Meine Reise durch die Hölle und zurück

Precious Kiwiti aus Harare, Simbabwe, war stadtbekannt. Sie hatte, aus einer kinderreichen, eher ärmlichen Familie kommend, in eine der einflussreichsten Familien eingeheiratet und betrieb erfolgreich ein angesehenes Restaurant und später einen beliebten Catering-Service. Mit ihrer Organisation “Precious Hearts Haven” leitete sie einen Kindergarten für alleinerziehende Mütter aus den Armenvierteln. Doch kaum jemand wusste von der Tragödie, die sich hinter der strahlenden Fassade verbarg. In ihren beiden Ehen wurde Precious vergewaltigt, gefoltert und wurde sogar Opfer einer Scheinhinrichtung.

Als Überlebende möchte sie Frauen, die Gewalt in der Ehe erlitten haben, Hoffnung, Widerstandskraft und Würde zurückgeben. Ihre Organisation Precious Hearts Haven will sich für eine gewaltlosere Gesellschaft einsetzen, sie wird zunächst geheime Frauenhäuser errichten, um dort die Frauen zu verstecken und zu fördern.

Es war ein Sonntagmorgen. Ich hatte meine Kinder ausgehfertig gemacht und sie in die Kirche geschickt. Und dann war ich allein, allein mit mir, meinen Sorgen und meinen blauen Flecken, allein mit der Erkenntnis, dass mein Leben an diesem Tag enden sollte, und zwar genau in diesem Zimmer, in dem ich ständigen psychischen und physischen Terror erlebt hatte.

Ich saß auf dem Boden und lehnte mich an mein Bett. In meiner Hand hielt ich ein Glas mit einer tödlichen Mischung aus Pestiziden und Rattengift. Neben mir lag mein Telefon; ich hatte gerade eine Nachricht an meinen Bruder geschickt, eine recht lange Nachricht, in der ich ihn anflehte, auf meine Kinder und meinen Besitz aufzupassen, den ich ohne das Wissen meines Mannes gekauft hatte. Ich war mir sicher, dass er die SMS erst nach der Kirche lesen würde, und bis dahin würde ich nicht mehr da sein.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich eine Zeit lang dasaß und auf den richtigen Moment wartete, um das Glas zu heben. Und dann: “Tante P!” Die Tür flog auf und meine Schwägerin stürmte herein. Sie riss mir das Glas aus der Hand, und erst dann begann ich zu weinen. “Weine, Tantchen!”, sagte sie und tröstete mich. “Jetzt darfst du weinen! Du bist in Sicherheit.”

Fünf Jahre und zwei Ehen früher: “Mwanangu waroorwa, wandibvisa mukushorwa” (meine Tochter, du bist jetzt verheiratet; du hast mich aus der Schande geholt). Das waren die Worte meiner Mutter bei meiner ersten Hochzeit. Die ganze Gemeinde begann zu jubeln und zu tanzen. Und ich wusste, dass ich mit meiner Wahl die ganze Familie stolz gemacht hatte.

Gleich nach meiner Hochzeit war alles perfekt. Wir wohnten in einem schönen Haus. Ich hatte einen Chauffeur, nur zu meinem eigenen Komfort, und ich hatte wunderbare Schwiegereltern. Mein Mann tat alles, um mich glücklich zu machen und mir das Gefühl zu geben, zu Hause zu sein. Bald war ich schwanger, und als meine Tochter geboren wurde, waren wir beide überglücklich.

Aber als die Liebe verblasste, erfuhr ich, was es in meiner Gesellschaft bedeutet, eine verheiratete Frau zu sein. Heute blicke ich auf zwei Ehen zurück, in denen ich psychische Manipulation und körperliche Folter erlebt habe.

Warum habe ich die Muster, die Warnzeichen, nicht erkannt? Und warum habe ich die Alarmglocke nicht läuten hören? Nun, ich war vor Liebe taub und blind und sehnte mich einfach nur danach, dass mich jemand liebt.

Ja, am Anfang ist es Liebe. Aber dann verwandelt sich die Wärme und liebevolle Fürsorge Schritt für Schritt in Überbehütung. “Geh nicht allein weg. Deine Familie braucht dich, und du solltest dich nicht selbst gefährden”. “Warum musst du arbeiten? Ich kann mich doch um dich und unser Kind kümmern!”

