Tabubruch in Kenia

Tabus, die uns ein Leben lang verfolgen

Juliet Omondi kommt aus Homa Bay, einer ländlichen Region im Westen Kenias. Sie spricht ein Tabu an, das in Ostafrika wie auch in vielen anderen Ländern der Welt weit verbreitet ist. Wir sagen, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und trotzdem werden Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation von Schulen und Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen. Juliet möchte mit ihrer Organisation Paro Manyien (Bewusstseinsveränderung) dieses Tabu ändern, indem sie die Verantwortlichen in den Kirchen und Gemeinden für dieses Thema sensibilisiert.

Ich denke oft an Situationen wie diese: Man ist in einer Menschenmenge und plötzlich merkt man, die Periode hat unerwartet begonnen. Allerdings gibt es nichts, womit man sich säubern kann, man hat keine Binden und, viel schlimmer noch, es gibt niemanden, mit dem man darüber reden kann.

Es passiert jeder Frau im Leben bestimmt einmal oder auch mehrmals. Aber die Glücklichen können sich schnell Abhilfe schaffen. Die meisten jungen Mädchen in unseren Ländern werden aber mit diesem Problem vollkommen allein gelassen.

Ich bin geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Gegend im Westen Kenias, wo Tabus und Mythen rund um die Menstruation noch immer lebendig sind. Und so erlebte ich das Einsetzen meiner Menstruation mit Angst und Scham. Ich weigere mich jedoch, solche rückständigen Vorstellungen zu übernehmen und weiterzutragen. Wie in der gesamten Gemeinde wurde auch in meiner Familie nicht offen über die Menstruation gesprochen. Man glaubt, dass die Menstruation eine höchst private Angelegenheit der Frau ist, weil das Menstruationsblut von bösen Geistern benutzt werden könnte, um den Menschen in der Umgebung Schaden zuzufügen. Mit jemandem vom anderen Geschlecht über die Menstruation zu sprechen, gilt als respektlos. Unter normalen Umständen würde ich mir wünschen, dass Mütter mit ihren Kindern rechtzeitig vor der Pubertät über diese Themen sprechen. Leider war es bei mir nicht so.Ich erinnere mich noch lebhaft an einen Montagmorgen. Ich machte mich gerade auf den Weg zur Schule, als ich merkte, dass ich meine Periode hatte. “Mama”, rief ich mit brüchiger Stimme. Ich zitterte und hatte Angst. “Was ist los?”, fragte sie. “Ich glaube, ich habe meine Periode.” Ich hatte nämlich gehört, wie meine Mitschülerinnen und ältere Mädchen in der Schule über die Periode und Binden sprachen, wenn auch in gedämpftem Ton. Ich erhoffte mir nun eine Erklärung und Hilfe durch meine Mutter. Doch leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Sie war so von Scham behaftet, so dass sie nur meinte, ich sei vielleicht krank oder dass das Blut auch von einer Verletzung herrühren könne.

Ich war verwirrt, fühlte mich alleingelassen und war irgendwie auch enttäuscht.
Später am Abend teilte sie mir allerdings doch mit, dass ich mich nun in eine Frau verwandeln würde.  Aber das hätte Konsequenzen: Ich dürfe nicht mehr ihr Schlafzimmer betreten, auch das Gemüse dürfe ich während der Periode nicht pflücken, da es sonst verdorre und kranke Familienmitglieder sollte ich nicht mehr aufsuchen. All das machte mich wütend. Und so war es mir nicht möglich, meine Mutter jemals wieder auf so vertrauliche Themen anzusprechen.

Glücklicherweise hatte ich eine ältere Cousine in der Sekundarschule, die bereit war, ihr Wissen über die Menstruation und die Ge- und Verbote während meiner Periode mit mir zu teilen. Das war nach etwa drei Monaten, in denen ich im Stillen gelitten hatte.
In der Schule erlebte ich, wie Jungen ältere Mädchen schikanierten, die diese Veränderungen bereits durchmachten. Sie wurden gedemütigt, hatten Angst und wurden allgemein verspottet.

Irgendwann war auch ich an der Reihe. Eines Tages befleckte ich meine Schuluniform und musste mir bis zur Mittagspause einen Pullover um die Taille binden. Um aber die Schule nicht zu verpassen, schlich ich mich immer wieder in das Schlafzimmer meiner Mutter, um ein oder zwei Binden zu stehlen, die zu groß, zu dick und zu unbequem waren, um sie zu tragen. Das brachte mich dazu, mir andere Methoden auszudenken, um mit meiner Menstruation umzugehen. Ich schnitt alte Stoffstücke und Decken zurecht und nähte sie zusammen. Mit der Zeit wuchs ich über meine Ängste hinaus, öffnete mich meinem engen Freund, wurde zornig und konfrontierte mich mit meinen Tyrannen. Ohne es zu wissen, hatte ich mich zur Stimme der anderen Mädchen in der Schule entwickelt.

