Umwelt und Frieden – Verbindungen knüpfen

Nduku’s Organisation heisst Xhuma Africa. Eine Friedensakademie, die in Kamerun afrikanische Jugendliche befähigt, ihre lokalen Gemeinschaften in friedliche und umweltfreundliche Umgebungen zu verwandeln.

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Kunst statt Droge

Mit einer Kunstschule möchte Claude der Jugend in Kamerun einen Ausweg aus den Drogen und der Kriminalität bieten.

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Der Funke zum Sozialen Wandel

Gauthams Organisation heisst Fireflies. Wenn jemand Hilfe braucht, treffen sie sich, um zusammen so hell wie nur möglich zu leuchten.

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Zentrum des Zuhörens Teil 1

Meine erste Begegnung mit einer Person, die Stotterte, hatte ich, als ich 14 Jahre alt war. Ich begleitete damals meine Eltern und Geschwister zu einem religiösen Treffen und konnte es nicht erwarten, endlich rauszukommen, um meinen eigenen Dingen nachzugehen. Da wurde ich plötzlich hellhörig: neben mir stand eine hübsche junge Frau, die mit einer anderen Besucherin sprach. Ich hörte nicht auf das, was die Frau sagte, sondern wie farbig ihre Stimme klang. Interessant für mich war, dass jedes Wort zu knistern und zu klackern schien. Die Sätze nahmen eine Form an, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Und noch etwas faszinierte mich, die Geduld der Gesprächspartnerin, der Zuhörerin. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als den Platz dieser geduldigen älteren Dame einzunehmen, denn sie hatte mir, ohne, dass sie etwas davon wissen konnte, eine wertvolle Lektion in Sachen Kommunikation erteilt, aber leider hatte ich als Teenager die sozialen Fähigkeiten einer Kartoffel und wagte es nicht, mich in das Gespräch einzuklinken.

Normalisierung von Sprachstörungen

16 Jahre später lernte ich während des kanthari Programms Puneet Singh kennen, einen Stotterer, der im Januar diesen Jahres die Organisation ssstart gründete. Sein Ziel ist es, Sprachstörungen in der Gesellschaft zu normalisieren und er möchte für Akzeptanz verschiedener Kommunikationsstile werben. Ich habe ihn heute kontaktiert, knapp einen Monat nach Abschluss des kanthari-Kurses. Er war guter Dinge und beschrieb, dass die ersten drei Monate zwar nicht einfach waren, er aber bereits jetzt die ersten Resultate des von ihm aufgebauten Netzwerks erkennen könne. Man muss Puneet zugutehalten, dass er unheimlich kontaktfreudig ist. Wenn immer sich eine kleine Chance ergibt, erkundet er Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sowohl mit individuellen Personen als auch mit Organisationen.

Durch seine Verbindung zur Freedom Employability Academy (FEA) steht Puneet kurz vor der Unterzeichnung eines Einjahresvertrags mit einem in den USA ansässigen indischen Ehepaar, das seine Räumlichkeiten in Dwarka, Delhi, ihm als kostenloses ssstart-Zentrum zur Verfügung stellen möchte. 

Aus dem Slum

Dazu kommt, dass ein Teil seiner künftigen Teilnehmer, Jugendliche aus den Slums, gleich um die Ecke leben. Puneet, der selbst in einem Slum in Delhi wohnt, hat sich bereits an die jüngeren Bewohner gewandt und das Interesse von mindestens sechs 12- bis 13-Jährigen gewonnen. Er rechnet mit etwa 20 weiteren Teilnehmern für den nächsten Kommunikationsworkshops im ssstart Zentrum. Um dem Eindruck vieler Eltern entgegenzuwirken, im Zentrum würde nur “unnützes Singen und Tanzen” stattfinden, richtet einer der Eigentümer des Gebäudes auch ein Mathematiknachhilfe-Programm ein.

Die Räumlichkeiten werden gerade umgestaltet, sie werden farbig dekoriert und es wird sogar ein Skatepark angelegt. Angesichts dieser attraktiven Ausstattung ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Zentrum von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten bevölkert wird. Sie kommen vielleicht wegen der Algebra oder der Kick-flips, aber sie werden es als bessere Kommunikatoren verlassen. Das Besondere ist, dass die Freiwilligen, die Puneet bei der Umgestaltung des Zentrums helfen, auch zu den ersten Teilnehmern seines bereits ausgeführten Workshops gehörten. Darunter waren auch 2 oder 3, die stottern oder andere Sprachstörungen haben; so wurde ein integratives Kommunikationsumfeld geschaffen.

Unkomplizierte Interaktionen sind selten

Wie Puneet schon in frühen Lebensjahren erkannte, ist unkomplizierte Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Sprachstörungen eher selten. Es reicht aber nicht aus, die Gesellschaft lediglich über die Existenz von Sprachstörungen aufzuklären und vielleicht dadurch zu sensibilisieren. Nach Ansicht von Puneet ist der Aufbau von Empathie und Geduld der nächste konkrete Schritt zur Normalisierung der Sprachstörung oder sprachlichen Eigenarten.

Diese erste Gruppe war recht interessant. Sie trafen sich zweimal pro Woche online. Zunächst hatten sie viele Fragen zu Puneets Lebensweg, z. B. wie er dazu kam, sein Stottern zu akzeptieren, seine Organisation zu gründen, eine große Online-Fangemeinde aufzubauen usw. Dann erzählten sie von ihrem eigenen Leben und ihren Herausforderungen. Viele der Mädchen waren besonders daran interessiert zu lernen, wie sie ihr “nein” erfolgreich kommunizieren können. Nein zu sagen zur traditionellen Gesellschaft um sie herum, zu den vorgegebenen Plänen ihrer Eltern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, und zu anderen unangenehmen Situationen. ssstart war in der Lage, Situationen aus dem wirklichen Leben zu schaffen und Rollenspiele zu veranstalten, bei denen die Teilnehmerinnen lediglich einen Weg finden sollten, Nein zu sagen.