Ich war immer auf der Suche nach Unabhängigkeit. Ich war die erste Frau in meiner Familie, die einen Führerschein besaß. Ich war die erste, die ins Ausland reiste. Und im Alter von 26 Jahren eröffnete ich zusammen mit meinem Bruder ein angesehenes Restaurant “Kiwiti Barbecue”, mit mehr als 100 Plätzen. Als mein Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam, war ich gezwungen, es zu schließen, nicht weil ich nicht stark genug war, es allein zu führen, sondern weil mein Mann sich um meine Sicherheit sorgen würde. Moment mal, tat er das wirklich?!

Langsam aber sicher wird aus der Überbehütung, dem angeblichen Schutz die Kontrolle. “Wen hast du angerufen?”, “Wie viel hast du ausgegeben?”

Nachdem ich Hausfrau geworden war, musste ich um alles bitten und ich musste jede Ausgabe erklären. Ich fühlte mich eingesperrt und die neue Erfahrung, abhängig zu sein, beeinträchtigte mein Selbstwertgefühl. Da ich etwas tun wollte, bat ich meinen Mann, mich wenigstens an den Wochenenden arbeiten zu lassen. Er stimmte zu, allerdings unter strengen Auflagen. Als Geschäftsfrau gründete ich einen Catering-Service, der wie mein Restaurant ebenfalls sehr erfolgreich wurde. Aber dann begannen die Anrufe: “Wo bist du?”, “Warum lassen dich deine Kunden nicht nach Hause kommen?”

Es dauert nicht lange, bis diese Kontrolle in eifersüchtige Besitzergreifung umschlägt. “Du musst nach Hause kommen, wenn ich es dir sage! Du musst nur für mich und die Kinder da sein!”

Ich fühlte mich oft einsam. Ich war nicht in der Lage, meine Freundschaften oder die Beziehung zu meiner Familie zu pflegen und ich hatte keine Freiheit, zu arbeiten und mein eigenes Einkommen zu verdienen. Ich verlor an Körpergewicht, nicht weil ich es wollte, sondern weil ich meinen Lebenssinn verlor. Mein Mann sah, dass ich abgenommen hatte, doch seine Interpretation war eine ganz andere: “Na, willst du attraktiv aussehen? Sieh doch, wie dich die jungen Männer anstarren!”, “Wenn du nicht sofort zunimmst, trag wenigstens etwas lockere Kleidung, sonst lasse ich dich nicht mehr aus dem Haus!”

Die erste körperliche Gewaltanwendung und sei es nur ein Stoß, überschreitet die Grenze. Hier schlägt Besitzgier nach und nach in physische Gewalt um. Noch wird allerdings alles schnell entschuldigt und damit die Gemüter beruhigt: “Es tut mir leid! Ich wollte das nicht tun! Kannst du mir verzeihen?”

Ich hätte ihn direkt stoppen müssen. Aber ich glaubte seinen Worten, das er es bereute und gab ihm damit die Erlaubnis, weiterzumachen. Damit begann der Weg der Brutalität, von dem es kein Zurück mehr gab: Ich wurde nun tagtäglich angegriffen, oft so brutal, dass ich ins Krankenhaus hätte gebracht werden sollen. Aber da wäre ich gezwungen worden, die Wahrheit zu offenbaren.

Um den guten Ruf meiner Ehen zu schützen, blieb ich zu Hause und kühlte meine Wunden selbst. Und daher setzte sich der Schrecken fort. Regelmäßig wurde ich vergewaltigt, gewürgt, angekettet und wenn immer meine Ehemänner in der Nähe waren, fürchtete ich um mein Leben. Einmal wurde ich sogar Opfer einer Scheinhinrichtung. Mein Mann wollte sein neues Spielzeug, eine Pistole, vorführen. Ich hielt einen Sicherheitsabstand und beobachtete ihn misstrauisch. Er zielte auf einen Baum zu meiner Linken, doch in letzter Sekunde schwenkte er seine Waffe herum, zielte auf mich und feuerte dann eine Kugel knapp über meinem Kopf ab, die hinter mir einen anderen Baum traf.

