Adegbite Tobi Gabriel

Entojutu

Adegbite Tobi Gabriel – Nigeria 

Tobi, Biologe und Landwirt, sorgt sich um die umweltverschmutzenden, stinkenden und Methan freisetzenden organischen Abfälle. Diese verfüttert seine Organisation Entojutu an die Larven der schwarzen Soldatenfliege. Nach einer kurzen Aufzuchtsphase werden die Larven geerntet und getrocknet zu hochwertigem Tierfutter verarbeitet. Die Rückstände werden als organischer Dünger eingesetzt. Entojutu unterstützt Landwirte bei der Umstellung auf diese und andere umweltfreundliche Arbeitsmethoden.

Tobi sagt:

Als Umweltbiologe und Gesundheitswissenschaftler interessierte ich mich leidenschaftlich für die Landwirtschaft und absolvierte eine Ausbildung, um auf die “grosse und richtige Art” Landwirtschaft betreiben zu können. Auf dieser Reise wurde ich Zeuge dessen, was der gewöhnliche nigerianische Bauer in seinem Bestreben, die Nation zu ernähren, erlebt. Es war schockierend.

Ich habe gross versagt, nicht nur einmal, sondern zweimal. Die Probleme reichten von Unsicherheit über hohe Produktionskosten bis hin zum Klimawandel und vielem mehr. Auf der Suche nach Lösungen stiess ich auf ein weiteres Problem im Lebensmittelsystem. Nämlich die organischen Abfälle, die rund um meine neu errichtete Farm Umweltschäden verursachten. Deshalb gründete ich Entojutu, das sich auf die Lösung von zwei Problemen konzentriert: Nahrungsmittelknappheit und Probleme mit organischen Abfällen. 

Und wie? Entojutu nutzt die Larven der schwarzen Soldatenfliege, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln, und liefert hochwertiges Insektenprotein, das wasser- und klimaintensives Pflanzenprotein sowie übermässig geerntetes und erschöpfendes Fischprotein, das in Tierfutter verwendet wird, ersetzt.

Entojutu - Flies for Change

Sehen Sie sich Tobis inspirierende Abschlussrede bei den 2021 kanthari Talks an und lernen Sie, wie er die Larven der Schwarzen Soldatenfliege einsetzt, um städtische organische Abfälle in organischen Dünger umzuwandeln. 

Mehr zu Tobi

Fliegen für den Wandel

Adegbite Tobi Gabriel ist Biologe und Landwirt aus Nigeria. Landwirte in Nigeria stehen vor vielen Herausforderungen, die meisten Bauern sind hoch verschuldet. Zudem sorgt sich

Achterbahn

Achterbahn

Vor einigen Jahren überhörte ich ein Gespräch zwischen meinem Bruder und meiner Mutter. Meine Mutter hatte sich Stifte, Pinsel und Farben besorgt, eine Leinwand aufgespannt und wollte nun mit dem Malen beginnen. Doch da war die Angst vor dem Start, die Angst davor, die makellose, weiße Leinwand zu verschandeln. Mein Bruder ist Künstler und unterrichtet Zeichnen, Malen und Kunst-Installationen. Er kannte diese Anfangsangst von seinen Studenten und vielleicht auch aus eigener Erfahrung. “Nicht lange nachdenken”, meinte er. Kurzerhand gab er meiner Mutter einen Stift in die Hand und brachte sie dazu einfach loszukritzeln. Die Leinwand war nun nicht mehr sauber und unberührt und die Hemmschwelle, loszulegen war damit überwunden.

Ich habe diesen kleinen, aber sehr wirksamen Trick auf den Beginn eines Projektes übertragen. Nicht lange nachdenken, was alles schieflaufen könnte, einfach anfangen und daraus mehr werden lassen. Und tatsächlich, es funktioniert! Diejenigen, die den Mut haben, einfach loszulegen, erleben oft, dass sich die so überwundene Angst vom Anfang in eine Art Euphorie umwandeln läßt und viele erfahren, dass jeder Start, wenn man ihm nur eine Chance gibt, unter einer magischen Spannung steht.

Die Magie des Anfangs

Aus aktuellem Anlass, denn 16 unserer kantharis haben ihre betreute dreimonatige Startphase in der letzten Woche abgeschlossen, möchte ich in diesem Blog die Magie des Anfangs untersuchen. Dafür nutze ich auch Reflexionen eines unserer Teilnehmer. Es handelt sich um Biman Roy, einen kanthari aus dem letzten Jahrgang, der mit seiner Organisation BON in seinem Heimatdorf im indischen Westbengal, die traditionellen Bauern zu einer umweltschonenden und gesünderen Landwirtschaft bewegen möchte.

Biman hat einen interessanten Lebensweg hinter sich. Er stammt aus einem abgelegenen Dorf. Als Kind bestand sein Spielplatz aus Dschungel, Feldern, Bächen und schlammigen Teichen, in denen sich Kinder und Büffel gleicher Maßen suhlten. Dann kam er in die Schule und seine mathematische Begabung ebnete ihm den Weg durch Universitäten in Indien und Schweden, wo er schließlich seinen Doktor in Computer Wissenschaften machte. Doch während der gesamten Studienzeit, zwischen Computern und mathematischen Konzepten, vergass er nie die Leidenschaft für die “Wildness” seiner Heimat, die Mannigfaltigkeit der Früchte, Kräuter und Gemüsesorten und die schattigen uralten Bäume. 2021 war er so weit. Er ließ Europa und die Träume seiner Eltern, er würde irgendwann ein Professor für Mathematik werden, hinter sich und kehrte, mit einem siebenmonatigen Zwischenstopp im kanthari Institut, in seine Heimat zurück.

