Tor zum Glück

Mit 4 Jahren erblindete Robert. Heute unterrichtet er Blinde im Umgang mit Computer. Lesen Sie mehr über seine inspirierende Reise.

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Marvelling Roots, inklusion für Alle

Kerlinda setzt sich mit ihrem Projekt Marelling Roots für die Inklusion von Kindern und jungen Erwachsenen mit Behinderungen ein.

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Vom Mitleid zur Empathie

Mit ihrem Projekt will Josephine von den Philippinen blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu Bildung geben.

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Einkommensquelle durch vergessene Waldnahrungsmittel

Wild trainiert in Indien Menschen mit Behinderungen, vergessene Waldnahrungsmittel zu identifizieren und vermarkten, um so ein Einkommen generieren zu können.

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Das Tor zu einer besseren Zukunft

Oluwakemis Leben änderte sich drastisch, als sie im Alter von 13 Jahren erblindete. Plötzlich war die Welt nicht mehr so leicht zugänglich.

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Wofür es sich zu streiten lohnt

“Barrierefreiheit für Behinderte kann nur in Friedenszeiten realiert werden. Um in Katastrophenzeiten zu überleben, müssen wir im Voraus darauf vorbereitet sein, unter allen denkbaren Umständen zu leben.” – Nematullah Ahangosh.

Der Tag, an dem unsere blinden Schüler etwas ratlos von einer Stadtbegehung mit dem Lhasa-Behindertenbüro zurückkamen, ist noch gut in meiner Erinnerung. Die Mitarbeiter der Behörde waren morgens in unserer Schule eingetroffen und verkündeten großspurig eine Überraschung. Alle älteren Kinder sollten ihre Blindenstöcke mitnehmen, man mache gemeinsam einen Stadtrundgang. Es war offensichtlich, dass unsere Schüler, die sehr selbstständig aufwuchsen und tagtäglich allein oder auch in Gruppen ihre Streifzüge durch die nahgelegende Altstadt von Lhasa unternahmen, von einer behördlich überwachten Stadtbegehung nicht besonders begeistert waren. Doch sie begleiteten die Offiziellen ohne Murren, vielleicht um ihnen einen Gefallen zu tun. Paul und ich waren hingegen sehr gespannt, was es so wichtiges im Stadtbild gab), dass es unseren Schülern vorgeführt werden sollte?

“Nichts Besonderes”, meinte einer der Jungen, nachdem sie, ihre Stöcke hinter sich her ziehend, etwas gelangweilt zurück in die Schule schlurften. “nur zwei Betonrillen auf dem Gehweg. “Gemeinsam mit Yudron, einer ehemaligen Schülerin, die nach unbegleiteten Reisen und nach Studien im Mainland China und Malaysa mittlerweile bei uns als Lehrerin tätig war, machten wir uns auf die Suche und stießen auf taktile Leitlinien, die speziell für Blinde auf den Bürgersteigen, rund um die Altstadt angebracht worden waren. “Ist doch mal ein Fortschritt!” meinte ich gutgelaunt, doch Yudron blieb skeptisch. “Damit macht man uns nur abhängig und irgenwann werden wir nicht mehr in der Lage sein, unsere eigenen Wege zu finden.”

An diese Aussage erinnerte ich mich, als Paul und ich einige Zeit später durch Honkong reisten. Überall gab es diese Leitlinien auf Bürgersteigen, überall akkustische Ampeln und Braillebeschriftungen. Doch als wir uns mit einigen lokalen Blinden unterhielten, ob sie denn auch mal außerhalb Hongkongs etwas unternähmen, waren die Antworten einhellig: Nur in Hongkong. Woanders gäbe es zu viele Barrieren.