Pflege der Offline-Kommunikation

Dann traf sich die Gruppe auch persönlich in den Lodhi-Gärten, um die dringend benötigte Offline-Kommunikation zu pflegen. Seine zweite Gruppe besteht aus Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, was eine große Herausforderung darstellt, da sie sich nicht so leicht öffnen können. Aber ssstart entwickelt sich weiter. Innerhalb des letzten Monats ist viel passiert, und das ist ein Grund zum Feiern. Es sollte dann aber ein Fest des Hörens sein! ssstart arbeitet mit Marva Shand-McIntosh, der Gründerin des “I Love to Listen Day” (16. Mai) zusammen.

Puneet sagt: “zuzuhören ist eine der menschlichsten Aktionen, die wir tun können, um unserem Gegenüber zu zeigen, wie wichtig uns Menschen sind. Kommunikationsstörungen und Sprachbehinderungen wie Stottern, geben uns die einzigartige Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und damit einfühlsame Geduld zu demonstrieren.”

Zuhör-Party

Bei der “Zuhörparty” werden zwei Personen zusammengebracht, die ausreichend Zeit haben, ihre Lebensgeschichten miteinander zu teilen.

Aller Anfang ist schwer, aber es ist besonders ermutigend, wenn sich Personen aus Freundes- oder Familienkreisen anschließen. Puneets Schulfreund, Chinmay Panigrahi, ebenfalls ein Stotterer, ist von Beruf Anwalt. Sie waren immer mal wieder sporadisch in Kontakt, aber als Chinmay Puneets Beiträge über ssstart in den sozialen Medien sah, war er begeistert.

Chinmay, der von vielen potenziellen Mandanten bis hin zu Richtern wegen seiner Sprachweise oft nicht ernstgenommen, ja sogar verachtet wird, ist genau der richtige Mann, um sich für die Normalisierung des Stotterns in seinem Beruf einzusetzen.

ssstart ist zweifellos dabei, Lärm zu machen. Man braucht nur noch an Bord zu kommen und zuzuhören.

Bitte Checken Sie regelmäßig den kanthari Blog, Teil Zwei folgt in den nächsten Wochen.

Mitten im Netz von Gleichgesinnten – Mirranda Tiri – Zimbabwe

Vielen kanthari Absolventen, die die ersten großen Wellenbrecher hinter sich gelassen haben, geht es genau wie uns damals vor vielen Jahren. Obwohl es scheint, als seien die größten Hindernisse überwunden. Obwohl man weiß, in welche Richtung es nun gehen soll. Wir alle fallen früher oder später in ein Loch, aus dem wir uns nur mit Mühen wieder hinausmanövrieren können. Man fühlt sich allein, unverstanden und vielleicht etwas fehl am Platz. Denn kanthari zu sein bedeutet oft, ganz anders als andere an Probleme heranzugehen.

Wenn man keinem Netzwerk von ähnlich funktionierenden, ähnlich denkenden Menschen angehört, wenn man nicht von anderen Projekt-Initiatoren motiviert und zum Weitermachen angefeuert wird, dann ist man schnell am Ende und das, noch bevor das Projekt erst richtig angefangen hat.

Damals in Tibet hatten wir enge freundschaftliche Kontakte zur recht überschaubaren Expatriot-Community. Zu Franzosen, Belgiern, Italienern und Engländern, die für die dort Ansässigen Hilfsorganisationen arbeiteten. In Krisenzeiten, wenn Spendengelder ausblieben und wir unsere blinden Kinder für den Winter nicht einkleiden konnten, dann half man uns schnell und unbürokratisch aus. Im Gegenzug revanchierte sich Paul mit technischem Knowhow, sorgte für erste Internetanschlüsse oder zeichnete Baupläne für Dorfkliniken und Büroräume. Zusammen feierte man Geburtstage oder Halloween. Diejenigen, die den langen kalten Wintern trotzten, kamen zusammen, um sich an einem Elektro-Ofen, der aufgrund mangelnder Elektrizität eigentlich nicht legal betrieben werden durfte, zu wärmen, und gemeinsam fabrizierten wir aus uns unbekannten lokalen Lebensmitteln so etwas wie eine Pizza oder ein Pasta Gericht.

Was uns jedoch trotz der vielen Freundschaften in der Fremde fehlte, waren Gleichgesinnte. Bei den Expats handelte es sich zum Großteil um Delegierte von Medicines sans Frontieres oder Save the Children, selten um die Gründer der Organisationen selbst. Wir sehnten uns nach Kontakten zu Leuten, die wie wir so verrückt waren, sich zu zutrauen, ein Hilfsprojekt, eine Schule, oder eine Klinik aus dem Boden zu stampfen. Es war doch etwas ganz anderes, ob man “nur” die im fernen Europa ausgeklügelten Hilfsmaßnahmen umsetzte, von anderen gesammelten Spendengeldern ausgab und vorher entschiedene Operationen ausführte oder ob man gleichermaßen Verantwortung für alle projektrelevanten Teilbereiche hatte. Daher wünschen wir uns heute, dass es den kantharis mit ihren Netzwerken besser ergeht. Wir freuen uns über jegliche Anzeichen der generationenübergreifenden Solidarität.

Besonders diejenigen, die aus Ländern stammen, in denen schon viele kantharis erfolgreich wirken, haben großes Glück. Denn während Freunde oder Familienangehörige den neuen, oft sehr unkonventionellen Projekt-Ideen eher skeptisch gegenüberstehen, haben die erfahrenen kantharis immer ein offenes Ohr. Und, da sie die Bürokratie, die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen ihres eigenen Landes aus erster Hand genau kennen, können sie den “Startern” mit praktischen Problem-Lösungen zur Seite stehen.

