Das Bierhallenwunder von Norton – Teil 1

Sabriye Tenberken
Co-Gründerin von kanthari

Im vergangenen Februar besuchten Paul und ich mehrere Absolventen von kanthari in Simbabwe. Im gleichen Zeitraum reisten Chacko und Riya, unsere Kollegen nach Tansania, Kenia, Uganda und Ruanda, um dort kantharis zu treffen. Was wir gesehen und erlebt haben, war schockierend und ermutigend zugleich. In den nächsten Wochen werden wir Blogbeiträge veröffentlichen, die ein Ergebnis dieser Reisen sind. Hier haben Sie die Möglichkeit, in die afrikanische Realitäten einzutauchen!

Von der Bierhalle zur Schule

“Wenn Bildung der Armut einen kräftigen tritt versetzt, dann kann sich Simbabwe zum Guten verändern.” sagt Nancy Mbaura, und sie sagt es nicht nur, sie handelt.

Vor etwa sieben Jahren, im Jahr 2016, sorgte sie gemeinsam mit alleinstehenden Müttern dafür, dass eine im Zentrum der Kleinstadt Norton befindliche Bierhalle in eine Primarschule umgewandelt wurde. Das hört sich leichter an, als es ist. Denn die Saufbolde sahen es nicht ein, dass man sie aus ihrer Komfortzone drängte. Sie protestierten und versuchten das Vorhaben zu boykottieren. Beinahe hatten sie es geschafft, lokale Politiker gegen Nancy und ihr Team aufzuwiegeln.

“Tagtäglich kamen Bezirksbeamte und Polizisten und beschimpften mich vor den Augen unserer Schüler und Mitarbeiter. Das war so peinlich. Es war, als würde man des Mordes beschuldigt.”

Der einzige Weg aus der Armut

Paul und ich kennen ähnliche Situationen nur all zu gut. Auch wir wurden in Tibet regelmäßig von Nachbarn oder sogar offiziellen Behörden vor unseren Kindern beschimpft und wie Kriminelle behandelt und wir waren oft kurz davor, alles stehen und liegen zu lassen, wären da nicht die blinden Schüler gewesen, die uns und eine Schule brauchten. Auch die Kinder von Norton hatten eine Fürsprecherin, jemanden wie Nancy bitter nötig. Denn Bildung ist hier der offensichtlich einzige Weg aus der Armut. Und Nancy und ihre “Frauen-Bande” hatte es tatsächlich geschafft, gegen alle Hindernisse anzukämpfen. Heute hat die Primar-Schule mehr als 900 Kinder und ihre vor Kurzem eröffnete Sekundarstufe über 800 weitere Schülerinnen und Schüler.

Nancys Kampf für ihr Recht auf Bildung

Nancy Mbaura, ein Norton Urgestein und eine hoch engagierte kanthari Teilnehmerin der 2022 Generation, musste schon als Kind für ihr Recht auf Bildung kämpfen. Ihre Eltern waren arm und konnten für sie und ihre drei jüngeren Geschwister nur unregelmäßig das nötige Schulgeld aufbringen. Nancy schreibt über ihre eigene Kindheit: “Mit sieben Jahren wurde ich oft von den Lehrer nach Hause geschickt, da das Schulgeld wieder einmal nicht reichte. Als ich dann alleine zu Hause war, nutzte ein Nachbar die Situation aus und vergewaltigte mich brutal. Von diesem Tag an habe ich etwas Entscheidendes kapiert: Die Schule ist eben nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort der Zuflucht!

Ein wenig Farbe, Trennwände und eine Tafel

Einen Solchen Zufluchtsort bietet nun die ehemalige Bierhalle für die sonst vernachlässigten Kinder Nortons. In unseren Interviews mit besorgten Eltern, hörten wir eines immer wieder heraus: “Wir wissen, dass unsere Kinder hier gut aufgehoben sind. Die Lehrer kümmern sich und haben immer ein offenes Ohr für uns Eltern, aber auch für jeden Schüler. Das ist nicht selbstverständlich. In öffentlichen Schulen würden sie für jede extra Maßnahme, jede Nachhilfe Stunde eine Gebühr verlangen.”

Emily Duve, eine engagierte Großmutter strahlte, als sie über die Schule und die Lehrer erzählte: “Auch wenn alle sich über unsere Schule lustig machen, wenn sie sagen, „Was ist das schon! Eine Bierhalle!“, wir freuen uns, dass es diese Schule überhaupt gibt. Klar, die Leute hier sind schon ganz schön überheblich …,” gibt sie dann zu bedenken. Wenn die Schule nur ein bisschen mehr wie eine Privatschule aussähe, ein wenig Farbe, richtige Trennwände, eine Tafel in jedem Klassenzimmer und vielleicht sogar Stühle, auf denen die Kinder sitzen können, dann würden sie nicht mehr sagen, „Ach, das ist ja die Schule der Armen, dann würden sie verstehen, dass unsere Kinder hier guten Unterricht bekommen, und das, obwohl wir nur eine kleine Gebühr aufbringen müssen.”

