Tag 220 – Nigeria, der Vulkan rührt sich

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Eine Gruppe Gymnasiasten, gut gekleidet, bewaffnet mit nichts als ihren Smartphones, schlendert entlang einer Hauptverkehrsstrasse, irgendwo im urbanen Nigeria. Plötzlich hält ein Fahrzeug direkt neben ihnen. Bewaffnete Männer springen heraus und nähern sich den Jugendlichen, umzingeln sie und zwingen sie ihre Handys auszuhändigen. Die jungen Nigerianer haben keine andere Wahl, als zu gehorchen.

Das ist ein täglicher Vorfall in Nigeria, allerdings ist diese Szene vergleichsweise harmlos. Die Teenager hatten noch Glück, sie verloren nur ihre Handys, nicht ihr Leben.

Und was ist mit den Räubern?

Nein, keine Räuber… Es handelt sich um Polizisten. Es sind Angehörige einer besonderen Unit, der „Special Anti-Robbery Squad“ (SARS), eine Einheit, die ursprünglich gegründet wurde, um Verbrechen zu bekämpfen, nicht um unschuldige Jugendliche zu schikanieren, auszurauben oder sogar zu ermorden.

Am 20. Oktober wurden nigerianische Instagram-nutzer Zeuge eines entsetzlichen Live-Streams einer Tragödie, die das Land in eine tiefe Krise stürzte. Eine bekannte Musikerin, die den friedlichen Protest junger Nigerianer am Lekki-Tollgate in Lagos mitveranstaltet hatte, konnte das, was heute die meisten als Massakar bezeichnen, live auf Video aufnehmen.

Seitdem haben wir mit mehreren unserer kantharis in Nigeria gesprochen. Wie konnten uns wichtige Einblicke in die tragischen Entwicklungen geben: „SARS (eine Spezielle Polizeieinheit) verbreitet unter Jugendlichen schon lange Angst und Terror. Die Polizisten foltern, vergewaltigen und erschiessen Menschen ohne Konsequenzen. Teenager mit einem Iphone, mit Rastal-Frisuren oder mit einem etwas teuererem Auto sind besonders gefährdet. Daher hatten wir 2017 die ENDSARS-Kampagne ins Leben gerufen, um auf eine Reform der nigerianischen Polizei und auf die sofortige Auflösung der SARS-Einheit zu drängen. Seitdem hat die Regierung zwar jährlich Massnamen angekündigt, aber niemals wurde Irgendetwas unternommen.“

„Kürzlich wurde ein Jugendlicher aus einem fahrenden Auto gestossen. Das wurde zum Auslöser des derzeitigen Protests. Junge Nigerianer gingen seitdem auf die Strasse, um ihrem Ärger Luft zu machen. Die Proteste verliefen zunächst einmal friedlich. Es gab keine Plünderungen oder Vandalismus. Die Regierung machte einige Versprechungen, aber die Öffentlichkeit wollte konkrete Massnahmen sehen. Nichts da. Stattdessen setzten sie Schlägertrupps ein, um Demonstranten im ganzen Land einzuschüchtern und dabei gab es sogar Ermordungen.“

„Die Corona Ausgangssperre gab der SaRS den Freibrief, sich wie Räuber zu gebärden. Ihre Lieblingsopfer sind Teenager mit Dreadlocks. Und wenn Sie dazu noch einen Laptop mit sich herumtragen, werden Sie als Spione beschuldigt und werden zur nächsten Polizeistation gebracht.“

„Am 8. Oktober hatten wir genug! Ein unschuldiger Junge wurde von Mitarbeitern der SARS im Nigerdelta getötet. Das war nicht das erste Mal. Es ist immer wieder passiert! Aber jedes Mal, wenn wir die Regierung anflehten, den Terror zu stoppen und die Täter vor Gericht zu stellen, blieben wir ungehört.“

„SARS verzeichnet mehr als 100 Fälle von brutalen Übergriffen. Zum Beispiel wurde während des Covid Lockdowns ein junges Mädchen getötet.“

„Vor Kurzem wurden einige meiner Freunde zu Opfern von SARS: Die Polizei parkte neben ihnen und zogen sie ins Fahrzeug. Warum? Einfach nur weil sie ein Iphone in den Händen hielten. Sie nahmen ihre Handys ab, überprüften besuchte Facebook Seiten und als sie nichts finden konnten, wurden sie festgenommen, verprügelt und mussten erst einmal einige Zeit in Gewahrsam bleiben. Die Handys wurden ihnen weggenommen und sie durften nicht einmal ihre Familien benachrichtigen. Irgendwer entdeckte ihre Bankkarten. Damit brachten sie sie zum nächsten Geldautomaten und zwangen sie, Geld abzuheben. Danach konnten sie gehen. Und das ist noch glimpflich ausgegangen. Meistens ist es viel dramatischer. Viele junge Menschen werden vermisst. Ich fühle mich nirgendwo in Nigeria sicher.“

