Tag 15 – Gefangen

Gestern sahen wir ein Video auf CNN, dass aus einem Gefängnis in den USA herausgeschmuggelt wurde. Die Gefängnisinsassen sprachen über ihre Angst in einer Corona Falle zu sitzen. „Wir haben keine Todesstrafe bekommen, aber das fühlt sich aber wie eine an.“

Auch die New York Times berichtet in einem Artikel vom 30-03-2020 mit dem Titel „Jails are Petri Dishes“ (Gefängnisse sind wie Petri Schalen), wie sie mit 60 Männern, dichtgedrängt in einem Raum leben müssen. Es gibt in den US-Gefängnissen bereits hunderte von positiv getesteten, ein Insasse sei bereits gestorben. Es scheint überall einen Mangel an Seife und Desinfektionsmittel zu geben.

Ich frage mich, wenn das die Zustände für Gefangene im reichsten Land der Welt sind, wie sieht es dann in den Entwicklungsländern oder Schwellenländern aus?

Wie ich durch unsere kantharis, die direkt mit Gefangenen arbeiten, herausfand, scheinbar nicht viel schlimmer oder sogar besser?

Bashiro Adamu, 2013 kanthari aus Nigeria, gründete „Dream Again“, eine Gefängnisakademie für junge Gefangene. Sein Ziel ist, durch qualitative Bildung dafür zu sorgen, dass die sehr hohe Rückfallquote von Kriminellen drastisch reduziert wird. Sein Bildungsprogram beginnt in den Gefängnissen und sobald seine Studenten entlassen werden, sorgt er für Reintegration in den Arbeitsmarkt. „Zurzeit darf aber niemand in die Gefängnisse. Keine NGOs und keine religiösen Organisationen.“ Noch scheint es keinen Covid Fall unter Gefangenen in Nigeria zu geben. Aber, so Bash, es komme bereits hier und da Panik auf. Insassen fürchteten durch wechselnde Wachleute angesteckt zu werden. In einigen Gefängnissen seien die Zellen überfüllt und „social Distancing“ lasse sich selbst mit bestem Willen nicht durchziehen. Auch die hygienischen Zustände seien fragwürdig. Es gebe nicht genügend Desinfektionsmittel.

Und wie steht es mit Gefängnissen in Indien?

Ich spreche mit Raja KR, einem 2011 kanthari Absolventen. Er erklärt mir, dass das oberste Gericht in Indien die einzelnen Staaten angeordnet hat, Insassen, die bis sieben Jahre sitzen, vorzeitig gegen eine Kaution freizulassen. Die businesstoday.in spricht davon, dass die Regierung in Maharashtra bereits die Freilassung von 5000 Insassen beantragt hat.

Raja erklärt mir, dass die Umstände in den Gefängnissen von Staat zu Staat sehr unterschiedlich seien. Während sie in Delhi hoffnungslos überfüllt sind, sind sie zum Beispiel in Tamil Nadu nur bis 62% ausgelastet. Und trotzdem hat auch die Regierung in Tamil Nadu, ein Süd indischer Staat, tausende bereits entlassen. Raja war bis zum Eintritt der Ausgangssperre täglich in Gefängnissen unterwegs.

Er is Gründer von Global Network for Equality, einer Organisation, die sich einerseits für Rechte von Langzeit-Gefangenen einsetzt, sich andererseits aber auch um die Kinder und Angehörigen der Insassen kümmert.
Raja machte während seines Studiums ein Praktikum in einem Gefängnis. Er hatte als Sozialarbeiter besonders mit Langzeit-Kriminellen zu tun. Viele von ihnen hatten ihre Ehefrauen ermordet und Raja fragte sich, was denn wohl mit den Kindern passiert sei?

Er machte sich auf die Suche und war erschüttert: Viele der Kinder wurden von ihren Angehörigen verstoßen und landeten auf der Straße. Durch Prostitution und Kleinkriminalität hielten sie sich mühsam am Leben. Nach dem er das einjährige kanthari Programm absolviert hatte, fokussierte er sich zunächst darauf, die Großeltern der Kinder davon zu überzeugen, ihre Enkel von der Schuld der Väter freizusprechen und neu anzunehmen. Und dann kümmerte er sich verstärkt um die Väter. Dafür wurde er von einigen seiner bisherigen Mitstreiter kritisiert.

