Tag 20 -Der Corona Rassismus, ein Gefährlicher Rückschritt für Menschen mit Albinismus

Es gibt zwei mögliche Scenarios, wie die Welt sich mit Abflauen der Pandemie verändern könnte.Wir könnten nach dem wir zu Genüge „Social Distancing“ praktiziert haben, alle ein bisschen solidarischer werden oder …? Eine andere gefährliche Spielart zeichnet sich bereits ab. Der Corona Rassismus, ein Virus, dass alle Grenzen zu überwinden scheint.

In den USA sind es die Chinesen, die diesen neuen, sehr speziellen Rassismus am meisten zu spüren bekommen. Angefeuert vom mächtigsten Mann der Welt, der Covid-19 als „China Virus“ bezeichnet, werden Mitbürger asiatischer Herkunft offen rassistisch attackiert oder man verwehrt ihnen den Hotelaufenthalt.

In China sind es die Afrikaner, denen es nicht viel besser geht. Es gibt viele nigerianische Geschäftsleute, die in China eine neue Heimat gefunden haben, jetzt aber, trotz gezahlter Mieten von Hausbesitzern vor die Türe gesetzt werden. In einigen Städten gibt es mehr und mehr afrikanische Obdachlose, die, obwohl sie über genügend Geld verfügen, nicht einmal in Restaurants gelassen werden. Die Angst vor einer zweiten Virus Welle scheint in China groß zu sein und da bietet es sich an, Schuldige zu finden.

Und wer ist der Schuldige in afrikanischen Ländern?

Obwohl es vergleichsweise noch wenig Covid-19 Fälle zu geben scheint, greift die Angst vor dem Ungreifbaren um sich. Und Angst wird wie so oft in der Vergangenheit in Aberglauben umgewandelt.
Judith Jandi, eine 2010 kanthari Absolventin, kontaktierte uns am Wochenende.
„Wir werden auf offener Straße angeschrien, Corona! Go away!“ Obwohl nur in wenigen Regionen Kenias Ausgangssperren verhängt wurden, trauen sie sich nicht mehr auf die Straße. Es handelt sich um Menschen mit Albinismus.

Albinismus ist ein genetisch bedingter Mangel an Melanin, der sich auf die Hautfarbe auswirkt. Menschen mit Albinismus haben kaum oder gar keine Pigmente in Haut, Haaren und Augen. Daher sind die meisten sehbehindert und in wenigen Fällen sogar ganz blind.

In afrikanischen Ländern gibt es die größte Anzahl an Menschen mit Albinismus. Und da fällt natürlich eine Person mit weißer Hautfarbe und hellen Haaren besonders auf.

Judith, in einer Erzählung über ihr Leben: „In meiner Familie waren wir zehn Kinder. Vier von uns waren weiß. … Diskriminierung hat bereits zu Hause begonnen. Immer wieder wurde uns gesagt, wir sollten doch mal in die Sonne gehen, dann würden wir schon schön braun werden. Dabei ist die Sonne für uns lebensgefährlich, wir können uns nicht vor den Strahlen schützen und bekommen leicht Hautkrebs. meine früh verstorbene Mutter wurde angeschuldigt, mit einem weißen Mann geschlafen zu haben. Und wir werden oft für Pechsträhnen schuldig gemacht.“

Judiths Erfahrungen, so verstörend sie auch sind, waren uns nicht neu. Ein Jahr zuvor, 2009 kam Jayne Waitera ans kanthari Institut. Sie hat, wie Judith, Albinismus und erzählte uns damals von den Horrorszenarien, denen sich Menschen mit Albinismus besonders in Ost Afrika ausgesetzt sehen.

Ich hatte Jayne im Zusammenhang mit dem Thema Aberglauben und Hexenglauben ein Kapitel in meinem letzten Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala“ gewidmet. Um die Tragweite des wiederaufgeflammten Rassismus begreiflich zu machen, füge ich hier einen kurzen Auszug bei:
„…. Seit etwa zehn Jahren sind Menschen mit Albinismus in Ostafrikanischen Ländern in großer Gefahr. Sie werden gejagt und getötet; die Leichenteile werden an „Witch doctors“, „Hexer“, verkauft. Dahinter steht ein Netzwerk, dem verbrecherischen Politiker und Geschäftsleuten angehören. Die Kunden der Schwarzmagier zahlen ein Vermögen für eine Hand, für Lippen oder einzelne Finger. Die Körperteile werden zu Tränken verarbeitet, die angeblich Macht, Geld oder Potenz versprechen. Manche Politiker ostafrikanischer Länder tragen sogar den Finger eines Menschen mit Albinismus in der Geldbörse, um die nächsten Wahlen zu gewinnen. …

Jayne … wurde Mitte der Achtzigerjahre in Nyiri in Zentralkenia geboren. An ihre Mutter, die noch Schülerin war, als sie schwanger wurde, kann sie sich nicht erinnern. Die Mutter, abgestoßen von Jaynes heller Haut, ließ das Kind in der Obhut der Großmutter und machte sich davon.

Da die Großmutter nicht wusste, was Albinismus bedeutete, legte sie das Baby in die Sonne, damit die Haut nachdunkeln konnte. Sie konnte nicht ahnen, dass die Sonnenstrahlen für Jayne lebensgefährlich waren. Da Menschen mit Albinismus einen Mangel an Melanin aufweisen, erkranken viele ohne ausreichenden Sonnenschutz schon in jungen Jahren an Hautkrebs.

