Paul und ich erinnern uns gerne an eine ganz besondere Veranstaltung, eine Lesung, für die wir vor vielen Jahren von der Volkshochschule Hamm gebucht wurden. Es ging um mein drittes Buch «Das siebte Jahr». Das Buch ist eine Beschreibung des filmisch dokumentierten Bergabenteuers, welche wir im Jahr 2004 mit Schülern unserer Blindenschule in Tibet unternahmen. Eine Reise mit Risiko und Konflikten auf über 650 Höhenmeter. Das Buch beschreibt, passend für den Anlass, eine polizeiliche Festnahme mit Hausarrest im ländlichen Sichuan.

Die Lesung fand fern von Alledem, in Deutschland in einem Hochsicherheitstrakt des Werler Gefängnisses statt. Doch auch der Weg zum Veranstaltungsort, durch das Gefängnis Labyrinth war schon ein Abenteuer für sich. Zuvor wurden wir von allen Wertgegenständen befreit, einzig mein Braille-Lesegerät durfte ich mitnehmen. Dann schlossen sich die Tore hinter uns, glücklicherweise nur für ein paar Stunden.

Der Gefängnisdirektor hieß uns freundlich willkommen und er führte uns zunächst einmal durch das komplette Gefängnis. Das allein war schon aufregend. Er redete jeden Insassen persönlich an, schüttelte Hände und machte lustige Bemerkungen, die mit viel Gelächter aufgenommen wurden. Nur im inneren des Gefängnisses, in einer Art Knast im Knast, wurde er den Insassen gegenüber etwas reservierter. Paul hatte beobachtet, dass er zwar freundlich blieb, aber hier jeden Körperkontakt vermied. Als Paul ihn darauf ansprach, meinte er: „Wenn Sie wüßten, was ich weiß, dann würden Sie sich das mit dem Händeschütteln auch überlegen.“

Unsere Lesung hielten wir vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum. Nachdem sich alle Zuhörer versammelt hatten, wurde der Saal verschlossen und zum ersten Mal konnten wir uns sicher sein, dass niemand unsere Darbietung vorzeitig verlassen würde.

Die Zuhörer, alles «schwere Jungs» im mittleren Alter, waren interessiert und entgegen der Voraussagen des Gefängnispersonals keineswegs schnell abgelenkt. Sie waren hoch aufmerksam, es wurden gute Fragen gestellt, es wurde viel gelacht und wir fanden bald heraus, dass wir etwas gemeinsam hatten. Wir waren alle «Außenseiter» und hatten alle mit gesellschaftlichen Vorurteilen zu kämpfen, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen.

Mit großer Neugierde erkundigten sie sich nach meinen kleinen Braille-Computer, den ich immer bei mir trage. Zur näheren Ansicht gab ich ihn mal herum. „Den bekommen sie nicht mehr wieder!“, witzelte einer der Insassen.

Später wurden wir in der Küche des Gefängnisses von unserem Publikum fürstlich bewirtet. Auch das Essen wurde von Insassen, die sich gerade in einer Koch-Ausbildung befanden, zubereitet.

War die Erfahrung beklemmend? Nein, überhaupt nicht. Vielleicht gab es an diesem sonnigen Herbsttag keinen Anlass zur Revolte. Und statt der erwarteten militärischen Befehle, die man aus Filmen zu kennen glaubt, gab es eher gute Laune mit ruhrschen Sprüchen und vereinzelt sogar kölschen Tönen. Es wurde gegrüßt, geplänkelt und gepfiffen. Zudem war ich nicht durch visuelle Eindrücke von Gittern und Wachtürmen beeinflusst. Akustisch hörte es sich auch nicht viel anders an als in einer städtischen Behörde. Das einzige Auffällige und vielleicht auch stereotypische war, das Schlüsselrasseln sowie das Auf- und Abschließen sämtlicher Türen und Korridore.

