Tag 122

(von Meghana Raveendra, kanthari 2019, Gründerin von moringa)

Nach den Angaben des indischen National Crime Records Bureaus waren Prüfungsversagen von Schülern verantwortlich für 2 % aller Selbstmorde.
Dabei geht es nur um die aufgezeichneten Fälle. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher.

Ich bin als Kind, zwischen 1991 und 2001, in Pune, Maharashtra (Indien) in eine Privatschule gegangen. Für mich bedeutete das jeden Tag eine riesen Überwindung. Heute erinnere ich mich kaum, was ich damals in der Schule gelernt habe.

In den 90er Jahren wurde der starke Noten-Wettbewerb in den Schulen angefacht, um die Schüler auf Berufe im Bereich Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik vorzubereiten. Wir wurden von Lehrern und Eltern dazu gedrängt, mehr als 85% zu erzielen, aber ich blieb immer nur im Bereich von 50-60%. Ich hatte keine Vorliebe für Mathematik und Naturwissenschaften. Doch damals war es aussichtslos, jemandem zu erklären, warum ich diese Fächer nicht mochte. Wichtige Universitäten forderten einen Notendurchschnitt zwischen 80 und 90 %.

Aber ich hatte keine Ambitionen an diese Universitäten zugelassen zu werden. Und das war das Einzige, was mich glücklich machte.

Für die meisten Schüler war es aber der größte Traum, zu diesen Unis zugelassen zu werden. Sie und ihre Eltern wurden enttäuscht, wenn das aufgrund der „schechten Noten“ nicht klappte. Sie wuchsen alle in dieser Druckblase auf und es war schwer für den Einzelnen, diese Blase zum Platzen zu bringen.

Machen wir mal einen Sprung in das Jahr 2020 – fast drei Jahrzehnte, seit ich mit der Schule angefangen hatte.

Was hat sich geändert?

– es gibt heute noch mehr Prüfungsausschüsse,

– viele Tests beinhalten Multiple-Choice-Fragen,

– einige Schulen geben „Grades“ (von A bis E) statt „Marks“ (von 1 bis 100),

– Schulen und Hochschulen sind vielleicht grosszügiger mit ihrer Notenvergabe geworden,

– Sie haben an den Universitäten ihre Durchfallrate vermindert.

Obwohl es mehr Möglichkeiten gibt, einen Bildungsweg selbst zu gestalten, im Ausland zu studieren, und obwohl sich die Anzahl der Universitäten vervielfacht hat, bleibt die Selbstmordrate, die auf Prüfungsversagen zurückzuführen ist, stetig bei 2%.

Das liegt daran, dass sich unser Bildungssystem nicht grundlegend verändert hat. Es ist gezeichnet durch harten Wettbewerb. Es ist die ständige Angst vor dem Scheitern, verstärkt durch die Angst ihrer Eltern vor Nachbarn und Freunden dumm da zu stehen.

In der letzten Woche wurden die Prüfungsergebnisse veröffentlicht. Diejenigen, die gute Ergebnisse erzielt haben, werden in der Öffentlichkeit gefeiert. Die anderen, die Versager werden aussen vor gelassen und es gibt keine kritische Analyse, warum sie den Notendurchschnitt nicht erreicht haben.

Natürlich gab es auch Covid-19. Besonders die Studenten, die im Ausland hätten studieren können und dort aufgrund anderer Schwerpunkte größere Erfolgsaussichten gehabt hätten, bekamen keine Möglichkeit auszureisen. Das hat für Frustration gesorgt.

Jeden Tag berichten die Medien von einem Selbstmord-Fall.

Was tut man? man führt die Fälle auf psychische Erkrankungen zurück.

Doch die Angst und Scham von Schülern und Eltern über das Versagen nimmt weiter zu.

Es ist einfach nicht fair, nein, es ist ungerecht, von einem Schüler zu erwarten, dass man bitteschön Bewältigungsmechanismen entwickeln solle. Aber das System übernimmt keinerlei Anstrengungen, sich selbst zu ändern.

Die Selbstmorde sollten uns dazu bringen, Prüfungsbewertungen neu zu durchdenken. Ist der Wettbewerb der 90iger Jahre immer noch relevant?

Ich frage mich manchmal, wieviele Selbstmorde brauchen wir, um die Politiker wachzurütteln?