Ein gutes Beispiel für ein Solidaritätsnetzwerk unter kantharis ist die Gruppe aus dem Süd-Afrikanischen Zimbabwe. Besonders die Berichte Mirrandas machen deutlich, wie wichtig solch eine generationsübergreifende Hilfestellung in der Anfangsphase sein kann.

Nachdem Mirranda vor knapp einem Vierteljahr nach Zimbabwe zurückgekehrt ist, mache ich einen ersten Anruf:

“Hallo?”

“Hi!”

“Kannst Du mich hören?”

Immer das Gleiche, denn entweder hier oder auf der anderen Seite der Welt, irgendwo gibt es immer Internet Probleme. Das schreckt uns aber nicht davon zurück, uns regelmäßig mit den frisch zertifizierten kantharis auszutauschen. Und in dieser Woche ist Mirranda an der Reihe. Sie gehörte, mit ihren 20 Jahren, zu den jüngsten kanthari Teilnehmern. Offiziell heißt es auf unserer Webseite, dass wir erst ab 22 Jahren Anmeldungen akzeptieren. Sonst sehen wir uns offen für alle Altersgruppen. Nun, ein gutes Maß an Lebenserfahrung muss schon sein. Als wir aber die Bewerbung von Mirranda durchsahen und uns ein kleiner Einblick in ihren Lebenslauf gewährt wurde, verlor das Mindestalter seine Bedeutung.

Während des siebenmonatigen Kurses hier in Kerala saß ich mit Mirranda für viele Stunden auf unserer Dachterrasse und hörte mir ihre Lebensgeschichte an. Ich war erschüttert, erstaunt, sprachlos und dann wieder voller Bewunderung. Beim Zuhören musste ich mir wieder und wieder vor Augen halten, dass sie all das, was mindestens drei Leben hätte füllen können, in nur 20 Lebensjahren erfahren hatte.

Mirranda war gerade einmal sechs Jahre alt, als die Mutter, die von Gewalt und Alkohol überschattete Beziehung mit ihrem Mann nicht mehr aushielt. Sie liess die Kinder beim Vater zurück, um selbst ein neues Leben in Südafrika zu starten.

 

Von da an wurden Mirranda und ihre zwei Jahre ältere Schwester zu unfreiwilligen Nomaden. Sie zogen von einer Familie zur nächsten und überall fühlten sie sich nicht zugehörig, ausgenutzt und immer ‘zu viel’. Mirranda erzählt von täglicher verbaler Gewalt, von offensichtlicher Ablehnung und von einer Vergewaltigung durch einen ihrer entfernteren Cousins. Der Cousin bedrohte sie mit den Worten: “Ukangotaura chete ndinokuuraya nemhuri yako” (Falls Du jemanden etwas erzählst, werde ich Dich und Deine Familie umbringen.)

In der Vorstellungsrunde, gleich zu Beginn des Kurses erzählte sie zum ersten Mal davon. Damals verschämt und mit zitternder Stimme. Auf der Dachterrasse, knapp drei Monate später, beschrieb sie erneut diese traumatische Erfahrung. Diesmal ganz ohne Scham, dafür aber mit Wut. Sie machte mir klar, dass sie es fortan nicht mehr verheimlichen wollte. Das verursachte eine mittlere Familienkrise, denn ohne den Namen des Cousins zu nennen, machte sie durch Social Media ihr Erlebnis öffentlich.

“Er kann mich nicht mehr töten, denn das kleine hilflose Kind von damals ist schon tot. Stattdessen lebe ich! Ich bin stark und ich weiß, mich zu wehren.”

Genau das nimmt man ihr ab, wenn man sie, wie bei den kanthari Talks auf der Bühne sprechen sieht. Sie ist für alle Zuhörer deutlich eine Überlebende. Stark, aber nicht verbittert, erzählt sie von dunklen, untröstlichen, aber auch von wunderschönen Zeiten. Als sie etwa neun Jahre alt war, kam ihre Mutter zurück, um sie und ihre Schwester mitzunehmen. Die Mutter hatte sich in einen Deutschen Expatriat verliebt und zum ersten Mal, allerdings nur für wenige Jahre, erlebten die beiden Kinder, was es bedeutet, einer geborgenen liebevollen Familie anzugehören. Der neue Stiefvater hatte einen Traum. Er wollte in Namibia ein Ökotourismus Camp aufbauen. Die Wildnis, der See, die Nilpferde und die nächtlichen Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel war für ganze fünf Jahre ihr Zuhause. Dann aber wurde die Mutter schwer krank. Man brachte sie zurück nach Zimbabwe, wo sie schliesslich verstarb. Mirranda war gerade einmal 14 Jahre alt.

“Von da an wurden wir wieder von einem zum anderen verschoben. Hin und wieder lebte ich auch im Internat. Überall fühlte ich mich einsam.”

Irgendwann heckten die Geschwister ein Plan aus. Sie wollten zurück nach Namibia, zurück zu ihrem Stiefvater. Doch als sie ihn kontaktierten, fanden sie heraus, dass er sich nach dem Tod der Mutter das Leben genommen hatte.

“Am Ende wohnten wir bei unserem Großvater. Doch auch der hatte schon bald die Nase voll und warf uns hinaus. Das war unser Glück, denn jetzt konnten wir offiziell für uns selbst sorgen. Meine Schwester und ich mieteten ein Zimmer und zum ersten Mal hatten wir ein Zuhause.”

Und was entstand aus all ihren guten und schlechten Erfahrungen? In ihrer Rede während den kanthari Talks beschreibt sie ihr Traum-Projekt mit Namen “Khanya Africa”.