(Aus einem Artikel für die Campus eigene Zeitung): „Es gab in meiner Kindheit nicht viele glückliche Momente. Da meine Großmutter mit drei zu versorgenden Kindern weit unter der Armutsgrenze lebte, mussten wir alle auf den Feldern in der brennenden Sonne arbeiten. Ich durfte mich nur dann ein wenig im Schatten ausruhen, wenn mein Sonnenbrand bereits wässrige Blasen warf.“

Jayne war in ihrem Dorf die einzige Person mit Albinismus. Daher wurde sie besonders von Klassenkameraden und Lehrern gehänselt.

„Mir selbst waren die Gründe für meine Hautfarbe unbekannt. Viele glauben, dass die Väter von Albino Kindern Weiße sind, und darum bestrafen die Männer ihre Ehefrauen und verlassen sie meist, wenn sie ein Kind mit heller Haut gebären. Ich war auch lange davon überzeugt, dass mein Vater ein Weißer sein müsse. Die Kinder in meinem Dorf und in der Schule hatten eine andere Erklärung. Sie nannten mich ‚Zeru Zeru‘, was auf Kiswahili ‚Albino‘, aber auch ‚Geist‘ bedeutet. Die Menschen glauben, dass wir niemals sterben und, wenn uns danach ist, einfach so verschwinden können. Viele Kinder und auch Erwachsene haben mich immer wieder gekniffen, um herauszufinden, ob ich wirklich existiere und ob ich wie „normale Menschen“ aus Haut, Blut und Knochen bestehe. Wenn ich in der Klasse eine Frage stellte, sah der Lehrer einfach über mich hinweg, und daran hatten die Kinder ihren Spaß. Da gab es niemanden, der mich verteidigte! Doch ich wollte mich nicht unterkriegen lassen, denn ich hatte ja nur ein Leben und konnte nicht in die Haut eines anderen schlüpfen. Sie mussten sich schon an mich gewöhnen.“

„Kurz bevor ich nach Kerala kam, hörte ich, wie die Leute tuschelten, wenn ich über die Straße lief. Irgendwann kapierte ich, was sie sagten: ‚Da geht eine wandelnde Banknote!‘ Der Körper eines Menschen mit Albinismus ist nämlich auf dem Schwarzmarkt bis zu 100.000 Dollar wert.“

Die grausame Praxis der Hexer, auf Menschen mit Albinismus regelrecht Jagd zu machen, hat eine Vorgeschichte. Fischer am Victoriasee weben immer schon Albinohaare in die Netze, um für reichen Fischfang zu sorgen. In vielen afrikanischen Ländern glauben die Menschen, dass eine Frau mit Albinismus Heilkräfte besitzt. Das geht so weit, dass Hexer HIV-positive Männer dazu ermutigen, mit ihnen Geschlechtsverkehr zu haben. Und wenn eine Frau sich weigert, soll sie einfach vergewaltigt werden.

Eine neue gefährliche Stufe erreichte der Aberglauben in der unermesslich grausamen Praxis der Hexer, die besonders in Tansania ihr Unwesen treiben. Sie reden ihren Kunden ein, durch Speisen oder Getränke aus Knochen, Gedärmen, Haut oder Blut von Menschen mit Albinismus Macht, Reichtum oder sexuelle Potenz zu erlangen und stiften Männer zur Jagd auf Kinder mit Albinismus an. Besonders Babys und Kleinkinder sind begehrt. Viele junge Mütter leben daher in ständiger Angst. Um die betroffenen Familien unter Polizeischutz stellen zu können, haben staatliche Behörden Listen von zu schützenden Familien anfertigen lassen, in denen genau verzeichnet ist, wo sie leben und wo sie zur Schule gehen. Doch diese Schutzmaßnahme ging nach hinten los. Polizisten wurden dabei erwischt, wie sie die Informationen an „Menschenjäger“ verhökerten.

In ihrer kanthari-Abschlussrede berichtete Jayne einer entsetzten Zuhörerschaft, dass gerade zwei Wochen zuvor ein kleiner Junge in Tansania vor den Augen seiner Verwandten grausam verstümmelt worden war.

„Wir können gegen solche Praktiken nur vorgehen, wenn wir uns vom Aberglauben lösen. Dafür müssen wir gut informiert sein. Sobald wir die Fakten kennen, sobald wir die Ursachen für Unfälle oder Krankheiten genau bestimmen können, sind wir in der Lage, den Hexenglauben zu entmystifizieren. Ich bin hier in Indien sicher, aber ich muss zurück nach Afrika, um gegen Aberglauben, Macht, Geldgier und alltägliche Diskriminierung von Menschen mit Albinismus vorzugehen!“ …

(Aus „die Traumwerkstatt von Kerala – Die Welt verändern, das kann man lernen.“)

Viele Jahre später, nach Fernsehauftritten, Reden und unzähligen Artikeln weltweit, ist Jayne zu einer recht bekannten Persönlichkeit geworden. Ohne Scheu machte sie sich bei abergläubischen Politikern unbeliebt, hat dabei aber, gemeinsam mit anderen Aktivisten, einiges erreicht. Sie wurde auf der Straße nicht mehr beschimpft, sondern erkannt. Es gibt mehr Wissen über Albinismus und, so hofften wir alle, weniger Diskriminierung.
Und dieser Fortschritt soll jetzt wieder rückgängig gemacht werden? Es wäre verheerend, wenn „Social Distancing“ heute und in Post-Corona Zeiten zu wörtlich genommen würde.