born to be wild

“Alles ist schwierig, jeden Tag gibt es neue Herausforderungen. Aber zum Glück sind wir zu zweit. Wenn der eine mal aufgibt, hat der andere genug Energie, um uns wieder vorwärtszutreiben.” Niwas und Shivani, 2021 kanthari Teilnehmer aus Indien

Die Start-Up Phase

Die Berichte der beiden erinnern mich an unsere eigene Start-phase vor fast 25 Jahren. Damals hatten wir, Paul und ich, die verrückte Idee, in Tibet die erste Blindenschule zu gründen

Jetzt lausche ich den aufgeregten Berichten von Niwas und Shivani und ich fühle mich sofort in unsere eigene Vergangenheit zurückversetzt.
Ich erinnere mich an unseren Versuch, leere, hallende Räume durch sperrmüllreife Betten und Tische ein wenig bewohnbar zu machen,
An die allabendlichen recht kargen Mahlzeiten, dünne Reissuppe mit ein wenig Kohl und Chili Paste gewürzt. Zubereitet auf einem maroden Campingkocher. Mahlzeiten, die uns nur noch hungriger ins Bett entließen.

An die Nächte, in denen man nur unruhig schlief und bei jedem Knistern hochschnellte, um die Ratten, die es auf unsere dürftigen Lebensmittel abgesehen hatten, mit einem “Tschusch!” zu verjagen.
Und ich erinnere mich an das Gefühl nicht wirklich willkommen zu sein, obwohl man doch nur etwas zum Positiven verändern wollte.
Zum Glück waren wir, genau wie Niwas und Shivani, zu zweit, und wenn immer einer von uns die Nase voll hatte und alles hinwerfen wollte, hatte der andere eine Idee, wie wir diese oder jene Herausforderung meistern könnten. So kletterten wir über eine Hürde nach der anderen, bis wir heute schließlich in der Lage sind, andere zu ermutigen, weiter zu klettern.

 

Keine Anfänger mehr

Shivani und Niwas haben uns, den naiven Anfängern von damals, aber etwas Entscheidendes voraus. Sie sind keine Anfänger, sie wissen, was sie tun.
Fast ein Jahr haben sie, während dem kanthari Programm an ihren Ideen gearbeitet, haben ihre Projekte in einer virtuellen Welt ersten Stresstests unterzogen, sich vielen kritischen Fragen von Teilnehmern und Katalysatoren aussetzen müssen und sie haben klare Pläne und überzeugende Strategien entwickelt, wie sie jedes einzelne Problem in den Griff kriegen können.

Es handelt sich bei ihren Projekten um zwei unterschiedliche Ideen, die, aufeinander abgestimmt, sich zu unserem Erstaunen, äußerst gut ergänzen.
Shivanis großer Wunsch ist, mit ihrer neugegründeten Organisation “Wild” etwas zur Rettung der Artenvielfalt, der Wälder beizusteuern. Dabei konzentriert sie sich im Besonderen auf das Training von Frauen der Ureinwohner, die jenseits der großen Metropolen leben und durch die Ausbreitung der industriellen Landwirtschaft ihre traditionelle Anbaumethoden verloren haben. Zudem ist sie aufgrund ihrer eigenen Sehschädigung, daran interessiert, besonders auch Menschen mit Behinderungen in die natürliche Landwirtschaft zu integrieren.

Niwas möchte mit seinem Projekt Anantmool, eine Schule mit einem ganz eigenen Lehrplan gründen. Es geht ihm besonders um freien, zwanglosen Unterricht, in dem es keine Rolle spielt, ob man sich wie ein Junge oder ein Mädchen fühlt und sich dadurch auf ganz bestimmte Fächer, Aktivitäten oder Spiele beschränkt. In seiner Schule soll es keine Kastenunterschiede, keine Hierarchien geben. Die Lehrer werden mit ihrem Vornamen angesprochen, die Schüler dürfen über das zu Lernende mitentscheiden.

