurz vor der Unterzeichnung eines Einjahresvertrags mit einem in den USA ansässigen indischen Ehepaar, das seine Räumlichkeiten in Dwarka, Delhi, ihm als kostenloses ssstart-Zentrum zur Verfügung stellen möchte. 

Aus dem Slum

Dazu kommt, dass ein Teil seiner künftigen Teilnehmer, Jugendliche aus den Slums, gleich um die Ecke leben. Puneet, der selbst in einem Slum in Delhi wohnt, hat sich bereits an die jüngeren Bewohner gewandt und das Interesse von mindestens sechs 12- bis 13-Jährigen gewonnen. Er rechnet mit etwa 20 weiteren Teilnehmern für den nächsten Kommunikationsworkshops im ssstart Zentrum. Um dem Eindruck vieler Eltern entgegenzuwirken, im Zentrum würde nur “unnützes Singen und Tanzen” stattfinden, richtet einer der Eigentümer des Gebäudes auch ein Mathematiknachhilfe-Programm ein.

Die Räumlichkeiten werden gerade umgestaltet, sie werden farbig dekoriert und es wird sogar ein Skatepark angelegt. Angesichts dieser attraktiven Ausstattung ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Zentrum von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten bevölkert wird. Sie kommen vielleicht wegen der Algebra oder der Kick-flips, aber sie werden es als bessere Kommunikatoren verlassen. Das Besondere ist, dass die Freiwilligen, die Puneet bei der Umgestaltung des Zentrums helfen, auch zu den ersten Teilnehmern seines bereits ausgeführten Workshops gehörten. Darunter waren auch 2 oder 3, die stottern oder andere Sprachstörungen haben; so wurde ein integratives Kommunikationsumfeld geschaffen.

Unkomplizierte Interaktionen sind selten

Wie Puneet schon in frühen Lebensjahren erkannte, ist unkomplizierte Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Sprachstörungen eher selten. Es reicht aber nicht aus, die Gesellschaft lediglich über die Existenz von Sprachstörungen aufzuklären und vielleicht dadurch zu sensibilisieren. Nach Ansicht von Puneet ist der Aufbau von Empathie und Geduld der nächste konkrete Schritt zur Normalisierung der Sprachstörung oder sprachlichen Eigenarten.

Diese erste Gruppe war recht interessant. Sie trafen sich zweimal pro Woche online. Zunächst hatten sie viele Fragen zu Puneets Lebensweg, z. B. wie er dazu kam, sein Stottern zu akzeptieren, seine Organisation zu gründen, eine große Online-Fangemeinde aufzubauen usw. Dann erzählten sie von ihrem eigenen Leben und ihren Herausforderungen. Viele der Mädchen waren besonders daran interessiert zu lernen, wie sie ihr “nein” erfolgreich kommunizieren können. Nein zu sagen zur traditionellen Gesellschaft um sie herum, zu den vorgegebenen Plänen ihrer Eltern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, und zu anderen unangenehmen Situationen. ssstart war in der Lage, Situationen aus dem wirklichen Leben zu schaffen und Rollenspiele zu veranstalten, bei denen die Teilnehmerinnen lediglich einen Weg finden sollten, Nein zu sagen.

Pflege der Offline-Kommunikation

Dann traf sich die Gruppe auch persönlich in den Lodhi-Gärten, um die dringend benötigte Offline-Kommunikation zu pflegen. Seine zweite Gruppe besteht aus Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, was eine große Herausforderung darstellt, da sie sich nicht so leicht öffnen können. Aber ssstart entwickelt sich weiter. Innerhalb des letzten Monats ist viel passiert, und das ist ein Grund zum Feiern. Es sollte dann aber ein Fest des Hörens sein! ssstart arbeitet mit Marva Shand-McIntosh, der Gründerin des “I Love to Listen Day” (16. Mai) zusammen.

Puneet sagt: “zuzuhören ist eine der menschlichsten Aktionen, die wir tun können, um unserem Gegenüber zu zeigen, wie wichtig uns Menschen sind. Kommunikationsstörungen und Sprachbehinderungen wie Stottern, geben uns die einzigartige Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und damit einfühlsame Geduld zu demonstrieren.”

Zuhör-Party

Bei der “Zuhörparty” werden zwei Personen zusammengebracht, die ausreichend Zeit haben, ihre Lebensgeschichten miteinander zu teilen.

Aller Anfang ist schwer, aber es ist besonders ermutigend, wenn sich Personen aus Freundes- oder Familienkreisen anschließen. Puneets Schulfreund, Chinmay Panigrahi, ebenfalls ein Stotterer, ist von Beruf Anwalt. Sie waren immer mal wieder sporadisch in Kontakt, aber als Chinmay Puneets Beiträge über ssstart in den sozialen Medien sah, war er begeistert.

Chinmay, der von vielen potenziellen Mandanten bis hin zu Richtern wegen seiner Sprachweise oft nicht ernstgenommen, ja sogar verachtet wird, ist genau der richtige Mann, um sich für die Normalisierung des Stotterns in seinem Beruf einzusetzen.

ssstart ist zweifellos dabei, Lärm zu machen. Man braucht nur noch an Bord zu kommen und zuzuhören.

