Tag 24 – Was bedeutet „Empowerment“?

Wa Wa Kenya fischt am Victoria See

Was bedeutet ‚Empowerment‘?

Es geht im sozialen Sektor ein Sprichwort um, das zwar einen richtigen Grundsatz enthält, aber durch das viele Zitieren ziemlich abgenutzt wirkt, wie etwa ein altes Lieblingsshirt, dass zu oft getragen wurde.
Alle diejenigen, die, wie ich, dem zum Klischee gewordenen Sprichwort überdrüssig sind, bitte ich um Verzeihung, dass ich es hier noch mal aus der Mottenkiste ziehe.
„Give a man a fish, and he will be fed for a day. Thach him how to fish, and he will have food for life.“ (Gib dem Menschen einen Fisch und er hat für einen Tag ausgesorgt, zeig ihm, wie man fischt und er hat für sein ganzes Leben ein Einkommen.)
Ich möchte im Zusammenhang mit der Geschichte, die ich heute erzähle, dem Fisch-Sprichwort ein wenig kritisch auf den Grund gehen.
Zunächst einmal besagt es etwas sehr Weises: „Fördere und ermutige die Menschen, etwas selbst zu tun.“
Die Frage ist, umfasst das Sprichwort auch, dass ich generell in der Lage sein sollte, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, das heißt: werde ich in der Lage sein, selbst bestimmt zu entscheiden, was ich wirklich tun möchte, um zu überleben?

Und genau darum ging es bei einer heftigen Diskussion mit kanthari Teilnehmern. Es ging um den englischen Begriff „Empowerment“, ein Begriff, der nur unzulänglich ins Deutsche übersetzt werden kann. Die Begriffe „Befähigung“ oder „Ermächtigung“ reichen dabei nicht aus.
Die Frage in dieser Diskussion war, wie weit geht Empowerment? Reicht es aus, dass ich meine Zielgruppe in einem ganz bestimmten Berufszweig, und nur darin trainiere? Ja, vielleicht gibt es für die Auszubildenden genau durch dieses Training ein temporäres Auskommen. Aber mache ich sie nicht auch durch Spezialisierung abhängig?
Was passiert, wenn es keinen Fish mehr gibt oder wenn ich wegen einer eventuellen Ausgangssperre nicht mehr Fischen darf? Oder, ganz wichtig, was ist, wenn ich für das Fischerhandwerk nicht brenne? Habe ich die Möglichkeit mich mit dem Gelernten für andere Berufe zu entscheiden und gegebenen falls selbst weiterzukommen?

Viele unserer kantharis haben keine Spezialisierte Ausbildung und sind daher in der Lage, schnell und flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Daher sind sie Überlebende. Ohne Emmanuel Kant gelesen zu haben, verstehen sie instinktiv was es bedeutet, die „Bedingungen der Möglichkeit“ zu schaffen. Das, und nur das ist für sie „Empowerment.“

Bleiben wir beim Fisch und damit zu einem schockierenden Phänomen.
Rund um den Victoria See, aber besonders an den Kenianischen Ufern, werden Frauen gnadenlos Ausgebeutet. Es geht um die Praxis, die in Kenia als „Sex for Fisch“ bekannt ist.
Cavin Odera, 2018 kanthari Absolvent, wurde mit dem 12 Lebensjahr Waise und damit zu einem der vielen Opfer dieser Praxis. seine Mutter, arm und nicht gebildet, hatte 7 Kinder durchzufüttern. Die einzige Möglichkeit, die sie sah, war, täglich zu den Ufern des Sees zu wandern, um Fisch für den Markt zu besorgen. Fischfang war bisher ein reiner Männerberuf.
Die Fischer nutzen schamlos die Armut der Frauen aus und statt Geld fordern sie Sex.

In Cavins Heimat Region Homa bay county, ist die HIV Rate besonders hoch. Seine Eltern und später auch seine Schwester starben an Aids bedingten Krankheiten. Cavin überlebte für mehrere Jahre auf der straße, bis ihn eine Freundin seiner Mutter, gemeinsam mit sieben anderen Waisen aufnahm. Im Angedenken an Seine Mutter und seiner Schwester arbeitet er heute daran, dass Frauen aus dem Teufelskreis – Armut, mangelnde Bildung, Prostitution, HIV Infektion und dann umso größere Armut -ausbrechen können.
Seine erste Idee: Er wollte die Frauen vom Victoria See so fördern oder besser „empowern“, dass sie eigenen Zugang zu Fisch bekommen, also, ganz im Sinne des Sprichwortes, das Fisch-Handwerk selbst erlernen.
Einige seiner Kommilitonen wurden hellhörig? „Fischen ist gefährlich. Und Du zwingst sie, sich in Gefahr zu begeben, um sie vor der Prostitution zu retten?“
„Gibst Du ihnen überhaupt eine Entscheidungsfreiheit?“
„Wie wäre es denn, wenn Du ihnen die Möglichkeit gibst, sich mit dem erlernten Wissen selbst für einen Beruf zu entscheiden?“

Die Diskussion, die wir damals führten, betrifft nicht nur den sozialen Sektor, sondern das gesamte Bildungssystem. Besonders durch die weltweite Tendenz, den Bildungssektor zu privatisieren, werden mehr und mehr hochspezialisierte Studiengänge und Trainingsworkshops angeboten. Damit produzieren wir „Fachidioten“, also Experten ohne Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinweg zu gucken. Das könnte in Zeiten großer Veränderung verheerende Auswirkungen haben. Denn Spezialisierung bedeutet Dezentralisierung des Wissens und das könnte auch in Krisen zur Destabilisierung führen.

Cavin ist jemand, der kritische Einwände gerne anhört, um sie dann in neue Konzepte umzusetzen.

Und so entwickelte er Wa-Wa (WANAWAKE WAVUVI KENYA), die erste „Fisher Women“ Akademie.
Seine bisher 400+ Auszubildenden bekommen zunächst einmal alle einen grundlegenden Kurs im Überleben, das bedeutet, Gesundheit, Selbstvertrauen, und sie erlenen Methoden selbstständig Einkommen zu generieren.

Mit diesem Training sind sie bereits „empowert“ und können ihr Leben gestalten
In Wa-Wa bietet er darüber hinaus folgende Workshops an:
– Fischen auf dem Victoria See
– Netze Weben,
– Boote Bauen
– Fischteiche anlegen und Fisch züchten
und für diejenigen, die wegen der nächtlichen Ausganssperre in Zeiten von Corona nicht selbst Fischen können, bietet er Gemüse Anbau an.

In diesem Sinne ist es Zeit das Sprichwort ein wenig zu verändern:
„Bevor Du dem Menschen das Fischen beibringst, ermutige ihn seinen eigenen Ideen zu folgen.“