Sie richtet sie sich an Teenager, die sich wie sie selbst mit den Veränderungen mit ihrem eigenen Körper und von der Welt da draußen verlassen fühlen. Sie möchte besonders jugendlichen Mädchen dazu gewinnen, sich im Falle gefühlter Einsamkeit Hilfe zu suchen. Entweder professioneller Art oder sie können sich an Khanya Africa wenden.

 

Zur Erneuerung der Motivation und des Selbstbewusstseins, wird sie Workshops und Wildness-Camps organisieren. Sie möchte, dass viele Teenager ähnlich gute Erfahrungen mit der Wildnis haben, wie sie selbst und ihre Schwester damals in Namibia.

Ein deutscher Bekanter, Vater von zwei pubertierenden Jugendlichen, sah sie gemeinsam mit seinem älteren Sohn im kanthari talks Live-Stream. Der Sohn, der gerade durch eine Motivationskrise ging, war von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Willensstärke und ihrer Offenheit so angetan, dass er sich überlegte, freiwillig ein Referat über Mirranda und ihr Leben in der Schule zu halten.

Und was ist aus ihren Ideen geworden?

Bereits Anfang dieses Jahres organisierte sie ihren ersten Khanya Workshop mit 14 Mädchen zwischen 9 und 20 Jahren.

Viele der Jugendlichen berichteten von ihren Emotionen, von ihren Ängsten nicht geliebt zu sein, von ihrer Sorge vor der Zukunft, aber auch von ihren Hoffnungen, selbst Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Die 18jährige Ruvimba (Namen geändert) berichtete zum ersten Mal im Leben über erfahrenen sexuellen Missbrauch. Und genau wie Mirranda möchte sie kein Opfer sein, sondern anderen Kindern helfen, sich zu wehren.

“Sie wird sich bestimmt einmal für kanthari bewerben.” sagt Mirranda, und ich höre, wie sie sich freut, ein Glied in der kanthari Kette sein zu können.

Mirranda selbst erfuhr vom kanthari Programm durch Trevor, einem Absolventen von 2018, der sich mit seiner Organisation “Purple Hand Africa” für die unterdrückte und kriminalisierte LGBTQ-Gemeinschaft einsetzt. Gemeinsam kontaktierten sie Nancy, eine engagierte Initiatorin einer Schule und Teilnehmerin des 2022 kanthari Kurses. Nancy bot Mirranda Räumlichkeiten in ihrer Schule für ihren ersten Khanya Workshop an. So wird die Information über kanthari von einer Generation an die nächste weitergeleitet. Und langsam spinnt sich ein Netzwerk von engagierten Veränderern, Projektgründern und Initiatoren, eine Gemeinschaft, die wir damals so dringend benötigt hätten.

Neustart ins Leben

In diesem Blog erzählt Ihnen Puneet Singhal, 2021 kanthari Teilnehmer, wie er in einem armen Viertel von Neu-Delhi mit einem Stottern aufgewachsen ist. Erfahren Sie wie ihn sei Mentor dazu inspirierte, eine Initiative zu gründen, die sich für Menschen mit Sprachstörungen einsetzt.

Eine Achterbahnfahrt als Lebensweg

Mein bisheriger Lebensweg war eine Achterbahnfahrt. Ich wurde in Neu-Delhi in der Sangam Vihar geboren, einer der größten nicht genehmigten Slum-Kolonien Asiens. Dort leben viele Menschen aus der Arbeiterklasse und ich litt dort oft unter der Armut. Selbst Trinkwasser und der Zugang zu Toiletten waren ein Luxus. Nach Angaben der Times of India stammen 90 % der Kriminellen im Süden Delhis aus diesem Viertel. Die Jugendlichen sind in alle möglichen illegalen Aktivitäten verwickelt und es gibt kaum erkennbare Möglichkeiten für sie. Die Zahl der Selbstmorde unter Jugendlichen ist wegen des Mangels an Beschäftigung stark angestiegen.

Ich hörte auf zu kommunizieren

Als Kind wurde ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen. Ich fühlte mich verletzt und so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können. Ich fühlte mich wie in Fesseln. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen. Jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit und habe aufgehört zu kommunizieren.

Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohl gefühlt hatte, verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Eines Tages fing die ganze Klasse an zu stammeln: “Gu-gu-gu-guten Morgen”. Ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten. Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter. Sie befürchteten, dass ich einen schlechten Einfluss auf sie hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit Sprechen hatte. Ich wurde ständig verspottet und verlor mein Selbstvertrauen völlig.

Das Stottern lindern

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern. Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich normalerweise stecken blieb und reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen. Wenn andere versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder meine Sätze zu beenden, wurde ich noch unsicherer. Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war.

Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach. Aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Funken der Inspiration

Der Austausch mit anderen Social Change Maker aus verschiedenen Kulturen, Ländern und mit unterschiedlichem Hintergrund regte mich zum Nachdenken an und eröffnet mir eine ganz neue Perspektive. Eines Tages sprach ich mit meiner Mentorin Sabriye Tenberken. Sie ist eine blinde, inspirierende Frau und Gründerin von kanthari. kanthari ist ein Führungsprogramm für Visionäre, die einen ethischen sozialen Wandel vorantreiben wollen. Ich erzählte ihr von meiner Teilnahme an der Jahreskonferenz der Indian Stammering Assoziation und wie diese zwei Tage mir geholfen haben, mein Stottern zu akzeptieren. Ich erkannte, dass es mich zu einem geduldigeren, einfühlsameren und bewussteren Menschen gemacht hat. Plötzlich unterbrach mich Sabriye und fragte: “Warum arbeitest Du nicht für Menschen mit Sprachstörungen?”. Diese Frage machte für mich so viel Sinn. Ich sah diese Idee als den Beginn eines neuen Abschnitts in meinem Leben und nannte ihn ‘ssstart’, denn so spreche ich das Wort Start aus.