Bitte Checken Sie regelmäßig den kanthari Blog, Teil Zwei folgt in den nächsten Wochen.

born to be wild

“Alles ist schwierig, jeden Tag gibt es neue Herausforderungen. Aber zum Glück sind wir zu zweit. Wenn der eine mal aufgibt, hat der andere genug Energie, um uns wieder vorwärtszutreiben.” Niwas und Shivani, 2021 kanthari Teilnehmer aus Indien

Die Start-Up Phase

Die Berichte der beiden erinnern mich an unsere eigene Start-phase vor fast 25 Jahren. Damals hatten wir, Paul und ich, die verrückte Idee, in Tibet die erste Blindenschule zu gründen

Jetzt lausche ich den aufgeregten Berichten von Niwas und Shivani und ich fühle mich sofort in unsere eigene Vergangenheit zurückversetzt.
Ich erinnere mich an unseren Versuch, leere, hallende Räume durch sperrmüllreife Betten und Tische ein wenig bewohnbar zu machen,
An die allabendlichen recht kargen Mahlzeiten, dünne Reissuppe mit ein wenig Kohl und Chili Paste gewürzt. Zubereitet auf einem maroden Campingkocher. Mahlzeiten, die uns nur noch hungriger ins Bett entließen.

An die Nächte, in denen man nur unruhig schlief und bei jedem Knistern hochschnellte, um die Ratten, die es auf unsere dürftigen Lebensmittel abgesehen hatten, mit einem “Tschusch!” zu verjagen.
Und ich erinnere mich an das Gefühl nicht wirklich willkommen zu sein, obwohl man doch nur etwas zum Positiven verändern wollte.
Zum Glück waren wir, genau wie Niwas und Shivani, zu zweit, und wenn immer einer von uns die Nase voll hatte und alles hinwerfen wollte, hatte der andere eine Idee, wie wir diese oder jene Herausforderung meistern könnten. So kletterten wir über eine Hürde nach der anderen, bis wir heute schließlich in der Lage sind, andere zu ermutigen, weiter zu klettern.

 

Keine Anfänger mehr

Shivani und Niwas haben uns, den naiven Anfängern von damals, aber etwas Entscheidendes voraus. Sie sind keine Anfänger, sie wissen, was sie tun.
Fast ein Jahr haben sie, während dem kanthari Programm an ihren Ideen gearbeitet, haben ihre Projekte in einer virtuellen Welt ersten Stresstests unterzogen, sich vielen kritischen Fragen von Teilnehmern und Katalysatoren aussetzen müssen und sie haben klare Pläne und überzeugende Strategien entwickelt, wie sie jedes einzelne Problem in den Griff kriegen können.

Es handelt sich bei ihren Projekten um zwei unterschiedliche Ideen, die, aufeinander abgestimmt, sich zu unserem Erstaunen, äußerst gut ergänzen.
Shivanis großer Wunsch ist, mit ihrer neugegründeten Organisation “Wild” etwas zur Rettung der Artenvielfalt, der Wälder beizusteuern. Dabei konzentriert sie sich im Besonderen auf das Training von Frauen der Ureinwohner, die jenseits der großen Metropolen leben und durch die Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft ihre traditionelle Anbaumethoden verloren haben. Zudem ist sie aufgrund ihrer eigenen Sehschädigung, daran interessiert, besonders auch Menschen mit Behinderungen in die natürliche Landwirtschaft zu integrieren.

Niwas möchte mit seinem Projekt Anantmool, eine Schule mit einem ganz eigenen Lehrplan gründen. Es geht ihm besonders um freien, zwanglosen Unterricht, in dem es keine Rolle spielt, ob man sich wie ein Junge oder ein Mädchen fühlt und sich dadurch auf ganz bestimmte Fächer, Aktivitäten oder Spiele beschränkt. In seiner Schule soll es keine Kastenunterschiede, keine Hierarchien geben. Die Lehrer werden mit ihrem Vornamen angesprochen, die Schüler dürfen über das zu Lernende mitentscheiden.

Es handelt sich um zwei große Visionen. Und daher traten wir im Geheimen mental auf die Bremse, als sie uns im Dezember verkündeten, dass die ersten Projekte schon im Januar starten sollten, und die Schule würde dann Mitte Februar eröffnet.

Sie machten aber ihr Versprechen wahr. Mitte Januar berichtete Shivani von ihrem Getreide Kaffee Projekt, dass sie gemeinsam mit ureinwohner und behinderte Frauen ins Leben riefen.

Und Niwas fand im gleichen Dorf eine alte verlassene Schule, die bis vor sieben Jahren von einer christlichen Organisation geleitet wurde. Irgendwann gingen aber die Gelder aus und die Kinder der Dorfeinwohner, die im 3 Kilometer Umkreis keine einzige Schule vorfinden, mussten ohne Bildung aufwachsen. Eine ganze Generation ist also nicht in der Lage, zu lesen, zu schreiben oder Hindi zu sprechen.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell. Shivani und Niwas befreiten die Schule vom Wildwuchs, säuberten die Toiletten von schleimigen Maden und toten Insekten, sie renovierten die Klassenzimmer und befreiten den Spielplatz von Ästen und wucherndem Blattwerk und siehe da, die ersten Kinder tauchten auf und füllten den über Jahre verlassenen Schulhof mit Lachen, Schreien und dem Quietschgeräuschen der alten Schaukeln.