Jeder Beginn ist eine Achterbahn

Biman ist ein Zauderer. Er denkt zu viel und seine detaillierten Analysen stehen seinen Aktionen oft im Weg. Daher gab ich ihm den Rat: “Egal was du tust, fang einfach an.” Er folgte diesem Rat und stürzte sich gleich nach den Abschlussreden in Aktivitäten. Gemeinsam mit Akhina, ebenfalls einer Teilnehmerin der letzten Generation, reiste er von Kerala nach Odissa und besuchte unterwegs verschiedene Projekte. In Odissa traf er sich mit kanthari Absolventen, die ihm von ihren Startphasen erzählten. Einer von ihnen war Karthik, Gründer von Sristi Village, einem heute sehr erfolgreichen Projekt. Karthik kehrte unmittelbar nach kanthari erst einmal in seinen alten Job als Leiter eines Waisenheims zurück. Das sei aber keine gute Idee gewesen. Erklärte er den frisch gebackenen kantharis. Denn das große Selbstbewusstsein, dass er während der Monate im kanthari Institut aufgebaut hatte, sei durch seinen wieder hergestellten Alltagstrott völlig in sich zusammengefallen. Dazu gesellte sich die Skepsis von Familienangehörigen, Freunden und Kollegen. Karthik erlebte eine Depression, aus der er sich erst durch die Umsetzung seiner Projekt-Ideen befreien konnte. “Fangt so schnell wie möglich an und seht zu, dass ihr eure Hochstimmung in die Startphase hinüberrettet. Ihr werdet sie brauchen. Denn jeder Beginn ist eine Achterbahn!”

Nach drei Monaten, in denen die kantharis durch Ehemalige in ihren Anfängen begleitet werden, verfassen sie einen Abschlussbericht. Diese Berichte sind sehr spannend zu lesen, sie geben uns einen tiefen Einblick in die Lebensumstände jedes Einzelnen und sie geben Aufschluss über die emotionale Stärke, mit der sie die vielen Hindernisse überwinden und die mannigfaltigen Probleme lösen. 

Bimans Einschätzung

Besonders Biman’s Bericht spiegelt die Achterbahn des Anfangs, die wir, Projekt Initiatoren alle kennen, in sehr eindrücklicher Weise wider. Hier ein kleiner Auszug:

“Wenn ich auf mein dreimonatigen Projekt Beginn zurückblicke, dann sehe ich in mir drei unterschiedliche Persönlichkeiten:

Der Enthusiast (Januar, erster Monat): Am Anfang war ich unheimlich aufgeregt und dem entsprechend überaktiv. Ich habe online meine Projekte vorgestellt, mich mit potenziellen Begünstigten getroffen, ich habe versucht, meine Organisation zu registrieren, bin umhergefahren, um organisches Material und diverse Gemüsesaht zu sammeln und habe den Boden für die ersten Pflanzungen vorbereitet. Ich war von morgens bis abends beschäftigt, und in meiner Vorstellung war ich davon überzeugt, dass ich alles, was ich mir erträumt hatte, auch erreichen kann. Doch dann setzte die Realität ein.

Der Pessimist (Februar bis Mitte März): Die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten wollte, waren nicht so motiviert, die Saat ging nicht richtig auf, ich konnte viele Fragen nach meinen Erklärungen und öffentlichen Auftritten nicht wirklich beantworten, die Registrierung meiner Organisation Bon ging nicht voran, denn bürokratisch war es ein einziges Durcheinander, und und und. Ich verlor sehr schnell meine Motivation und mein Selbstvertrauen ging den Bach runter! Hier war ich wieder einmal, “Mr. Overthinker”, ich war verwirrt darüber, was ich eigentlich tun wollte!
Der “Sag niemals nie”-Typ (Mitte März bis heute): Nach vielem Hin und Her, nach Selbstzweifeln und Selbstreflexionen scheint es, dass ich einfach handeln muss, ohne zu viel nachzudenken. Es ist genau wie Sabriye mir immer geraten hat. Anstatt mich auf 100 Dinge zu konzentrieren, habe ich beschlossen, mich vorerst nur auf ein Thema zu fokussieren, nämlich auf die Einrichtung von drei Modellgärten. Und das zahlt sich bisher gut aus. Es bringt mich wieder auf den richtigen Weg.”

Der nächste Schritt

In diesen Tagen ist Biman in Schweden, Dänemark und Deutschland unterwegs. Er spricht zu Studentengruppen, zu Umweltaktivisten und er knüpft wertvolle Kontakte mit potenziellen Unterstützern.

Seine Pläne für das nächste Jahr sind klar:

Drei Modellgärten, um die Menschen davon zu überzeugen, dass man auf wenig Grund, mit wenig Mitteln viele unterschiedliche Gemüsesorten pflanzen kann.
Acht Kurzfilme in lokalen Sprachen, um Bauern einen Einblick in erfolgreiche ökologische Landwirtschaft zu vermitteln,
Eine Dorfküche, in der mit ganz neuen natürlichen Nahrungsmitteln experimentiert werden soll, um den Appetit der Menschen auf abwechslungsreiche Nahrung zu fördern.

Und wie stehen Deine Eltern zu all dem?

Biman lacht. “Nun im Prinzip verstehen sie mich und meine Beweggründe. Aber natürlich sind sie auch typisch indische Eltern, die sich Sorgen machen und es nicht gutheißen, dass ein Doktor der Mathematik mit einer Fahrradkarre durchs Dorf fährt, um trockenes Laub für den Kompost zu sammeln.”

Nun, Die Achterbahn hat ihre erste große Runde beendet, die Leinwand ist für Biman bereits bekritzelt, jetzt ist es an ihm, mehr daraus zu machen.

Wofür es sich zu streiten lohnt

“Barrierefreiheit für Behinderte kann nur in Friedenszeiten realiert werden. Um in Katastrophenzeiten zu überleben, müssen wir im Voraus darauf vorbereitet sein, unter allen denkbaren Umständen zu leben.” – Nematullah Ahangosh.