Immer wieder schossen mir Fragen durch den Kopf: Wohin könnte ich gehen? Zurück zu meinen Eltern? Aber was würde die Gemeinde dazu sagen, dass ich in zwei Ehen gescheitert war?!

Und was ist mit denjenigen Frauen, die mich für meine Stärke immer bewundert hatten? Würden sie jetzt auf mich herabsehen? Wie sollte ich allein und ohne Job meine Kinder erziehen? Würden die Männer mich für eine Prostituierte halten, wenn ich alleinstehend wäre?

In Simbabwe haben wir eine “Durchhalte-Kultur”, ganz egal wie sehr man körperlich und auch psychisch verletzt ist.Ja, die Ehe wird in unserer Kultur als “legalisierte Sklaverei” angesehen und es wird akzeptiert.

So riet mir eine ältere Frau aus meiner Kirchengemeinde später, als ich mich trennen wollte, meinen Widerstand aufzugeben und so zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. “Schließlich sind Sie Christin, und Gott ist mit Ihnen!” Nun, obwohl Gott mit mir war, war mein Selbstvertrauen erschüttert, und ich fühlte mich, als trüge ich einen Aufkleber mit der Aufschrift “Missbrauch mich” auf der Stirn. Was mir half, war, über meinen Schmerz mit engen Familienangehörigen und mit meinen Freunden zu sprechen. Und natürlich überlebte ich aufgrund meiner Liebe zu meinen Kindern.

Als meine Brüder mich daran erinnerten, dass schon unsere ältere Schwester von ihrem Mann totgeprügelt wurde, wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte und durfte. Ich nahm meinen Mut zusammen und ging mit meinen Blessuren zur Polizei, um ihn anzuzeigen.

Heilung geht niemals über Nacht. Ich ging mehrmals durch die Hölle, kam aber immer wieder zurück, und heute kann ich mit Fug und Recht sagen: “Ich bin eine Überlebende”.

Doch heute ist die Zukunft wichtig, ich möchte hier erklären wie wir mit unserer Organisation “Precious Hearts Haven” der in Simbabwe verbreiteten Gewalt-Epidemie, dem tagtäglichen Missbrauch von Frauen und Mädchen den Kampf ansagen wollen: Wir haben einen Drei-Stufen-Ansatz:

Schritt 1: Precious Hearts Haven:
Es geht hier um einen vorübergehenden sicheren Ort für Frauen und Mädchen, wo sie sich vor ihren Männern verstecken können. Von dort aus können sie rechtliche Schritte gegen den Gewalttäter unternehmen. Dort bieten wir bei Bedarf Rechtshilfe und psychologische Beratung an.

Schritt 2: Übergang zum Leben: 
Nach der ersten Heilungsphase haben die Frauen die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen. In diesen Workshops werden sie mit anderen Betroffenen auf die gängigen Muster, die Alarmglocken eines Gewaltkreislaufs aufmerksam gemacht. Dabei geht es auch um das Erlernen der gewaltfreien Kommunikation sowie um Konfliktresolution.

Schritt 3: Kubatana (d.h. Verbindung):
Sobald die Frauen in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, bieten wir ihnen ein intensives berufliches Training an, bei dem es besonders um die Gastronomie geht.
Aus meiner eigenen Erfahrung als Betreiberin eines Restaurants weiß ich, wie Mahlzeiten in einer freundlichen Umgebung verbinden und zu einem offenen Austausch auch über schwierige Themen einlädt.

Wir planen eine Kubatana-Restaurantkette mit kleineren und größeren Lokalen, die alle von unseren betroffenen, aber nun geheilten Frauen geleitet werden sollen. Kubatana soll dafür bekannt sein, dass diese Orte für Gewaltlosigkeit, für offene Kommunikation und Essen mit Zeit und Muße stehen.

Wir hoffen, dass sowohl diese Orte, wie auch die Frauen, die trotz ihrer Geschichte nun in Leitungspositionen stehen, mit dazu beitragen, dass die Gewaltspirale in der simbabwischen Kultur Schritt für Schritt abgebremst wird.

Precious wird ihre Geschichte und Projektidee während der kanthari TALKS präsentieren. Wann? 17 und 18 Dezember 2021!

Wo? Livestream auf http://www.kantharitalks.org/

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