Im Nachhinein stellt sich mir die Frage, ob das wohl ein typischer Hochsicherheitstrakt sei. Wie sieht es wohl in anderen Bundesländern aus? Und, wie ist die Gefängnissituation im wenigen Kilometer entfernten Holland?

K.R. Raja, ein 2011 kanthari Absolvent aus dem südindischen Tamil Nadu, klärte mich über mein eigenes Nachbarland auf: Die Niederlande seien weltweit Vorreiter in ihrer Gefängnis Philosophie. Dort habe man Gefängnisse nicht als Strafanstalten, sondern viel mehr als Institutionen zur Resozialisierung verstanden. So hätten auch die Gefängnisangestellten einen psychologischen oder sozialpädagogischen Hintergrund. In Tamil Nadu, so Raja, seien sie dagegen oft Mechaniker und würden daher die Insassen nicht wie Menschen mit Respekt, sondern eher wie ein Werkzeug behandeln. Die Niederlande seien auch an vorderster Stelle, wenn es um Entkriminalisierung geht. Und jetzt seien sie dabei, einen Großteil der vorhandenen Gefängnisse zu schließen.

„warum?“ moechte ich wissen. Raja erklärte es mir so: „Ein Grund ist sicherlich die vergleichsweise geringe Anzahl an Straftätern. Und bei den relativ wenigen, die noch übrig sind, fokussiert man sich verstärkt auf Rehabilitation, Wiedereingliederung oder elektronische Fußfesseln.“

Während also die Gefängnisse in vielen Ländern hoffnungslos überfüllt sind, werden die niederländischen Knäste seit geraumer Zeit geleert und anders eingesetzt. Es entstehen Wohnprojekte, Künstler-Kollektive, Büro-Räume für Start-ups, alternative Kaffees und Flüchtlingsunterkünfte.

Machen wir mal einen Sprung ins südindische Tamil Nadu, dem Heimatstaat von Raja. Wir hatten vor einiger Zeit schon über Raja und sein grosses Engagement berichtet. Raja ist Gründer der Organisation Global Network for Equality und setzt sich zum Erstaunen vieler für zwei Zielgruppen ein, die in der indischen Gesellschaft normalerweise keine großen Fürsprecher kennen. Seine Arbeit fokussiert sich auf die Kinder von Langzeit Insassen und um die Insassen selbst. Bei vielen handelt es sich dabei um Männer, die ihre Frauen und damit auch die Mütter ihrer Kinder umgebracht haben. Die Kinder wurden oft Zeugen der grausamen Tat. Durch die Festnahme der Väter wurden sie praktisch zu Waisen und damit sowohl vom Staat wie auch oft von den Angehörigen vergessen.

„Die Kinder dürfen nicht die Schuld ihrer Eltern tragen“, sagt Raja, der sich seit vielen Jahren mit den Schicksalen der Kinder beschäftigt. Viele werden von der Familie der ermordeten Mutter verstoßen und landen auf der Straße. Seit 2012, seit Gründung seiner Organisation, hat er mehr als 500 Kinder von Gefängnisinsassen unterstützt. Seine Hilfestellungen umfassen Wiedereingliederung in die eigenen Familien, meist werden sie bei ihren Großeltern untergebracht, bis zur Finanzierung der Schulen und der Ausbildung.

Aber Raja geht es um mehr. Die Familie kann nur emotionale Heilung erfahren, wenn die Kinder auch wieder eine Beziehung zum Vater aufnehmen können. Und so nahm er sich auch der anderen Zielgruppe, den Tätern an.

Seit seinem ersten Lebensjahr ist Raja, bedingt durch eine Erkrankung, physisch behindert. Durch eiserne Willenskraft und trotz vieler Hindernisse, hat er einen guten Schulabschluss gemacht.
Bevor Raja zum kanthari Institut kam, hatte er bereits eine Ausbildung zum Sozialarbeiter absolviert. Während eines Praktikums machte er Gefängnisbesuche und erlebte aus erster Hand Zustände, die seiner Meinung nach nicht dafür sorgen, dass die Insassen Resozialisierung erfahren.

