Adegbite Tobi Gabriel

Entojutu

Adegbite Tobi Gabriel – Nigeria 

Tobi, Biologe und Landwirt, sorgt sich um die umweltverschmutzenden, stinkenden und Methan freisetzenden organischen Abfälle. Diese verfüttert seine Organisation Entojutu an die Larven der schwarzen Soldatenfliege. Nach einer kurzen Aufzuchtsphase werden die Larven geerntet und getrocknet zu hochwertigem Tierfutter verarbeitet. Die Rückstände werden als organischer Dünger eingesetzt. Entojutu unterstützt Landwirte bei der Umstellung auf diese und andere umweltfreundliche Arbeitsmethoden.

Tobi sagt:

Als Umweltbiologe und Gesundheitswissenschaftler interessierte ich mich leidenschaftlich für die Landwirtschaft und absolvierte eine Ausbildung, um auf die “grosse und richtige Art” Landwirtschaft betreiben zu können. Auf dieser Reise wurde ich Zeuge dessen, was der gewöhnliche nigerianische Bauer in seinem Bestreben, die Nation zu ernähren, erlebt. Es war schockierend.

Ich habe gross versagt, nicht nur einmal, sondern zweimal. Die Probleme reichten von Unsicherheit über hohe Produktionskosten bis hin zum Klimawandel und vielem mehr. Auf der Suche nach Lösungen stiess ich auf ein weiteres Problem im Lebensmittelsystem. Nämlich die organischen Abfälle, die rund um meine neu errichtete Farm Umweltschäden verursachten. Deshalb gründete ich Entojutu, das sich auf die Lösung von zwei Problemen konzentriert: Nahrungsmittelknappheit und Probleme mit organischen Abfällen. 

Und wie? Entojutu nutzt die Larven der schwarzen Soldatenfliege, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln, und liefert hochwertiges Insektenprotein, das wasser- und klimaintensives Pflanzenprotein sowie übermässig geerntetes und erschöpfendes Fischprotein, das in Tierfutter verwendet wird, ersetzt.

Entojutu - Flies for Change

Sehen Sie sich Tobis inspirierende Abschlussrede bei den 2021 kanthari Talks an und lernen Sie, wie er die Larven der Schwarzen Soldatenfliege einsetzt, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln. 

Mehr zu Tobi

Fliegen für den Wandel

Adegbite Tobi Gabriel ist Biologe und Landwirt aus Nigeria. Landwirte in Nigeria stehen vor vielen Herausforderungen, die meisten Bauern sind hoch verschuldet. Zudem sorgt sich

Zentrum des Zuhörens Teil 1

Meine erste Begegnung mit einer Person, die Stotterte, hatte ich, als ich 14 Jahre alt war. Ich begleitete damals meine Eltern und Geschwister zu einem religiösen Treffen und konnte es nicht erwarten, endlich rauszukommen, um meinen eigenen Dingen nachzugehen. Da wurde ich plötzlich hellhörig: neben mir stand eine hübsche junge Frau, die mit einer anderen Besucherin sprach. Ich hörte nicht auf das, was die Frau sagte, sondern wie farbig ihre Stimme klang. Interessant für mich war, dass jedes Wort zu knistern und zu klackern schien. Die Sätze nahmen eine Form an, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Und noch etwas faszinierte mich, die Geduld der Gesprächspartnerin, der Zuhörerin. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als den Platz dieser geduldigen älteren Dame einzunehmen, denn sie hatte mir, ohne, dass sie etwas davon wissen konnte, eine wertvolle Lektion in Sachen Kommunikation erteilt, aber leider hatte ich als Teenager die sozialen Fähigkeiten einer Kartoffel und wagte es nicht, mich in das Gespräch einzuklinken.

Normalisierung von Sprachstörungen

16 Jahre später lernte ich während des kanthari Programms Puneet Singh kennen, einen Stotterer, der im Januar diesen Jahres die Organisation ssstart gründete. Sein Ziel ist es, Sprachstörungen in der Gesellschaft zu normalisieren und er möchte für Akzeptanz verschiedener Kommunikationsstile werben. Ich habe ihn heute kontaktiert, knapp einen Monat nach Abschluss des kanthari-Kurses. Er war guter Dinge und beschrieb, dass die ersten drei Monate zwar nicht einfach waren, er aber bereits jetzt die ersten Resultate des von ihm aufgebauten Netzwerks erkennen könne. Man muss Puneet zugutehalten, dass er unheimlich kontaktfreudig ist. Wenn immer sich eine kleine Chance ergibt, erkundet er Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sowohl mit individuellen Personen als auch mit Organisationen.