Der Tag, an dem unsere blinden Schüler etwas ratlos von einer Stadtbegehung mit dem Lhasa-Behindertenbüro zurückkamen, ist noch gut in meiner Erinnerung. Die Mitarbeiter der Behörde waren morgens in unserer Schule eingetroffen und verkündeten großspurig eine Überraschung. Alle älteren Kinder sollten ihre Blindenstöcke mitnehmen, man mache gemeinsam einen Stadtrundgang. Es war offensichtlich, dass unsere Schüler, die sehr selbstständig aufwuchsen und tagtäglich allein oder auch in Gruppen ihre Streifzüge durch die nahgelegende Altstadt von Lhasa unternahmen, von einer behördlich überwachten Stadtbegehung nicht besonders begeistert waren. Doch sie begleiteten die Offiziellen ohne Murren, vielleicht um ihnen einen Gefallen zu tun. Paul und ich waren hingegen sehr gespannt, was es so wichtiges im Stadtbild gab), dass es unseren Schülern vorgeführt werden sollte?

“Nichts Besonderes”, meinte einer der Jungen, nachdem sie, ihre Stöcke hinter sich her ziehend, etwas gelangweilt zurück in die Schule schlurften. “nur zwei Betonrillen auf dem Gehweg. “Gemeinsam mit Yudron, einer ehemaligen Schülerin, die nach unbegleiteten Reisen und nach Studien im Mainland China und Malaysa mittlerweile bei uns als Lehrerin tätig war, machten wir uns auf die Suche und stießen auf taktile Leitlinien, die speziell für Blinde auf den Bürgersteigen, rund um die Altstadt angebracht worden waren. “Ist doch mal ein Fortschritt!” meinte ich gutgelaunt, doch Yudron blieb skeptisch. “Damit macht man uns nur abhängig und irgenwann werden wir nicht mehr in der Lage sein, unsere eigenen Wege zu finden.”

An diese Aussage erinnerte ich mich, als Paul und ich einige Zeit später durch Honkong reisten. Überall gab es diese Leitlinien auf Bürgersteigen, überall akkustische Ampeln und Braillebeschriftungen. Doch als wir uns mit einigen lokalen Blinden unterhielten, ob sie denn auch mal außerhalb Hongkongs etwas unternähmen, waren die Antworten einhellig: Nur in Hongkong. Woanders gäbe es zu viele Barrieren.

Während unserer Zeit in Tibet und in Indien hatte sich allerdings auch in Europa bezüglich der Barrierefreiheit einiges getan. Bei meinen kurzen Aufenthalten in Deutschland war ich doch recht erstaunt über die mannigfaltigen Anpassungen, manche in meinen Augen sinnvoller als andere. Zum Beispiel: Braillebeschriftungen auf Medikamentenschachteln oder in öffentlichen Aufzügen sehe ich durchaus als notwendige Errungenschaft. Dann aber gab es bald in jedem Bahnhof, in sämtlichen Fußgängerzonen diese Leitlinien, die mich zunächst eher verwirrten. Irgendwann machte ich mir einen Spaß daraus, steckte die Spitze meines Stockes in eine der Rillen und ging drauflos. Doch während ich mich darauf konzentrierte, mich ganz auf diese Rille zu verlassen, fühlte ich mich schnell von meinem Orientierungssinn im Stich gelassen und so brach ich das Experiment bald wieder ab, mit dem gemischten Gefühl in Sachen Mobilität zur “alten Schule” zu gehören.

Währund unserer Zeit in Indien wurden wir so gut wie gar nicht mit dem Thema der Barrierefreiheit für Blinde konfrontiert. Natürlich machte ich mich in Konferenzen und Gesprächen mit Regierungsangehörigen für ein rollstuhlgerechtes Kerala stark, für Rampen, Aufzüge und rollstuhlfreundliche Toiletten, aber taktile Leitlinien für Blinde auf Bürgersteigen hatten für mich überhaupt keine Priorität. Ich hatte sie bei meinen Reisen durch Asien nicht vermisst und daher vollkommen vergessen. Erst als Sonderpädagogen im kanthari Campus auftauchten und sich darüber mokierten, dass Wege nicht blindengemäß gekennzeichnet seien und die Flure nicht rechtwinklig zueinander lägen und dadurch der Blinde in seiner Orientierung eingeschränkt würde, wurden wir bockig und meinten, die Welt ist rund und bestünde nicht aus “blindenfreundlichen” 90 Grad Winkeln.

Viele der blinden kantharis, die bei uns lernten, Organisationen zu gründen, kamen aus afrikanischen Ländern. Sie hatten, wie unsere blinden Kinder in Tibet, gelernt, sich in unwegsamem Terrain zurecht zu finden. Auch für sie bestanden die größten Errungenschaften, für die es sich zu kämpfen lohnt, nicht in aufwändigen infrastrukturellen Anpassungen, sondern in einer qualitativ hochwertigen Ausbildung.

“Und wie stehen blinde Inderinnen und Inder zur barrierefreien Infrastruktur?” fragte mich mal ein deutscher Journalist, der, selbst blind, mittlerweile sich an den Reisekomfort in Europa gewöhnt hatte. “Nun, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß!” antwortete ich knapp und erklärte dann, dass in Indien nur wenige den Mut hätten, sich, alleine, lediglich mit weißem Stock ausgerüstet, in das Verkehrschaos zu stürzen. “Wozu braucht man Leitlinien, wenn es noch nicht einmal Bürgersteige gibt!” Und dann, vor einigen Wochen, wurde ich sehr unsanft von Blinden meiner Wahlheimat Indien darauf aufmerksam gemacht, dass man hier sehr wohl für blindengerechte Infrastruktur kämpfte.