Während unserer Zeit in Tibet und in Indien hatte sich allerdings auch in Europa bezüglich der Barrierefreiheit einiges getan. Bei meinen kurzen Aufenthalten in Deutschland war ich doch recht erstaunt über die mannigfaltigen Anpassungen, manche in meinen Augen sinnvoller als andere. Zum Beispiel: Braillebeschriftungen auf Medikamentenschachteln oder in öffentlichen Aufzügen sehe ich durchaus als notwendige Errungenschaft. Dann aber gab es bald in jedem Bahnhof, in sämtlichen Fußgängerzonen diese Leitlinien, die mich zunächst eher verwirrten. Irgendwann machte ich mir einen Spaß daraus, steckte die Spitze meines Stockes in eine der Rillen und ging drauflos. Doch während ich mich darauf konzentrierte, mich ganz auf diese Rille zu verlassen, fühlte ich mich schnell von meinem Orientierungssinn im Stich gelassen und so brach ich das Experiment bald wieder ab, mit dem gemischten Gefühl in Sachen Mobilität zur “alten Schule” zu gehören.

Währund unserer Zeit in Indien wurden wir so gut wie gar nicht mit dem Thema der Barrierefreiheit für Blinde konfrontiert. Natürlich machte ich mich in Konferenzen und Gesprächen mit Regierungsangehörigen für ein rollstuhlgerechtes Kerala stark, für Rampen, Aufzüge und rollstuhlfreundliche Toiletten, aber taktile Leitlinien für Blinde auf Bürgersteigen hatten für mich überhaupt keine Priorität. Ich hatte sie bei meinen Reisen durch Asien nicht vermisst und daher vollkommen vergessen. Erst als Sonderpädagogen im kanthari Campus auftauchten und sich darüber mokierten, dass Wege nicht blindengemäß gekennzeichnet seien und die Flure nicht rechtwinklig zueinander lägen und dadurch der Blinde in seiner Orientierung eingeschränkt würde, wurden wir bockig und meinten, die Welt ist rund und bestünde nicht aus “blindenfreundlichen” 90 Grad Winkeln.

Viele der blinden kantharis, die bei uns lernten, Organisationen zu gründen, kamen aus afrikanischen Ländern. Sie hatten, wie unsere blinden Kinder in Tibet, gelernt, sich in unwegsamem Terrain zurecht zu finden. Auch für sie bestanden die größten Errungenschaften, für die es sich zu kämpfen lohnt, nicht in aufwändigen infrastrukturellen Anpassungen, sondern in einer qualitativ hochwertigen Ausbildung.

“Und wie stehen blinde Inderinnen und Inder zur barrierefreien Infrastruktur?” fragte mich mal ein deutscher Journalist, der, selbst blind, mittlerweile sich an den Reisekomfort in Europa gewöhnt hatte. “Nun, was man nicht weiß, macht einen nicht heiß!” antwortete ich knapp und erklärte dann, dass in Indien nur wenige den Mut hätten, sich, alleine, lediglich mit weißem Stock ausgerüstet, in das Verkehrschaos zu stürzen. “Wozu braucht man Leitlinien, wenn es noch nicht einmal Bürgersteige gibt!” Und dann, vor einigen Wochen, wurde ich sehr unsanft von Blinden meiner Wahlheimat Indien darauf aufmerksam gemacht, dass man hier sehr wohl für blindengerechte Infrastruktur kämpfte.

Ich hatte die Möglichkeit, ein zweiwöchiges “Survival Camp” für Blinde von der Seitenlinie mitzuverfolgen. Nematullah Ahangosh, der Gründer der Initiative “Stretch More” und Organisator des Survival Camps, ist Absolvent des letzten kanthari Kurses. Er kommt aus Afghanistan und kann, da er sich hin und wieder in internationalen Medien erbost über die dort herrschenden Zustände ausgelassen hatte, zunächst einmal nicht mehr dahin zurück. Nemat, wie wir ihn hier in kanthari nennen, ist gehbehindert. Aufgrund einer fortschreitenden Muskelerkrankung weiß er, dass er in nicht all zu langer Zeit im Rollstuhl sitzen wird. In seiner Abschlussrede bei den kanthari talks beschrieb er eindrücklich, wie gefählich ein Kriegsgebiet für Menschen mit Behinderungen ist.