Und noch ein paar Tage später zählte ihre Schule 26 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Es handelt sich um Kinder aus der direkten Umgebung und solche die mehr als zwei Kilometer Schulweg durch Dschungel in einer Berglandschaft hinter sich bringen müssen, um am Unterricht teilnehmen zu können.

Einige Schüler sind Kinder der Frauen, mit denen Shivani bereits gearbeitet hat. Sie haben Vertrauen zu dem fremden Paar. Andere Eltern sind skeptisch und schleichen sich während dem Unterricht in die Schule, um alles selbst unter Augenschein zu nehmen.
“Das ist mir sehr recht,” sagt Niwas, “denn nur so können wir sie überzeugen.”

Bei den Müttern geht die Überzeugungsarbeit schnell von statten. Denn was gibt es eindrücklicher, als zu sehen, dass Kinder mit Spaß lernen. Allerdings ist ihnen die Art des Unterrichts noch fremd.
“Die Woche ist in drei Arbeitsbereiche gegliedert.” erklärt mir Niwas. “Montags und Donnerstags werden Konzepte gelernt. Inhalte sind Hindi und Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Dienstags und Freitags werden die Konzepte in die Praxis umgesetzt. Hier geht es um Erfahrung, um spielerische Experimente. Der Mittwoch ist der Tag des Gemeinwohls, da kochen die Kinder für die armen Familien im umliegenden Dorf oder sie helfen in der Landwirtschaft.”

 

Schlau ausgeklügelt

Das ist schlau ausgeklügelt, denn so gewöhnen sich die Ureinwohner an die Vorteile, die das neue Schulprojekt in ihre Kommune bringt. Und trotz alledem gibt es großen Widerstand.
Shivani erzählt, wie sie nachts von Fremden am Telefon beschimpft werden. “Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden, sagt die Stimme. Und obwohl uns der Dorfoberste  zugesichert hat, dass wir keine Sorgen haben müssten, gibt es nachts Leute die draußen herumschleichen, um uns Angst einzujagen.”

“Aber dann sind da die Kinder und wir wissen, warum wir das ganze aushalten müssen!” sagt Niwas und ich höre sein Lächeln in der Stimme als er von einem kleinen Mädchen erzählt, dass anfangs in Schuluniform auftauchte. Das Mädchen stand immer abseits, wollte bei den wilden Spielen der anderen nicht mitmachen und fühlte sich wohl etwas fehl am Platz. Doch dann kam es, wie die anderen Kinder auch in Alltagskleidung und plötzlich lebte es auf. Das Mädchen fing an auf Bäume zu klettern und sich mit den anderen im Dreck zu balgen. Beim Fußballspielen guckten die Mädchen zunächst noch zu, bis Shivani zeigte, dass jedes Kind Ballspielen kann.

Shivani und Niwas haben bereits einen dritten Mitstreiter, einen jungen Ureinwohner, der ihnen beim Übersetzen hilft und schon einige Unterrichtsfächer übernimmt. Die ersten Hürden sind genommen, und da sie bereits Kindern und Frauen Hoffnung gegeben haben, sind Shivani und
Niwas selbst motiviert, weiterzumachen.

Da schreckt es sie auch nicht zurück, wenn von einem Mangobaum, gleich über dem Pfad zur Außentoilette, eine grüne Giftschlange herunterbaumelt und sich Niwas nur mit einem Hechtsprung retten kann, wenn die Ameisen Kolonien ihre wenigen Vorräte vertilgen oder wenn sie sich nur einmal in der Woche richtig waschen können. All das wird sie für die Zukunft stärken und irgendwann wird es eine spannende Geschichte sein, die andere ermutigt, nur nicht aufzugeben.

Am Ende sind wir alle dazu geboren, in der Wildness zu überleben.

Neustart ins Leben

In diesem Blog erzählt Ihnen Puneet Singhal, 2021 kanthari Teilnehmer, wie er in einem armen Viertel von Neu-Delhi mit einem Stottern aufgewachsen ist. Erfahren Sie wie ihn sei Mentor dazu inspirierte, eine Initiative zu gründen, die sich für Menschen mit Sprachstörungen einsetzt.

Eine Achterbahnfahrt als Lebensweg

Mein bisheriger Lebensweg war eine Achterbahnfahrt. Ich wurde in Neu-Delhi in der Sangam Vihar geboren, einer der größten nicht genehmigten Slum-Kolonien Asiens. Dort leben viele Menschen aus der Arbeiterklasse und ich litt dort oft unter der Armut. Selbst Trinkwasser und der Zugang zu Toiletten waren ein Luxus. Nach Angaben der Times of India stammen 90 % der Kriminellen im Süden Delhis aus diesem Viertel. Die Jugendlichen sind in alle möglichen illegalen Aktivitäten verwickelt und es gibt kaum erkennbare Möglichkeiten für sie. Die Zahl der Selbstmorde unter Jugendlichen ist wegen des Mangels an Beschäftigung stark angestiegen.