Durch seine Verbindung zur Freedom Employability Academy (FEA) steht Puneet kurz vor der Unterzeichnung eines Einjahresvertrags mit einem in den USA ansässigen indischen Ehepaar, das seine Räumlichkeiten in Dwarka, Delhi, ihm als kostenloses ssstart-Zentrum zur Verfügung stellen möchte. 

Aus dem Slum

Dazu kommt, dass ein Teil seiner künftigen Teilnehmer, Jugendliche aus den Slums, gleich um die Ecke leben. Puneet, der selbst in einem Slum in Delhi wohnt, hat sich bereits an die jüngeren Bewohner gewandt und das Interesse von mindestens sechs 12- bis 13-Jährigen gewonnen. Er rechnet mit etwa 20 weiteren Teilnehmern für den nächsten Kommunikationsworkshops im ssstart Zentrum. Um dem Eindruck vieler Eltern entgegenzuwirken, im Zentrum würde nur “unnützes Singen und Tanzen” stattfinden, richtet einer der Eigentümer des Gebäudes auch ein Mathematiknachhilfe-Programm ein.

Die Räumlichkeiten werden gerade umgestaltet, sie werden farbig dekoriert und es wird sogar ein Skatepark angelegt. Angesichts dieser attraktiven Ausstattung ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass das Zentrum von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten bevölkert wird. Sie kommen vielleicht wegen der Algebra oder der Kick-flips, aber sie werden es als bessere Kommunikatoren verlassen. Das Besondere ist, dass die Freiwilligen, die Puneet bei der Umgestaltung des Zentrums helfen, auch zu den ersten Teilnehmern seines bereits ausgeführten Workshops gehörten. Darunter waren auch 2 oder 3, die stottern oder andere Sprachstörungen haben; so wurde ein integratives Kommunikationsumfeld geschaffen.

Unkomplizierte Interaktionen sind selten

Wie Puneet schon in frühen Lebensjahren erkannte, ist unkomplizierte Interaktion zwischen Menschen mit und ohne Sprachstörungen eher selten. Es reicht aber nicht aus, die Gesellschaft lediglich über die Existenz von Sprachstörungen aufzuklären und vielleicht dadurch zu sensibilisieren. Nach Ansicht von Puneet ist der Aufbau von Empathie und Geduld der nächste konkrete Schritt zur Normalisierung der Sprachstörung oder sprachlichen Eigenarten.

Diese erste Gruppe war recht interessant. Sie trafen sich zweimal pro Woche online. Zunächst hatten sie viele Fragen zu Puneets Lebensweg, z. B. wie er dazu kam, sein Stottern zu akzeptieren, seine Organisation zu gründen, eine große Online-Fangemeinde aufzubauen usw. Dann erzählten sie von ihrem eigenen Leben und ihren Herausforderungen. Viele der Mädchen waren besonders daran interessiert zu lernen, wie sie ihr “nein” erfolgreich kommunizieren können. Nein zu sagen zur traditionellen Gesellschaft um sie herum, zu den vorgegebenen Plänen ihrer Eltern, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten, und zu anderen unangenehmen Situationen. ssstart war in der Lage, Situationen aus dem wirklichen Leben zu schaffen und Rollenspiele zu veranstalten, bei denen die Teilnehmerinnen lediglich einen Weg finden sollten, Nein zu sagen.

Pflege der Offline-Kommunikation

Dann traf sich die Gruppe auch persönlich in den Lodhi-Gärten, um die dringend benötigte Offline-Kommunikation zu pflegen. Seine zweite Gruppe besteht aus Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, was eine große Herausforderung darstellt, da sie sich nicht so leicht öffnen können. Aber ssstart entwickelt sich weiter. Innerhalb des letzten Monats ist viel passiert, und das ist ein Grund zum Feiern. Es sollte dann aber ein Fest des Hörens sein! ssstart arbeitet mit Marva Shand-McIntosh, der Gründerin des “I Love to Listen Day” (16. Mai) zusammen.

Puneet sagt: “zuzuhören ist eine der menschlichsten Aktionen, die wir tun können, um unserem Gegenüber zu zeigen, wie wichtig uns Menschen sind. Kommunikationsstörungen und Sprachbehinderungen wie Stottern, geben uns die einzigartige Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und damit einfühlsame Geduld zu demonstrieren.”

Zuhör-Party

Bei der “Zuhörparty” werden zwei Personen zusammengebracht, die ausreichend Zeit haben, ihre Lebensgeschichten miteinander zu teilen.

Aller Anfang ist schwer, aber es ist besonders ermutigend, wenn sich Personen aus Freundes- oder Familienkreisen anschließen. Puneets Schulfreund, Chinmay Panigrahi, ebenfalls ein Stotterer, ist von Beruf Anwalt. Sie waren immer mal wieder sporadisch in Kontakt, aber als Chinmay Puneets Beiträge über ssstart in den sozialen Medien sah, war er begeistert.