Heute habe ich als Gesundheits-beauftragte mit Mädchen zu tun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Mädchen, die wie ich niemanden haben, mit dem sie reden können, Mädchen, die von Tabus umgeben sind, die sie daran hindern, an den täglichen soziokulturellen Aktivitäten teilzunehmen, während sie ihre Periode haben.

Während eines der Schulgesundheitsprogramme, die ich in Kilifi, Kenia, durchgeführt hatte, hatte ich ein recht emotionales Gespräch mit einem Mädchen namens Kadzo, das mir von seinen Problemen als Teenager erzählte. “Ich bin eine Waise und lebe bei meinen Großeltern, die sich nicht um die Menstruation kümmern. Zu Hause kämpfen wir darum, Essen auf den Tisch zu bringen, und Damenbinden haben aufgrund unserer begrenzten Mittel keine Priorität. Ich habe niemanden, den ich fragen kann, kein Geld, um Binden zu kaufen, und niemanden, mit dem ich reden kann”.

Später vertiefte ich mich in das Thema und erfuhr, dass die Kultur der Geheimhaltung rund um die Menstruation die Mädchen noch weiter in ein Dilemma stürzt, da sie finanziell nicht unabhängig sind. Mangelnde Beratung und Angst führen dazu, dass einige Mädchen zu anderen Mitteln greifen, um Geld für den Kauf von Binden zu bekommen. Zehn Prozent der 15-jährigen Mädchen in Kenia tauschen Sex gegen Geld, um Binden zu kaufen, da sie zu Hause kaum welche bekommen können. Einige enden mit Teenager-Schwangerschaften, frühen Ehen oder sexuell übertragbaren Krankheiten. Einige brechen am Ende die Schule ab.
Genau wie Kadzo leiden viele andere Mädchen noch immer im Stillen. Und deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um diese Geschichte zu ändern.

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Total Together!

Tyrone Havnar stammt aus Nyanga, Simbabwe. Simbabwe ist ein Land, das traurige Bekanntheit für seine Homophobie genießt. Der Hass gegen die LGBTQI+ Gemeinschaft wird auch noch nach Mugabe durch die politische Führung geschürt. Als Homosexueller hat Tyrone erfahren müssen, wie schwierig es ist, Zugang zu einer LGBTQI+ freundlichen Gesundheitsversorgung zu erhalten. Nun ist Tyrone jung und gesund. Was ist aber mit homosexuellen Senioren, die oft keine familiäre Unterstützung genießen, nicht selten alleine leben und arbeitslos sind und sehr viel mehr als Tyrone auf medizinische Versorgung angewiesen sind? Durch seine Organisation “Total Together”, plant Tyrone die Gründung eines Altersheims mit Sterbebegleitung für LGBTQI+ Senioren.

“Er ist nicht mein Sohn!”, rief mein Vater. “Denkst Du etwa, ich bin Dir untreu?!” schoss meine Mutter zurück.

Das war wie so oft der Beginn eines heftigen Streits, der dann immer tagelang andauerte. Ich wusste, dass es keinen Frieden geben würde.

Was sie damals noch nicht wussten: ich war schwul, aber mir war das schon in jungen Jahren klar. Später hieß es: “Er ist ein Fluch. Wir werden für unsere Sünden bestraft.” Das ist der traurige Glaube vieler simbabwianischer Familien.

Oh, wie ich mich selbst hasste und wie ich mich danach sehnte, einfach unsichtbar zu sein. Ich hatte solche Angst davor, dass jemand das Wort “schwul” in den Mund nimmt, dass ich jedes Mal erstarrte, wenn es zur Sprache kam. Ich tat so, als wäre ich heterosexuell, und gab vor, eine Freundin zu haben, damit niemand um mich herum sehen konnte, dass ich nicht der Norm entsprach.

Doch egal, wie oft und wie sehr ich versuchte, es zu verbergen, mein wahres Ich fand immer einen Spalt, durch den es entweichen und mich entlarven konnte. Die Religion war das Wichtigste im Leben meiner Familienangehörigen.

Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde in der Kirche über Schwule und Engel gepredigt, die beide zu den Verdammten gehörten. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt und ich schaute mich um, um zu sehen, ob jemand wusste, dass ich dazu gehörte. Ich hatte das Gefühl, dass der Pastor mit seiner Predigt mich ansprach, und ich fragte mich, ob er mich in seinem Gotteshaus beschämen wollte. Jeden Sonntag ging ich mit der Angst in die Kirche, im Namen der Religion vor allen bloßgestellt und angegriffen zu werden.

Als die Pubertät eintrat, ließen sich alle Jungen um mich herum Bärte wachsen, und ihre Stimmen wurden brüchig.
Das war bei mir erst einmal nicht der Fall. Ich fragte daher eine Lehrerin, warum ich anders sei, und sie sagte: “Wenn du meinst, dass du etwas Besonderes bist, denk noch einmal darüber nach, Kind. Du bist im Bürgerkrieg entstanden, wo die Weißen die Schwarzen vergewaltigt haben, also bedenke einfach, dass es nichts an deiner Art gibt, worauf Du stolz sein kannst!” Auch sie bezog sich nicht auf meine damals geheim gehaltene Homosexualität, sondern darauf, dass ich sowohl indische wie auch schottische Vorfahren hatte.

All das rief ein Gefühl des Selbsthasses hervor. Ich war verwirrt. Wer war ich? Warum war ich so anders? War ich weniger Mensch?

Besonders aber, dass ich mich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlte und das in einem Land, in dem offen darüber gesprochen wurde, wie wertlos das Leben Schwuler sei, machte mir große Angst. Ich fürchtete, angegriffen oder, schlimmer noch, verhaftet zu werden, weil ich ich war.

Da ich nicht die Freiheit habe, legal einen Mann zu heiraten, geschweige denn, mich mit meinem Freund irgendwo niederzulassen, machte ich mir zunehmend Sorgen darüber, was aus mir werden würde, wenn ich älter würde.

Ich hatte Mitleid mit allen, die mit mir leben mussten, und dachte, dass ich mich bei ihnen dafür entschuldigen müsste, dass ich so war, wie ich war.

Als ich 27 Jahre alt war, erkrankte ich einmal schwer und musste ärztlich behandelt werden. Auf dem Weg zur Behandlung wurde ich von einer älteren Krankenschwester betreut, die anfangs sehr freundlich war.

Sie fragte mich nach meiner Familiengeschichte und ob ich einen Partner hätte. Ohne groß nachzudenken, sagte ich: “Ja, ich habe einen; er ist zu Hause”. Sie machte eine Schreibpause, weil sie annahm, ich hätte einen Fehler gemacht. “Sie meinen doch sicherlich SIE?!” kicherte sie und meinte, dass Englisch keine freundliche Sprache sei. Ich sagte ihr, dass ich IHN meinte. Ihr fröhliches Gesicht erstarrte. Ich konnte Abscheu und Wut sehen. Sie stand auf und verkündete meine Sexualität vor allen Anwesenden in der Klinik. Sie beschämte mich mühelos und mit so viel Vergnügen, dass ich hinauslief, ohne Hilfe zu erhalten, während sie alle riefen: “Wir behandeln hier keine Abscheulichkeiten. Respektieren Sie unsere Einrichtung und gehen Sie dorthin, wo Ihre Art hingehört – in die dichte Wildnis”. Ich verließ die Einrichtung voller Scham, und weil ich Schmerzen hatte, musste ich über einen Freund nach alternativen Diensten Ausschau halten.

Altersdiskriminierung ist eine große Herausforderung, und die meisten Menschen auf der Welt haben Angst davor, allein alt zu werden. In Simbabwe werden gleichgeschlechtliche Beziehungen sowohl von der Gesellschaft als auch von jungen Angehörigen der LGBTQI+ Gemeinschaft diskriminiert. Die jüngeren LGBTQI+-Generationen in Simbabwe bezeichnen die Älteren in der Gemeinschaft häufig als “chigogodera”, was eine abfällige Bezeichnung für das Altern ist.

Obwohl im Rahmen des Globalen Fonds Schritte zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge für Angehörige der LGBTQI+ Gemeinschaft unternommen wurden, sind diese immer noch diskriminierend, da sie sich hauptsächlich auf die jüngere Generation konzentrieren und die Dienste meist nur in den Großstädten zur Verfügung stehen. Diese Kliniken sind für die älteren Menschen, die meist allein und ohne Betreuer leben, nicht leicht zugänglich.

Wer nie geheiratet und Kinder in die Welt gesetzt hat, wird von der gesamten Familie mit Scham behandelt und vernachlässigt oder gar verleugnet.