Ich hörte auf zu kommunizieren

Als Kind wurde ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen. Ich fühlte mich verletzt und so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können. Ich fühlte mich wie in Fesseln. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen. Jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit und habe aufgehört zu kommunizieren.

Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohl gefühlt hatte, verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Eines Tages fing die ganze Klasse an zu stammeln: “Gu-gu-gu-guten Morgen”. Ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten. Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter. Sie befürchteten, dass ich einen schlechten Einfluss auf sie hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit Sprechen hatte. Ich wurde ständig verspottet und verlor mein Selbstvertrauen völlig.

Das Stottern lindern

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern. Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich normalerweise stecken blieb und reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen. Wenn andere versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder meine Sätze zu beenden, wurde ich noch unsicherer. Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war.

Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach. Aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Funken der Inspiration

Der Austausch mit anderen Social Change Maker aus verschiedenen Kulturen, Ländern und mit unterschiedlichem Hintergrund regte mich zum Nachdenken an und eröffnet mir eine ganz neue Perspektive. Eines Tages sprach ich mit meiner Mentorin Sabriye Tenberken. Sie ist eine blinde, inspirierende Frau und Gründerin von kanthari. kanthari ist ein Führungsprogramm für Visionäre, die einen ethischen sozialen Wandel vorantreiben wollen. Ich erzählte ihr von meiner Teilnahme an der Jahreskonferenz der Indian Stammering Assoziation und wie diese zwei Tage mir geholfen haben, mein Stottern zu akzeptieren. Ich erkannte, dass es mich zu einem geduldigeren, einfühlsameren und bewussteren Menschen gemacht hat. Plötzlich unterbrach mich Sabriye und fragte: “Warum arbeitest Du nicht für Menschen mit Sprachstörungen?”. Diese Frage machte für mich so viel Sinn. Ich sah diese Idee als den Beginn eines neuen Abschnitts in meinem Leben und nannte ihn ‘ssstart’, denn so spreche ich das Wort Start aus.

Mit Sitz in Neu-Delhi wird ssstart ein Zentrum der Hoffnung sein. Durch spannende Workshops, Aktivitäten und Veranstaltungen soll die Wärme der menschlichen Kommunikation bei Menschen mit Sprachstörungen wiederbelebt werden. Wir werden interaktive Räume für Menschen jeden Alters, Geschlechts und Hintergrunds bereitstellen, um freie, verletzliche und geduldige Menschen zu werden. Unser Hauptziel bei ssstart ist es, authentische Kommunikatoren zu schaffen, die ihre Botschaft gründlich vermitteln und ein Gleichgewicht zwischen Sprechen und Zuhören schaffen.

Einschränkungen als Vorteil

Wir glauben, dass jede Einschränkung auch als Vorteil betrachtet werden kann, wir nennen es den “unfairen Vorteil”. Bei ssstart bemühen wir uns, Menschen mit verschiedenen Sprachstörungen wie Stottern, Lispeln, Sigmatismus (wiederholte Verwendung des “s” in jedem Wort) und Aphasie (Schwierigkeiten beim Zusammenfügen von Wörtern und Sprache) zu unterstützen, indem wir uns auf direkte und wahrheitsgemäße Kommunikation konzentrieren und dabei Sprachbehinderungen einbeziehen.

Außerdem setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, die offen kommuniziert, kritisch denkt und Menschen schätzen und Geduld haben. So dass wenn wir, die Sprachgestörten, unsere Botschaften übermitteln wollen, die Nicht-Sprachgestörten zuhören, bis wir fertig sind, auch wenn es einige Zeit dauert. Das bedeutet auch, dass die Zuhörer unsere Sätze nicht beenden, wenn wir nicht weiterkommen.

Wir verdienen es gehört zu werden

Wir werden durch Aktivitäten wie Stand-Up-Comedy, Rappen und Straßentheater Humor beweisen. Wir werden beweisen, dass wir es verdienen, gehört zu werden und in die Gesellschaft zu gehören. Gelegentlich laden wir erfolgreiche Persönlichkeiten mit Sprachbehinderungen ein, um das Selbstvertrauen unserer Teilnehmer zu stärken und ihnen zu zeigen, dass auch sie ihre Träume durch ständige Übung und Entschlossenheit verwirklichen können. Wir bieten Workshops zu den Themen Körpersprache, öffentliches Sprechen und Gebärdensprache an. Zusätzlich holen wir auch Hilfe von erfahrenen Psychologen, für Menschen, die unter Traumata leiden und klinische Unterstützung benötigen.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Konventionen zu hinterfragen, die unsere Existenz mechanisieren. Wir entwickeln Methoden für neue Wege der Kommunikation, die einfach und doch effektiv, langsam und doch dauerhaft, professionell und doch spielerisch sind. Los geht’s!

Sie können sich über Puneets Initiative auf der ssstart-Website informieren.

