Tag 206 – Stille Krisen, Bürgerkriege sind COVID resistent

von Sabriye Tenberken

Seit mehr als neun Monaten hat Corona uns alle im “Schwitzkasten”. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem man sich fragen darf, was sich weltweit daraus entwickelt hat.

Sicherlich achten Menschen überall mehr auf ihre Gesundheit und auf Hygiene-Massnahmen. Tatsächlich gibt es weniger Kundenverkehr in Apotheken, die Erkältungskrankheiten und Infektionen scheinen drastisch zurückzugehen.

Auch die Umwelt hat in gewisser Weise von Corona und der Reise-Unlust profitiert. Die Luft ist sauberer. Auf der anderen Seite gibt es Masken Berge, die unsere Meere vermüllen.

Und wie wirkt sich die “soziale Distanz” auf Konflikte und Kriege aus?

Am 30. März, gleich zu Beginn der Corona-Krise, wollten wir mehr dazu wissen und kontaktierten unsere sieben Kameruner kantharis. Seit vier Jahren tobt in Kamerun ein Bürgerkrieg zwischen den französischsprachigen und den englischsprachigen Regionen.

Für all diejenigen, die es nicht wissen, Kamerun ist ein multiethnisches, Land, in dem viele unterschiedliche Sprachen gesprochen werden.

Das alleine wäre schon Konflikt-Ursache genug.

Die Hauptursache des Bürgerkrieges ist allerdings die Tatsache, dass seit der Kolonialisierung das Land in zwei administrative Bereiche geteilt ist. Der eine Bereich im Osten des Landes, ist an das französische Rechtssystem angelehnt, der Nordwesten und der Süd-Westen an das Britische. Die jeweiligen Systeme werden dementsprechend auch in Französisch und Englisch verwaltet.

Alle Kameruner, die wir bis heute ausgebildet hatten, kommen aus den englischsprachigen Regionen. Sie empfinden sich als Spielball zwischen Separatisten, die für die Unabhängigkeit Süd-Kameruns kämpfen und dem Staatlichen Militär. Sie alle haben Gewalt, Mord, Entführung, Hunger, Plünderungen und kriegsbedingte Blockaden erlebt. Und dann kam Corona und ich war überrascht, wie euphorisch sie waren.

“Stell Dir vor, es gibt Frieden! Wir haben jetzt in Covid einen gemeinsamen Feind!”

Eine unserer ehemaligen Studentinnen jubelte: “Ich bin auf dem Weg nach Hause, es gibt jetzt Ausgangssperre! Diesmal aber nicht wegen Krieg, sondern für unsere Gesundheit!”

Und ein anderer kanthari träumte davon, seine Kinder endlich zur Schule schicken zu können. Aus Protest gegen die frankophone Regierung hatten Rebellen die Gemeinden unter Druck gesetzt und gedroht alle Bildungseinrichtungen zu schliessen. Seit drei Jahren sind alle englischsprachigen Schulen geschlossen. Aber aufgrund von Corona stimmten die ambazonischen Rebellen einem Waffenstillstand zu. “Ist das nicht verrückt?!”, meinte ein kanthari, der als Priester selbst eine Gemeinde mit Schulen leitet: “Während die ganze Welt Schulen schliesst, können wir sie endlich wieder öffnen!”

Der erste Rückschlag dieser Euphorie kam zwei Wochen später, als einer unserer kantharis, der mitten in einer umkämpften Zone ein Friedensprojekt leitet, uns von einem grausamen Überfall berichtete. Seine Familie und Freunde waren zusammengekommen, um seine Hochzeit vorzubereiten, als bewaffnete Männer auftauchten und seine Familie und Nachbarn attackierten. Sie töteten die Schwester seiner Verlobten und entführten mehrere Familien-Angehörige, darunter auch ein neugeborenes Baby.

Wir waren schockiert: “Heisst das, der Waffenstillstand dauerte also nur zwei Wochen an?” Trotz des grossen Verlustes, blieb er bezüglich des Bürgerkrieges eher zuversichtlich: “Das waren normale Kriminelle, keine Rebellen. Die Separatisten scheinen die Corona-bedingte Ausgangssperre nicht gefährden zu wollen.”

