(Von Chacko Jacob) “Bewahre das Kind in Dir. Lass Kreativität, Neugier, Staunen und Offenheit immer Teil Deines Lebens sein.” Nun, wir Südasiaten haben diesen Spruch vielleicht etwas missverstanden. Wir scheinen einen ganz besonderen Teil unseres Kindsein bewahrt zu haben: Nämlich den der Abhängigkeit und der Unterwerfung. In anderen Kulturen ist die Volljährigkeit, also das 18e oder sogar das 16e Lebensjahr eine Art magische Schwelle. Es ist der Beginn eines Lebensabschnitts, auf den die meisten jungen Leute in diesen Kulturen freudig vorausblicken. In diesem Alter haben sie ein gesetzlich verbrieftes Recht, sich im schlimmsten Fall von der Tyrannei eines dysfunktionalen Hauses zu emanzipieren. Im besten Fall haben sie die Chance, ein liebevolles Nest zu verlassen und sich auf ein völlig autonomes Erwachsenenleben einzustellen. Warum also verstreicht die Volljährigkeit in Indien so unbemerkt, obwohl die Voraussetzungen zur Emanzipation gegeben sind? 34 Millionen Jugendliche besuchen in Indien jährlich das College und viele leben dabei in Wohnheimen, außerhalb der Familie. Aber auch jetzt lassen die Eltern nicht locker. Viele Eltern mischen sich in die Wahl des Studienfaches ein und üben auf ihren Nachwuchs auch aus der Ferne nicht unbeträchtlichen Druck aus. Und beim Studium hört es noch lange nicht auf. Es gibt einen starken Einfluss der Eltern (und sogar der Großfamilie) auf die Wahl eines Lebenspartners. Selbst wenn eine Ehe aus Liebe geschlossen wird, macht man sich im vorhinein Gedanken, wie wohl die Familien zu einer solchen Verbindung stehen. Und natürlich spielt auch hier die Religion und die Kaste eine große Rolle. Aber das ist ein heißes Eisen und würde in diesem Artikel zu weit führen. Der Druck geht weiter. Sobald die Ehe geschlossen ist, heißt es: “wann werden Babies produziert?” Hier ist es wichtig, noch einmal zu betonen, dass die Frauen hier das Nachsehen haben. Sie müssen in der Regel ihre eigenen Familien verlassen, um Teil einer ihr fremden Familie zu werden. (In Arrangierten Ehen kommt es oft vor, dass die Partner sich kaum kennen, vielleicht sind sie sich ein oder zweimal begegnet.) Häufige Sätze, die eine frisch vermählte Ehefrau von ihren Schwiegereltern hören muss, sind: “Kleide Dich etwas bescheidener”, “Gehe nicht mit männlichen Freunden aus, nur mit Deinem Mann.” “Es gibt keine Notwendigkeit für Dich arbeiten zu gehen, Dein Mann verdient genug für Euch beide.” “Du hast noch viel in der Küche zu lernen”. Nun, für manche mag das ok sein, aber die sind die Glücklichen. Diejenigen, die nicht in diesem Kontext groß geworden sind oder sich gegen das System von innen heraus auflehnen, könnten jetzt in Rage geraten oder dieser Tradition den Mittelfinger zeigen. Bleiben wir aber mal ganz ruhig und fragen, warum sind die Dinge wie sie sind? Ich mache mal einen Versuch, meine eigene Kultur besser zu verstehen. Die “Hindu Undivided Family” (HUF), scheint niemals aus der Zeit gefallen zu sein. Die Annahme, dass die Massenmigration in die urbanen Regionen die HUF zerstören würde, hat sich in gewisser Weise als falsch erwiesen. Viele Familien leben zwar voneinander getrennt, aber die alten Strukturen des familiären Einflusses und des Drucks existieren immer noch. Die Idee der Großfamilie ist zunächst einmal eine sehr soziale. Sie bietet allen eine Chance zu existieren. Wenig Verdiener werden von denen mit höheren Gehältern aufgefangen und Menschen mit Behinderungen oder alte Menschen werden ihr Leben lang versorgt. Man kann das ganze wie eine