Ein besonderer Stil der Ko-Kommunikation

Puneet Singh Singhal, Neu-Delhi, Indien, begann zu stottern, als er im Alter von sieben Jahren Zeuge von Gewalt wurde. In Kürze veränderte sich sein Charakter. Verspottet von seinen Klassenkameraden, verwandelte er sich von einem Kind, das liebte, im Rampenlicht zu stehen, zu einem eingeschüchterten Jungen, der sich weitgehend absonderte und jegliche Konversation zu vermeiden suchte. Heute steht Puneet zu seinem besonderen Kommunikationsstil und träumt davon, mit seiner Organisation ssstart diejenigen zu befreien, die wegen ihrer Unfähigkeit, fließend zu kommunizieren, gefangen sind.

Als ich gerade in die Schule ging, war das Leben schön. Ich erinnere mich, dass es mir zu Beginn meiner Schulzeit so viel Spaß machte, Mathematik, Zeichnen, Englisch und Hindi zu lernen. In der Schulversammlung habe ich gerne vor allen unsere Morgenandacht gesprochen und ich habe ohne Scheu die Nationalhymne gesungen. Im Unterricht war ich derjenige, der die Rechentabelle laut vorlas, während meine Klassenkameraden es mir nachmachten.

Doch dann änderte sich alles, als ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen wurde. Ich fühlte mich verletzlich und irgendwie so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken zu fassen. Es war, als wäre ich geknebelt und gefesselt. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen, aber jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit.

Ich hörte auf zu kommunizieren. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohlgefühlt hatte, verwandelte sich in ein “Schlachtfeld”.

Eines Tages fing die ganze Klasse an, “gu-gu-gu-guten Morgen” zu stammeln, und ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten.

Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter, dass ich einen schlechten Einfluss hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit seiner Sprache hatte! Da ich ständig verspottet wurde, verlor ich völlig mein Selbstvertrauen.

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern: Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich nicht weiterkam, reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam extra zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen.

Wenn Leute versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder wenn sie sich bemühten, meine Sätze zu beenden, war das keine Hilfe, mein Stottern wurde mir umso bewusster.

Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war. Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach, aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Im Sommer 2018 kam ich in Kontakt mit Vinayak, einem Mann, der fast 7 Minuten brauchte, um sich vorzustellen. Er war von der Indian Stammering Association (TISA) und lud mich ein, an der jährlichen Konferenz in Delhi teilzunehmen.

Als ich den Rednern zuhörte, war ich erstaunt, wie selbstbewusst und sicher sie in der Öffentlichkeit auftraten. Schon bald fand ich mich in meinem “Stamm” wieder, und nun waren wir diejenigen, die sich über unsere Unfähigkeit, oder sollte ich sagen, unseren besonderen Kommunikationsstil, lustig machten! Zum ersten Mal musste ich nicht mehr vor mir selbst weglaufen.

Am nächsten Tag bekamen wir die Aufgabe, mit Fahrgästen in der U-Bahn von Delhi zu sprechen. Wir erzählten ihnen von unseren Herausforderungen und wie wir uns fühlten, wenn man uns lächerlich machte. Die Leute hörten uns zu und unterschrieben ein Gelöbnis, dass sie auf jeden, der ein Kommunikationsproblem hat, Rücksicht nehmen werden.

All dies half mir, mit mir selbst in Einklang zu kommen und mich und mein Stottern zu akzeptieren. Da ich merkte, dass ich nicht alleine mit dem Problem war, konnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.

Und BUMM! Ich sprang wieder auf die Bühne und nutzte jede Gelegenheit, um kläglich zu versagen, mehr als je zuvor. Aber eines habe ich gelernt: Ich kann jetzt meinen Namen fließend aussprechen, einen Namen, der mit “Pu” beginnt – ein Laut, mit dem ich immer Probleme hatte.

In meiner Heimatstadt Neu-Delhi möchte ich ein Zentrum namens ssstart einrichten. Es wird ein Ort der Kommunikation sein. Wir werden Workshops wie die Folgenden anbieten:

1. What’s the hurry! workroom: Hier arbeiten wir mit Stotterern, Lisplern und Menschen mit anderen Sprachstörungen. Unser Ziel ist es nicht, sie zu behandeln, sondern sie im Leben voranzubringen und ihnen Techniken zu vermitteln, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen umgehen können. Wir machen ihnen Mut, bessere Zuhörer zu werden.

2. Körper ohne Blabla: Die nonverbale Kommunikation ist bei unseren Interaktionen von großer Bedeutung. Augenkontakt, Mimik, Gestik und Körperhaltung sind Teil dessen, was wir “Körpersprache” nennen. In diesem Workshop werden wir den Teilnehmern helfen, verschiedene Formen der nonverbalen Kommunikation zu erkunden.

3. Sprechen mal anders: Hier erkunden wir Möglichkeiten und tauchen tief in die Gebärdensprache und die Blindenschrift ein und erfahren, wie diese Kommunikationsmittel dazu beitragen können, neue Aspekte der Kommunikation zu aktivieren.

