Ein besonderer Stil der Ko-Kommunikation

Puneet Singh Singhal, Neu-Delhi, Indien, begann zu stottern, als er im Alter von sieben Jahren Zeuge von Gewalt wurde. In Kürze veränderte sich sein Charakter. Verspottet von seinen Klassenkameraden, verwandelte er sich von einem Kind, das liebte, im Rampenlicht zu stehen, zu einem eingeschüchterten Jungen, der sich weitgehend absonderte und jegliche Konversation zu vermeiden suchte. Heute steht Puneet zu seinem besonderen Kommunikationsstil und träumt davon, mit seiner Organisation ssstart diejenigen zu befreien, die wegen ihrer Unfähigkeit, fließend zu kommunizieren, gefangen sind.

Als ich gerade in die Schule ging, war das Leben schön. Ich erinnere mich, dass es mir zu Beginn meiner Schulzeit so viel Spaß machte, Mathematik, Zeichnen, Englisch und Hindi zu lernen. In der Schulversammlung habe ich gerne vor allen unsere Morgenandacht gesprochen und ich habe ohne Scheu die Nationalhymne gesungen. Im Unterricht war ich derjenige, der die Rechentabelle laut vorlas, während meine Klassenkameraden es mir nachmachten.

Doch dann änderte sich alles, als ich zum ersten Mal Zeuge von Gewalt unter Erwachsenen wurde. Ich fühlte mich verletzlich und irgendwie so betäubt, dass ich stundenlang an einem Ort stand, ohne einen einzigen Gedanken zu fassen. Es war, als wäre ich geknebelt und gefesselt. Vorher hatte ich Angst, im Dunkeln zu sitzen, aber jetzt fand ich Zuflucht in der Dunkelheit.

Ich hörte auf zu kommunizieren. Wenn mir eine Frage gestellt wurde, kamen meine Worte nicht mehr heraus. Die Schulbühne, auf der ich mich früher wohlgefühlt hatte, verwandelte sich in ein “Schlachtfeld”.

Eines Tages fing die ganze Klasse an, “gu-gu-gu-guten Morgen” zu stammeln, und ich merkte, dass sie sich über mich lustig machten.

Meine Klassenkameraden und ihre Eltern beschwerten sich sogar beim Schulleiter, dass ich einen schlechten Einfluss hätte und sie alle zu Stotterern machen würde. Meine Mutter konnte nicht glauben, dass ihr Sohn, dessen Zunge so schnell wie ein Zug und so scharf wie eine Rasierklinge war, Probleme mit seiner Sprache hatte! Da ich ständig verspottet wurde, verlor ich völlig mein Selbstvertrauen.

Ich wandte verschiedene Strategien an, um mein Stottern zu lindern: Ich suchte nach Alternativen für Wörter, bei denen ich nicht weiterkam, reduzierte meine Aussagen auf ein Minimum oder kam extra zu spät, um mich nicht vorstellen zu müssen.

Wenn Leute versuchten, mir zu helfen, indem sie mich baten, langsamer zu sprechen oder wenn sie sich bemühten, meine Sätze zu beenden, war das keine Hilfe, mein Stottern wurde mir umso bewusster.

Und dann gab es da noch diese seltsamen und ziemlich gefährlichen Ratschläge, wie Asche von verbrannten Leichen zu lecken oder Alaun auf die Zunge zu reiben, bis die obere Schicht entfernt war. Wenn ich zurückblicke, war meine Kindheit nicht einfach, aber bereue ich es, gestottert zu haben? Nein. Es hat mich zu einem sensibleren Menschen gemacht. Ich fühle mich mit allen verbunden, die ihre Gedanken nicht ausdrücken können und sich danach sehnen, verstanden zu werden.

Im Sommer 2018 kam ich in Kontakt mit Vinayak, einem Mann, der fast 7 Minuten brauchte, um sich vorzustellen. Er war von der Indian Stammering Association (TISA) und lud mich ein, an der jährlichen Konferenz in Delhi teilzunehmen.