“Im Chaos sind alle behindert.”, sagt Nematullah lakonisch. “Man vergisst uns. Deshalb müssen wir lernen, uns in Krisen selbst zu retten.” Jetzt bietet er mit seiner Initiative “Stretch-More“ Survival Camps für Behinderte in Krisengebieten an. Trotz der Tatsache, dass Kerala zu einem der friedlichsten Staaten Indiens zählt, gibt es auch hier Krisen, die gerade für Menschen mit Behinderungen lebensbedrohlich sein können. Denken wir nur an die Jahrhundert-Flutkatastrophe von 2018, in der viele Menschen starben, weil sie nicht schwimmen konnten.

 

Nemat machte eine kleine Werbekampagne, und die Mutigsten, vier blinde junge Männer, meldeten sich für einen zweiwöchigen Workshop an. Gemeinsam mit Riya, einer unserer Catalysatorinnen und selbst ehemalige Schwimmerin im Jugend-National-Team Indiens, organisierten sie ein intensives Schwimmtraining. Zusätzlich lernten sie auch alles, was ihnen zum Überleben in einer Krise helfen könnte: Verschiedene Methoden, Wasser zu filtern, Schutzhütten bauen, ohne Streichhölzer Feuer machen und als erste Hilfe Wunden versorgen bis der Arzt kommt. “Das mit dem Feuermachen hat nicht geklappt.”, meinte Nemat und fügte ironisch hinzu, “wir wären schon längst jämmerlich verhungert!”

Da ich Nemats Teilnehmer für unvergleichlich unternehmungslustig hielt, lud ich sie zu einer schon länger geplanten Fokusgruppendiskussion mit Repräsentanten der Kerala Universität für Architektur ein. Bei der Diskussion ging es um universales Design und um die Frage, ob blindenfreundliche Infrastruktur wirklich notwendig sei oder ob man die knappen oeffentlichen Gelder nicht besser für wirklich notwendige aber teure Baumaßnahmen für Gehbehinderte verwenden sollte. Denn taktile Untergrundsbeläge müssten, wie viele Straßen in den Tropen, jährlich erneuert werden. Blinde kämen auch so gut zurecht. Wenn man etwas für uns tun wollte, dann sollte man öffentliche Gelder doch besser in stabile Langstöcke und gutes Mobilitätstraining investieren.

Unbedacht, und im Glauben, nicht allein mit meiner Meinung da zu stehen, machte ich meine Witzchen über Leitlinien und bekam prompt von den anderen blinden Diskussionsteilnehmern eine verbale Tracht Prügel. Sie machten mir all zu deutlich, dass sie sich von mir und meinen Ideen verraten fühlten. Und als Nemat die Diskussion später noch einmal aufgriff, beschuldigten sie auch ihn, gegen Blindentechniken und blindengerechte infrastrukturelle Maßnahmen zu sein. Nemat war von den Vorwürfen zunächst überrascht, vielleicht sogar ein wenig gekränkt. Doch dann wurde uns etwas Entscheidendes bewusst: Wir beide, Nemat und ich, hatten zwar in unterschiedlicher Weise die Erfahrung gemacht, dass Barrieren durchaus auch stärken können. Es geht Nemat aber, wie auch uns in kanthari, um Empowerment, um die Befähigung, in jeder Lebenslage, wenn nötig auch alleine, zurecht zu kommen. Gerade in unsicheren Zeiten wie diesen, ist es so wichtig zu wissen, für welche Maßnahmen wir uns einsetzen müssen. Dabei spielt eine solidarische Grundhaltung unter den verschiedenen Behindertengruppen eine ganz wichtige Rolle. Während Blinde sich mit entsprechendem Training auch ohne Leitlinien, mehr oder weniger schnell, mal mit oder ohne Hilfe Überall zurecht finden können, sind Treppen ohne Rampe oder Aufzug für Menschen im Rollstuhl unüberwindlich. Anders sieht es dafür im Internet aus. Viele Webseiten sind für Blinde, die auf Bildschirmlesesysteme angewiesen sind, nicht zugänglich. Hier sind wir diejenigen, die im virtuellen Sinne eine Rampe oder einen Aufzug benötigen. Letztendlich geht es um Selbstverantwortung ohne Bevormundung und darum geht es uns in erster Linie, mit Bedacht entscheiden zu können, wofür es sich überhaupt zu streiten lohnt.