Mit Sitz in Neu-Delhi wird ssstart ein Zentrum der Hoffnung sein. Durch spannende Workshops, Aktivitäten und Veranstaltungen soll die Wärme der menschlichen Kommunikation bei Menschen mit Sprachstörungen wiederbelebt werden. Wir werden interaktive Räume für Menschen jeden Alters, Geschlechts und Hintergrunds bereitstellen, um freie, verletzliche und geduldige Menschen zu werden. Unser Hauptziel bei ssstart ist es, authentische Kommunikatoren zu schaffen, die ihre Botschaft gründlich vermitteln und ein Gleichgewicht zwischen Sprechen und Zuhören schaffen.

Einschränkungen als Vorteil

Wir glauben, dass jede Einschränkung auch als Vorteil betrachtet werden kann, wir nennen es den “unfairen Vorteil”. Bei ssstart bemühen wir uns, Menschen mit verschiedenen Sprachstörungen wie Stottern, Lispeln, Sigmatismus (wiederholte Verwendung des “s” in jedem Wort) und Aphasie (Schwierigkeiten beim Zusammenfügen von Wörtern und Sprache) zu unterstützen, indem wir uns auf direkte und wahrheitsgemäße Kommunikation konzentrieren und dabei Sprachbehinderungen einbeziehen.

Außerdem setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, die offen kommuniziert, kritisch denkt und Menschen schätzen und Geduld haben. So dass wenn wir, die Sprachgestörten, unsere Botschaften übermitteln wollen, die Nicht-Sprachgestörten zuhören, bis wir fertig sind, auch wenn es einige Zeit dauert. Das bedeutet auch, dass die Zuhörer unsere Sätze nicht beenden, wenn wir nicht weiterkommen.

Wir verdienen es gehört zu werden

Wir werden durch Aktivitäten wie Stand-Up-Comedy, Rappen und Straßentheater Humor beweisen. Wir werden beweisen, dass wir es verdienen, gehört zu werden und in die Gesellschaft zu gehören. Gelegentlich laden wir erfolgreiche Persönlichkeiten mit Sprachbehinderungen ein, um das Selbstvertrauen unserer Teilnehmer zu stärken und ihnen zu zeigen, dass auch sie ihre Träume durch ständige Übung und Entschlossenheit verwirklichen können. Wir bieten Workshops zu den Themen Körpersprache, öffentliches Sprechen und Gebärdensprache an. Zusätzlich holen wir auch Hilfe von erfahrenen Psychologen, für Menschen, die unter Traumata leiden und klinische Unterstützung benötigen.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Konventionen zu hinterfragen, die unsere Existenz mechanisieren. Wir entwickeln Methoden für neue Wege der Kommunikation, die einfach und doch effektiv, langsam und doch dauerhaft, professionell und doch spielerisch sind. Los geht’s!

Sie können sich über Puneets Initiative auf der ssstart-Website informieren.

Ein besonderer Stil der Ko-Kommunikation

Puneet Singh Singhal, Neu-Delhi, Indien, begann zu stottern, als er im Alter von sieben Jahren Zeuge von Gewalt wurde. In Kürze veränderte sich sein Charakter. Verspottet von seinen Klassenkameraden, verwandelte er sich von einem Kind, das liebte, im Rampenlicht zu stehen, zu einem eingeschüchterten Jungen, der sich weitgehend absonderte und jegliche Konversation zu vermeiden suchte. Heute steht Puneet zu seinem besonderen Kommunikationsstil und träumt davon, mit seiner Organisation ssstart diejenigen zu befreien, die wegen ihrer Unfähigkeit, fließend zu kommunizieren, gefangen sind.

Als ich gerade in die Schule ging, war das Leben schön. Ich erinnere mich, dass es mir zu Beginn meiner Schulzeit so viel Spaß machte, Mathematik, Zeichnen, Englisch und Hindi zu lernen. In der Schulversammlung habe ich gerne vor allen unsere Morgenandacht gesprochen und ich habe ohne Scheu die Nationalhymne gesungen. Im Unterricht war ich derjenige, der die Rechentabelle laut vorlas, während meine Klassenkameraden es mir nachmachten.

Doch dann änderte sich alles, als ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen wurde. Ich fühlte mich verletzlich und irgendwie so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken zu fassen. Es war, als wäre ich geknebelt und gefesselt. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen, aber jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit.

Ich hörte auf zu kommunizieren. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohlgefühlt hatte, verwandelte sich in ein “Schlachtfeld”.

Eines Tages fing die ganze Klasse an, “gu-gu-gu-guten Morgen” zu stammeln, und ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten.

Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter, dass ich einen schlechten Einfluss hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit seiner Sprache hatte! Da ich ständig verspottet wurde, verlor ich völlig mein Selbstvertrauen.

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern: Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich nicht weiterkam, reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam extra zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen.

Wenn Leute versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder wenn sie sich bemühten, meine Sätze zu beenden, war das keine Hilfe, mein Stottern wurde mir umso bewusster.

Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war. Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach, aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Im Sommer 2018 kam ich in Kontakt mit Vinayak, einem Mann, der fast 7 Minuten brauchte, um sich vorzustellen. Er war von der Indian Stammering Association (TISA) und lud mich ein, an der jährlichen Konferenz in Delhi teilzunehmen.

Als ich den Rednern zuhörte, war ich erstaunt, wie selbstbewusst und sicher sie in der Öffentlichkeit auftraten. Schon bald fand ich mich in meinem “Stamm” wieder, und nun waren wir diejenigen, die sich über unsere Unfähigkeit, oder sollte ich sagen, unseren besonderen Kommunikationsstil, lustig machten! Zum ersten Mal musste ich nicht mehr vor mir selbst weglaufen.