Es handelt sich um zwei große Visionen. Und daher traten wir im Geheimen mental auf die Bremse, als sie uns im Dezember verkündeten, dass die ersten Projekte schon im Januar starten sollten, und die Schule würde dann Mitte Februar eröffnet.

Sie machten aber ihr Versprechen wahr. Mitte Januar berichtete Shivani von ihrem Getreide Kaffee Projekt, dass sie gemeinsam mit ureinwohner und behinderte Frauen ins Leben riefen.

Und Niwas fand im gleichen Dorf eine alte verlassene Schule, die bis vor sieben Jahren von einer christlichen Organisation geleitet wurde. Irgendwann gingen aber die Gelder aus und die Kinder der Dorfeinwohner, die im 3 Kilometer Umkreis keine einzige Schule vorfinden, mussten ohne Bildung aufwachsen. Eine ganze Generation ist also nicht in der Lage, zu lesen, zu schreiben oder Hindi zu sprechen.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell.

Doch plötzlich ging alles sehr schnell. Shivani und Niwas befreiten die Schule vom Wildwuchs, säuberten die Toiletten von schleimigen Maden und toten Insekten, sie renovierten die Klassenzimmer und befreiten den Spielplatz von Ästen und wucherndem Blattwerk und siehe da, die ersten Kinder tauchten auf und füllten den über Jahre verlassenen Schulhof mit Lachen, Schreien und dem Quietschgeräuschen der alten Schaukeln.

Und noch ein paar Tage später zählte ihre Schule 26 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Es handelt sich um Kinder aus der direkten Umgebung und solche die mehr als zwei Kilometer Schulweg durch Dschungel in einer Berglandschaft hinter sich bringen müssen, um am Unterricht teilnehmen zu können.

Einige Schüler sind Kinder der Frauen, mit denen Shivani bereits gearbeitet hat. Sie haben Vertrauen zu dem fremden Paar. Andere Eltern sind skeptisch und schleichen sich während dem Unterricht in die Schule, um alles selbst unter Augenschein zu nehmen.
“Das ist mir sehr recht,” sagt Niwas, “denn nur so können wir sie überzeugen.”

Bei den Müttern geht die Überzeugungsarbeit schnell von statten. Denn was gibt es eindrücklicher, als zu sehen, dass Kinder mit Spaß lernen. Allerdings ist ihnen die Art des Unterrichts noch fremd.
“Die Woche ist in drei Arbeitsbereiche gegliedert.” erklärt mir Niwas. “Montags und Donnerstags werden Konzepte gelernt. Inhalte sind Hindi und Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Dienstags und Freitags werden die Konzepte in die Praxis umgesetzt. Hier geht es um Erfahrung, um spielerische Experimente. Der Mittwoch ist der Tag des Gemeinwohls, da kochen die Kinder für die armen Familien im umliegenden Dorf oder sie helfen in der Landwirtschaft.”

 

Schlau ausgeklügelt

Das ist schlau ausgeklügelt, denn so gewöhnen sich die Ureinwohner an die Vorteile, die das neue Schulprojekt in ihre Kommune bringt. Und trotz alledem gibt es großen Widerstand.
Shivani erzählt, wie sie nachts von Fremden am Telefon beschimpft werden. “Wir sollten so schnell wie möglich verschwinden, sagt die Stimme. Und obwohl uns der Dorfoberste  zugesichert hat, dass wir keine Sorgen haben müssten, gibt es nachts Leute die draußen herumschleichen, um uns Angst einzujagen.”

“Aber dann sind da die Kinder und wir wissen, warum wir das ganze aushalten müssen!” sagt Niwas und ich höre sein Lächeln in der Stimme als er von einem kleinen Mädchen erzählt, dass anfangs in Schuluniform auftauchte. Das Mädchen stand immer abseits, wollte bei den wilden Spielen der anderen nicht mitmachen und fühlte sich wohl etwas fehl am Platz. Doch dann kam es, wie die anderen Kinder auch in Alltagskleidung und plötzlich lebte es auf. Das Mädchen fing an auf Bäume zu klettern und sich mit den anderen im Dreck zu balgen. Beim Fußballspielen guckten die Mädchen zunächst noch zu, bis Shivani zeigte, dass jedes Kind Ballspielen kann.

