Tag 25 – Albert Schweitzer Schule in Kenia

Albert Schweizer Schule in Kenia am Anfang

Albert Schweitzer Schule in Kenia

„Wer von uns hat so etwas schon erlebt? Die Schule schließt Corona bedingt und die Schüler wollen einfach nicht nach Hause gehen!“

Eine gute Freundin erzählt mir von ihrem Patenprojekt, in Kombewa in Kisumu County, Kenia. Sie beschreibt mir Photos, auf denen die Schüler ratlos im Schatten eines Baumes stehen und sehr nachdenklich aussehen. Mit Viren kennen sie sich aus, viele ihrer Eltern sind gestorben, sie waren HIV-positiv. Das Corona Virus ist allerdings etwas ganz Neues und Beängstigendes. Obwohl es in der gesamten Region erst 25 verzeichnete Fälle geben soll, scheint die Welt verrückt zu spielen. Das ist weder für Kinder noch für Erwachsene zu begreifen.

Ein Viertel der lokalen Bevölkerung ist laut Steve HIV-positiv. Die vielen AIDS Toten lassen unzählige AIDS-Waisen zurück.

Steve Onyang, 2013 kanthari Absolvent, hat sich genau diesen Waisenkindern angenommen. Zunächst einmal nahm er die Kinder seiner Verwandten auf. Mit seiner Frau Rosemary startete er schon bevor er ans kanthari Institut kam, die organisation Hope Restauration Centre, ein Heim für AIDS-Waisen. Während des kanthari Programms entwickelte er den Traum einer Grundschule für Waisen. Die Kinder sollten, wenn möglich bei ihren Großeltern oder anderen Verwandten aufwachsen und zu ihm in die Schule kommen.

Ein Jahr später, im Frühjahr 2014, hatten wir uns aufgemacht, Steve und Rosemary in ihrem Projekt zu besuchen. Wir waren zu viert. Marijn Poels, ein bekannter Niederländischer Dokumentar Filmer, Tomek, ein polnischer kanthari Teilnehmer aus Steves Jahrgang, der sich zum Ziel gesetzt hatte, kantharis und ihre Aktionen mit kurzen Videofilmen zu dokumentieren, und wir beide, Paul und ich. Ich war gerade dabei, mein viertes Buch zu schreiben. Diesmal sollte es um kantharis und die unterschiedlichen Initiativen der Teilnehmer gehen. Dafür besuchten wir einige der Absolventen in ihren weit entlegenen Dörfern.

Hier ein kleiner Auszug über unsere Reise zu Steve, in sein Dorf, mitten in der Wildnis.

“Potverdomme! Was für ein Fahrer!“ Es geht in rasender Geschwindigkeit durch die Nacht. Wir sitzen eingepfercht auf der Rückbank eines uralten Taxis, links von mir Tomek, ein kanthari-Absolvent, dem es bei der Raserei wohl die Sprache verschlagen hat, und daneben Marijn, der hin und wieder einen holländischen Fluch ausstößt. Rechts von mir die Autotür, bei der ich mir nicht ganz sicher bin, ob sie richtig geschlossen ist oder nur vom Fahrtwind zugedrückt wird.

Paul hatte lange mit dem Fahrer über den unerhörten Preis diskutiert. Aber der Fahrer meinte, wir sollten doch verstehen, dass es spät sei, seine Großtante im Sterben liege, er den langen Weg zurück in die Stadt ganz allein fahren müsse – und die Nacht sei doch soo dunkel!

Paul hatte sich schließlich geschlagen gegeben, denn es war wirklich schon spät, und wir waren hundemüde. Als wir alle Taschen und auch die Reisenden verstaut hatten, ging es los, mit afrikanischen Rapsongs aus knisternden Lautsprechern, begleitet von dem beunruhigenden Scheppern der Heckklappe. Doch erst als wir schon unterwegs waren, verstanden wir, was der Fahrer mit dem Satz gemeint hatte, die Nacht sei doch soo dunkel!

Ein lautes Aufstöhnen von Seiten Marijns: „Shit, Mann, der fährt ohne Licht!“

Da kommt wieder Leben in meine müden Reisegenossen. Alle protestieren. Als der Fahrer nicht reagiert, versucht Paul vom Beifahrersitz aus mit einer kleinen Taschenlampe die Straße zu erhellen, richtet aber nicht viel aus. Gerechterweise muss man sagen, dass viele der uns entgegenkommenden Laster ebenfalls ohne Licht fahren. Sie werden zu heranrasenden dunklen Geschossen vor einem ebenfalls dunklen, wolkenverhangenen Nachthimmel.

„Wir haben ja schon eine Menge schlechte Fahrer überlebt“, meint Paul, „aber das ist mir jetzt doch zu wild.“

Marijn und Paul zwingen den zunächst uneinsichtigen Fahrer anzuhalten, damit er zumindest einen der Scheinwerfer repariert. Mit halber Leuchtkraft, aber doppelter Geschwindigkeit geht es danach weiter.

Ich fühle mich angespannt, doch ahne ich nicht, was wirklich vor sich geht. Erst später erzählen meine Mitreisenden, wie der Fahrer bei einem Tempo von 80 Stundenkilometern auf relativ schmaler Landstraße immer wieder den Kopf aus dem Fenster hielt. Es war nicht ganz klar, ob zur Abkühlung oder um besser sehen zu können. Bei diesen Aktionen schleuderte das Fahrzeug hin und her und machte Bocksprünge. Glücklicherweise führte ich das nicht auf den Fahrer und die überhöhte Geschwindigkeit, sondern lediglich auf schlechte Straßenverhältnisse zurück.