Chinmay, der von vielen potenziellen Mandanten bis hin zu Richtern wegen seiner Sprachweise oft nicht ernstgenommen, ja sogar verachtet wird, ist genau der richtige Mann, um sich für die Normalisierung des Stotterns in seinem Beruf einzusetzen.

ssstart ist zweifellos dabei, Lärm zu machen. Man braucht nur noch an Bord zu kommen und zuzuhören.

Bitte Checken Sie regelmäßig den kanthari Blog, Teil Zwei folgt in den nächsten Wochen.

Achterbahn

Achterbahn

Vor einigen Jahren überhörte ich ein Gespräch zwischen meinem Bruder und meiner Mutter. Meine Mutter hatte sich Stifte, Pinsel und Farben besorgt, eine Leinwand aufgespannt und wollte nun mit dem Malen beginnen. Doch da war die Angst vor dem Start, die Angst davor, die makellose, weiße Leinwand zu verschandeln. Mein Bruder ist Künstler und unterrichtet Zeichnen, Malen und Kunst-Installationen. Er kannte diese Anfangsangst von seinen Studenten und vielleicht auch aus eigener Erfahrung. “Nicht lange nachdenken”, meinte er. Kurzerhand gab er meiner Mutter einen Stift in die Hand und brachte sie dazu einfach loszukritzeln. Die Leinwand war nun nicht mehr sauber und unberührt und die Hemmschwelle, loszulegen war damit überwunden.

Ich habe diesen kleinen, aber sehr wirksamen Trick auf den Beginn eines Projektes übertragen. Nicht lange nachdenken, was alles schieflaufen könnte, einfach anfangen und daraus mehr werden lassen. Und tatsächlich, es funktioniert! Diejenigen, die den Mut haben, einfach loszulegen, erleben oft, dass sich die so überwundene Angst vom Anfang in eine Art Euphorie umwandeln läßt und viele erfahren, dass jeder Start, wenn man ihm nur eine Chance gibt, unter einer magischen Spannung steht.

Die Magie des Anfangs

Aus aktuellem Anlass, denn 16 unserer kantharis haben ihre betreute dreimonatige Startphase in der letzten Woche abgeschlossen, möchte ich in diesem Blog die Magie des Anfangs untersuchen. Dafür nutze ich auch Reflexionen eines unserer Teilnehmer. Es handelt sich um Biman Roy, einen kanthari aus dem letzten Jahrgang, der mit seiner Organisation BON in seinem Heimatdorf im indischen Westbengal, die traditionellen Bauern zu einer umweltschonenden und gesünderen Landwirtschaft bewegen möchte.

Biman hat einen interessanten Lebensweg hinter sich. Er stammt aus einem abgelegenen Dorf. Als Kind bestand sein Spielplatz aus Dschungel, Feldern, Bächen und schlammigen Teichen, in denen sich Kinder und Büffel gleicher Maßen suhlten. Dann kam er in die Schule und seine mathematische Begabung ebnete ihm den Weg durch Universitäten in Indien und Schweden, wo er schließlich seinen Doktor in Computer Wissenschaften machte. Doch während der gesamten Studienzeit, zwischen Computern und mathematischen Konzepten, vergass er nie die Leidenschaft für die “Wildness” seiner Heimat, die Mannigfaltigkeit der Früchte, Kräuter und Gemüsesorten und die schattigen uralten Bäume. 2021 war er so weit. Er ließ Europa und die Träume seiner Eltern, er würde irgendwann ein Professor für Mathematik werden, hinter sich und kehrte, mit einem siebenmonatigen Zwischenstopp im kanthari Institut, in seine Heimat zurück.

Jeder Beginn ist eine Achterbahn

Biman ist ein Zauderer. Er denkt zu viel und seine detaillierten Analysen stehen seinen Aktionen oft im Weg. Daher gab ich ihm den Rat: “Egal was du tust, fang einfach an.” Er folgte diesem Rat und stürzte sich gleich nach den Abschlussreden in Aktivitäten. Gemeinsam mit Akhina, ebenfalls einer Teilnehmerin der letzten Generation, reiste er von Kerala nach Odissa und besuchte unterwegs verschiedene Projekte. In Odissa traf er sich mit kanthari Absolventen, die ihm von ihren Startphasen erzählten. Einer von ihnen war Karthik, Gründer von Sristi Village, einem heute sehr erfolgreichen Projekt. Karthik kehrte unmittelbar nach kanthari erst einmal in seinen alten Job als Leiter eines Waisenheims zurück. Das sei aber keine gute Idee gewesen. Erklärte er den frisch gebackenen kantharis. Denn das große Selbstbewusstsein, dass er während der Monate im kanthari Institut aufgebaut hatte, sei durch seinen wieder hergestellten Alltagstrott völlig in sich zusammengefallen. Dazu gesellte sich die Skepsis von Familienangehörigen, Freunden und Kollegen. Karthik erlebte eine Depression, aus der er sich erst durch die Umsetzung seiner Projekt-Ideen befreien konnte. “Fangt so schnell wie möglich an und seht zu, dass ihr eure Hochstimmung in die Startphase hinüberrettet. Ihr werdet sie brauchen. Denn jeder Beginn ist eine Achterbahn!”