Shivani und Niwas haben bereits einen dritten Mitstreiter, einen jungen Ureinwohner, der ihnen beim Übersetzen hilft und schon einige Unterrichtsfächer übernimmt. Die ersten Hürden sind genommen, und da sie bereits Kindern und Frauen Hoffnung gegeben haben, sind Shivani und
Niwas selbst motiviert, weiterzumachen.

Da schreckt es sie auch nicht zurück, wenn von einem Mangobaum, gleich über dem Pfad zur Außentoilette, eine grüne Giftschlange herunterbaumelt und sich Niwas nur mit einem Hechtsprung retten kann, wenn die Ameisen Kolonien ihre wenigen Vorräte vertilgen oder wenn sie sich nur einmal in der Woche richtig waschen können. All das wird sie für die Zukunft stärken und irgendwann wird es eine spannende Geschichte sein, die andere ermutigt, nur nicht aufzugeben.

Am Ende sind wir alle dazu geboren, in der Wildness zu überleben.

Anantmool India

Niwas Kumar stammt aus Bihar im Norden Indiens und befasst sich mit einem ziemlich heiklen Thema: es geht um die Frage, “brauchen wir Geschlechter-Normen?”

Die indische Kultur ist durchsetzt von Normen, die entweder dem einen oder dem anderen Geschlecht zugeordnet sind.

Von frühester Kindheit an ist jeder Aspekt täglicher Aktivitäten klar auf Mädchen oder Jungen, Männer oder Frauen zugeschnitten.

Es hängt vom Geschlecht ab, mit wem man spielen darf, wo man im Bus oder in der Kantine zu sitzen hat und welche Berufe man ausüben soll. Kinder werden in der Schule diskriminiert, wenn sie nicht den Normen entsprechen. Niwas fragt sich, warum das Geschlecht schon in der Kindheit und in der Schule so wichtig ist.

Mit seiner Organisation Anantmool will er ein Lernzentrum gründen, das bewusst keine Unterschiede in den Geschlechtern zulässt. Er ist davon überzeugt, dass jeder alles lernen kann, wenn es keine sozialen und besonders keine geschlechterspezifischen Barrieren gibt.

Im Alter von vier Jahren, wenn Kinder normalerweise mit Puppen oder Autos spielen, zum Kindergarten gehen und von ihren Familien verwöhnt werden, nahm ich mit meiner Mutter an einer Schulung für Kleinstunternehmen teil. In meinem Dorf hatten wir eine Schule mit nur einer Lehrerin, die dort kaum zu sehen war. Ich war auch kaum zu sehen, denn während meiner Grundschulzeit verbrachte ich meine Zeit mit meiner Mutter auf Reisen.

Wir zogen von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt, alles, um für mich eine gute Ausbildung zu finden, aber wir hatten keinen Erfolg.

Meine Mutter ist Aktivistin, die gegen Korruption kämpft. Daher wurde meine Familie bedroht, und meine Eltern verloren ihre Arbeit. Das war dann auch das Ende für meine Schullaufbahn, denn ich musste ja arbeiten, um unseren Unterhalt zu decken. Damals war ich gerade 12 Jahre alt.

In dieser Zeit lernte ich jemanden kennen, der mir helfen wollte, ein Geschäft aufzuziehen. Aber ich wollte lieber erst einmal etwas lernen. Unter seiner Anleitung schloss ich mich einer Organisation namens i-Saksham an, wo ich 18 Stunden am Tag arbeiten musste. Allerdings konnte ich mir da alle Fähigkeiten, die ich brauchte, ein Unternehmen zu leiten, aneignen. Nebenher machte ich meinen Bachelor-Abschluss an einer Universität.