Einen toten Mann erschrecken

Die Frauen gingen in aller Ruhe auf und ab, 

ein breites Lächeln auf ihren Gesichtern. 
Ihr entferntes Lachen verblasste, 
auf dem Weg ins Unbekannte. 
Ich bat: “Oh Schwestern, betet für mich“ 
Doch sie hörten mich nicht. 

Die Männer kamen marschierend, 
große Körper, die ihre Köpfe tragen, 
lange Arme hingen von den Schultern, 
große Schritte die sich beschleunigen. 
Ich bat: “Oh Brüder, betet für mich.“ 
Doch Sie hörten mich nicht. 

Ich sah eine weinende Frau,
ihr Gesicht war mir bekannt.
Sie sah alt aus; sie war meine Mutter.
Ein Kind, das sie begleitete, meine Schwester.
Ich bat sie, nicht zu weinen! Aber,
sie hörten mich nicht.

Sie war damit beschäftigt, meine Stücke zu sammeln,
weinend beim sammeln.
Ich merkte, dass ich schon lange tot war,
als ich meinen Körper berührte, war er kalt und entspannt.
Nachdem sie mich eingesammelt hatte,
war ich kein Stück mehr, sondern nur noch Stücke,

Ich wurde vor einer Stunde in die Luft gesprengt,
Das waren meine Teile.

Frauen und Männer versammelten sich,
um mich zu waschen und meine Stücke zu verbinden.
Und sie legten mich in einen Sarg,
und trugen mich zum Friedhof.
Sie weinten und beteten, als sie mich beerdigten.
Ich sah Soldaten mit Gewehren.
Ich bat sie, nicht zu schießen,
doch Sie hörten mich nicht.
So feierten sie meinen Tod;
Sie schossen in den Himmel,
erschreckten Vögel und Tiere.
Sie erschreckten einen toten Mann.

Meine geliebte Mutter, das war meine Geschichte!
Ich ging, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen,
und es tut mir leid.

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Nematullah Ahangosh, 2021 kanthari aus Afghanistan schrieb dieses Gedicht als Hommage an einen Freund, den er durch einen Bombenanschlag verlor. Nematullah ist der Gründer von Stretch More, einer Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Stigmatisierung, Mitleid und Viktimisierung von Menschen mit Behinderungen zu bekämpfen.

Stretch More will ihnen Fähigkeiten vermitteln, die ihnen helfen, in Krisensituationen, durch Sport, Führungsqualitäten und Überlebens- und Problemlösungskompetenz, zu überleben, und https://stretchmore.org/

Stretch more

“Stellen Sie sich vor. Während eines bewaffneten Konflikts sind Sie an einen Baum gefesselt, was es Ihnen unmöglich macht, der Gewalt zu entkommen. Sie sehen den Tod in Form eines Gewehrs auf den Schultern der wütenden Männer hängen. Ihr Herz rast und Sie fürchten um Ihr Leben.” Nematullah Ahangosh kommt aus Afghanistan und kann, seit die Taliban das Regime übernommen haben, nicht mehr zu seiner Familie und in sein Heimatland zurückkehren.

Er selbst ist körperlich behindert. Er sagt: “Wir Behinderten sind in Ländern, die von Bürgerkriegen, Erdbeben, Stürmen und Überschwemmungen heimgesucht werden, täglich mit der Situation konfrontiert, hilflos zu sein. Wo immer es eine Krise gibt, haben wir nur begrenzte Möglichkeiten. Wir können uns ducken, verstecken und werden vielleicht vergessen. Das muss sich ändern; wir müssen überleben, indem wir unsere Sicherheit selbst in die Hand nehmen”.

Mit seiner Organisation “Stretch More” plant er mobile Parcours, durch die Behinderte auf Krisen durch erste Hilfe Techniken, sportliche Aktivitäten, durch Entrepreneurship-Kurse und durch Führungsqualitäten sich selbst zu befähigen, ihr Leben in die Hand zu nehmen

Wir sind da, nur für den Fall, dass Sie uns vergessen haben​

Im Sommer 2021 war Afghanistan in allen Nachrichtenkanälen der Welt, aber was wissen wir über die Behinderten in diesem Land, insbesondere über diejenigen, die körperliche, geistige oder sensorische Behinderungen haben?