4. Das Leben auf der Bühne: Das Sprechen in der Öffentlichkeit ist die
an der weitesten verbreiteten Angst
der Menschen weltweit. In diesem Workshop helfen wir unseren Teilnehmern, Lampenfieber zu überwinden, indem wir das Eis brechen, Gesangsübungen machen und

Möglichkeiten schaffen, sich dem Publikum zu stellen, ohne Angst zu haben. Unser Ziel ist es, die Bühne zu ihrer Komfortzone zu machen und sie von dieser Angst zu befreien. Überall in der Welt gibt es viele Organisationen, die sich mit diesen Sprachstörungen befassen. Sie schaffen Bewusstsein und erheben ihre Stimme, um die Akzeptanz von Stotterern und “talkern” zu erhöhen. Allerdings erlauben sie es Nicht-Stotterern nicht, ihrer Organisation beizutreten. Wenn sie das aber täten, könnten Nichtstotterer sehr viel besser für und mit uns sprechen.

Nur so kann in der Gesellschaft ein neues Umdenken entwickelt werden, um Stottern und andere Sprachstörungen zu normalisieren.

Lasst uns nicht lange reden, let’s ssstart!

Anantmool India

Niwas Kumar stammt aus Bihar im Norden Indiens und befasst sich mit einem ziemlich heiklen Thema: es geht um die Frage, “brauchen wir Geschlechter-Normen?”

Die indische Kultur ist durchsetzt von Normen, die entweder dem einen oder dem anderen Geschlecht zugeordnet sind.

Von frühester Kindheit an ist jeder Aspekt täglicher Aktivitäten klar auf Mädchen oder Jungen, Männer oder Frauen zugeschnitten.

Es hängt vom Geschlecht ab, mit wem man spielen darf, wo man im Bus oder in der Kantine zu sitzen hat und welche Berufe man ausüben soll. Kinder werden in der Schule diskriminiert, wenn sie nicht den Normen entsprechen. Niwas fragt sich, warum das Geschlecht schon in der Kindheit und in der Schule so wichtig ist.

Mit seiner Organisation Anantmool will er ein Lernzentrum gründen, das bewusst keine Unterschiede in den Geschlechtern zulässt. Er ist davon überzeugt, dass jeder alles lernen kann, wenn es keine sozialen und besonders keine geschlechterspezifischen Barrieren gibt.

Im Alter von vier Jahren, wenn Kinder normalerweise mit Puppen oder Autos spielen, zum Kindergarten gehen und von ihren Familien verwöhnt werden, nahm ich mit meiner Mutter an einer Schulung für Kleinstunternehmen teil. In meinem Dorf hatten wir eine Schule mit nur einer Lehrerin, die dort kaum zu sehen war. Ich war auch kaum zu sehen, denn während meiner Grundschulzeit verbrachte ich meine Zeit mit meiner Mutter auf Reisen.

Wir zogen von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, alles, um für mich eine gute Ausbildung zu finden, aber wir hatten keinen Erfolg.

Meine Mutter ist Aktivistin, die gegen Korruption kämpft. Daher wurde meine Familie bedroht, und meine Eltern verloren ihre Arbeit. Das war dann auch das Ende für meine Schullaufbahn, denn ich musste ja arbeiten, um unseren Unterhalt zu decken. Damals war ich gerade 12 Jahre alt.

In dieser Zeit lernte ich jemanden kennen, der mir helfen wollte, ein Geschäft aufzuziehen. Aber ich wollte lieber erst einmal etwas lernen. Unter seiner Anleitung schloss ich mich einer Organisation namens i-Saksham an, wo ich 18 Stunden am Tag arbeiten musste. Allerdings konnte ich mir da alle Fähigkeiten, die ich brauchte, ein Unternehmen zu leiten, aneignen. Nebenher machte ich meinen Bachelor-Abschluss an einer Universität.

Um mehr praktische Erfahrungen zu machen, nahm ich an der Jagriti Yatra (der längsten Zugreise der Welt für junge Sinnsucher) teil und bekam später die Gelegenheit, bei der Organisation “Project Potential” Unternehmer aus ländlichen Regionen auszubilden.

Im Alter von 17 bis 21 Jahren hatte ich die Möglichkeit, 150 Trainer und 200 Schüler im Computerbereich auszubilden. 23 Unternehmern konnte ich helfen, selbstständig zu werden. Während dieser Zeit entwickelte ich großes Interesse für offene Lernformen und für alternative Schul-konzepte.

Im Jahr 2019, während meines Masterstudiums, setzte ich mich mehr und mehr mit Themen der Geschlechter Ungerechtigkeit auseinander.

Damals begegnete ich auf einer Zugfahrt einer Transfrau, die in schwarzen Jeans und einem T-Shirt ziemlich schick aussah, aber um Geld bettelte. Ich hielt sie an und fragte: “Warum bettelst du? Warum hast du keinen normalen Job?” Sie blaffte: “Wer will mir denn schon einen Job geben? Du vielleicht?”

Ich konnte dazu nichts entgegnen, aber sie blieb dran: “Was machst du denn überhaupt?”

Ich erzählte, ich sei für Forschungsarbeiten nach Uttarakhand unterwegs.

