Tag 27 – Die Krise aus einem anderen Blickwinkel

Amrita und Sabriye auf dem kanthari Campus

„Sehr verehrte Damen und Herren! Die nächste Sprecherin ist Amrita Gyawali aus Nepal!“

Es gibt Applaus … aber die Bühne bleibt leer. Doch dann eine Stimme aus den Lautsprechern: „Und was passiert jetzt?“ Vor der ersten Zuschauerreihe steht ein Rollstuhl mit Amrita. Sie grinst ins Publikum, dann zeigt sie hinter sich auf die Bühne und fragt: „Sollte ich nicht da oben sein?“ Stille, scharrende Füße, es ist den Leuten hörbar unangenehm. Doch dann kommen aus den hinteren Reihen zwei ihrer Kommilitonen, heben den Rollstuhl gemeinsam an und stellen ihn samt der Sprecherin auf die eineinhalb Meter höhere Plattform. Und jetzt legt sie los:

Amrita war drei Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihrer Familie mit dem Bus aus Delhi kam. Sie hatten einen Unfall bei dem sie Vater, Mutter und Geschwister verlor. Sie selbst überlebte mit einer Querschnittlähmung.
Mit dem fünften Lebensjahr kam sie ins SOS Kinderdorf, in eine Abteilung, die sich auf Kinder mit Behinderungen spezialisiert hatte. Da fand sie eine neue Familie und sie lebte in einem barrierefreien Gebäude, mit Rampen und rollstuhlgerechten Toiletten. Diese Umgebung machte sie unabhängig und ihre Behinderung war nicht mehr ausschlaggebend.

Ab einem bestimmten Alter reicht die häusliche Umgebung nicht mehr aus. Sie wollte raus, sie wollte mit anderen Kindern spielen, am Leben teilnehmen, in die Schule gehen. Aber es gab keine Schule, die sie aufnehmen konnte. Überall stieß sie an Barrieren.

Nicht nur physische; Treppenstufen oder Schwellen, auch die Leute zeigten ihr, dass sie nicht gewillt waren ihre eigenen Barrieren niederzureißen. Sie wurde angestarrt, man redete von oben herab, oft nicht mit ihr persönlich, sondern mit der Person hinter dem Rollstuhl: „Wie traurig, ein Leben lang an den Rollstuhl gefesselt zu sein!“ Amrita verlor sich in Selbstmitleid. Aber dann wurde sie wütend: „Was heißt dass, wir sind an den Rollstuhl gefesselt?! Der Rollstuhl ist unsere Garantie, dass wir Freiheit und Unabhängigkeit erleben können! Ich kann überall hin, zumindest, wenn es barrierefrei ist!“

In ihrer Abschlussrede im kanthari Kurs phantasiert sie über ein Nepal der Zukunft, die Stadt Kathmandu mit Rampen statt Treppen und rollstuhlfreundlichen öffentlichen Toiletten.

„Oh ja, ich habe in der Bibel gelesen, dass wir Rollies keinen Platz im Himmel haben. Warum eigentlich nicht? Das hat mich neugierig gemacht. Und weil man heute ja alles bei Google findet, habe ich gesucht und diese Antwort bekommen: „Stairways to heaven!“

Heute Morgen telefonierte ich nach langer Zeit mit Amrita. Sie erzählte mir, wie sie In der Zwischenzeit um die Welt reiste, um sich für ihre Initiative „embrace the change“, ein Barrierefreies Nepal, Anregungen zu holen.
Gemeinsam mit anderen Behinderten und nichtbehinderten gründete sie Sakshyam, eine Organisation, die sich zum Ziel setzt, Jobs und Bildung für physisch Behinderte zugänglich zu machen. Zudem berichtete sie von monatelangen Krankenhausaufenthalten, die sie in ihrer Projektarbeit zurückgeworfen hatten.
„Und wie kommst Du in der Corona Krise zurecht?“ möchte ich wissen.

„Es ist eine ziemliche Katastrophe!“ Ich höre, wie sie sich sammeln muss. Sie ist normalerweise niemand, der sich gerne beschwert. Jetzt aber nimmt sie Anlauf und eine Kaskade von Unmutsäußerungen schießt durch den Handy-Lautsprecher:
„Ich glaube, dass das gesamte Gesundheitssystem uns, die chronisch Kranken und Behinderten bei all der Covid hysterie mehr oder weniger vergessen hat. Niemand von uns hatte vor der verhängten Ausgangssperre genug Zeit, einen Vorrat von Medikamenten, Urinbeutel und Windeln für Erwachsene anzulegen. Meine Freunde wollten mir eine Tüte mit den Drogerieartikeln vorbeibringen, die kamen aber nie an, sie wurden von der Polizei zurückgepfiffen. Da gab es keinen Verhandlungsspielraum. Der Preis für Medikamente geht aus unerfindlichen Gründen in die Höhe. Macht sich da jemand auf unsere Kosten eine goldene Nase?! Und dann „social distancing“! Dass ich nicht lache! Wie soll das denn gehen?! Selbst wenn man als Rollstuhlfahrer alleine wohnt, brauchen viele von uns immer mal wieder Hilfe. Und da geht es um sehr intime Hilfestellungen, wie das Legen eines Katheders, Körperpflege und in manchen Fällen das Umbetten in der Nacht.“

Wir sprechen über den erschütternden Fall im Januar, als ein Vater in Wuhan aufgrund eines positiven Testergebnisses, seinen mehrfachbehinderten Sohn zu Hause zurücklassen musste. Trotz mehrmaliger Aufrufe, sich doch um sein Kind zu kümmern, starb der Sohn allein in der Wohnung – aus mangelnder Pflege, nicht am Virus.
„Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass solche Ausganssperren in der Zukunft wieder und wieder kommen.

Wir werden mit unserer Sakshyam Foundation dafür sorgen, dass die Situation für uns besser durchdacht wird. Es müssen gesetzlich verordnete Ausnahmen für uns geben, und dafür werde ich kämpfen!“

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