Nun, wir können uns verstecken und versuchen zu fliehen, aber das Gefühl der Abhängigkeit ist immer noch da. Wir verwandeln uns langsam, aber stetig in Gespenster und versuchen zu verschwinden, als hätten wir nie existiert. Aber genau das dürfen wir nicht zulassen, denn gerade in chaotischen Situationen ist unsere Würde in Gefahr. Uns wird allzu deutlich signalisiert, dass wir eine Last sind oder, vielleicht genauso schlimm, wir fühlen uns unsichtbar und damit vernachlässigt.
Dieses Gefühl bleibt auch nach Überwindung der Krise bestehen. Die Integration in den Mainstream scheint unmöglich und das liegt an der Intoleranz unserer Umgebung, die teilweise durch das tägliche Chaos ebenfalls beeinträchtigt oder sogar traumatisiert ist.

Ich wusste erst sehr spät, dass ich eine Behinderung hatte. Es war an einem heißen Sommertag in Kabul. Ich war gerade 13 Jahre alt. Ich verkaufte nicht genug auf der Straße und hatte kein Geld, um Essen für meine Familie zu kaufen. Als ich an einem kleinen Restaurant vorbeikam, roch ich feine afghanische Kebabs. Ich war hungrig, müde und hatte noch einen langen Weg vor mir, bevor ich nach Hause kam.
Ich fragte mich, warum ich so langsam war. Lange Zeit wusste ich keine Antwort, bis ich merkte, dass die Leute sich über mich lustig machten und sagten, dass ich aussah, als wollte ich tanzen.

Mein Onkel ließ mich nie auf seinem Esel reiten, weil er kein Vertrauen in meine motorischen Fähigkeiten hatte. Ich überredete ihn und fand mich dann auf dem Esel wieder. Ich war aufgeregt. Mein ältester Cousin nahm die Peitsche und schlug dem Tier auf den Hintern. Der arme Esel fing an, schneller zu werden, und ich genoss es. Meine Cousins waren bereit, sich das Drama anzusehen. Sie dachten, ich würde mich vor dem Galoppieren fürchten. Aber das tat ich nicht. Jemand versetzte der armen Kreatur noch einen kräftigen Peitschenhieb. Jetzt wurde es wild. Ich klammerte mich fest an den Sattel und ja, jetzt bekam ich Angst. Es ging alles gut, bis das Tier mit mir über einen Bach sprang. Ich verlor das Gleichgewicht und fühlte mich einen Moment lang schwerelos. Meine Brust zog sich zusammen; ich konnte nicht schreien. Da ich keinen Boden unter mir hatte, war das Wiehern des Esels das Letzte, was ich hörte. Bevor ich landete, sah ich den strahlend blauen Himmel und eine flauschige Wolke, die über mir hing; alles war so friedlich. Ich fühlte mich taub und konnte das Lachen meiner Cousins kaum hören. Als ich mit dem Rücken auf dem Boden aufschlug, wurde alles schwarz. Ich öffnete meine Augen und spürte einen unerträglichen Schmerz. Am Horizont konnte ich nur den weißen Schweif und den Sattel sehen und die Hufe hören. Ich war erleichtert, als ich die anderen auf mich zurennen sah. Ich wollte stark sein und rief ihnen zu, dass es mir gut ging. Doch sie liefen weiter und zogen an mir vorbei. Sie waren gar nicht an mir interessiert, offenbar rannten sie, um ihren Esel einzufangen!

Wie jeder andere Teenager wollte ich bei Fußballspielen mitmachen. Aber niemand wollte mich in seiner Mannschaft haben. Da ich dickköpfig war, nahmen sie mich als Torwart auf, aber das klappte nicht, denn ich zog mir bei jedem Ball, der reinging, den Zorn der anderen zu. Wie sehr wünschte ich mir, dazuzugehören!
Blicke ich zurück, waren dies nur kleine Krisen, die ich bewältigen musste. Was aber hätte ich in einem vom Krieg zerrütteten Land getan, wenn ich vor der Gewalt hätte fliehen müssen? Ich kenne die Antwort nicht. Ich habe in der Hauptstadt gelebt, was bis zum Sommer 2021 ziemlich sicher war. Aber soweit ich mir vorstellen kann, wäre ich nicht in der Lage gewesen zu fliehen.