Nach einer Stunde Daueranspannung verlassen wir die Schnellstraße und holpern, jetzt im Schritttempo, durch einen noch dunkleren Dschungel, der sich von beiden Seiten immer näher an unser Fahrzeug zu drängen scheint. Blattwerk, Sträucher und Äste kratzen an den Seitentüren entlang und peitschen über das Wagendach. Wir schlingern und rumpeln von Schlagloch zu Schlagloch, und hin und wieder bleibt das Fahrzeug so plötzlich stehen, als sei es vor eine Wand gefahren.

„Pass auf, dass du keinen Elefanten überfährst!“, versucht Paul einen Scherz.

Doch der Fahrer gibt humorlos und ein wenig kleinlaut zurück: „Hier gibt’s keine Elefanten, nur Hyänen and Leoparden.“

Und dann endlich ein Ausruf: „Seht mal, der Mond! Ein Dorf!“ Als wären wir nach wochenlanger Tour durch die Wildnis endlich auf besiedeltes Gebiet gestoßen, ruft Marijn entzückt: „Jambo! Die Schönheit Afrikas!“

Wir sind in Seme eingetroffen, einem kleinen Dorf irgendwo im Busch. Es ist mitten in der Nacht, aber hier scheint niemand zu schlafen. Hunde jaulen, Kinder tanzen, alle wollen uns, die weitgereisten Mzungus, die Weißen, sehen, mit denen „Uncle Steve“ im Süden Indiens ganze sieben Monate verbracht hat. Uncle Steve, Vater von fünf eigenen Kindern und zwanzig angenommenen Aids-Waisen, ist hier offensichtlich die von allen verehrte Respektsperson. Obwohl er mit Mitte 40 bei weitem nicht der Älteste ist, wird alles, was er mit lebendiger, fast jungenhafter Stimme zu den herumwuselnden Dörflern sagt, sofort ausgeführt. Ein paar Worte auf Luo, der lokalen Sprache, und schon strecken sich uns von überall her Hände entgegen, um die Rucksäcke in Empfang zu nehmen. In einem Pulk von Kindern, Kälbern und Kühen laufen wir über eine Wiese auf den Gebäudekomplex des Waisenheims zu. Nur, von einem Komplex kann man hier eigentlich nicht sprechen. Das Heim besteht aus einer Ansammlung von kleineren und größeren Hütten, einem rauchigen Küchenverschlag, Stallungen, die nach Rindern und frischem Heu duften und einem geruchlich leicht zu identifizierenden Latrinenhäuschen, das wohl auch in der schwärzesten Nacht nicht zu verfehlen ist. Jetzt aber scheint der Mond und beleuchtet den schmalen Pfad, der sich an kleinen Tümpeln mit laut quakenden Fröschen entlangschlängelt und direkt auf die Haupthütte zuführt. „

(Aus „Die Traumfabrik von Kerala – Die Welt Verändern, das kann man lernen.“)

Aus diesem sehr minimalistischen Heim wurde über die letzten Jahre dies:

Die Albert Schweitzer Schule heute

Heute heißt sein Projekt „Albert Schweizer Schule, Kenia“, ein stattlicher Schulkomplex mit 200 Schülern. Wie kam es dazu?

2013 lernte Steve im kanthari Institut unsere Freunde, die Schweizer Familie Munz kennen. Andrea, damals zum ersten Mal Gast Katalysatorin, hatte Feuer gefangen und kehrte seit ihrem ersten Erlebnis immer wieder zurück. Als Diplompsychologin, bietet sie Workshops im Bereich Kommunikation und therapeutisches Geschichtenerzählen an und sie ist eine unverzichtbare Hilfe bei der Vorbereitung der Teilnehmer zu den kanthari Talks, ein jährliches Redner Festival.

Im Jahr 2013 kamen auch ihre Eltern, Walter und Jo Munz. Walter war der direkte Nachfolger von Albert Schweitzer, und leitete die berühmte Klinik im Dschungel von Gabun, West Africa für mehr als zehn Jahre.

Alle drei freundeten sich mit Steve an und über die Jahre entstand die erste kenianische Albert-Schweitzer-Schule. Andrea Munz leitet in der Schweiz den entsprechenden Verein und besucht Steve jährlich.  

Während den letzten Wochen versuchte ich immer mal wieder Steve zu erreichen, aber er hatte in seiner Region kaum Internet Zugang, und um mit mir telefonieren zu können musste er 40 Kilometer nach Kisumu reisen. Daher erzählte mir Andrea von den Ereignissen vor Ort.

Als die Regierungsverordnung kam, alle Schulen zu schließen, wollten sich Steve und sein Team fügen, doch die Kinder blieben. Nach mehrmaliger Aufforderung, zu ihren Großeltern und Verwandten zurückzugehen, wurde ihnen deutlich was da geschah. Sie hatten Angst, bei ihren Verwandten nicht satt werden zu können. In der Albert-Schweitzer-Schule bekommt jedes Kind Frühstück und Mittagessen. Das gesamte Team entschied, zu bleiben. Es wurde gemeinsam gekocht und die Kinder wurden in Kleingruppen aufgeteilt, um durch Spiele und Geschichtenerzählen die Zeit zwischen den Mahlzeiten zu überbrücken.

Wir hatten uns schon oft darüber gewundert, dass unsere kanthari Teilnehmer, die Schulen oder Trainingszentren in afrikanischen oder asiatischen Ländern starten, Mahlzeiten einen genau so hohen Stellenwert wie dem Kurrikulum beimessen. Heute aber macht uns das Virus in jeder Hinsicht klar, welche Prioritäten gesetzt werden müssen.