Ich hatte die Möglichkeit, ein zweiwöchiges “Survival Camp” für Blinde von der Seitenlinie mitzuverfolgen. Nematullah Ahangosh, der Gründer der Initiative “Stretch More” und Organisator des Survival Camps, ist Absolvent des letzten kanthari Kurses. Er kommt aus Afghanistan und kann, da er sich hin und wieder in internationalen Medien erbost über die dort herrschenden Zustände ausgelassen hatte, zunächst einmal nicht mehr dahin zurück. Nemat, wie wir ihn hier in kanthari nennen, ist gehbehindert. Aufgrund einer fortschreitenden Muskelerkrankung weiß er, dass er in nicht all zu langer Zeit im Rollstuhl sitzen wird. In seiner Abschlussrede bei den kanthari talks beschrieb er eindrücklich, wie gefählich ein Kriegsgebiet für Menschen mit Behinderungen ist.

“Im Chaos sind alle behindert.”, sagt Nematullah lakonisch. “Man vergisst uns. Deshalb müssen wir lernen, uns in Krisen selbst zu retten.” Jetzt bietet er mit seiner Initiative “Stretch-More“ Survival Camps für Behinderte in Krisengebieten an. Trotz der Tatsache, dass Kerala zu einem der friedlichsten Staaten Indiens zählt, gibt es auch hier Krisen, die gerade für Menschen mit Behinderungen lebensbedrohlich sein können. Denken wir nur an die Jahrhundert-Flutkatastrophe von 2018, in der viele Menschen starben, weil sie nicht schwimmen konnten.

 

Nemat machte eine kleine Werbekampagne, und die Mutigsten, vier blinde junge Männer, meldeten sich für einen zweiwöchigen Workshop an. Gemeinsam mit Riya, einer unserer Catalysatorinnen und selbst ehemalige Schwimmerin im Jugend-National-Team Indiens, organisierten sie ein intensives Schwimmtraining. Zusätzlich lernten sie auch alles, was ihnen zum Überleben in einer Krise helfen könnte: Verschiedene Methoden, Wasser zu filtern, Schutzhütten bauen, ohne Streichhölzer Feuer machen und als erste Hilfe Wunden versorgen bis der Arzt kommt. “Das mit dem Feuermachen hat nicht geklappt.”, meinte Nemat und fügte ironisch hinzu, “wir wären schon längst jämmerlich verhungert!”

Da ich Nemats Teilnehmer für unvergleichlich unternehmungslustig hielt, lud ich sie zu einer schon länger geplanten Fokusgruppendiskussion mit Repräsentanten der Kerala Universität für Architektur ein. Bei der Diskussion ging es um universales Design und um die Frage, ob blindenfreundliche Infrastruktur wirklich notwendig sei oder ob man die knappen oeffentlichen Gelder nicht besser für wirklich notwendige aber teure Baumaßnahmen für Gehbehinderte verwenden sollte. Denn taktile Untergrundsbeläge müssten, wie viele Straßen in den Tropen, jährlich erneuert werden. Blinde kämen auch so gut zurecht. Wenn man etwas für uns tun wollte, dann sollte man öffentliche Gelder doch besser in stabile Langstöcke und gutes Mobilitätstraining investieren.

Unbedacht, und im Glauben, nicht allein mit meiner Meinung da zu stehen, machte ich meine Witzchen über Leitlinien und bekam prompt von den anderen blinden Diskussionsteilnehmern eine verbale Tracht Prügel. Sie machten mir all zu deutlich, dass sie sich von mir und meinen Ideen verraten fühlten. Und als Nemat die Diskussion später noch einmal aufgriff, beschuldigten sie auch ihn, gegen Blindentechniken und blindengerechte infrastrukturelle Maßnahmen zu sein. Nemat war von den Vorwürfen zunächst überrascht, vielleicht sogar ein wenig gekränkt. Doch dann wurde uns etwas Entscheidendes bewusst: Wir beide, Nemat und ich, hatten zwar in unterschiedlicher Weise die Erfahrung gemacht, dass Barrieren durchaus auch stärken können. Es geht Nemat aber, wie auch uns in kanthari, um Empowerment, um die Befähigung, in jeder Lebenslage, wenn nötig auch alleine, zurecht zu kommen. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen, ist es so wichtig zu wissen, für welche Maßnahmen wir uns einsetzen müssen. Dabei spielt eine solidarische Grundhaltung unter den verschiedenen Behindertengruppen eine ganz wichtige Rolle. Während Blinde sich mit entsprechendem Training auch ohne Leitlinien, mehr oder weniger schnell, mal mit oder ohne Hilfe Überall zurecht finden können, sind Treppen ohne Rampe oder Aufzug für Menschen im Rollstuhl unüberwindlich. Anders sieht es dafür im Internet aus. Viele Webseiten sind für Blinde, die auf Bildschirmlesesysteme angewiesen sind, nicht zugänglich. Hier sind wir diejenigen, die im virtuellen Sinne eine Rampe oder einen Aufzug benötigen. Letztendlich geht es um Selbstverantwortung ohne Bevormundung und darum geht es uns in erster Linie, mit Bedacht entscheiden zu können, wofür es sich überhaupt zu streiten lohnt.

Einen toten Mann erschrecken

Die Frauen gingen in aller Ruhe auf und ab, 

ein breites Lächeln auf ihren Gesichtern. 
Ihr entferntes Lachen verblasste, 
auf dem Weg ins Unbekannte. 
Ich bat: “Oh Schwestern, betet für mich“ 
Doch sie hörten mich nicht. 

Die Männer kamen marschierend, 
große Körper, die ihre Köpfe tragen, 
lange Arme hingen von den Schultern, 
große Schritte die sich beschleunigen. 
Ich bat: “Oh Brüder, betet für mich.“ 
Doch Sie hörten mich nicht. 

Ich sah eine weinende Frau,
ihr Gesicht war mir bekannt.
Sie sah alt aus; sie war meine Mutter.
Ein Kind, das sie begleitete, meine Schwester.
Ich bat sie, nicht zu weinen! Aber,
sie hörten mich nicht.