Nach drei Monaten, in denen die kantharis durch Ehemalige in ihren Anfängen begleitet werden, verfassen sie einen Abschlussbericht. Diese Berichte sind sehr spannend zu lesen, sie geben uns einen tiefen Einblick in die Lebensumstände jedes Einzelnen und sie geben Aufschluss über die emotionale Stärke, mit der sie die vielen Hindernisse überwinden und die mannigfaltigen Probleme lösen. 

Bimans Einschätzung

Besonders Biman’s Bericht spiegelt die Achterbahn des Anfangs, die wir, Projekt Initiatoren alle kennen, in sehr eindrücklicher Weise wider. Hier ein kleiner Auszug:

“Wenn ich auf mein dreimonatigen Projekt Beginn zurückblicke, dann sehe ich in mir drei unterschiedliche Persönlichkeiten:

Der Enthusiast (Januar, erster Monat): Am Anfang war ich unheimlich aufgeregt und dem entsprechend überaktiv. Ich habe online meine Projekte vorgestellt, mich mit potenziellen Begünstigten getroffen, ich habe versucht, meine Organisation zu registrieren, bin umhergefahren, um organisches Material und diverse Gemüsesaht zu sammeln und habe den Boden für die ersten Pflanzungen vorbereitet. Ich war von morgens bis abends beschäftigt, und in meiner Vorstellung war ich davon überzeugt, dass ich alles, was ich mir erträumt hatte, auch erreichen kann. Doch dann setzte die Realität ein.

Der Pessimist (Februar bis Mitte März): Die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, waren nicht so motiviert, die Saat ging nicht richtig auf, ich konnte viele Fragen nach meinen Erklärungen und öffentlichen Auftritten nicht wirklich beantworten, die Registrierung meiner Organisation Bon ging nicht voran, denn bürokratisch war es ein einziges Durcheinander, und und und. Ich verlor sehr schnell meine Motivation und mein Selbstvertrauen ging den Bach runter! Hier war ich wieder einmal, “Mr. Overthinker”, ich war verwirrt darüber, was ich eigentlich tun wollte!
Der “Sag niemals nie”-Typ (Mitte März bis heute): Nach vielem Hin und Her, nach Selbstzweifeln und Selbstreflexionen scheint es, dass ich einfach handeln muss, ohne zu viel nachzudenken. Es ist genau wie Sabriye mir immer geraten hat. Anstatt mich auf 100 Dinge zu konzentrieren, habe ich beschlossen, mich vorerst nur auf ein Thema zu fokussieren, nämlich auf die Einrichtung von drei Modellgärten. Und das zahlt sich bisher gut aus. Es bringt mich wieder auf den richtigen Weg.”

Der nächste Schritt

In diesen Tagen ist Biman in Schweden, Dänemark und Deutschland unterwegs. Er spricht zu Studentengruppen, zu Umweltaktivisten und er knüpft wertvolle Kontakte mit potenziellen Unterstützern.

Seine Pläne für das nächste Jahr sind klar:

Drei Modellgärten, um die Menschen davon zu überzeugen, dass man auf wenig Grund, mit wenig Mitteln viele unterschiedliche Gemüsesorten pflanzen kann.
Acht Kurzfilme in lokalen Sprachen, um Bauern einen Einblick in erfolgreiche ökologische Landwirtschaft zu vermitteln,
Eine Dorfküche, in der mit ganz neuen natürlichen Nahrungsmitteln experimentiert werden soll, um den Appetit der Menschen auf abwechslungsreiche Nahrung zu fördern.

Und wie stehen Deine Eltern zu all dem?

Biman lacht. “Nun im Prinzip verstehen sie mich und meine Beweggründe. Aber natürlich sind sie auch typisch indische Eltern, die sich Sorgen machen und es nicht gutheißen, dass ein Doktor der Mathematik mit einer Fahrradkarre durchs Dorf fährt, um trockenes Laub für den Kompost zu sammeln.”

Nun, Die Achterbahn hat ihre erste große Runde beendet, die Leinwand ist für Biman bereits bekritzelt, jetzt ist es an ihm, mehr daraus zu machen.

Neustart ins Leben

In diesem Blog erzählt Ihnen Puneet Singhal, 2021 kanthari Teilnehmer, wie er in einem armen Viertel von Neu-Delhi mit einem Stottern aufgewachsen ist. Erfahren Sie wie ihn sei Mentor dazu inspirierte, eine Initiative zu gründen, die sich für Menschen mit Sprachstörungen einsetzt.