Nachdem es Mitte der 90er Jahre Gewaltexzessen in einem südindischen Gefängnis gab, wurden die Insassen, entgegen der indischen Verfassung, nach Kasten in Wohnbaracken verlegt. Damals gab es brutale Kämpfe zwischen den unterschiedlichen Kasten. Zudem wurden sie «kastengemäß» Berufsgruppen zugeordnet. Die Brahmanen (höchste Kaste) bekamen die Jobs in der Küche, die Dalits (niedrigste Kaste) dagegen die schmutzigen und gefährlichen Arbeiten wie z.B. Latrinen putzen und Abwasserkanäle reinigen.

Normalerweise herrscht nach außen hin Stillschweigen über diese Zustände. Doch sowohl Insassen als auch Personal vertraute ihm, denn Raja war offensichtlich anders und gehörte nicht zum Mainstream. Daher bekam er einen ungefilterten Eindruck und erfuhr mehr als seine Kommilitonen.

Nach Gesetz bekommen alle Insassen ein Gehalt, in Tamil Nadu wurde dieses jedoch um 70% gekürzt. Ein Teil des Gehaltes ging an die Familie des Opfers, ein anderer wurde für den Aufenthalt im Knast von der Gefängnis-Aufsicht einbehalten. Also legte er eine Beschwerde ein, die bewilligt wurde, sodass die Gefangenen nun ihren gerechten Anteil erhalten.

Auch die medizinische Betreuung ließ nach Raja zu wünschen übrig. Einen speziellen Gefängnisarzt schien es nicht zu geben und ein privat zu engagierender Allgemein-Mediziner verirrte sich nur selten in Raja’s Wirkungsstätte. Ganz besonders aber bemängelte Raja die unzureichende psychologische Betreuung. Es gab keinen Gefängnispsychologen und keine Psychiater, die im Notfall Medikamente verschreiben konnten. Die Konsequenz ist eine hohe Selbstmordrate.

Das Leben der Insassen und die Hoffnungslosigkeit, nicht auf eine würdige Zukunft blicken zu können, ließ ihn nicht los. Er fällte darum einen Entschluss.

„Ich werde die Zustände langfristig nur ändern können, wenn ich von Offiziellen, von Richtern und Gefängnis-Direktoren ernst genommen werde.“ So begann er mit einem Jura Studium, das er in kürzester Zeit absolvierte. Da er während des COVID-19 Lockdowns seine Klienten nicht persönlich besuchen konnte, hatte er Zeit für einen Master und fügt jetzt noch eine Doktorarbeit an.

Seine Abschlüsse sorgten nicht nur dafür, dass die Richter und Gefängnis-Direktoren ihm nun mit dem notwendigen Respekt begegnen, sie gaben ihm auch das wichtige Wissen und Werkzeug, die Lebensumstände in den Gefängnissen von Tamil Nadu zu revolutionieren. Er kämpft dafür, dass Langzeit Insassen ihre Familien bei wichtigen Feiern wie Hochzeiten der Kinder, Schulabschluss-Veranstaltungen oder auch Beerdigungen von direkte Familienmitglieder besuchen dürfen und er macht sich für den offenen Strafvollzug stark. Ein Modell für einen menschenwürdigen Strafvollzug sieht er im benachbarten Kerala. Nicht weit von Trivandrum entfernt gibt es das Nettukaltheri Gefängnis, eine offene Einrichtung, ohne Wachttürme, Gitter und verschlossene Türen. Es handelt sich um einen Bio-Bauernhof mit Viehzucht, organischem Gemüse- und Obstanbau, mit einer Kauchuk-Plantage und einer Bienenzucht mit Honig Produktion, für die das Gefängnis besonders bekannt geworden ist. Die Insassen können sich frei bewegen, nutzen die Freiheit aber nicht aus, denn sie bekommen hier eine gute, solide Ausbildung. Zudem können sie mit ihren Familien im täglichen Austausch bleiben, wodurch die Beziehung gefestigt wird. Und, ganz wichtig, sie verdienen einen angemessenen Tagessatz, der in voller Höhe für die Zeit nach dem Gefängnis gespart wird. Alle Kosten der Unterbringung und für die Entschädigung der Opfer werden vom Staat Kerala übernommen und werden nicht wie in Tamil Nadu vom Gehalt abgezweigt.