Es besteht also ein dringender Bedarf an kompetenter medizinischer Betreuung. Und wir benötigen menschenfreundliche Altersheime und Hospize. Und genau daran arbeiten wir.

Durch unsere Total Together Klinik werden wir auch psychologische Unterstützung anbieten, die bei akutem
Bedarf schnell und zuverlässig ist und eine langfristige Betreuung der älteren Menschen ermöglicht.

Darüber hinaus werden wir auch LGBTQI+ Angehörige in anderen Einrichtungen aufsuchen, um ihnen zu signalisieren, dass sie nicht alleine sind. In dieser Weise werden wir Stück für Stück die Akzeptanz für uns im Gesundheitswesen und in Altenheimen erschaffen.

Meine Regenbogen-Existenz

Früher hatte ich Angst davor, zu mir selbst zu stehen, meine wahre Natur zu offenbaren.

Ich war ein ungeschütztes Individuum, das sich weder für seine Existenz entschuldigen muss, noch davor zurückschrecken darf, energisch aufzutreten und dem Leben und der Schönheit der Natur entgegenzutreten.

Ich wurde oft von den Gemeindemitgliedern so wie auch von meiner Familie unterdrückt, aber ich war immer in der Lage, wieder aufzustehen.

Das Bild von Afrika ist geprägt durch Geschichten über Krieg, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit und HIV. Daher ist es gerade jetzt wichtig, davon zu erzählen, wie schwule Menschen in Afrika leben. Wir müssen Geschichten von Liebe, Entwicklung, und einem schönen, lebendigen Dasein erzählen. Nur so können wir das Gefühl dafür schaffen, dass ein schwules Leben Glück bedeuten kann.

Es ist klar, dass mein Leben mehr ist als meine Sexualität. Daher geht es mir um die Erfassung der ganzen Bandbreite unserer menschlichen Erfahrungen. Ich nenne es die “Regenbogen-Existenz”.

Als ich 15 Jahre alt war, wurde ich von meinen eigenen Eltern abgelehnt und aufgefordert, auszuziehen. Seitdem lebe ich unabhängig. Ich kann sagen, ich hatte keine schöne Kindheit. Ich habe schon als Kind sehr viele Herausforderungen meistern müssen, da ich nie jemanden hatte, der mich schützte und sicher durchs Leben führen konnte.

Das ließ in mir den Wunsch entstehen, etwas für schwule ausgegrenzte Kinder und Jugendliche zu tun. Ich möchte, dass sich die freie Liebe zwischen schwulen Männern und Frauen in Afrika normalisiert. Zur Zeit leben sie noch ein Leben im Geheimen. In vielen Ländern Afrikas sind gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten. Das hält uns jedoch nicht davon ab, weiterzuleben und zu lieben.

In Simbabwe engagieren sich Schwule seit Jahren in der Mode, in der Musikbranche, in kreativen Medien, in der Bildung, alles mit dem Ziel, die Geschlechternormative herauszufordern. Warum aber nicht auch ein professionelles Leben in der Politik oder in Menschenrechtsorganisationen? Unsere Möglichkeiten müssen in jedem Fall jenseits unserer Sexualität beurteilt werden.

Es geht mir darum, höher zu zielen, um Tag für Tag mehr für die LGBTIQ Gemeinschaft zu erreichen. Ich möchte meinen Lesern sagen, dass, was ich fordere, ist nicht bloße Akzeptanz, sondern ein Umdenken, ein Verständnis dafür, wer wir sind.

Während ich das schreibe, bin ich auf dem kanthari-Campus in Kerala, im Süden Indiens. Ich bin hier, um Fähigkeiten zu erwerben, wie man eine erfolgreiche Organisation leitet oder ein soziales Unternehmen führt. Ich möchte lernen, wie ich auf die effektivste Weise ein Umdenken in der Gesellschaft erzielen kann. Ich hoffe auch, mehr über Netzwerke und Partnerschaften zu erfahren und ich möchte wissen, was es braucht, um als erfolgreicher sozialer Changemaker zu agieren.

Ich werde mein Traum-Projekt durch Engagement und Enthusiasmus vorwärts bringen und dabei trete ich in einen Dialog mit anderen Changemakern aus der ganzen Welt ein.

Tyrones Organisation “Iromh-Africa” {I reach out my hand – Africa} richtet sich sowohl an Jugendliche, als auch an ältere Menschen, die aufgrund von Stigmatisierung keinen Zugang zur Gesundheitsvorsorge haben.