Eine Achterbahnfahrt als Lebensweg

Mein bisheriger Lebensweg war eine Achterbahnfahrt. Ich wurde in Neu-Delhi in der Sangam Vihar geboren, einer der größten nicht genehmigten Slum-Kolonien Asiens. Dort leben viele Menschen aus der Arbeiterklasse und ich litt dort oft unter der Armut. Selbst Trinkwasser und der Zugang zu Toiletten waren ein Luxus. Nach Angaben der Times of India stammen 90 % der Kriminellen im Süden Delhis aus diesem Viertel. Die Jugendlichen sind in alle möglichen illegalen Aktivitäten verwickelt und es gibt kaum erkennbare Möglichkeiten für sie. Die Zahl der Selbstmorde unter Jugendlichen ist wegen des Mangels an Beschäftigung stark angestiegen.

Ich hörte auf zu kommunizieren

Als Kind wurde ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen. Ich fühlte mich verletzt und so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können. Ich fühlte mich wie in Fesseln. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen. Jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit und habe aufgehört zu kommunizieren.

Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohl gefühlt hatte, verwandelte sich in ein Schlachtfeld. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Eines Tages fing die ganze Klasse an zu stammeln: “Gu-gu-gu-guten Morgen”. Ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten. Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter. Sie befürchteten, dass ich einen schlechten Einfluss auf sie hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit Sprechen hatte. Ich wurde ständig verspottet und verlor mein Selbstvertrauen völlig.

Das Stottern lindern

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern. Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich normalerweise stecken blieb und reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen. Wenn andere versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder meine Sätze zu beenden, wurde ich noch unsicherer. Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war.

Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach. Aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Funken der Inspiration

Der Austausch mit anderen Social Change Maker aus verschiedenen Kulturen, Ländern und mit unterschiedlichem Hintergrund regte mich zum Nachdenken an und eröffnet mir eine ganz neue Perspektive. Eines Tages sprach ich mit meiner Mentorin Sabriye Tenberken. Sie ist eine blinde, inspirierende Frau und Gründerin von kanthari. kanthari ist ein Führungsprogramm für Visionäre, die einen ethischen sozialen Wandel vorantreiben wollen. Ich erzählte ihr von meiner Teilnahme an der Jahreskonferenz der Indian Stammering Assoziation und wie diese zwei Tage mir geholfen haben, mein Stottern zu akzeptieren. Ich erkannte, dass es mich zu einem geduldigeren, einfühlsameren und bewussteren Menschen gemacht hat. Plötzlich unterbrach mich Sabriye und fragte: “Warum arbeitest Du nicht für Menschen mit Sprachstörungen?”. Diese Frage machte für mich so viel Sinn. Ich sah diese Idee als den Beginn eines neuen Abschnitts in meinem Leben und nannte ihn ‘ssstart’, denn so spreche ich das Wort Start aus.

Mit Sitz in Neu-Delhi wird ssstart ein Zentrum der Hoffnung sein. Durch spannende Workshops, Aktivitäten und Veranstaltungen soll die Wärme der menschlichen Kommunikation bei Menschen mit Sprachstörungen wiederbelebt werden. Wir werden interaktive Räume für Menschen jeden Alters, Geschlechts und Hintergrunds bereitstellen, um freie, verletzliche und geduldige Menschen zu werden. Unser Hauptziel bei ssstart ist es, authentische Kommunikatoren zu schaffen, die ihre Botschaft gründlich vermitteln und ein Gleichgewicht zwischen Sprechen und Zuhören schaffen.

Einschränkungen als Vorteil

Wir glauben, dass jede Einschränkung auch als Vorteil betrachtet werden kann, wir nennen es den “unfairen Vorteil”. Bei ssstart bemühen wir uns, Menschen mit verschiedenen Sprachstörungen wie Stottern, Lispeln, Sigmatismus (wiederholte Verwendung des “s” in jedem Wort) und Aphasie (Schwierigkeiten beim Zusammenfügen von Wörtern und Sprache) zu unterstützen, indem wir uns auf direkte und wahrheitsgemäße Kommunikation konzentrieren und dabei Sprachbehinderungen einbeziehen.

Außerdem setzen wir uns für eine Gesellschaft ein, die offen kommuniziert, kritisch denkt und Menschen schätzen und Geduld haben. So dass wenn wir, die Sprachgestörten, unsere Botschaften übermitteln wollen, die Nicht-Sprachgestörten zuhören, bis wir fertig sind, auch wenn es einige Zeit dauert. Das bedeutet auch, dass die Zuhörer unsere Sätze nicht beenden, wenn wir nicht weiterkommen.