Sie war damit beschäftigt, meine Stücke zu sammeln,
weinend beim sammeln.
Ich merkte, dass ich schon lange tot war,
als ich meinen Körper berührte, war er kalt und entspannt.
Nachdem sie mich eingesammelt hatte,
war ich kein Stück mehr, sondern nur noch Stücke,

Ich wurde vor einer Stunde in die Luft gesprengt,
Das waren meine Teile.

Frauen und Männer versammelten sich,
um mich zu waschen und meine Stücke zu verbinden.
Und sie legten mich in einen Sarg,
und trugen mich zum Friedhof.
Sie weinten und beteten, als sie mich beerdigten.
Ich sah Soldaten mit Gewehren.
Ich bat sie, nicht zu schießen,
doch Sie hörten mich nicht.
So feierten sie meinen Tod;
Sie schossen in den Himmel,
erschreckten Vögel und Tiere.
Sie erschreckten einen toten Mann.

Meine geliebte Mutter, das war meine Geschichte!
Ich ging, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen,
und es tut mir leid.

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Nematullah Ahangosh, 2021 kanthari aus Afghanistan schrieb dieses Gedicht als Hommage an einen Freund, den er durch einen Bombenanschlag verlor. Nematullah ist der Gründer von Stretch More, einer Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Stigmatisierung, Mitleid und Viktimisierung von Menschen mit Behinderungen zu bekämpfen.

Stretch More will ihnen Fähigkeiten vermitteln, die ihnen helfen, in Krisensituationen, durch Sport, Führungsqualitäten und Überlebens- und Problemlösungskompetenz, zu überleben, und https://stretchmore.org/

Tabubruch in Kenia

Tabus, die uns ein Leben lang verfolgen

Juliet Omondi kommt aus Homa Bay, einer ländlichen Region im Westen Kenias. Sie spricht ein Tabu an, das in Ostafrika wie auch in vielen anderen Ländern der Welt weit verbreitet ist. Wir sagen, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und trotzdem werden Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation von Schulen und Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen. Juliet möchte mit ihrer Organisation Paro Manyien (Bewusstseinsveränderung) dieses Tabu ändern, indem sie die Verantwortlichen in den Kirchen und Gemeinden für dieses Thema sensibilisiert.

Ich denke oft an Situationen wie diese: Man ist in einer Menschenmenge und plötzlich merkt man, die Periode hat unerwartet begonnen. Allerdings gibt es nichts, womit man sich säubern kann, man hat keine Binden und, viel schlimmer noch, es gibt niemanden, mit dem man darüber reden kann.

Es passiert jeder Frau im Leben bestimmt einmal oder auch mehrmals. Aber die Glücklichen können sich schnell Abhilfe schaffen. Die meisten jungen Mädchen in unseren Ländern werden aber mit diesem Problem vollkommen allein gelassen.

Ich bin geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Gegend im Westen Kenias, wo Tabus und Mythen rund um die Menstruation noch immer lebendig sind. Und so erlebte ich das Einsetzen meiner Menstruation mit Angst und Scham. Ich weigere mich jedoch, solche rückständigen Vorstellungen zu übernehmen und weiterzutragen. Wie in der gesamten Gemeinde wurde auch in meiner Familie nicht offen über die Menstruation gesprochen. Man glaubt, dass die Menstruation eine höchst private Angelegenheit der Frau ist, weil das Menstruationsblut von bösen Geistern benutzt werden könnte, um den Menschen in der Umgebung Schaden zuzufügen. Mit jemandem vom anderen Geschlecht über die Menstruation zu sprechen, gilt als respektlos. Unter normalen Umständen würde ich mir wünschen, dass Mütter mit ihren Kindern rechtzeitig vor der Pubertät über diese Themen sprechen. Leider war es bei mir nicht so.Ich erinnere mich noch lebhaft an einen Montagmorgen. Ich machte mich gerade auf den Weg zur Schule, als ich merkte, dass ich meine Periode hatte. “Mama”, rief ich mit brüchiger Stimme. Ich zitterte und hatte Angst. “Was ist los?”, fragte sie. “Ich glaube, ich habe meine Periode.” Ich hatte nämlich gehört, wie meine Mitschülerinnen und ältere Mädchen in der Schule über die Periode und Binden sprachen, wenn auch in gedämpftem Ton. Ich erhoffte mir nun eine Erklärung und Hilfe durch meine Mutter. Doch leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Sie war so von Scham behaftet, so dass sie nur meinte, ich sei vielleicht krank oder dass das Blut auch von einer Verletzung herrühren könne.

Ich war verwirrt, fühlte mich alleingelassen und war irgendwie auch enttäuscht.
Später am Abend teilte sie mir allerdings doch mit, dass ich mich nun in eine Frau verwandeln würde.  Aber das hätte Konsequenzen: Ich dürfe nicht mehr ihr Schlafzimmer betreten, auch das Gemüse dürfe ich während der Periode nicht pflücken, da es sonst verdorre und kranke Familienmitglieder sollte ich nicht mehr aufsuchen. All das machte mich wütend. Und so war es mir nicht möglich, meine Mutter jemals wieder auf so vertrauliche Themen anzusprechen.

Glücklicherweise hatte ich eine ältere Cousine in der Sekundarschule, die bereit war, ihr Wissen über die Menstruation und die Ge- und Verbote während meiner Periode mit mir zu teilen. Das war nach etwa drei Monaten, in denen ich im Stillen gelitten hatte.
In der Schule erlebte ich, wie Jungen ältere Mädchen schikanierten, die diese Veränderungen bereits durchmachten. Sie wurden gedemütigt, hatten Angst und wurden allgemein verspottet.