Für eine Weile hörten wir nicht viel aus Kamerun. Obwohl die kantharis auch durch Covid in ihrer Arbeit eingeschränkt waren, blieben sie erstaunlich gelassen und waren gleichzeitig hoch aktiv.

Die meisten setzten all ihre Projekt-Pläne um. Allerdings wurde besonders für die Kameruner kantharis Fundraising ein Problem.

Bereits versprochene Mittel von Stiftungen wurden kurzfristig wieder zurückgezogen.

Und trotzdem arbeiteten sie hart, auch ohne Gelder. Eine kanthari pflanzte gemeinsam mit Dschungel Bewohnerinnen einen nachhaltigen Obst- und Nuss-Wald, andere organisierten Business-Workshops für arbeitslose Kriegswaisen, wieder andere entwickelten ein Landwirtschafts-Friedensprojekt.

Und wann immer wir nachfragten, ob sie sicher und gesund seien, kam die Antwort:

“Keine Sorge! Wir sind okay, Das Leben macht Spass! Auch wenn wir nur begrenzte Mittel haben, können wir trotzdem eine Menge machen. Und darum geht es doch, oder?”

Aber dann, vor ein paar Wochen, bekamen wir eine schlimme Nachricht aus dem Nord-Westlichen Teil Kameruns:

“Wir stecken wieder mitten drin! Um uns her gibt es Kämpfe zwischen ambazonischen Rebellen und Regierungstruppen!”

Ambazonia ist der Name der autonomen südlichen Region Kameruns. 2017 erklärten diese sogenannten “Ambazonianer” ihre Unabhängigkeit von der Frankophone-Region. Sie gingen sogar so weit, eine Flagge, eine Hymne und ihre eigene Währung, den “Ambacoin”, zu kreieren. Die Regierung, die mehrheitlich französischsprachig ist, war nicht amüsiert und so hatte sich vor einigen Jahren der Konflikt zugespitzt und die Schlacht begann.

Obwohl der Bürgerkrieg offensichtlich durch Corona eine kleinere Atempause genoss, gingen die Kämpfe unterschwellig weiter. Bis schliesslich im September die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Heute ist die Angst vor gewalttätigen Angriffen wieder an der Tagesordnung.

Aus erster Hand – aus Sicherheitsgründen möchten sie anonym bleiben – haben wir folgende Aussagen von vier unterschiedlichen Personen aus dem gesamten englischsprachigen Raum zusammengestellt:

“Je mehr die Regierung gegen die Ambazonianer kämpft, desto stärker wird die separatistische Bewegung. Wir, die einfachen Leute, werden in der Mitte zerrieben. Auf der Spur von Ambazonischen-Kämpfern, greifen die Streitkräfte der Regierung die Zivilbevölkerung an und nehmen ausnahmslos alle ins Visier. Und genau das ist unserer Gemeinde in Belo passiert. Bei den jüngsten Angriffen wurden Häuser von Zivilisten abgefackelt. Es wurden Felder geplündert, und Lebensmittelvorräte mitgenommen. Die Soldaten tun das, weil sie glauben, dass wir die Ambazonischen Kämpfer unterstützen. Einige Menschen wurden bei diesem Überfall getötet, andere sind in den Wald geflohen. Die Menschen hier haben Angst vor der Zukunft. Nichts ist mehr sicher!”

“Kürzlich war unser Nachbar-Dorf unter Beschuss. Dabei wurden mehrere Dörfler getötet. Der Rest verließ das Dorf. Mehrere versuchten zu fliehen, sie kamen bis zum Fluss, aber sind dann da ertrunken. Nachdem die Armee abgezogen war, kamen die Rebellen und töteten die Überlebenden. Sie glaubten, sie hätten nur überlebt, weil sie mit der Regierung gemeinsame Sache machten. Sie nennen sie “Black Legs” das ist ein Schimpfwort für Kollaborateure.