„Die Proteste waren am Anfang durchaus friedlich. Die Forderungen waren klar: Ende der Polizei-Brutalität, Eindämmen der Korruption, die Einrichtung einer Aussichtsbehörde. Aber über die Wochen wurden die Proteste heftiger. Hunderte von Menschen in über 20 Staaten machten ihrer Frustration Luft. So wurde der generelle Protest zu einer landesweiten Bewegung mit dem Namen: #EndSARS.““

„Und dann, am 19. Oktober gab es in der Stadt Benin eine Gefängnisausbruch. Über 2’000 Gefangene entkamen. Die Regierung beschuldigte die Demonstranten. Aber aus dem Video-Material konnte nicht geschlossen werden, dass es sich bei den Befreiern um protestierende Jugendliche gehandelt hatte. Es könnten auch Kriminelle gewesen sein. Sie machen aber keinen Unterschied zwischen gewöhnlichen Kriminellen und Demonstranten. Wir glauben, dass die Regierung einige dieser Kriminellen finanziell unterstützt, um unsere Bewegung zu diskreditieren.“

„Einen Tag nach der Flucht der Gefangenen hatte die Regierung des Staates Lagos eine Ausgangsperre verhängt, und das ab 9:00 Uhr morgens. So was Blödes! Da waren doch alle schon bei der Arbeit! Wie sollten die denn wieder zurückkommen?! Lagos ist der geschäftigste Staat Nigerias. Es ist auch der bevölkerungsreichste Staat. Die Jugendlichen protestierten weiter. Und für den Kundgebungsort wählten sie einen besonders verkehrsreichen Knotenpunkt. Den Lekki Tollgate (eine Maut-Stelle).“

„Die Kundgebung für den 20. Oktober wurde gut vorbereitet. Flutlichter, Soundsystem, medizinische Versorgung, an alles wurde gedacht. Dann hatten wir Armee-Fahrzeuge in der Nähe der Kundgebung gesehen. Aber wofür? Sie kamen gegen 7:00 abends. Plötzlich wurden die Flutlichter ausgeschaltet und alle CCTV-Kameras um Lekki Tollgate wurden entfernt. Und dann hörten wir Gewehrschüsse!“

„Die Demonstranten hatten medizinische Versorgung organisiert und Krankenwagen kamen, aber die Soldaten liessen sie nicht durch.“

„Wie viele Menschen getötet wurden, ist heftig umstritten. Zuerst sprach man von 20, dann 48, dann 78. Nach Angaben der Regierung wurden jedoch nur 8 Menschen verletzt.

„Nigeria ist traumatisiert. Der Vulkan spuckt Feuer! Jetzt setzen unsere Jugendlichen öffentliche Einrichtungen, Polizeiautos und Polizeistationen in Brand. Überall ist Chaos!“

„Erst zwei Tage später nahm der Präsident eine Rede auf. Es war noch nicht einmal live. Bisher bleibt die Regierung bei der Position, dass niemand gestorben sei. Der President ignorierte völlig, dass es sich um ein Massaker am Lekki gehandelt hat. Er erwähnte nicht mit einem Wort die Jugendlichen, die verwundet oder getötet wurden. Das Einzige, was ihm Leid tat, war, dass ein Polizist offenbar im Dienst ums Leben kam.“

„Wir haben die Regierung aufgefordert, die Gehälter der Polizei zu erhöhen. Die Gehälter sind sehr niedrig, und wir glauben, dass dies einer der Gründe sein könnte, warum sie so eine Aggression gegen uns entwickelt haben.“

Wenn man all diese Aussagen hört, stellt sich die Frage, Was ist bloss mit der Polizei in Nigeria, aber auch sonst in der Welt los. Von rechtsextremen Strömungen in der Deutschen Polizei bis hin zu rassistischen Übergriffen und Morden in den USA, überall fühlen sich unschuldige Bürger in Anwesenheit von Polizeikräften zunehmend verunsichert oder sogar gefährdet.

Im Deutschen gibt es den Begriff „Ressentiment“. Er bezeichnet das Gefühl zu kurz gekommen zu sein. Es beruht auf Neid und geringem Selbstvertrauen. Man wird nicht geschätzt und gönnt es anderen nicht, Erfolg zu haben.

Die Forderung der nigerianischen Jugendlichen, die Gehälter der Polizei zu erhöhen, kam für mich zunächst überraschend.

Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist das vielleicht eine der Lösungen weltweit.

Eine gut ausgebildete Polizei, ausgestattet mit sozialen Kompetenzen und angemessener Vergütung, wird die einzige Möglichkeit sein, das angeknackste Image wieder herzustellen. Und nur mit einer solchen Polizei wird es den Regierungen weltweit gelingen die ausbrechenden Herde zu beruhigen.