Irgendwann war auch ich an der Reihe. Eines Tages befleckte ich meine Schuluniform und musste mir bis zur Mittagspause einen Pullover um die Taille binden. Um aber die Schule nicht zu verpassen, schlich ich mich immer wieder in das Schlafzimmer meiner Mutter, um ein oder zwei Binden zu stehlen, die zu groß, zu dick und zu unbequem waren, um sie zu tragen. Das brachte mich dazu, mir andere Methoden auszudenken, um mit meiner Menstruation umzugehen. Ich schnitt alte Stoffstücke und Decken zurecht und nähte sie zusammen. Mit der Zeit wuchs ich über meine Ängste hinaus, öffnete mich meinem engen Freund, wurde zornig und konfrontierte mich mit meinen Tyrannen. Ohne es zu wissen, hatte ich mich zur Stimme der anderen Mädchen in der Schule entwickelt.

Heute habe ich als Gesundheits-beauftragte mit Mädchen zu tun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Mädchen, die wie ich niemanden haben, mit dem sie reden können, Mädchen, die von Tabus umgeben sind, die sie daran hindern, an den täglichen soziokulturellen Aktivitäten teilzunehmen, während sie ihre Periode haben.

Während eines der Schulgesundheitsprogramme, die ich in Kilifi, Kenia, durchgeführt hatte, hatte ich ein recht emotionales Gespräch mit einem Mädchen namens Kadzo, das mir von seinen Problemen als Teenager erzählte. “Ich bin eine Waise und lebe bei meinen Großeltern, die sich nicht um die Menstruation kümmern. Zu Hause kämpfen wir darum, Essen auf den Tisch zu bringen, und Damenbinden haben aufgrund unserer begrenzten Mittel keine Priorität. Ich habe niemanden, den ich fragen kann, kein Geld, um Binden zu kaufen, und niemanden, mit dem ich reden kann”.

Später vertiefte ich mich in das Thema und erfuhr, dass die Kultur der Geheimhaltung rund um die Menstruation die Mädchen noch weiter in ein Dilemma stürzt, da sie finanziell nicht unabhängig sind. Mangelnde Beratung und Angst führen dazu, dass einige Mädchen zu anderen Mitteln greifen, um Geld für den Kauf von Binden zu bekommen. Zehn Prozent der 15-jährigen Mädchen in Kenia tauschen Sex gegen Geld, um Binden zu kaufen, da sie zu Hause kaum welche bekommen können. Einige enden mit Teenager-Schwangerschaften, frühen Ehen oder sexuell übertragbaren Krankheiten. Einige brechen am Ende die Schule ab.
Genau wie Kadzo leiden viele andere Mädchen noch immer im Stillen. Und deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um diese Geschichte zu ändern.

Möchtest Du, wie Juliet, Deine eigene Organisation starten und bist auf der Suche dafuer die Fähigkeiten zu erwerben?
Dann bewerbe dich als Teilnehmer bei www.kanthari.org

Total Together!

Tyrone Havnar stammt aus Nyanga, Simbabwe. Simbabwe ist ein Land, das traurige Bekanntheit für seine Homophobie genießt. Der Hass gegen die LGBTQI+ Gemeinschaft wird auch noch nach Mugabe durch die politische Führung geschürt. Als Homosexueller hat Tyrone erfahren müssen, wie schwierig es ist, Zugang zu einer LGBTQI+ freundlichen Gesundheitsversorgung zu erhalten. Nun ist Tyrone jung und gesund. Was ist aber mit homosexuellen Senioren, die oft keine familiäre Unterstützung genießen, nicht selten alleine leben und arbeitslos sind und sehr viel mehr als Tyrone auf medizinische Versorgung angewiesen sind? Durch seine Organisation “Total Together”, plant Tyrone die Gründung eines Altersheims mit Sterbebegleitung für LGBTQI+ Senioren.

“Er ist nicht mein Sohn!”, rief mein Vater. “Denkst Du etwa, ich bin Dir untreu?!” schoss meine Mutter zurück.

Das war wie so oft der Beginn eines heftigen Streits, der dann immer tagelang andauerte. Ich wusste, dass es keinen Frieden geben würde.

Was sie damals noch nicht wussten: ich war schwul, aber mir war das schon in jungen Jahren klar. Später hieß es: “Er ist ein Fluch. Wir werden für unsere Sünden bestraft.” Das ist der traurige Glaube vieler simbabwianischer Familien.

Oh, wie ich mich selbst hasste und wie ich mich danach sehnte, einfach unsichtbar zu sein. Ich hatte solche Angst davor, dass jemand das Wort “schwul” in den Mund nimmt, dass ich jedes Mal erstarrte, wenn es zur Sprache kam. Ich tat so, als wäre ich heterosexuell, und gab vor, eine Freundin zu haben, damit niemand um mich herum sehen konnte, dass ich nicht der Norm entsprach.

Doch egal, wie oft und wie sehr ich versuchte, es zu verbergen, mein wahres Ich fand immer einen Spalt, durch den es entweichen und mich entlarven konnte. Die Religion war das Wichtigste im Leben meiner Familienangehörigen.

Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde in der Kirche über Schwule und Engel gepredigt, die beide zu den Verdammten gehörten. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und ich schaute mich um, um zu sehen, ob jemand wusste, dass ich dazu gehörte. Ich hatte das Gefühl, dass der Pastor mit seiner Predigt mich ansprach, und ich fragte mich, ob er mich in seinem Gotteshaus beschämen wollte. Jeden Sonntag ging ich mit der Angst in die Kirche, im Namen der Religion vor allen bloßgestellt und angegriffen zu werden.

Als die Pubertät eintrat, ließen sich alle Jungen um mich herum Bärte wachsen, und ihre Stimmen wurden brüchig.
Das war bei mir erst einmal nicht der Fall. Ich fragte daher eine Lehrerin, warum ich anders sei, und sie sagte: “Wenn du meinst, dass du etwas Besonderes bist, denk noch einmal darüber nach, Kind. Du bist im Bürgerkrieg entstanden, wo die Weißen die Schwarzen vergewaltigt haben, also bedenke einfach, dass es nichts an deiner Art gibt, worauf Du stolz sein kannst!” Auch sie bezog sich nicht auf meine damals geheim gehaltene Homosexualität, sondern darauf, dass ich sowohl indische wie auch schottische Vorfahren hatte.

