Hoffnung in die Zukunft nähen

Emmanuel Adebayo
2025 kanthari Teilnehmer aus Nigeria

Mehr als ein Jahrzehnt lang arbeitete Emmanuel in Modehäusern – nicht umgeben von Glamour, sondern von stiller Frustration. Er war die geschickte Hand hinter den Entwürfen anderer, ein kreativer Kopf, den niemand nach seiner eigenen Vision fragte. Während andere von seinen langen Arbeitsstunden und seiner Handwerkskunst profitierten, wurde er als bloßer Arbeiter gesehen – nicht als Künstler. Nicht als Träumer.

Der Traum einer Designschule

Doch Emmanuel hielt immer an seinem stillen Traum fest: eine Designschule zu gründen – für alle, die sich weder teure Modeschulen noch eine Lehre leisten können. Ein Ort, an dem sie lernen, sich ausdrücken und wachsen können. Emmanuel sehnte sich nach mehr als nur einem Job. Er wollte Freiheit – nicht nur für sich selbst, sondern für all die vergessenen Kreativen seiner Generation.

Begegnung inmitten der Flammen

Und dann, eines Tages auf einer verrauchten Straße voller Panik, traf er einen Jungen, der ihn an sich selbst erinnerte:

„Feuer! Hilfe! Feuer! Jemand ruf die Feuerwehr!

Haaa! Yeeee! Ikunle Abiamo o! (Was für eine Tragödie!) Gbese re o! (Was für ein Verlust!)“

Chaos brach aus. Menschen schrien. Fußgetrappel. Jeder rannte in eine andere Richtung – als stünde die ganze Straße in Flammen.

Wer ist Pelumi?

Unser Laden brennt! Wer hat den Müll hinter dem Laden angezündet?

Ich war nur zufällig dort, wollte eigentlich nur vorbeigehen – und so traf ich Pelumi. Mitten im Rauch, der Panik, der Verwirrung – und zwischen brennenden Träumen.

Inmitten des Durcheinanders stand ein junger Mann, kaum älter als ein Junge, und kämpfte verzweifelt mit einem kleinen Eimer Wasser gegen die Flammen. Seine Kleidung war angesengt, der Schweiß lief ihm übers Gesicht. Während andere flohen, blieb Pelumi – mit gerade einmal neunzehn Jahren.

Pelumis Leben vor dem Feuer

An diesem Tag erfuhr ich, dass Pelumi Verkäufer in dem Laden war, der nun in Flammen stand. Sechs Tage die Woche verkaufte er Haushaltswaren und Snacks. Die Schule hatte er schon drei Jahre zuvor abgeschlossen – doch für ein Studium fehlte seiner Familie das Geld.

Sein Vater war gestorben, als er zehn war. Seine Mutter, eine stille, stolze Frau, verdiente das Nötigste mit Wäschewaschen – für sich und ihre drei Kinder. Pelumi wurde zu ihrer ersten Hoffnung. Ihrem stillen Kämpfer.

Die unsichtbare Last

Später erzählte mir Pelumi, dass das Feuer schmerzhaft, aber nicht überraschend war. Hinter den Läden türmten sich Kartons, Plastik, Stoffreste. Jede Woche wurde dieser Müll angezündet – ein gefährliches Ritual, das niemand hinterfragte. Doch diesmal geriet das Feuer außer Kontrolle.

Trotz aller Angst blieb Pelumi standhaft. Er sagte wenig, aber seine Taten sprachen Bände. In seinen Augen lag eine Verantwortung, die viel zu früh auf ihn gefallen war.

Alltag am Limit

Der Brand zerstörte den Laden – und mit ihm Pelumis Arbeitsplatz. Am Abend saßen wir am Straßenrand. Mit gesenktem Blick sagte er leise:

„Jedes Mal, wenn ich denke, es geht voran, passiert etwas – und alles stürzt wieder ein.“

Pelumis Leben war geprägt von stiller Ausdauer. Er lebte mit seiner Mutter und den Schwestern in einem überfüllten Ein-Zimmer-Appartement. Der Tag begann vor Sonnenaufgang: fegen, Wasser holen, 45 Minuten zu Fuß zur Arbeit. Mittagessen? Oft nur Garri mit Erdnüssen. Oder gar nichts.

Der Traum eines kreativen Lebens

Pelumi ist ein kreativer junger Mann mit einer Leidenschaft für Mode. Doch weder eine Designschule noch eine Lehre bei lokalen Schneidern konnte er sich leisten.

Er erzählte mir, wie er mehreren Schneidern angeboten hatte, später zu zahlen – sobald er eigenes Geld verdiene. Keiner ging darauf ein.

Er träumte davon, besondere Kleidung zu entwerfen. Gleichzeitig frustrierte ihn, dass er sich weder ein Studium noch eine Ausbildung leisten konnte – beides ist in Nigeria mit extrem hohen Kosten verbunden.

Parallelen zwischen zwei Lebenswegen

Was viele nicht sahen, war die Last, die er unsichtbar mit sich trug. Es ging nicht nur um Armut – es war das ständige Gefühl, festzustecken. Die Angst, dass sich nichts ändern würde, egal, wie sehr man sich bemüht.

Er erzählte mir von einem Moment, der ihn geprägt hat: Als sein Vater starb, sah ihn seine Mutter an und sagte: „Pelumi, du bist jetzt der Mann im Haus.“

Ich erinnerte mich an mein eigenes Leben: an meinen Vater, der starb, als ich fünf war. An meine Mutter – wie Pelumis – als Fels in der Brandung. An die Jahre ohne Schule und die harte Arbeit auf Märkten und Feldern.

Feuer als Wendepunkt

Ich erinnerte mich auch an das Feuer, das damals die Schneiderei meines Ausbilders zerstörte. Nicht nur seinen Laden – vier weitere brannten ab. Ursache: achtlos verbrannter Müll.

Dieses Feuer hat mich geprägt. Es hat mir gezeigt, wie gefährlich es ist, Müll – und damit oft auch Menschen – zu ignorieren.

Der Funke für die Zukunft

In Pelumi sah ich mein jüngeres Ich: Ein Junge, der keine Wahl hatte als stark zu sein. Der sich an Mut klammerte, obwohl ihm das Leben nichts anderes ließ.

Als sich der Rauch legte, wurde mir klar: Das Feuer hatte zwar den Laden zerstört – aber nicht Pelumis inneres Feuer. Das brannte weiter.

Eine Schule ohne Grenzen

Die Begegnung mit Pelumi erinnerte mich daran, warum ich diesen Weg gehe. Er steht für Tausende junge Menschen, deren Talente unter Armut, Druck und fehlenden Chancen begraben sind.

Ich habe nun einen klaren Plan: Ich werde eine Designschule ohne Grenzen gründen – einen Ort, an dem junge Menschen wie Pelumi kreativ werden können, ohne jahrelang auf unbezahlbare Lehrstellen zu warten.

Ein Ort, an dem aus Abfall Meisterwerke entstehen. Wo junge Menschen zu Problemlösern, Gestalter*innen und Führungskräften im Bereich nachhaltiges Design werden.

Denn ich glaube: Jeder junge Mensch verdient mehr als bloßes Überleben. Er verdient eine echte Chance – zu gestalten, zu träumen, zu leben.

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