Tag 150 – Corona und der fehlende Händedruck

Ich komme aus einer Zeit, in der ein Händedruck unter Gleichaltrigen als eine erste Geste des Kennenlernens üblich war.

Heute, in Zeiten, in denen „Social Distancing“ grossgeschrieben wird, fühlt sich das ehemals alltägliche Händeschütteln wie ein Relikt eines anderen Jahrhunderts an.

Ist das unsere Zukunft? Und was wird fehlen?

Es gibt einiges über die Relevanz des Händedrucks in Büchern oder im Internet zu lesen. Über die Art und Weise, wie man sich seiner bedient, wie er richtig ausgeführt wird, wie man den anderen durch Dominanz oder offensichtlicher Unterwerfung nur mit einer leichten Drehung mit der Hand beeinflussen kann, aber noch finde ich nicht viel darüber, was passiert, wenn in Post-Corona Zeiten der Händedruck aus gesundheitlichen Gründen einfach ganz ausfällt. Ich kann allerdings jetzt schon erahnen, was das für diejenigen von uns bedeutet, die gar nichts oder nur sehr schlecht sehen.

Jetzt aber zunächst einmal ein Schritt zurück ins Händedruck-Zeitalter:

Ich glaube mich daran erinnern zu können, dass ich als sehendes Kind körperlichen Kontakt mit Fremden eher ausgewichen bin. Stattdessen habe ich mir die Leute, so gut es eben ging, eher mit Abstand betrachtet und ein schnelles und bestimmt oft auch ungerechtes Urteil gefällt.

Mit zunehmendem Sehverlust wurde mir diese erste Geste des Händeschüttelns sehr viel bewusster und da ich mich auf meinen Hörsinn nicht ausschliesslich verlassen mochte, wurde schnell die Hand und mein Tastsinn zum eigentlichen Ersatz der visuellen Wahrnehmung.

So war ich meistens diejenige, die die Initiative zum Händedruck ergriff, indem ich einfach meine Hand der neuen Stimme entgegenstreckte. Da kam es natürlich auch oft vor, dass der andere gar nicht an der Geste interessiert war, und mich mit Hand in der Luft einfach hängen liess. Wenn ich mir aber diesen ersten Kontakt ‚erkämpft‘ hatte, half mir das zu einer tieferen Erkenntnis.

Es war die Beschaffenheit der Hand, die mir Vieles über den dazugehörigen Körper sagte.

Über die Jahre konnte ich meine Wahrnehmung über den ersten Eindrück so verfeinern, dass sich sehende Freunde, denen ich gegenüber den anderen visuell beschrieb oft wunderten, woher ich die Details nahm. Wie ein taktiles Abbild konnte ich Körpergrösse, Sportlichkeit und sogar auch Fettleibigkeit, ja hin und wieder auch das ungefähre Alter einschätzen. Ich konnte, wie mir bestätigt wurde, mit ziemlicher Genauigkeit sagen, ob jemand nach konventionellen Massstäben gut aussah und sich dessen bewusst war.

Der wirkliche Erkenntnisgewinn über die innere Haltung der Person, kam allerdings durch den Druck selbst.

Es handelt sich oft nur um einen Bruchteil einer Sekunde, in der ich einiges über mein Gegenüber erfahren konnte. Zum Beispiel, ob die Person mir gegenüber eingeschüchtert, neugierig oder auch vollkommen unvoreingenommen und dadurch unbefangen war. Das war für eine anschliessende Konversation sehr wichtig. Denn die meisten, denen ich neu begegnete, hatten nie zuvor jemals etwas mit einem Nicht-Sehenden zu tun. Und die Art wie sie in diesem ersten Zusammentreffen mir begegneten, sagt einiges über Selbstbewusstsein, Offenheit und die Bereitschaft aus, mich als gleichwertigen Kommunikationspartner zu betrachten.

Besonders wichtig wurde das Händeschütteln in Tibet. Da lebten wir in einer Gesellschaft, in der Vieles nicht über Worte ausgedrückt werden durfte. Überall gab es „Ohren“. In unseren eigenen Büroräumen und sogar in unserem privaten Schlafzimmer waren Mikrophone installiert. Auf dem nur 800m2 Schulgelände gab es mindestens 13 Kameras, die alles, – natürlich nur für unseren Schutz – aufnahmen. Jeder Toilettengang, jede Konversation wurde aufgezeichnet und die Angestellten des Geheimdienstes, die sich all das ansehen und anhören mussten, taten uns allen sehr leid. Schließlich handelte es sich um eine Blindenschule, ohne subversiven Auftrag.

Treffen mit lokalen Politikern oder auch nur mit unserem Regierungspartner wurden mit grösster Selbstverständlichkeit visuell und akkustisch dokumentiert. Und genau da wurde der Händedruck für mich zur unersetzlichen Meta-Kommunikation. Es kam nicht selten vor, dass Paul und ich wegen einer harmlosen Unzulässigkeit, in übertriebener Weise vor allen versammelten Mitarbeitern unseres Regierungspartners gemassregelt wurden. Mit großen Gesten und in autoritärer Stimmlage wurden wir wegen Lappalien zur Schnecke gemacht. Doch am Ende des Gesprächs sagte dann der Händedruck eine ganz andere Geschichte. Wie ein Augenzwinkern gab man mir mit einem doppelten, aber für alle Beobachter unsichtbaren Extra-Druck zu verstehen, dass die große Zurechtweisung von uns nicht zu ernst genommen werden sollte. Man müsse vor der Observation eben sein Gesicht wahren, aber im Grunde genommen seien wir schon in Ordnung und wir brauchten uns keine Sorgen zu machen.

Was bedeutet also für Nicht-Sehende das coronabedingte Ausbleiben des Händeschüttelns?

Es wird ein wenig so sein, als würden wir jegliche Kommunikation telefonisch bestreiten müssen. Und ich frage mich mit Sorge, wird das auf Dauer ausreichen? Gibt es andere Formen der Meta-Kommunikation, die uns noch bleiben?

Was uns sicherlich als Sub-Text bleibt, ist die Stimmführung und der Geruch. Ungewiss ist nur, wie weit auch ein Geruch durch Hygienemassnahmen und Abstandsbestimmungen noch wahrzunehmen ist.

Eines ist gewiss. Corona wird die Kommunikation und sämtlich einhergehende Umgangsformen revolutionieren. Ob sehend oder blind, wir werden uns andere Begrüssungsrituale aneignen müssen um den Kontakt nicht auf Oberflächlichkeiten zu reduzieren.