All das rief ein Gefühl des Selbsthasses hervor. Ich war verwirrt. Wer war ich? Warum war ich so anders? War ich weniger Mensch?

Besonders aber, dass ich mich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte und das in einem Land, in dem offen darüber gesprochen wurde, wie wertlos das Leben Schwuler sei, machte mir große Angst. Ich fürchtete, angegriffen oder, schlimmer noch, verhaftet zu werden, weil ich ich war.

Da ich nicht die Freiheit habe, legal einen Mann zu heiraten, geschweige denn, mich mit meinem Freund irgendwo niederzulassen, machte ich mir zunehmend Sorgen darüber, was aus mir werden würde, wenn ich älter würde.

Ich hatte Mitleid mit allen, die mit mir leben mussten, und dachte, dass ich mich bei ihnen dafür entschuldigen müsste, dass ich so war, wie ich war.

Als ich 27 Jahre alt war, erkrankte ich einmal schwer und musste ärztlich behandelt werden. Auf dem Weg zur Behandlung wurde ich von einer älteren Krankenschwester betreut, die anfangs sehr freundlich war.

Sie fragte mich nach meiner Familiengeschichte und ob ich einen Partner hätte. Ohne groß nachzudenken, sagte ich: “Ja, ich habe einen; er ist zu Hause”. Sie machte eine Schreibpause, weil sie annahm, ich hätte einen Fehler gemacht. “Sie meinen doch sicherlich SIE?!” kicherte sie und meinte, dass Englisch keine freundliche Sprache sei. Ich sagte ihr, dass ich IHN meinte. Ihr fröhliches Gesicht erstarrte. Ich konnte Abscheu und Wut sehen. Sie stand auf und verkündete meine Sexualität vor allen Anwesenden in der Klinik. Sie beschämte mich mühelos und mit so viel Vergnügen, dass ich hinauslief, ohne Hilfe zu erhalten, während sie alle riefen: “Wir behandeln hier keine Abscheulichkeiten. Respektieren Sie unsere Einrichtung und gehen Sie dorthin, wo Ihre Art hingehört – in die dichte Wildnis”. Ich verließ die Einrichtung voller Scham, und weil ich Schmerzen hatte, musste ich über einen Freund nach alternativen Diensten Ausschau halten.

Altersdiskriminierung ist eine große Herausforderung, und die meisten Menschen auf der Welt haben Angst davor, allein alt zu werden. In Simbabwe werden gleichgeschlechtliche Beziehungen sowohl von der Gesellschaft als auch von jungen Angehörigen der LGBTQI+ Gemeinschaft diskriminiert. Die jüngeren LGBTQI+-Generationen in Simbabwe bezeichnen die Älteren in der Gemeinschaft häufig als “chigogodera”, was eine abfällige Bezeichnung für das Altern ist.

Obwohl im Rahmen des Globalen Fonds Schritte zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge für Angehörige der LGBTQI+ Gemeinschaft unternommen wurden, sind diese immer noch diskriminierend, da sie sich hauptsächlich auf die jüngere Generation konzentrieren und die Dienste meist nur in den Großstädten zur Verfügung stehen. Diese Kliniken sind für die älteren Menschen, die meist allein und ohne Betreuer leben, nicht leicht zugänglich.

Wer nie geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hat, wird von der gesamten Familie mit Scham behandelt und vernachlässigt oder gar verleugnet.

Es besteht also ein dringender Bedarf an kompetenter medizinischer Betreuung. Und wir benötigen menschenfreundliche Altersheime und Hospize. Und genau daran arbeiten wir.

Durch unsere Total Together Klinik werden wir auch psychologische Unterstützung anbieten, die bei akutem
Bedarf schnell und zuverlässig ist und eine langfristige Betreuung der älteren Menschen ermöglicht.

Darüber hinaus werden wir auch LGBTQI+ Angehörige in anderen Einrichtungen aufsuchen, um ihnen zu signalisieren, dass sie nicht alleine sind. In dieser Weise werden wir Stück für Stück die Akzeptanz für uns im Gesundheitswesen und in Altenheimen erschaffen.

Wo alles besser wird

Aisha Abdullahi Bubah spricht ein wichtiges Thema an: den Zustand der psychischen Gesundheit in der heutigen Gesellschaft. In ihrem Heimatland Nigeria, mit einer Bevölkerung von über 212 Millionen Menschen, gibt es nur 250 Psychiater und eine noch geringere Anzahl von Psychologen. Grob geschätzt hat nur einer von einer Million Nigerianern Zugang zu psychosozialer Unterstützung. Aishas Organisation Idimma wünscht sich starke Systeme, die mentale Krisen in der Bevölkerung auffangen können.

Es gab eine starke Vibration, wie ich sie noch nie gespürt hatte und von der ich nicht wusste, dass sie möglich war. Eine Schwingung, die Gegenstände in Bewegung setzte und mein Innerstes erschütterte.