Kommune betrachten, in der alle ihre Arbeit nach Fähigkeit, Alter oder Geschlecht ausführen. In Ermangelung staatlicher Versorgung, wird die finanzielle Bürde der gesundheitlichen Fürsorge der Alten von allen gleichermaßen getragen. Die Konsequenz dieser Stabilität ist, dass die individuelle Lebensplanung, insbesondere der Frauen, hinter allem zurückgestellt werden muss. Hier ist es so, dass natürlich die älteren Männer in der Regel die meiste Macht haben und auch über das Leben anderer Familienmitglieder entscheiden. Diese Strukturen können nur durch die Stärkung der Rolle der Frau in Frage gestellt welden. Die üblichen nachvollziehbaren Ängste vor einer Änderung des gegenwärtigen Familiensystems sind: – Familien werden auseinandergerissen – Die älteren Familienmitglieder werden vernachlässigt – Wir werden unsere Kultur verlieren Klar, Familien sind wichtig, daran besteht kein Zweifel. Sie bieten die ersten menschlichen Interaktionen zwischen einem Kind und der größeren Welt und sie bieten eine sichere Umgebung für Kinder. Sie können langsam und stetig die Umwelt erforschen. Sie dürfen scheitern und damit können sie alles über ihr Leben lernen. Umso wichtiger wird es, dass sie erwachsen werden und erleben, was Gleichberechtigung bedeutet. Es ist wichtig, dass kulturelle Werte nicht mittels Angst oder durch ein emotionales Vakuum in das Kind hineingezwungen wird. Sobald ein Kind sich auf freiwilliger Basis für ethische Werte entscheidet, ist es weniger wichtig, dass Kinder mit allem konform gehen. Wenn einmal das Vertrauen da ist, dass der Nachwuch das Leben in die Hand nehmen kann, muss man sich auch nicht mehr in alle Entscheidungen einbringen. Familiäre Bindungen, die auf Autoritären und starren Strukturen und nicht auf Freiwilligkeit und Gleichberechtigung basieren, sind zerbrechlich. Auch in Großfamilien gibbt es Vernachlässigung. Ich wuchs im ländlichen Norden Indiens auf. Ich habe die Vernachlässigung älterer Menschen aus erster Hand miterleben können. Wir brauchen Strukturen, die nicht nur darauf ausgerichtet sind, die Schwächsten in der Familie aufzufangen, sondern diese Strukturen sollten auch ein Umfeld schaffen, in dem jeder sich nach seinen eigenen Fähigkeiten und Vorlieben entwickeln darf. Und das, ohne dass die Bevölkerung allein in die Verantwortung des Staates fällt. Niemand sollte entweder Zwang oder Abhängigkeit im Alter fürchten müssen. Beides ist gleichermaßen entwürdigend. Was wir brauchen, ist eine finanzielle Absicherung des Ruhestands, in dem sich auch die älteren Generationen weiter verwirklichen können, ohne die jüngeren in die volle Verantwortung zu ziehen. Das aber, ist nur möglich, wenn sich die Mentalität ändert: Von der inneren Abhängigkeit zur geistigen Freiheit. Kulturen ändern sich alle Jahrzehnte. Und das ist gut und wichtig. Wir müssen kontinuierlich versuchen, den sozialen Zusammenhang zu verbessern. Kultur sollte als ein dynamisches Element unserer Gesellschaft betrachtet werden. Sie kann uns Halt geben, aber wir müssen sie auch, wenn nötig verändern können, gerade dann, wenn es einen gewissen Teil der gesellschaft schadet. Autonomie, individuelle Freiheit und freie Meinungsäußerung sind nichts, wovor man Angst haben muss. Es bedeutet nicht das Ende der Großfamilie. Es wäre gut, wenn sich eine Verbesserung einstellt, für uns sowie für unsere kulturellen Nachbarn.

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Norman Manzi, Gründer von Dream Village in Ruanda

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