Am nächsten Tag bekamen wir die Aufgabe, mit Fahrgästen in der U-Bahn von Delhi zu sprechen. Wir erzählten ihnen von unseren Herausforderungen und wie wir uns fühlten, wenn man uns lächerlich machte. Die Leute hörten uns zu und unterschrieben ein Gelöbnis, dass sie auf jeden, der ein Kommunikationsproblem hat, Rücksicht nehmen werden.

All dies half mir, mit mir selbst in Einklang zu kommen und mich und mein Stottern zu akzeptieren. Da ich merkte, dass ich nicht alleine mit dem Problem war, konnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.

Und BUMM! Ich sprang wieder auf die Bühne und nutzte jede Gelegenheit, um kläglich zu versagen, mehr als je zuvor. Aber eines habe ich gelernt: Ich kann jetzt meinen Namen fließend aussprechen, einen Namen, der mit “Pu” beginnt – ein Laut, mit dem ich immer Probleme hatte.

In meiner Heimatstadt Neu-Delhi möchte ich ein Zentrum namens ssstart einrichten. Es wird ein Ort der Kommunikation sein. Wir werden Workshops wie die Folgenden anbieten:

1. What’s the hurry! workroom: Hier arbeiten wir mit Stotterern, Lisplern und Menschen mit anderen Sprachstörungen. Unser Ziel ist es nicht, sie zu behandeln, sondern sie im Leben voranzubringen und ihnen Techniken zu vermitteln, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen umgehen können. Wir machen ihnen Mut, bessere Zuhörer zu werden.

2. Körper ohne Blabla: Die nonverbale Kommunikation ist bei unseren Interaktionen von großer Bedeutung. Augenkontakt, Mimik, Gestik und Körperhaltung sind Teil dessen, was wir “Körpersprache” nennen. In diesem Workshop werden wir den Teilnehmern helfen, verschiedene Formen der nonverbalen Kommunikation zu erkunden.

3. Sprechen mal anders: Hier erkunden wir Möglichkeiten und tauchen tief in die Gebärdensprache und die Blindenschrift ein und erfahren, wie diese Kommunikationsmittel dazu beitragen können, neue Aspekte der Kommunikation zu aktivieren.

4. Das Leben auf der Bühne: Das Sprechen in der Öffentlichkeit ist die
an der weitesten verbreiteten Angst
der Menschen weltweit. In diesem Workshop helfen wir unseren Teilnehmern, Lampenfieber zu überwinden, indem wir das Eis brechen, Gesangsübungen machen und

Möglichkeiten schaffen, sich dem Publikum zu stellen, ohne Angst zu haben. Unser Ziel ist es, die Bühne zu ihrer Komfortzone zu machen und sie von dieser Angst zu befreien. Überall in der Welt gibt es viele Organisationen, die sich mit diesen Sprachstörungen befassen. Sie schaffen Bewusstsein und erheben ihre Stimme, um die Akzeptanz von Stotterern und “talkern” zu erhöhen. Allerdings erlauben sie es Nicht-Stotterern nicht, ihrer Organisation beizutreten. Wenn sie das aber täten, könnten Nichtstotterer sehr viel besser für und mit uns sprechen.

Nur so kann in der Gesellschaft ein neues Umdenken entwickelt werden, um Stottern und andere Sprachstörungen zu normalisieren.

Lasst uns nicht lange reden, let’s ssstart!

Lebe Deine Wahrheit

Während eines Campingausflugs in Namibia entdeckten meine Eltern das Paradies an einem Ort, den auch Livingstone einst als “Garten Eden” bezeichnete. Es war in einer wunderschönen atemberaubenden Landschaft mit wilden Tieren, eine fast unberührte Umgebung. Das einzige von Menschenhand geschaffene Bauwerk, war eine kleine Lehmhütte. Wir verbrachten viel Zeit mit Mokoro-Safaris (ein traditionelles Kanu), besuchten die Umgebung und unternahmen geführte Wanderungen und Rundfahrten. Wir spielten Spiele, benannten Pflanzen, Bäume und Vögel und lernten etwas über die Sterne. Wir waren verliebt in die Wildnis. Meine Eltern wussten damals, dass wir hierhergehörten. Diese Jahre, von 9 bis 14 Jahren, waren die beste Zeit meiner Kindheit.

Ich wurde in eine zerrüttete Familie hineingeboren und war ein unerwünschtes Kind. In einem Zuhause voller Terror und Gewalt litt meine Mutter darunter, dass es meine Schwester und mich gab. Vielleicht war es aus Angst oder Verbitterung, aber meine Mutter floh als ich 5 Jahre alt war nach Südafrika. Sie ließ meine Schwester und mich in der Obhut unseres Vaters zurück. Wir waren alles, was von ihrer Ehe übrigblieb.

Wir wurden oft von einem Haus eines Verwandten zum nächsten geschoben. Wir blieben aber nie lange an einem Ort. Während eines Aufenthalts bei einem Verwandten auf dem Lande wurde ich sexuell missbraucht. Ich war erst 6 Jahre alt und wusste nicht, was es bedeutet, berührt und vergewaltigt zu werden. “Ukangotaura chete ndinokuuraya nemhuri yako” (wenn du es jemandem erzählst, bringe ich dich und deine Familie um) sind die Worte, an die ich mich heute noch in aller Klarheit erinnere. Ich kann mich nicht mehr an das Mädchen erinnern, das ich vor diesem Vorfall war, weil mein Vergewaltiger sie getötet hat.