„Wir verstehen ja, dass Du dich um die Kinder kümmerst, aber wie kannst Du Mitgefühl für die Mörder aufbringen?“ Raja erzählte uns, wie er einmal auf einen Insassen traf, der von morgens bis abends zu schlafen schien. Das Wachpersonal meinte, dem sei nicht mehr zu helfen. Er wäre süchtig nach Schlaftabletten. „Weckt ihn auf,“ bat Raja und, als er ansprechbar war erfuhr er alles über sein Schicksal. Es handelte sich um einen Studenten, der gerade an seiner Doktorarbeit in Philosophie schrieb. In einem Streit mit seiner Ehefrau, in dem es wohl um Eifersucht ging, warf er sie die Treppe herunter, die Frau brach sich das Genick und als er wegen Todschlag angeklagt wurde, verteidigte er sich nicht. Raja sorgte dafür, dass ihm von nun an die Schlaftabletten entzogen wurden und für die Rest Dauer seiner Gefangenschaft wurde er zum Philosophielehrer des Gefängnisses ernannt.

Wie Bash in Nigeria geht es auch Raja besonders um Resozialisierung. „Das geht nur, wenn sie ein Ziel vor Augen haben, wenn sie wissen dass da draußen eine Familie auf sie wartet und besonders, dass sie von ihren Kindern gebraucht werden!“

In einigen Gefängnissen in Tamil Nadu sorgte er dafür, dass Familienräume ohne Gitter eingerichtet wurden. Dort können sich Väter und Kinder ohne Gitter begegnen. Sie machen Spiele und die Väter helfen den Kindern bei den Hausaufgaben. Diese Familienräume sind jetzt aber Corona bedingt verwaist.

„Während der Ausganssperre fühlen sich die Gefangenen besonders von der Außenwelt isoliert. der ohnehin eintönige Alltag ist noch weniger zu ertragen, wenn niemand mehr zu Besuch kommen kann.“

Raja hat mittlerweile ein Jurastudium abgeschlossen und wurde Strafverteidiger. Seine Klienten sind nicht alle schuldig. In minimaler Kleinstarbeit konnte er bei einigen Fällen nachweisen, dass besonders Analphabeten und arme ungebildete, die sich nicht gut ausdrücken konnten, unschuldig für angeblichen Mord im Gefängnis landeten. In einem Fall konnte er nachweisen, dass die eigentlichen Vergewaltiger und Mörder gemeinsam mit Polizeibeamten Beweisstücke gefälscht hatten. Durch Raja’s Intervention wurde der bereits verurteilte Tagelöhner nach zweieinhalb Jahren Gefängnis freigesprochen. In der Zwischenzeit hatte sich seine Ehefrau und Mutter seiner 5 Kinder aus dem Staub gemacht. Die Kinder wurden von der ältesten Tochter, gerade einmal 13 Jahre alt, betreut.

Auf einer Exkursion mit kanthari Studenten lernte ich einige der Kinder kennen. Sie waren Durch Raja in einem Internat untergebracht, um sie vor den eigentlichen Mördern, die immer noch freiherumlaufen, zu schützen.

Es gibt ein Bild von dem Freigelassenen, das von einem bekannten Photographen Joseph Pisani gemacht wurde. Darauf sieht man, wie er lächelnd einen Vogelkäfig hält. Die Türe des Käfigs steht weit offen, aber der Vogel fliegt nicht.

„Wir sind jetzt alle Gefangene.“ Sagt Raja, „aber unsere Tür steht offen. Wir begeben uns freiwillig in Isolation. Wie muss es für diejenigen sein, die wegen einer unbedachten Tat für Jahrzehnte mit einer Ausganssperre belegt werden. „

Mehr Informationen zu diesem Foto und dem Fotografen finden Sie hier

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