“Okay,” meinte sie flapsig. “Warum forschst du dann nicht mal über mich?” Und dann wurde sie richtig gesprächig: “Finde doch mal heraus, warum mich Gott so gemacht hat. Und wenn Gott sich dabei etwas gedacht hat, warum akzeptieren mich die Leute nicht so wie ich bin?”  Damit ließ sie mich allein zurück und mir hatte es für eine Zeit lang die Sprache verschlagen.  Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Aber etwas veränderte sich in mir und ich erinnerte mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit, als ich 7 Jahre alt war. Meine Mutter hatte mir im Zug die Augen geschlossen, als eine Transfrau vorbeikam. Meine Mutter sagte, dass diese Frau keine Frau sei, dass sie einen Saree trage, nur um Geld zu betteln.

Ich begann, mich mit dem Thema Transgender zu beschäftigen und fand heraus, dass die Transgender-Gemeinschaft, die am stärksten von geschlechtsspezifischer Diskriminierung betroffene Randgruppe in Indien ist. Es handelt sich um eine der am meisten vernachlässigten Gemeinschaften, die kaum Zugang zu öffentlichen Diensten hat.

Damals gründete ich eine Gruppe von fünf Studenten und begann, Ausstellungen zu organisieren, um die Menschen auf die Geschlechtervielfalt aufmerksam zu machen.

Eines Tages erhielt eines unserer Gruppenmitglieder einen Anruf von einem 17-jährigen Trans-Mädchen aus Delhi. Sie erzählte, wie ihre Familie sie wegen der Transidentität bedrohe. Es war ein Hilferuf und wir waren bereit, sie da rauszuholen. Alles war geplant. Doch an dem Tag, an dem es passieren sollte, sie war schon früh morgens ausgebrochen, ging nach wenigen Minuten die Nachricht ein, sie sei von ihrer Familie erwischt worden. Dann brach der Kontakt abrupt ab und seit Dezember 2019 war sie verschwunden.

Das war ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben. Ich beschloss, keine andere Arbeit mehr zu machen, sondern mich darauf zu konzentrieren, einen Raum zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche frei von jeglichen Geschlechternormen leben können. Nachdem ich mehr gelesen und mit vielen Trans-Personen gesprochen hatte, wurde mir klar, dass wir Bildung in einem geschlechtsfreien Raum anbieten müssen, damit diejenigen, die unter Geschlechtsdysphorie leiden, in die Lage versetzt werden, sich selbst in die Gesellschaft zu integrieren.

Niwas wird seinen kanthari TALK am Freitag, den 17. Dezember 2021 um 17:10 Indian Standard Time präsentieren. (13:40 EST)
Weitere Informationen über die kanthari TALKS finden Sie unter http://www.kantharitalks.org/

Vom Beobachter zum Akteur

Puneet Singhal, kanthari-Teilnehmer, 2021

Meine Weg von einem Mainstream-Jobber zu einem sozialen Change Maker, von einem Beobachter zum Akteur, begann mit verschiedenen Fragen: Was ist der Sinn der menschlichen Existenz und wie kann ich mein Leben sinnvoll gestalten?

Leider ermutigt das indische Bildungssystem weder dazu, Fragen zu stellen, noch fördert es unabhängige Recherche. Zum Glück gaben mir meine Eltern genug Raum, neugierig zu bleiben. Sie ließen meiner Fantasie freien Lauf. Sie sind beide wunderbare Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Meinungen.

An einem Punkt jedoch kriselte es zwischen den Beiden. Obwohl ich nur ein Beobachter und nicht direkt involviert war, verunsicherten mich diese Konflikte und sie ließen mich ängstlich und gestresst zurück. Ich weiß nicht mehr, wann ich mich in einen Introvertierten Menschen verwandelte und wann ich anfing, Blickkontakt zu vermeiden. Ich begann zu stottern, aber nur, wenn ich über mich selbst sprechen sollte, wenn ich “Puneet” war. Nicht aber, wenn ich eine Rolle in einem Theaterstück spielen sollte oder wenn ich als Beobachter ein bestimmtes Ereignis beschrieb. Aber wer bin ich? Wer ist Puneet und warum bin ich hier in dieser Welt? Diese Fragen sind mit vielen anderen Fragen verknüpft: Meine Suche nach dem “Sinn des Lebens” entwickelt sich jeden Tag weiter. Jedes Wort, das ich lese, jedes Ereignis, das ich erlebe, und jeder Mensch, dem ich begegne, erinnert mich an diese Fragen.

Als Beobachter möchte ich mich nicht in einem Beobachtungsposten verstecken. Ich versuche bewusst, mich selbst herauszufordern und an den Herausforderungen zu wachsen. Ich ging weiterhin verschiedenen Interessen nach, und das immer auf der Suche nach Befreiung. So engagierte ich mich ehrenamtlich für verschiedene soziale Themen. Mit der Zeit bekam ich ein Gefühl der Zugehörigkeit, besonders zu Menschen, die einen sozialen Wandel vorantreiben wollen.