Ich komme aus einer Region in Nigeria, in der ethnisch-religiöse Unruhen an der Tagesordnung sind und in der es immer wieder zu Terroranschlägen kommt. Ich dachte, das würde nur für eine kurze Zeit so sein, aber es dauerte länger als ein Jahrzehnt. Ich verlor einen lieben Verwandten an dem Tag, als in meinem Wohnort zum ersten Mal Bomben explodierten. Ich war mir nicht sicher, wie ich mit seinem plötzlichen Tod umgehen sollte, und viele Jahre lang versuchte ich, so zu tun, als wäre es nicht passiert. Es fühlte sich ungerecht an und ich hatte weder die Plattform noch die Möglichkeit, meine Gefühle oder Gedanken zu diesem Ereignis zu äußern. Der Aufstand geriet immer mehr außer Kontrolle. Immer mehr Verwandte wurden vertrieben und mussten die Häuser, in denen sie aufgewachsen waren, verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen. Ich höre sie über ihre Erfahrungen sprechen, wie sie im Gebüsch schliefen, um nicht von Terroristen abgeschlachtet zu werden. Ich höre sie über einige unserer vermissten Verwandten sprechen. Und ich frage mich immer, wo all diese Traumata bleiben.

Ich kann mich lebhaft an die große Angst erinnern, nicht zu wissen, ob wir jeden Moment tot sein würden oder ob eine Zeit kommen würde, in der der Aufstand endet und das Leben wieder normal wird. Ein Teil von mir wusste jedoch, dass “normal” nie wieder normal sein würde. Mir fehlten die Worte, um das überwältigende Gefühl der Trauer, der Unruhe und der Angst vor der Zukunft auszudrücken, dass ich empfand. Die Ungewissheit und die Angst davor, dass der Konflikt eskalieren könnte, beeinflussten meine Einstellung zum Leben, als ob es sich nicht lohnen würde, sich anzustrengen, um zu leben.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meiner Mutter fernsah. Wir sahen eine Hochzeit in einem vom Krieg zerrütteten Land und ich fragte: “Wie können sie sich amüsieren, wenn sie wissen, dass sie jeden Moment durch eine Bombenexplosion getötet werden können?” Sie sagte: “Das Leben muss weitergehen und der Tod ist nicht so beängstigend, wenn man das Gefühl hat, dass man nichts mehr zu verlieren hat.”

Erst später wurde es mir klar. Ich verstand, dass das Trauma nicht einfach verschwindet. Es bleibt, oder es manifestiert sich auf viele andere Arten, gut oder schlecht. Ich konnte nicht aufhören, über den mentalen Zustand der Opfer nachzudenken, die durch diese Gewalttaten körperlich, sozial und wirtschaftlich entmündigt und enteignet wurden. Aber ich wollte aus diesem Zustand der ständigen Angst, der Furcht und des Stresses herauskommen und auch anderen helfen, trotz ihrer Kämpfe ums tägliche Überleben, ihr Glück zu finden.

Im Alter von 16 Jahren beschloss ich, Psychologie zu studieren. Ich ging an die Universität mit der Neugier, menschliches Verhalten zu verstehen und einen Sinn in all den Ereignissen zu finden, die meine Kindheit geprägt hatten, zu verstehen, warum Menschen sich für Gewalt entscheiden, zu verstehen, warum Menschen Drogen missbrauchen, wie mein Freund aus Kindertagen und warum die Gesellschaft ihn daher als unwürdigen und schlechten Menschen ansah.

Ich hatte so ein größeres Ziel gefunden, auf das ich nun zuarbeiten konnte. Das half mir, über mein Trauma hinweg- zukommen. In meinem Heimatort herrscht der allgemeine Irrglaube, dass mentale Gesundheit etwas ist, das außerhalb unseres Körpers liegt, das ausschließlich durch äußere Faktoren beeinflusst wird und das manchmal sogar mit übersinnlichen Begebenheiten zusammenhängt.

Menschen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, werden angehalten, mehr zu beten, aber sie erhalten keine Unterstützung und Betreuung. Ich halte das für falsch, denn wir können Krebs nicht ohne medizinische Betreuung wegbeten, warum dann nicht auch professionelle Abhilfe für Menschen mit mentalen Schwierigkeiten schaffen?
Mentale Gesundheit ist in uns. Der Geist befindet sich nicht außerhalb des Körpers. Mir wurde klar, dass es einen Weg gibt, dass wir nicht mit unseren Traumata leben oder ständig von ihnen heimgesucht werden müssen. Es gibt Möglichkeiten, positive Fähigkeiten zu entwickeln, die es einem ermöglichen, sich auf ein bereicherndes, nicht von Gewalt gezeichnetes Leben zu freuen und es aufzubauen.

Heute leite ich eine Organisation für mentale Gesundheit, die sich für den Abbau von Barrieren beim Zugang zu psychischer Unterstützung einsetzt. Wir haben auch die erste Beratungsstelle für mentale Gesundheit über die nationale Notrufnummer Nigerias eingerichtet.

Das ist es, was wir uns vorstellen: Durch die Bereitstellung von Programmen zur Förderung des psychischen Wohlbefindens in den Gemeinden, die Laienberater und psychologische Ersthelfer ausbilden, werden wir die Lücke im Bewusstsein und im Zugang zu grundlegender psychosozialer Unterstützung schließen.

Stellen Sie sich eine Gemeinschaft vor, in der jede zehnte Person Beratungs-fähigkeiten erworben hat. Indem wir eine Gesellschaft mit besseren Zuhörern und besseren Kommunikatoren schaffen, eine Gesellschaft, die im Großen und Ganzen einfühlsamer ist und sich um die Bedürfnisse der anderen kümmert, werden wir eine mental gesündere Gesellschaft schaffen, die schließlich in der Lage ist, sich selbst zu heilen. In Krisensituationen wie COVID-19 oder in Krisen, in denen die Menschen nicht so mobil sind, wird dies einen großen Unterschied machen. Es handelt sich um ein Modell zur Selbsthilfe in Bezug auf das psychische Wohlbefinden, das wir in den letzten zwei Jahren durch die Ausbildung von über 100 Laienberatern erprobt haben, die derzeit psychosoziale Interventionen in der Region anbieten.

Aisha wird ihre Geschichte und Projektidee während den kanthari TALKS präsentieren!

Wann? 17 und 18 Dezember 2021!

Wo?  Livestream auf http://www.kantharitalks.org/