Die Zwangsspende

Eines der gravierendsten Probleme Simbabwes sehen wir in der Tatsache begründet, dass Eltern, ob arm oder reich für jedes Kind Schulgeld zahlen müssen. Dabei ist laut der Regierung der Schulbesuch einer öffentlichen Schule offiziell gebühren frei. Damit die Politiker trotzdem abkassieren können, ohne sich den direkten Zorn der Bevölkerung zuzuziehen, sind sie auf die schlaue Idee gekommen, einfach den Leuten einen stattlichen Ovulus für die “Entwicklung der Bildungsstätten” abzuzweigen. Es handelt sich dabei um eine Art Zwangsspende von monatlich 20 US Dollar und mehr. Damit werden angeblich die Extras wie Sportanlagen, Musik-Instrumente, Kunst-Materialien bezahlt. Nur ist davon in den meisten Schulen nichts zu sehen. Wohin das ganze Geld geht, fragt niemand mehr. Sie zucken nur mit den Schultern und lachen laut.

100 USD pro Monat

Nichts zu lachen haben allerdings die vielen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. Für eine Familie, die von nicht mehr als monatlich 100 Dollar auskommen muss, bedeuten 20 Dollar einen ganz schön harten Einschnitt in die Haushaltskasse. Und die meisten, besonders die armen Familien haben nicht nur ein Kind. Drei Kinder sind noch wenig. Dazu sind viele Frauen alleinerziehend und es gibt eine hohe Anzahl der sogenannten “Child headed Families”, also Familien, die durch den ältesten Bruder oder durch die älteste Schwester durch gefüttert werden müssen. Die “Child headed Family” ist ein in Europa und auch in Kerala ein eher seltenes Phänomen. Denn wenn zum Beispiel in Deutschland oder auch im Süden Indiens eine Familie mit minderjährigen Kindern ihre Eltern verliert und auch sonst keine Verwandten hat, die sich entsprechend kümmern können, springt sofort der Staat ein und übernimmt die Vormundschaft. In Simbabwe gibt es diese staatliche Fürsorge auch, aber nur auf dem Papier. Die Realität sah und sieht anders aus….

Der "grosszügige" Farmbesitzer

Auch als Nancy 12 Jahre alt wurde, gab es für sie und die jüngeren Geschwister ein einschneidendes Ereignis. Der Vater, der übergangsweise in einer Fabrik angestellt worden war, hatte Gelder veruntreut und wanderte für ein Jahr in den Knast. “Ich weiß, dass er es aus Verzweiflung über unsere Situation getan hatte.”, erklärt Nancy, ohne einen Hauch von Bitterkeit. “Doch meine Mutter war so abhängig von meinem Vater, dass sie einen Zusammenbruch erlitt. Verwandte sorgten sich um sie und nahmen sie bei sich auf. Wir Kinder waren nun auf uns alleingestellt. Und so wurde ich schon jung die Mutter meiner Geschwister.”

Nancy musste dafür sorgen, dass sie genug zu essen und warme Kleidung hatten. An Schule war nicht zu denken. Die Kinder stibitzten Gemüse auf dem Markt oder bedienten sich an essbaren Abfällen. Doch irgendwann beschwerten sich die Nachbarn und holten eine Tante, die sie in eine weit entfernte Tabak-Farm brachte. Der Farmbesitzer, ein Weißer, nutzte das Elend der Kinder schamlos aus. Über Stunden ließ er sie täglich unter der brennenden Sonne Würmer von den Tabakblättern entfernen. Und er zeigte sich “großzügig”, denn sie konnten entscheiden, ob sie lieber einen mickrigen Lohn für ihre Arbeit wollten, oder sie hatten die Wahl, nach der Arbeit in der farmeigenen Grundschule unterrichtet zu werden. Während die jüngeren Geschwister lieber für Geld arbeiten wollten, wählte Nancy den Schul-Unterricht und war er noch so miserabel. Es gab nur einen Lehrer, der nicht viel mehr wusste als sie selbst, er war für sieben Klassenstufen gleichzeitig zuständig. “Das machte mir nichts, denn ich wollte einfach nur lernen.”

Das Gefängnis der Armut

“Irgendwie wusste ich schon damals, dass nur Bildung mich aus dem Gefängnis der Armut holen würde. Und trotzdem, es war noch ein weiter weg, bis ich endlich mein Leben selbst in die Hand nehmen konnte.”

Es ist traurig, dass die Erfahrungen, die Nancy und ihre Geschwister vor vielen Jahren machen musste, auch heute noch bittere Realität sind. Vor uns sitzen einige der vielen Kinder, die aus “Childheaded Families” stammen. Calvin, ein 14 jähriger Junge der etwas schüchtern in die Kamera guckt weiß nicht genau, warum er mit uns reden soll.