“Es gibt viele Unsicherheiten in unseren Regionen. Im September gab es wieder kriegsbedingte Ausganssperren. Da sind dann alle Städte wie ausgestorben. Die Menschen durften nur am Samstag und Sonntag ihre Häuser verlassen, um Lebensmittel zu kaufen und verkaufen. Die Behörden hatten die Nutzung von Motorrädern verboten, denn die Amba-Boys würden zur Informationsbeschaffung auch Motorräder nutzen. Und das hat dann zu einem enormen Mangel an Nahrungsmitteln im ganzen Land geführt, denn 40% aller Lebensmittel werden im Nord-Westen produziert. Als die Behörden aber merkten, dass diese Ausganssperre auch negative Auswirkungen auf die französischsprachigen Regionen hatte, wurde das Ausgangs-Verbot schnell wieder aufgehoben.”

“Frauen sind Ziel vieler Attacken von beiden Seiten. Soldaten versuchen mit englischsprachigen Frauen anzubandeln. Dann werden sie nach den Amba-Boys ausgefragt. von den Ambazonischen Rebellen werden die Frauen im Gegenzug aus Rache gefangen und verstümmelt oder lebendig verbrannt.”

“Erst gerade gab es wieder einen Angriff von den französischen Truppen. Es war ziemlich früh morgens. Wir haben uns alle in der Kirche versammelt. Da hörten wir plötzlich Schüsse. Sofort flüchteten die meisten unserer Gemeinde in den Busch. Die Kugeln flogen uns um den Kopf. Man wusste nicht mehr, wohin. Manche haben die Nacht draussen verbracht, einige am Ufer des Flusses. Das war nicht ganz ungefährlich. Aber Häuser sind genauso gefährlich wie die Natur draussen.”

“Jetzt sind alle Märkte geschlossen. Wir können keine Lebensmittel kaufen. Auch sind keine öffentlichen Verkehrsmittel verfügbar. Es gibt keine Möglichkeit, das Haus zu verlassen. Wenn die Armee kommt, wird überall geschossen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Viele Menschen sind gestorben, viele sind traumatisiert. Ich versuche, so gut es geht, die Hoffnung zu behalten. Aber das ist nicht einfach. Denn viele haben neben Familienmitglieder auch alles andere verloren. Die Stadt Belo ist leer. Keine Seele mehr. Da wo mein Zentrum war, sind heute nur noch abgebrannte Sträucher. Darum habe ich jetzt ausserhalb alles wieder aufgebaut. Aber wie lange wir hier sicher sind, weiss niemand. ”

Und inmitten all dieses Chaos sind die meisten unserer kanthari-Absolventen noch immer engagiert dabei. Sie tun was sie auch immer mit minimalen Mitteln erreichen können.

Um ein wenig zu helfen, möchten wir noch einmal verstärkt um Spenden für den Nothilfe-Topf bitten. Hier können Sie Spenden.

Wenn sie uns bereits unterstützt haben, können sie vielleicht die Bitte an potentielle Interessenten weiterleiten.

Wenn sie bei der Überweisung das Stichwort Kamerun hinzufügen, stellen wir sicher, dass alle entsprechenden Spenden direkt den aktiven kantharis in Kamerun zu Gute kommen. Vielen herzlichen Dank!

Kamerun- Historische Fakten

1884-1919: Kamerun wird zur deutschen Kolonie

1922-1960: Nach dem ersten Weltkrieg wird das deutsche Kamerun in das frankophone und das anglophone Kamerun geteilt

1960: Ostkamerun wird unabhängig

1961: Der Nordwesten und Der Südwesten Kameruns, beide englischsprachig, haben die Möglichkeit, sich entweder Nigeria oder dem frankophonen Kamerun anzuschliessen. Der Wunsch, unabhängig zu bleiben, blieb ungehört. Nord-Kamerun schloss sich also Nigeria an und Süd-Kamerun wurde in gesamt Kamerun eingegliedert. Dadurch wurde der Südwesten und der Nordwesten zu einem selbstverwalteten englischsprachigen Gebiet.

1984: Ambazonien wird als autonomes Gebiet ausgerufen. Damit hat die Unabhängigkeitsbewegung seinen Anfang

2016: Proteste englischsprachiger Lehrer und Anwälte

2017: Unabhängigkeitserklärung der Republik Ambazonia

2020: Bis heute hat der Konflikt mehr als 3‘000 Tote und mehr als 700‘000 Flüchtlinge gefordert