Wir verdienen es gehört zu werden

Wir werden durch Aktivitäten wie Stand-Up-Comedy, Rappen und Straßentheater Humor beweisen. Wir werden beweisen, dass wir es verdienen, gehört zu werden und in die Gesellschaft zu gehören. Gelegentlich laden wir erfolgreiche Persönlichkeiten mit Sprachbehinderungen ein, um das Selbstvertrauen unserer Teilnehmer zu stärken und ihnen zu zeigen, dass auch sie ihre Träume durch ständige Übung und Entschlossenheit verwirklichen können. Wir bieten Workshops zu den Themen Körpersprache, öffentliches Sprechen und Gebärdensprache an. Zusätzlich holen wir auch Hilfe von erfahrenen Psychologen, für Menschen, die unter Traumata leiden und klinische Unterstützung benötigen.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Konventionen zu hinterfragen, die unsere Existenz mechanisieren. Wir entwickeln Methoden für neue Wege der Kommunikation, die einfach und doch effektiv, langsam und doch dauerhaft, professionell und doch spielerisch sind. Los geht’s!

Sie können sich über Puneets Initiative auf der ssstart-Website informieren.

Tabubruch in Kenia

Tabus, die uns ein Leben lang verfolgen

Juliet Omondi kommt aus Homa Bay, einer ländlichen Region im Westen Kenias. Sie spricht ein Tabu an, das in Ostafrika wie auch in vielen anderen Ländern der Welt weit verbreitet ist. Wir sagen, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und trotzdem werden Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation von Schulen und Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen. Juliet möchte mit ihrer Organisation Paro Manyien (Bewusstseinsveränderung) dieses Tabu ändern, indem sie die Verantwortlichen in den Kirchen und Gemeinden für dieses Thema sensibilisiert.

Ich denke oft an Situationen wie diese: Man ist in einer Menschenmenge und plötzlich merkt man, die Periode hat unerwartet begonnen. Allerdings gibt es nichts, womit man sich säubern kann, man hat keine Binden und, viel schlimmer noch, es gibt niemanden, mit dem man darüber reden kann.

Es passiert jeder Frau im Leben bestimmt einmal oder auch mehrmals. Aber die Glücklichen können sich schnell Abhilfe schaffen. Die meisten jungen Mädchen in unseren Ländern werden aber mit diesem Problem vollkommen allein gelassen.

Ich bin geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Gegend im Westen Kenias, wo Tabus und Mythen rund um die Menstruation noch immer lebendig sind. Und so erlebte ich das Einsetzen meiner Menstruation mit Angst und Scham. Ich weigere mich jedoch, solche rückständigen Vorstellungen zu übernehmen und weiterzutragen. Wie in der gesamten Gemeinde wurde auch in meiner Familie nicht offen über die Menstruation gesprochen. Man glaubt, dass die Menstruation eine höchst private Angelegenheit der Frau ist, weil das Menstruationsblut von bösen Geistern benutzt werden könnte, um den Menschen in der Umgebung Schaden zuzufügen. Mit jemandem vom anderen Geschlecht über die Menstruation zu sprechen, gilt als respektlos. Unter normalen Umständen würde ich mir wünschen, dass Mütter mit ihren Kindern rechtzeitig vor der Pubertät über diese Themen sprechen. Leider war es bei mir nicht so.Ich erinnere mich noch lebhaft an einen Montagmorgen. Ich machte mich gerade auf den Weg zur Schule, als ich merkte, dass ich meine Periode hatte. “Mama”, rief ich mit brüchiger Stimme. Ich zitterte und hatte Angst. “Was ist los?”, fragte sie. “Ich glaube, ich habe meine Periode.” Ich hatte nämlich gehört, wie meine Mitschülerinnen und ältere Mädchen in der Schule über die Periode und Binden sprachen, wenn auch in gedämpftem Ton. Ich erhoffte mir nun eine Erklärung und Hilfe durch meine Mutter. Doch leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Sie war so von Scham behaftet, so dass sie nur meinte, ich sei vielleicht krank oder dass das Blut auch von einer Verletzung herrühren könne.

Ich war verwirrt, fühlte mich alleingelassen und war irgendwie auch enttäuscht.
Später am Abend teilte sie mir allerdings doch mit, dass ich mich nun in eine Frau verwandeln würde.  Aber das hätte Konsequenzen: Ich dürfe nicht mehr ihr Schlafzimmer betreten, auch das Gemüse dürfe ich während der Periode nicht pflücken, da es sonst verdorre und kranke Familienmitglieder sollte ich nicht mehr aufsuchen. All das machte mich wütend. Und so war es mir nicht möglich, meine Mutter jemals wieder auf so vertrauliche Themen anzusprechen.