Ohne zu wissen, welche Last ich trug, kam meine Mutter als ich 9 Jahre alt war zurück und nahm uns mit. Aber diesmal war die Situation anders. Sie hatte Adolf kennengelernt, einen Mann, in den sie unsterblich verliebt war. In jedem Urlaub fuhren wir raus aus der Stadt in die Wildnis. Und so begann die schönste Zeit meiner Kindheit. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich in eine gut funktionierende Familie zu gehören.

Doch das Universum setzte dem ein Ende.
Als ich 14 Jahre alt wurde, verstarb meine Mutter. Ich wurde auf ein Internat geschickt. Alles was ich fühlte, war Verlassenheit und Sinnlosigkeit im Leben. In der Schule wurde ich schikaniert, litt unter Depressionen und Angstzuständen und zog mich völlig aus der Gesellschaft zurück. Außerdem war ich gerade in die Pubertät gekommen und hatte so viele Fragen zu meinem Körper und den Veränderungen, die ich erlebte.
Nach dem Abschluss der High School wollte ich zurück in die Wildnis, die ich mit guten Erinnerungen und dem Gefühl, dorthin zu gehören, verband. Ich wollte in die dahin zurück, wo es niemanden gab, der mich verurteilte, und wo überall Frieden herrschte.

Ich weiß noch, wer ich in der Zeit in der Wildnis war. Aber ich konnte nicht mehr dorthin zurück. Adolf, eine Vaterfigur, als ich sie am meisten brauchte, war depressiv und hatte sich mittlerweile das Leben genommen. Also wurden meine Schwester und ich wieder wie Nomaden von einer Familie zur anderen geschickt. Schließlich beschloss unser Vater, dass wir dauerhaft bei unseren Großeltern bleiben sollten.
Doch innerhalb eines Jahres jagte unser Großvater sowohl meine Schwester als auch mich aus seinem Haus. Das war im Nachhinein allerdings ein Glücksfall. Wir mieteten ein Zimmer und zum ersten Mal seit langer Zeit hatten wir das Gefühl, endlich frei und zu Hause zu sein.

Nach einem Monat lernte ich Trevor kennen. Er ist der Gründer von Purple Hand Africa und 2018 kanthari. Er arbeitet in Simbabwe mit der LGBTIQ-Gemeinschaft. Ich schloss mich seinem Team an. Das öffnete mir die Türen zu einer ganz neuen Welt. In den Gesprächen, die wir während der Camps führten, wurde mir klar, dass die meisten Menschen ähnliche Geschichten über brutale Herausforderungen in ihrer Jugend erlebt hatten. Ich dachte an die Reise- und Campingphase meines Lebens zurück. Die Zeit, in der ich unbeschwert und in Kontakt mit meiner Familie und meinen Gefühlen war. Ich war motiviert, andere Mädchen zu unterstützen, denen es ähnlich erging wie mir. Sie sollen die gleiche Art von Heilung wie ich erfahren. In unseren Wildnis Camps können sie sich wieder mit ihren Eltern, ihrem inneren Selbst und der Natur verbinden. Weit weg von den Augen der Welt, können sie sich dort selbst entdecken. Ich möchte den Mädchen helfen, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Wahrheiten zu leben.
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Mirranda ist eine kanthari Teilnehmerin dieses Jahres und Gründerin von Kanya Africa.
Kanya Africa möchte Mädchen die Möglichkeit geben, sich frei auszudrücken, sich weiterzuentwickeln und ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, und zwar durch Wildnis Camps und andere kreative Orte. Durch Aktivitäten, die von lustigen und abenteuerlichen Spielen bis hin zu ruhigen, nachdenklichen Sitzungen reichen, werden die Wildnis Camps den Mädchen die Möglichkeit geben, die Bindung zwischen ihnen zu stärken, ihr Selbstvertrauen zu steigern und sich einander anzuvertrauen, um ihre tiefsten Herausforderungen zu teilen.

Am 17. Dezember 2021 um 15:55 Uhr Indischer Zeit (11:25 EST) wird Ihre Abschlussrede präsentieren. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.kantharitalks.org/

Vom Beobachter zum Akteur

Puneet Singhal, kanthari-Teilnehmer, 2021

Meine Weg von einem Mainstream-Jobber zu einem sozialen Change Maker, von einem Beobachter zum Akteur, begann mit verschiedenen Fragen: Was ist der Sinn der menschlichen Existenz und wie kann ich mein Leben sinnvoll gestalten?

Leider ermutigt das indische Bildungssystem weder dazu, Fragen zu stellen, noch fördert es unabhängige Recherche. Zum Glück gaben mir meine Eltern genug Raum, neugierig zu bleiben. Sie ließen meiner Fantasie freien Lauf. Sie sind beide wunderbare Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Meinungen.

An einem Punkt jedoch kriselte es zwischen den Beiden. Obwohl ich nur ein Beobachter und nicht direkt involviert war, verunsicherten mich diese Konflikte und sie ließen mich ängstlich und gestresst zurück. Ich weiß nicht mehr, wann ich mich in einen Introvertierten Menschen verwandelte und wann ich anfing, Blickkontakt zu vermeiden. Ich begann zu stottern, aber nur, wenn ich über mich selbst sprechen sollte, wenn ich “Puneet” war. Nicht aber, wenn ich eine Rolle in einem Theaterstück spielen sollte oder wenn ich als Beobachter ein bestimmtes Ereignis beschrieb. Aber wer bin ich? Wer ist Puneet und warum bin ich hier in dieser Welt? Diese Fragen sind mit vielen anderen Fragen verknüpft: Meine Suche nach dem “Sinn des Lebens” entwickelt sich jeden Tag weiter. Jedes Wort, das ich lese, jedes Ereignis, das ich erlebe, und jeder Mensch, dem ich begegne, erinnert mich an diese Fragen.