Und irgendwann fand ich den einen Ort, wo ich kein Außenseiter mehr war. Zuvor war ich Außenseiter in den unterschiedlichen sozialen Konstrukten, in meiner Stadt, in meiner Kaste, in meiner Schule und sogar in meiner Großfamilie.

Nach dem Abschluss meines Studiums begann ich in einer internationalen Bank zu arbeiten. Aber bald merkte ich, dass ich versuchte, in etwas hineinzupassen, das nicht zu mir passte. Nach einem Jahr der Beschäftigung verstand ich: In einem Ratten-Rennen bleibt der Gewinner immernoch eine Ratte!

Ich kündigte meinen Job überstürzt und begann das zu tun, was ich schon immer tun wollte: Meine zwei Freunde und ich gründeten im Juli 2018 eine Organisation namens “The Caring Hands Foundation”. Es ist ein Trainingszentrum für umgangssprachliches Englisch und für Computer-Skills. Nun, das Zentrum war nicht viel mehr als die Terrasse meines Hauses. Aber wir hatten eine klare und einfache Regel: Sobald man die Terrasse betrat, durfte nur Englisch gesprochen werden.

Ich gehöre zu einem Teil von Delhi, dem Sangam Vihar. Es handelt sich um den größten nicht autorisierten Slum Asiens. Hier lebt zu einem grossen Teil die unterste Arbeiterklasse.

Nach Angaben der Times of India stammen 90 % der Kriminellen im Süden Delhis aus diesem Arbeiteviertel. Die Jugendlichen sind in Drogen, Gewalt, Raub und allen möglichen Arten von illegalen Aktivitäten verwickelt. Auch die Zahl der Selbstmorde unter den Jugendlichen steigt aufgrund der fehlenden Beschäftigung stark an. Es gibt einfach keine Chancen.

Aufgrund mangelnder Erfahrung im Management einer solchen Organisation, überarbeiteten wir uns vollkommen. Und dann stolperte ich über einen Beitrag in einer Facebook-Gruppe, in dem kanthari erwähnt wurde, ein Trainings-Institut für Social Change Maker. Als ich die kanthari Website genauer in Augenschein nahm, um mehr über den Lehrplan zu erfahren, war mir klar: Das war genau das, was wir, meine Freunde und ich brauchten.

Vieles in diesem Curriculum war neu für mich, selbst der Auswahlprozess mit intensiven Interviews war eine bereichernde Erfahrung.

Und dann kam uns allen die Pandemie in die Quere. Das kanthari Program von 2020 wurde um ein Jahr verschoben und auch unser Zentrum musste schließen. Stattdessen verteilten wir Masken und Desinfektionsmittel.

Als Beobachter stellte ich fest, dass die Covid-Pandemie viele unerwartete Nebenwirkungen mit sich brachte: Ich wurde Zeuge plötzlicher Ausbrüche von Fake News und gefälschten Videos, die eine ganz bestimmte Religionsgemeinschaft für die Verbreitung von Covid-19 in Indien verantwortlich macht. Um dieser Hasskampagne entgegenzuwirken, entwarf ich ein “Cyber-Hygiene”-Programm. Ich war der Meinung, dass das Praktizieren einer angemessenen Online-Etikette genauso wichtig ist wie die Einhaltung der körperlichen Hygiene, wie z. B. das Händewaschen.

Später setzten wir uns auch gegen Online-Mobbing, Trolling, Finanzbetrug und andere Missbräuche ein. Wir sind der Meinung, dass wir durch Kampagnen und durch Beratung unsere Online-Nutzer weniger anfällig für Cyber-Attacken machen. Es war das erste Programm, für das ich eine Finanzierung von einer internationalen Organisation erhielt.

Unsere Bemühungen wurden von der Delhi Minority Commission und vom UN Global Compact Network anerkannt. Ich war ein Jahr lang Mitglied des Friedenskomitees der Delhi Minority Commission. Die Online-Lernplattform Coursera bot uns eine Hilfe an, indem sie unseren Studenten freien Zugang zu ihren Kursen gab. Das half uns, unsere Arbeit Online fortzusetzen.

Jetzt befinde ich mich auf dem kanthari-Campus in Kerala. Mein Fokus hat sich inzwischen etwas gewandelt. Ich lerne nun nicht nur, wie man eine soziale Organisation führt, sondern auch, wie man eine Vision formuliert, kommuniziert und entsprechend agiert. Um meine Ideen in der realen Welt zu verwirklichen, muss ich hier auch lernen, zu verlernen.

Indem ich Zeit mit anderen Themen mit anderen Social Change Makers aus verschiedenen Kulturen, Ländern und Hintergründen verbringe, fange ich an, kritischer nachzudenken, zu diskutieren, mir eine Meinung zu bilden. Das gibt mir eine ganz neue Perspektive.

Ich freue mich auf die kommenden Monate, darauf, mehr zu lernen und mich als sozialer Akteur zu etablieren und mich vielleicht sogar zu einem besseren Menschen weiterzuentwickeln. Und hier in kanthari, da bin ich mir sicher, werde ich die Antwort auf meine Fragen finden: “Was ist der Sinn der menschlichen Existenz und wie kann ich mein Leben sinnvoller gestalten?”.