Glücklicherweise hatte ich eine ältere Cousine in der Sekundarschule, die bereit war, ihr Wissen über die Menstruation und die Ge- und Verbote während meiner Periode mit mir zu teilen. Das war nach etwa drei Monaten, in denen ich im Stillen gelitten hatte.
In der Schule erlebte ich, wie Jungen ältere Mädchen schikanierten, die diese Veränderungen bereits durchmachten. Sie wurden gedemütigt, hatten Angst und wurden allgemein verspottet.

Irgendwann war auch ich an der Reihe. Eines Tages befleckte ich meine Schuluniform und musste mir bis zur Mittagspause einen Pullover um die Taille binden. Um aber die Schule nicht zu verpassen, schlich ich mich immer wieder in das Schlafzimmer meiner Mutter, um ein oder zwei Binden zu stehlen, die zu groß, zu dick und zu unbequem waren, um sie zu tragen. Das brachte mich dazu, mir andere Methoden auszudenken, um mit meiner Menstruation umzugehen. Ich schnitt alte Stoffstücke und Decken zurecht und nähte sie zusammen. Mit der Zeit wuchs ich über meine Ängste hinaus, öffnete mich meinem engen Freund, wurde zornig und konfrontierte mich mit meinen Tyrannen. Ohne es zu wissen, hatte ich mich zur Stimme der anderen Mädchen in der Schule entwickelt.

Heute habe ich als Gesundheits-beauftragte mit Mädchen zu tun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Mädchen, die wie ich niemanden haben, mit dem sie reden können, Mädchen, die von Tabus umgeben sind, die sie daran hindern, an den täglichen soziokulturellen Aktivitäten teilzunehmen, während sie ihre Periode haben.

Während eines der Schulgesundheitsprogramme, die ich in Kilifi, Kenia, durchgeführt hatte, hatte ich ein recht emotionales Gespräch mit einem Mädchen namens Kadzo, das mir von seinen Problemen als Teenager erzählte. “Ich bin eine Waise und lebe bei meinen Großeltern, die sich nicht um die Menstruation kümmern. Zu Hause kämpfen wir darum, Essen auf den Tisch zu bringen, und Damenbinden haben aufgrund unserer begrenzten Mittel keine Priorität. Ich habe niemanden, den ich fragen kann, kein Geld, um Binden zu kaufen, und niemanden, mit dem ich reden kann”.

Später vertiefte ich mich in das Thema und erfuhr, dass die Kultur der Geheimhaltung rund um die Menstruation die Mädchen noch weiter in ein Dilemma stürzt, da sie finanziell nicht unabhängig sind. Mangelnde Beratung und Angst führen dazu, dass einige Mädchen zu anderen Mitteln greifen, um Geld für den Kauf von Binden zu bekommen. Zehn Prozent der 15-jährigen Mädchen in Kenia tauschen Sex gegen Geld, um Binden zu kaufen, da sie zu Hause kaum welche bekommen können. Einige enden mit Teenager-Schwangerschaften, frühen Ehen oder sexuell übertragbaren Krankheiten. Einige brechen am Ende die Schule ab.
Genau wie Kadzo leiden viele andere Mädchen noch immer im Stillen. Und deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um diese Geschichte zu ändern.

Möchtest Du, wie Juliet, Deine eigene Organisation starten und bist auf der Suche dafuer die Fähigkeiten zu erwerben?
Dann bewerbe dich als Teilnehmer bei www.kanthari.org

Ein besonderer Stil der Ko-Kommunikation

Puneet Singh Singhal, Neu-Delhi, Indien, begann zu stottern, als er im Alter von sieben Jahren Zeuge von Gewalt wurde. In Kürze veränderte sich sein Charakter. Verspottet von seinen Klassenkameraden, verwandelte er sich von einem Kind, das liebte, im Rampenlicht zu stehen, zu einem eingeschüchterten Jungen, der sich weitgehend absonderte und jegliche Konversation zu vermeiden suchte. Heute steht Puneet zu seinem besonderen Kommunikationsstil und träumt davon, mit seiner Organisation ssstart diejenigen zu befreien, die wegen ihrer Unfähigkeit, fließend zu kommunizieren, gefangen sind.

Als ich gerade in die Schule ging, war das Leben schön. Ich erinnere mich, dass es mir zu Beginn meiner Schulzeit so viel Spaß machte, Mathematik, Zeichnen, Englisch und Hindi zu lernen. In der Schulversammlung habe ich gerne vor allen unsere Morgenandacht gesprochen und ich habe ohne Scheu die Nationalhymne gesungen. Im Unterricht war ich derjenige, der die Rechentabelle laut vorlas, während meine Klassenkameraden es mir nachmachten.

Doch dann änderte sich alles, als ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen wurde. Ich fühlte mich verletzlich und irgendwie so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken zu fassen. Es war, als wäre ich geknebelt und gefesselt. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen, aber jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit.