Als Beobachter möchte ich mich nicht in einem Beobachtungsposten verstecken. Ich versuche bewusst, mich selbst herauszufordern und an den Herausforderungen zu wachsen. Ich ging weiterhin verschiedenen Interessen nach, und das immer auf der Suche nach Befreiung. So engagierte ich mich ehrenamtlich für verschiedene soziale Themen. Mit der Zeit bekam ich ein Gefühl der Zugehörigkeit, besonders zu Menschen, die einen sozialen Wandel vorantreiben wollen.

Und irgendwann fand ich den einen Ort, wo ich kein Außenseiter mehr war. Zuvor war ich Außenseiter in den unterschiedlichen sozialen Konstrukten, in meiner Stadt, in meiner Kaste, in meiner Schule und sogar in meiner Großfamilie.

Nach dem Abschluss meines Studiums begann ich in einer internationalen Bank zu arbeiten. Aber bald merkte ich, dass ich versuchte, in etwas hineinzupassen, das nicht zu mir passte. Nach einem Jahr der Beschäftigung verstand ich: In einem Ratten-Rennen bleibt der Gewinner immernoch eine Ratte!

Ich kündigte meinen Job überstürzt und begann das zu tun, was ich schon immer tun wollte: Meine zwei Freunde und ich gründeten im Juli 2018 eine Organisation namens “The Caring Hands Foundation”. Es ist ein Trainingszentrum für umgangssprachliches Englisch und für Computer-Skills. Nun, das Zentrum war nicht viel mehr als die Terrasse meines Hauses. Aber wir hatten eine klare und einfache Regel: Sobald man die Terrasse betrat, durfte nur Englisch gesprochen werden.

Ich gehöre zu einem Teil von Delhi, dem Sangam Vihar. Es handelt sich um den größten nicht autorisierten Slum Asiens. Hier lebt zu einem grossen Teil die unterste Arbeiterklasse.

Nach Angaben der Times of India stammen 90 % der Kriminellen im Süden Delhis aus diesem Arbeiteviertel. Die Jugendlichen sind in Drogen, Gewalt, Raub und allen möglichen Arten von illegalen Aktivitäten verwickelt. Auch die Zahl der Selbstmorde unter den Jugendlichen steigt aufgrund der fehlenden Beschäftigung stark an. Es gibt einfach keine Chancen.

Aufgrund mangelnder Erfahrung im Management einer solchen Organisation, überarbeiteten wir uns vollkommen. Und dann stolperte ich über einen Beitrag in einer Facebook-Gruppe, in dem kanthari erwähnt wurde, ein Trainings-Institut für Social Change Maker. Als ich die kanthari Website genauer in Augenschein nahm, um mehr über den Lehrplan zu erfahren, war mir klar: Das war genau das, was wir, meine Freunde und ich brauchten.

Vieles in diesem Curriculum war neu für mich, selbst der Auswahlprozess mit intensiven Interviews war eine bereichernde Erfahrung.

Und dann kam uns allen die Pandemie in die Quere. Das kanthari Program von 2020 wurde um ein Jahr verschoben und auch unser Zentrum musste schließen. Stattdessen verteilten wir Masken und Desinfektionsmittel.

Als Beobachter stellte ich fest, dass die Covid-Pandemie viele unerwartete Nebenwirkungen mit sich brachte: Ich wurde Zeuge plötzlicher Ausbrüche von Fake News und gefälschten Videos, die eine ganz bestimmte Religionsgemeinschaft für die Verbreitung von Covid-19 in Indien verantwortlich macht. Um dieser Hasskampagne entgegenzuwirken, entwarf ich ein “Cyber-Hygiene”-Programm. Ich war der Meinung, dass das Praktizieren einer angemessenen Online-Etikette genauso wichtig ist wie die Einhaltung der körperlichen Hygiene, wie z. B. das Händewaschen.

Später setzten wir uns auch gegen Online-Mobbing, Trolling, Finanzbetrug und andere Missbräuche ein. Wir sind der Meinung, dass wir durch Kampagnen und durch Beratung unsere Online-Nutzer weniger anfällig für Cyber-Attacken machen. Es war das erste Programm, für das ich eine Finanzierung von einer internationalen Organisation erhielt.

Unsere Bemühungen wurden von der Delhi Minority Commission und vom UN Global Compact Network anerkannt. Ich war ein Jahr lang Mitglied des Friedenskomitees der Delhi Minority Commission. Die Online-Lernplattform Coursera bot uns eine Hilfe an, indem sie unseren Studenten freien Zugang zu ihren Kursen gab. Das half uns, unsere Arbeit Online fortzusetzen.

Jetzt befinde ich mich auf dem kanthari-Campus in Kerala. Mein Fokus hat sich inzwischen etwas gewandelt. Ich lerne nun nicht nur, wie man eine soziale Organisation führt, sondern auch, wie man eine Vision formuliert, kommuniziert und entsprechend agiert. Um meine Ideen in der realen Welt zu verwirklichen, muss ich hier auch lernen, zu verlernen.

Indem ich Zeit mit anderen Themen mit anderen Social Change Makers aus verschiedenen Kulturen, Ländern und Hintergründen verbringe, fange ich an, kritischer nachzudenken, zu diskutieren, mir eine Meinung zu bilden. Das gibt mir eine ganz neue Perspektive.

Ich freue mich auf die kommenden Monate, darauf, mehr zu lernen und mich als sozialer Akteur zu etablieren und mich vielleicht sogar zu einem besseren Menschen weiterzuentwickeln. Und hier in kanthari, da bin ich mir sicher, werde ich die Antwort auf meine Fragen finden: “Was ist der Sinn der menschlichen Existenz und wie kann ich mein Leben sinnvoller gestalten?”.