Als ich den Rednern zuhörte, war ich erstaunt, wie selbstbewusst und sicher sie in der Öffentlichkeit auftraten. Schon bald fand ich mich in meinem “Stamm” wieder, und nun waren wir diejenigen, die sich über unsere Unfähigkeit, oder sollte ich sagen, unseren besonderen Kommunikationsstil, lustig machten! Zum ersten Mal musste ich nicht mehr vor mir selbst weglaufen.

Am nächsten Tag bekamen wir die Aufgabe, mit Fahrgästen in der U-Bahn von Delhi zu sprechen. Wir erzählten ihnen von unseren Herausforderungen und wie wir uns fühlten, wenn man uns lächerlich machte. Die Leute hörten uns zu und unterschrieben ein Gelöbnis, dass sie auf jeden, der ein Kommunikationsproblem hat, Rücksicht nehmen werden.

All dies half mir, mit mir selbst in Einklang zu kommen und mich und mein Stottern zu akzeptieren. Da ich merkte, dass ich nicht alleine mit dem Problem war, konnte ich mein Leben selbst in die Hand nehmen.

Und BUMM! Ich sprang wieder auf die Bühne und nutzte jede Gelegenheit, um kläglich zu versagen, mehr als je zuvor. Aber eines habe ich gelernt: Ich kann jetzt meinen Namen fließend aussprechen, einen Namen, der mit “Pu” beginnt – ein Laut, mit dem ich immer Probleme hatte.

In meiner Heimatstadt Neu-Delhi möchte ich ein Zentrum namens ssstart einrichten. Es wird ein Ort der Kommunikation sein. Wir werden Workshops wie die Folgenden anbieten:

1. What’s the hurry! workroom: Hier arbeiten wir mit Stotterern, Lisplern und Menschen mit anderen Sprachstörungen. Unser Ziel ist es nicht, sie zu behandeln, sondern sie im Leben voranzubringen und ihnen Techniken zu vermitteln, wie sie mit verschiedenen Herausforderungen umgehen können. Wir machen ihnen Mut, bessere Zuhörer zu werden.

2. Körper ohne Blabla: Die nonverbale Kommunikation ist bei unseren Interaktionen von großer Bedeutung. Augenkontakt, Mimik, Gestik und Körperhaltung sind Teil dessen, was wir “Körpersprache” nennen. In diesem Workshop werden wir den Teilnehmern helfen, verschiedene Formen der nonverbalen Kommunikation zu erkunden.

3. Sprechen mal anders: Hier erkunden wir Möglichkeiten und tauchen tief in die Gebärdensprache und die Blindenschrift ein und erfahren, wie diese Kommunikationsmittel dazu beitragen können, neue Aspekte der Kommunikation zu aktivieren.

4. Das Leben auf der Bühne: Das Sprechen in der Öffentlichkeit ist die
an der weitesten verbreiteten Angst
der Menschen weltweit. In diesem Workshop helfen wir unseren Teilnehmern, Lampenfieber zu überwinden, indem wir das Eis brechen, Gesangsübungen machen und

Möglichkeiten schaffen, sich dem Publikum zu stellen, ohne Angst zu haben. Unser Ziel ist es, die Bühne zu ihrer Komfortzone zu machen und sie von dieser Angst zu befreien. Überall in der Welt gibt es viele Organisationen, die sich mit diesen Sprachstörungen befassen. Sie schaffen Bewusstsein und erheben ihre Stimme, um die Akzeptanz von Stotterern und “talkern” zu erhöhen. Allerdings erlauben sie es Nicht-Stotterern nicht, ihrer Organisation beizutreten. Wenn sie das aber täten, könnten Nichtstotterer sehr viel besser für und mit uns sprechen.

Nur so kann in der Gesellschaft ein neues Umdenken entwickelt werden, um Stottern und andere Sprachstörungen zu normalisieren.

Lasst uns nicht lange reden, let’s ssstart!

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