Ich hörte auf zu kommunizieren. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohlgefühlt hatte, verwandelte sich in ein “Schlachtfeld”.

Eines Tages fing die ganze Klasse an, “gu-gu-gu-guten Morgen” zu stammeln, und ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten.

Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter, dass ich einen schlechten Einfluss hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit seiner Sprache hatte! Da ich ständig verspottet wurde, verlor ich völlig mein Selbstvertrauen.

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern: Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich nicht weiterkam, reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam extra zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen.

Wenn Leute versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder wenn sie sich bemühten, meine Sätze zu beenden, war das keine Hilfe, mein Stottern wurde mir umso bewusster.

Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war. Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach, aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Im Sommer 2018 kam ich in Kontakt mit Vinayak, einem Mann, der fast 7 Minuten brauchte, um sich vorzustellen. Er war von der Indian Stammering Association (TISA) und lud mich ein, an der jährlichen Konferenz in Delhi teilzunehmen.

Als ich den Rednern zuhörte, war ich erstaunt, wie selbstbewusst und sicher sie in der Öffentlichkeit auftraten. Schon bald fand ich mich in meinem “Stamm” wieder, und nun waren wir diejenigen, die sich über unsere Unfähigkeit, oder sollte ich sagen, unseren besonderen Kommunikationsstil, lustig machten! Zum ersten Mal musste ich nicht mehr vor mir selbst weglaufen.

Am nächsten Tag bekamen wir die Aufgabe, mit Fahrgästen in der U-Bahn von Delhi zu sprechen. Wir erzählten ihnen von unseren Herausforderungen und wie wir uns fühlten, wenn man uns lächerlich machte. Die Leute hörten uns zu und unterschrieben ein Gelöbnis, dass sie auf jeden, der ein Kommunikationsproblem hat, Rücksicht nehmen werden.

All dies half mir, mit mir selbst in Einklang zu kommen und mich und mein Stottern zu akzeptieren. Da ich merkte, dass ich nicht alleine mit dem Problem war, konnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.

Und BUMM! Ich sprang wieder auf die Bühne und nutzte jede Gelegenheit, um kläglich zu versagen, mehr als je zuvor. Aber eines habe ich gelernt: Ich kann jetzt meinen Namen fließend aussprechen, einen Namen, der mit “Pu” beginnt – ein Laut, mit dem ich immer Probleme hatte.

In meiner Heimatstadt Neu-Delhi möchte ich ein Zentrum namens ssstart einrichten. Es wird ein Ort der Kommunikation sein. Wir werden Workshops wie die Folgenden anbieten:

1. What’s the hurry! workroom: Hier arbeiten wir mit Stotterern, Lisplern und Menschen mit anderen Sprachstörungen. Unser Ziel ist es nicht, sie zu behandeln, sondern sie im Leben voranzubringen und ihnen Techniken zu vermitteln, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen umgehen können. Wir machen ihnen Mut, bessere Zuhörer zu werden.

2. Körper ohne Blabla: Die nonverbale Kommunikation ist bei unseren Interaktionen von großer Bedeutung. Augenkontakt, Mimik, Gestik und Körperhaltung sind Teil dessen, was wir “Körpersprache” nennen. In diesem Workshop werden wir den Teilnehmern helfen, verschiedene Formen der nonverbalen Kommunikation zu erkunden.

3. Sprechen mal anders: Hier erkunden wir Möglichkeiten und tauchen tief in die Gebärdensprache und die Blindenschrift ein und erfahren, wie diese Kommunikationsmittel dazu beitragen können, neue Aspekte der Kommunikation zu aktivieren.

4. Das Leben auf der Bühne: Das Sprechen in der Öffentlichkeit ist die
an der weitesten verbreiteten Angst
der Menschen weltweit. In diesem Workshop helfen wir unseren Teilnehmern, Lampenfieber zu überwinden, indem wir das Eis brechen, Gesangsübungen machen und

Möglichkeiten schaffen, sich dem Publikum zu stellen, ohne Angst zu haben. Unser Ziel ist es, die Bühne zu ihrer Komfortzone zu machen und sie von dieser Angst zu befreien. Überall in der Welt gibt es viele Organisationen, die sich mit diesen Sprachstörungen befassen. Sie schaffen Bewusstsein und erheben ihre Stimme, um die Akzeptanz von Stotterern und “talkern” zu erhöhen. Allerdings erlauben sie es Nicht-Stotterern nicht, ihrer Organisation beizutreten. Wenn sie das aber täten, könnten Nichtstotterer sehr viel besser für und mit uns sprechen.

Nur so kann in der Gesellschaft ein neues Umdenken entwickelt werden, um Stottern und andere Sprachstörungen zu normalisieren.

Lasst uns nicht lange reden, let’s ssstart!