Erst später wurde mir klar, dass diese Einschränkungen für immer ein Teil von mir sein würden. Im Jahr 2016 wurde bei mir Muskeldystrophie diagnostiziert, eine seltene Behinderung, die die Muskeln mit der Zeit schwächt. Ein Neurologe sagte mir, dass es keine Heilung gibt und dass ich schwimmen lernen sollte, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen.

In Kabul besuchte ich Schwimmbäder und sprach Trainer an. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ich schwimmen lernen könnte und weigerten sich daher, mir Unterricht zu geben.

Während meiner Studienzeit in Chennai, Indien, ging ich oft an einen Strand. Dort wurde ich von einer Welle getroffen und verlor das Gleichgewicht. Ich fiel und die Wellen drückten mich nach unten. Es fühlte sich an, als würde ich ertrinken. Zum Glück zog mich mein Freund zurück ans Ufer. Danach wollte ich nicht mehr in der Nähe von Wasser sein, so sehr ich auch schwimmen lernen wollte.

Aber nur kurze Zeit später wurde ich zu einem zweiten Versuch gedrängt. Es war am Ufer des Vellayani-Sees auf dem kanthari-Campus in Kerala. Alle bemühten sich, mich ins Wasser zu bekommen. Nach fünf Minuten wollte ich wieder raus. Sabriye Tenberken, die Mitbegründerin von kanthari, die völlig blind und eine gute Schwimmerin ist, sagte: “Wenn du deine Angst jetzt nicht überwindest, wirst du nie in der Lage sein, zu schwimmen. Das gab mir den Ruck, den ich brauchte und seitdem war ich jeden Tag im Wasser.

Innerhalb einer Woche lernte ich Brust- und Rückenschwimmen. Mir wurde klar, dass wir im Wasser alle gleich sind, ob behindert oder nicht.
Diese Erfahrung gab mir den Ansporn, Menschen mit Behinderungen zu fördern. Insbesondere diejenigen, die sich in Krisenzeiten selbst retten müssen.
Ich möchte, dass wir, die Behinderten, sich einen Ruck geben, um unsere eigenen Lebensträume zu erfüllen und in Krisenzeiten überleben können.
Der Weg dahin mag holprig sein, aber das Ergebnis wird uns immer bereichern.

Gemeinsam mit anderen Behinderten und engagierten Nicht-Behinderten plane ich einen mobilen Empowerment-Parcour, bei dem wir versuchen werden, Behinderte für das Überleben in und nach Krisen stark zu machen.
Wir wollen zu Problemlösern werden, denn wir werden uns auf unsere ebenfalls hilflosen nicht behinderten Mitmenschen nicht ohne Weiteres verlassen können.

Die behinderten Trainer haben selbst Folter, Hunger, Bombenexplosionen, Überschwemmungen, Feuer, Stürme und Erdbeben überlebt. Um zu verhindern, dass wir Menschen mit Behinderungen in Krisensituationen auf der Strecke bleiben, müssen wir uns durch sportliche Aktivitäten, Unternehmertum, Überlebenstechniken und Führungstraining selbst befähigen. “Stretch More” wird der Name dieses mobilen Empowerment-Parcours sein, der eine Reise mit lebenslanger Wirkung bieten wird.


Nematullah wird seine Geschichte und Projektidee während der kanthari TALKS presentieren.
Weitere Einzelheiten zu dieser Veranstaltung, die live gestreamt wird, finden Sie auf http://www.kantharitalks.org/

Imkertraining für Blinde

Mit ihren Imker-Trainings verbessert Hive den Lebensunterhalt und die Selbstständigkeit von blinden und sehbehinderten Menschen in Uganda.

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Therapie für Kinder mit Behinderungen

Marvelling Roots bietet Kindern mit Behinderungen in Indien die nötigen Therapien an, damit sie zu selbstbewussten und unabhängigen Erwachsenen heranwachsen können.

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