Tag 26 – Frauen müssen ran

Aparna auf einem Elefanten auf dem kanthari Campus

(Von Chacko Jacob, kanthari katalyst)

„Sauberere Luft, eine lebendigere Tierwelt, eine ruhigere Umgebung … Ist diese Situation nicht auch eine Erleichterung für Mutter Natur?“, Fragte ich mich laut. „Mutter Natur?!“, Maßregelt mich eine verärgerte Feministin. „Warum nicht einfach nur NATUR?“

Meine erste Reaktion war, ihren Kommentar als „Überreaktion“ abzubürsten. „Ach, Natur könnte genauso gut jedes andere Familienmitglied sein. Ich mag die Umwelt; Ich bin nicht sexistisch!“ Aber scheinbar hatte ich den Punkt völlig verfehlt. Im Verlauf unseres Gesprächs wurde deutlich, dass ein tiefer Zusammenhang zwischen Geschlecht und Natur und damit zwischen Geschlecht und Klimawandel besteht.

Bevor wir dazu kommen, ein kleiner Überblick: Wer ist am meisten für den Klimawandel verantwortlich und wer ist besonders geschädigt? Sind wir alle auf dem Planeten Erde unabhängig von Region, Generation, Alter, wirtschaftlichen und sozialen Schichten oder Geschlecht gleichermaßen davon betroffen?

In einem im letzten Monat veröffentlichten BBC-Artikel mit dem Titel: „Climate change: The rich are to blame, international study finds“ (Klimawandel: Die Reichen sind schuld, internationale Studienergebnisse), fasst in einer Studie der Universität Leeds zusammen, wie der Klimawandel stark durch die Interessen der Reichsten beschleunigt wird. Das reichste Zehntel der Menschen verbraucht 20-mal mehr Energie und 187-mal mehr Kraftstoff als das ärmste Zehntel.

Städte wie Guangzhou in China, New York in den USA und Seoul in Südkorea, führen die Liste der größten CO2 Produzenten an. Zu den Orten, die am anfälligsten für den Klimawandel sind, gehören Lagos in Nigeria, Manila in den Philippinen und Jemen. Aus der vollständigen Liste geht hervor, dass die sogenannten Entwicklungsländer am stärksten von Auswirkungen und Katastrophen im Zusammenhang mit dem Klimawandel bedroht sind. Was bedeutet das für Frauen in diesen Regionen?

Aparna Gopan, die zitierte verärgerte Feministin und 2016 kanthari-Absolventin, ist die Gründerin von ‚Elefant in the Room‘. Sie sagt: „Die sozialen Geschlechterrollen werden besonders durch die globale Erwärmung verfestigt. Und diejenigen, die in armen Familien geboren werden, sind doppelt diskriminiert.“
Und das sind die Konsequenzen, unter denen besonders Frauen zu leiden haben:

– Anstieg Häuslicher und sexueller Gewalt in Krisenzeiten,
– Schutzlosigkeit in Kriegszeiten, auf der Flucht und in Flüchtlingslagern,
– Mangelnde Überlebensfähigkeiten. Speziell Frauen in den Sog. Entwicklungsländern werden oft nicht zum Schwimmunterricht zugelassen und man verwehrt Mädchen, auf Bäume zu klettern.
– Weltweit werden schätzungsweise 60 bis 80% der Arbeitsbelastung in der Landwirtschaft von Frauen übernommen, die jedoch besitzen weniger als 10% des Bodens.
– Da viele Getreidesorten vom Klimawandel betroffen sind, besteht die Gefahr, dass diese Ungleichheit noch weiter zunimmt. Es überlebt derjenige, der sich das teurere Getreide leisten kann.
– Akuter Wassermangel zwingt Frauen, die traditionell Wasser holen und Brennholz sammeln, dazu, immer weiter zu wandern. Diese Zeit und Energie könnte auch für Bildung oder andere Aktivitäten eingesetzt werden.

Aber es gibt auch gute Beispiele, die zeigen, dass sich Frauen nicht mehr alles bieten lassen und den Schutz der Umwelt selbst in die Hand nehmen.

Das ölreiche Nigerdelta ist eine der am meisten ausgebeuteten und zugleich am stärksten verschmutzten Regionen Afrikas. Die nigerianischen Frauen hatten genug von der ökologischen Zerstörung und führten eine Bewegung an, die die Gerichte dazu zwang, das Abfackeln von Gas zu beenden. Diese Praxis ist dafür verantwortlich, dass riesige Mengen Methan in die Atmosphäre gelangten und die Menschen in der Nähe einer stillgelegten Ölbohrinsel krank wurden.

Bangladesch ist ein Land, das besonders hart vom Klimawandel geschüttelt wird. Wirbelstürme und den daraus resultierenden Überschwemmungen folgt meist eine hohe Arbeitslosenquote bei Männern. Frauen müssen sich mit begrenzten Ressourcen um Kinder und ältere Menschen kümmern. Jetzt sind es die Frauen, die Reserven von Nahrungsmitteln, Treibstoffen, Futtermitteln und Medikamenten anlegen. Außerdem bringen sie ihren Kindern das Schwimmen bei.

Zeigen also Frauen bessere Anpassungsstrategien an unvorhersehbare Zustände? Wenn das so ist, sollten wir auf keinen Fall Aktionskomitees mit mehrheitlich Männern haben.

Aparna „Elefant in the Room“ ist eine Bewegung, die provokante Themen nicht ungesagt läßt. Besonders in unserem Herkunftsland Indien, gibt es viele Tabus, die, wenn angesprochen, nur mit größter Vorsicht diskutiert werden. Man windet sich und schnell kommt man lieber auf andere Themen, obwohl der „Elefant“, das Ungesagte, klar sichtbar zwischen uns steht.

An jedem Tag könnte Aparna in konservativen Gesellschaften, in Indien, Kenia oder Sri Lanka einen „Elefanten loslassen“. Themen könnten sich um Geschlechterrollen und geschlechtsspezifische Gewalt, Sexualität, Menstruation, Umwelt usw. drehen.

Im Rahmen des Monats der digitalen Klimaschutzmaßnahmen unter der Leitung von Bring Back Green und ‚Fridays for Future‘, bietet sie in Cochin online Kurse an und veröffentlicht Videos zu Themen wie Ökofeminismus, Suche nach umweltfreundlichen Binden und Windeln, ökologische Kluft zwischen den Geschlechtern sowie Klimaschutz und Geschlechterrechte.