Um mehr praktische Erfahrungen zu machen, nahm ich an der Jagriti Yatra (der längsten Zugreise der Welt für junge Sinnsucher) teil und bekam später die Gelegenheit, bei der Organisation “Project Potential” Unternehmer aus ländlichen Regionen auszubilden.

Im Alter von 17 bis 21 Jahren hatte ich die Möglichkeit, 150 Trainer und 200 Schüler im Computerbereich auszubilden. 23 Unternehmern konnte ich helfen, selbstständig zu werden. Während dieser Zeit entwickelte ich großes Interesse für offene Lernformen und für alternative Schul-konzepte.

Im Jahr 2019, während meines Masterstudiums, setzte ich mich mehr und mehr mit Themen der Geschlechter Ungerechtigkeit auseinander.

Damals begegnete ich auf einer Zugfahrt einer Transfrau, die in schwarzen Jeans und einem T-Shirt ziemlich schick aussah, aber um Geld bettelte. Ich hielt sie an und fragte: “Warum bettelst du? Warum hast du keinen normalen Job?” Sie blaffte: “Wer will mir denn schon einen Job geben? Du vielleicht?”

Ich konnte dazu nichts entgegnen, aber sie blieb dran: “Was machst du denn überhaupt?”

Ich erzählte, ich sei für Forschungsarbeiten nach Uttarakhand unterwegs.

“Okay,” meinte sie flapsig. “Warum forschst du dann nicht mal über mich?” Und dann wurde sie richtig gesprächig: “Finde doch mal heraus, warum mich Gott so gemacht hat. Und wenn Gott sich dabei etwas gedacht hat, warum akzeptieren mich die Leute nicht so wie ich bin?”  Damit ließ sie mich allein zurück und mir hatte es für eine Zeit lang die Sprache verschlagen.  Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Aber etwas veränderte sich in mir und ich erinnerte mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit, als ich 7 Jahre alt war. Meine Mutter hatte mir im Zug die Augen geschlossen, als eine Transfrau vorbeikam. Meine Mutter sagte, dass diese Frau keine Frau sei, dass sie einen Saree trage, nur um Geld zu betteln.

Ich begann, mich mit dem Thema Transgender zu beschäftigen und fand heraus, dass die Transgender-Gemeinschaft, die am stärksten von geschlechtsspezifischer Diskriminierung betroffene Randgruppe in Indien ist. Es handelt sich um eine der am meisten vernachlässigten Gemeinschaften, die kaum Zugang zu öffentlichen Diensten hat.

Damals gründete ich eine Gruppe von fünf Studenten und begann, Ausstellungen zu organisieren, um die Menschen auf die Geschlechtervielfalt aufmerksam zu machen.

Eines Tages erhielt eines unserer Gruppenmitglieder einen Anruf von einem 17-jährigen Trans-Mädchen aus Delhi. Sie erzählte, wie ihre Familie sie wegen der Transidentität bedrohe. Es war ein Hilferuf und wir waren bereit, sie da rauszuholen. Alles war geplant. Doch an dem Tag, an dem es passieren sollte, sie war schon früh morgens ausgebrochen, ging nach wenigen Minuten die Nachricht ein, sie sei von ihrer Familie erwischt worden. Dann brach der Kontakt abrupt ab und seit Dezember 2019 war sie verschwunden.

Das war ein wichtiger Wendepunkt in meinem Leben. Ich beschloss, keine andere Arbeit mehr zu machen, sondern mich darauf zu konzentrieren, einen Raum zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche frei von jeglichen Geschlechternormen leben können. Nachdem ich mehr gelesen und mit vielen Trans-Personen gesprochen hatte, wurde mir klar, dass wir Bildung in einem geschlechtsfreien Raum anbieten müssen, damit diejenigen, die unter Geschlechtsdysphorie leiden, in die Lage versetzt werden, sich selbst in die Gesellschaft zu integrieren.

Niwas wird seinen kanthari TALK am Freitag, den 17. Dezember 2021 um 17:10 Indian Standard Time präsentieren. (13:40 EST)
Weitere Informationen über die kanthari TALKS finden Sie unter http://www.kantharitalks.org/