Raja macht sich für die Rücklage des gesamten Lohns zu Gunsten der Insassen auch in seinem Heimat-Staat Tamil Nadu stark. Trotzdem möchte er nicht den Anschein geben, als könnte der Täter die Verantwortung für die Opferfamilie an den Staat abgeben.

Laut einer von ihm und seinem Kollegen, S.K. VENKAT RAMAN, ausgearbeiteten Studie «Report on aftercare Services for Abandoned prisoners 26.11.2020», wird deutlich, dass es zwar Gesetze zur Wiedereingliederung von ehemaligen Langzeit Insassen gibt, diese allerdings nicht wie vorgesehen ausgeführt werden.

Der Mangel an Rehabilitationsprogrammen, so Raja in seinem Report, sorgt für eine erhebliche Rückfallquote von über 23%. Er schreibt dazu: „Obwohl der Verurteilte nach Absitzen seiner Strafe in die Freiheit entlassen wird, wird er die Welt draußen als Gefängnis empfinden.“ Detailliert legen die Autoren dar, wie ehemaligen Insassen oft von Familienangehörigen stigmatisiert und verstoßen werden. Besonders schlimm trifft es Langzeit Insassen die vor dem Gefängnisaufenthalt in einer Zeit ohne Smartphone, Internet und ohne Geld Automaten lebten und all die Automatisierung nun mühsam erlernen müssen. Und dann gibt es diejenigen, die aus einem anderen Land stammen und keinen Bezug mehr zur ihren Familien haben. Ohne ein funktionierendes Rehabilitationsprogram werden all diese Menschen kaum Chancen haben, ihren Weg in die Freiheit und in ein würdiges Leben zurückzuerobern.

Daher fordern K.R. Raja und S. K. Venkat Raman für den Staat Tamil Nadu folgendes:
– Die Einrichtung von mindestens fünf Rehabilitationswohngruppen, in denen die Freigelassenen auf das Leben in der modernen Gesellschaft vorbereitet werden.
– Den Transfer der Gefangenen in ihre eigenen Staaten oder Länder, um den Kontakt zum sozialen Umfeld nicht abreißen zu lassen.
– Auch ausländische Gefangene sollen Zugang zu Lehrprogrammen haben.

Die Organisation Global Network for Equality wird durch Spenden von privaten Gönnern unterstützt. Damit werden Auslagen für die Kinder finanziert.
Raja sagt dazu: „Wenn der Vater aus dem Gefängnis kommt und sieht, wie gut es seinen Kindern geht, dann wird er eine extra Motivation haben, wieder frisch anzufangen.“ 

„Und wie steht es mit Dir und Deiner Familie?“ Raja ist verheiratet und hat zwei Kinder. Daher interessiert es mich sehr, wie er seine Familie ernähren kann, während er sich als Anwalt für die Grundrechte und Menschenwürde der Gefängnisinsassen stark macht.

Er lacht verschämt, möchte zunächst gar nicht über seine eigenen Bedürfnisse sprechen. Doch dann wird er ernst: „Manchmal gibt mir eine Familie eines Insassen ein bisschen Geld. Aber sonst ist es schwierig, Gelder für Rechtsberatung von Tätern zu sammeln. Täter haben keine Lobby. Wenn wir wollen, dass die Täter nach Absitzen der Strafe wieder frisch anfangen können und sich die Gefängnisse nicht durch Rückfälle wieder füllen, dann müssen Insassen einen Lebenssinn bekommen.»

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