Der Lehrer bittet ihn uns etwas über seine Familienverhältnisse zu erzählen. Etwas verlegen beschreibt er in Shona die Zustände zu Hause. Die Eltern Leben nicht mehr. Warum, wissen wir nicht. Sein älterer Bruder sorgt für ihn und für seine kleine Schwester. Der Bruder geht nicht zur Schule, sagt der Junge auf Nachfrage, obwohl er eigentlich sollte. Denn der Bruder, der sich tagtäglich um Kleidung, Schul-Uniformen, Essen, Waschen, medizinische Belange der jüngeren Geschwister kümmert ist erst 15 Jahre alt. Zum Glück zahlen die Kinder monatlich nur je sieben US-Dollar an Schulgeld. Das ist vergleichsweise wenig. Aber für eine solche Familie immer noch zu viel.

Alle sind Willkommen!

Wir sitzen im Büro der Schulleiterin des Tamiranashe Trusts, der von Nancy gegründet und geleitet wird. Der Trust kümmert sich um alle Belange der Schule und um die Nöte der alleinstehenden Frauen. Für sie gibt es Trainingskurse im Lastwagenfahren, und in der Administration von Kleinstunternehmen. Dafür hat sie einen Shop angemietet. Sie produziert Fruchtsaft mit einer durch meinen Onkel gespendete Maschine und sie verkaufen Backwaren. Besonders aber geht es ihr heute um die Belange der Kinder. Sie hat den Anspruch, aus wenigen Mitteln eine Schule zu erschaffen, die bekannt dafür ist, dass sie auf der einen Seite den Kindern exzellenten Unterricht bietet, auf der anderen aber niemanden ausgrenzen soll.

“Alle sind bei uns willkommen.”, sagt Nancy mit großem Selbstvertrauen, dass vielleicht ein wenig an Selbstüberschätzung grenzt. “Wir sind offen für alle Kinder mit Behinderungen, schwangere Mädchen und Kinder aus bitterarmen Familien!” Tatsächlich war Tamiranashe besonders dafür bekannt, dass sie über Jahre als einzige Schule keine Gebühren verlangte. Doch in diesem Jahr war Nancy zum ersten Mal gezwungen, ein kleines, für Simbabwe äußerst geringes Schulgeld einzuführen. “Sonst hätte ich meine Lehrer nicht mehr halten können.”

Lehrersalär von USD 100 pro Monat

Die engagierten Lehrer bekommen zurzeit monatlich lediglich nur 100 US Dollar und dass, obwohl sie zwei Klassen von 50 bis 70 Schülern täglich unterrichten müssen. Sie sind also mehr als 10 Stunden aktiv und können sich, wie es für die meisten anderen Simbabwer an der Tagesordnung ist, zeitlich keinen Zweitjob leisten.

Doch als die schlechte Botschaft den Eltern mitgeteilt wurde, kam prompt ein Drittel der Kinder nicht mehr zum Unterricht. “Nicht aus Protest,” meinte die Schulleiterin traurig, “sie konnten es sich einfach nicht leisten.” “Wir stottern wöchentlich Dollar um Dollar ab, aber ich weiß nicht, wie lange ich noch zahlen kann.”, meinte eine Mutter in einem Interview mit uns.

Eine andere wollte unbedingt auch mit uns sprechen. Sie war wie viele andere Mütter alleinstehend und musste sieben Kinder im schulfähigen Alter durchbringen. Nur zwei der Kinder hatte sie in der Grundschule untergebracht. Das jüngste, ein vierjähriges Kind, trug sie auf dem Arm. Sie war gekommen, um Nancy zu bitten, ihren Kleinsten unentgeltlich in die Tamiranashe Vorschule aufzunehmen. Denn wenn der kleine Junge nicht mehr an ihrem Rockzipfel hinge, dann hätte sie die Möglichkeit, in den Restaurants und Garküchen aus den Essensresten Zadza herauszuklauben. Das würde sie dann den Fischern am nahegelegenen See für ein paar Simdollar als Köder verkaufen.

Die teuflische Kettenreaktion

Auch hier wieder eine teuflische Kettenreaktion. Sie muss sich um das Kleinkind kümmern, da es ohne Schulgeld nicht aufgenommen werden kann. Dadurch hat sie keine Zeit, Einkommen zu generieren und ist nicht in der Lage für das Wohl ihrer Kinder zu sorgen.

Viele heiraten in dieser Gegend viel zu früh. Sie hoffen, sich so aus dem Armutskreislauf herauskatapultieren zu können, merken aber nicht, dass sie sich durch das frühe Kinderkriegen nur noch tiefer in eine Abhängigkeit begeben. Oft erleben die Frauen Gewalt und wenn sie dann den Mut aufbringen, sich zu trennen, dann leben sie in bitterster Armut und müssen sich allein um alle Kinder kümmern…
Nächste Woche können Sie mehr über Nancys persönliche Reise und die Arbeit von Tamiranashe lesen… Bleiben Sie dran.

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