Tag 32 – Schulschliessung? Fluch? oder

Schüler von Wokome

Von Ashu Egbe Marlyse und Paul Kronenberg

”Die besten Lehrer sind diejenigen, die zeigen, wo es etwas zu Sehen gibt, aber nicht sagen, was man dort sehen kann.“ – Alexandra K. Trenfor

Die Corona-Krise hat die Bildungseinrichtungen in der ganzen Welt stark in Mitleidenschaft gezogen. Bis zum 21. April 2020 waren etwa 1,7 Milliarden Lernende betroffen. Laut UNESCO haben 191 Länder landesweite und 5 Länder lokale Schulschließungen vorgenommen. Davon sind etwa 98,4 Prozent der weltweiten Schüler und Studenten betroffen.

Schulschließungen wirken sich nicht nur auf Schüler, Lehrer und Familien aus, sondern haben auch weit reichende wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen.

Konsequenzen sind: die Erkundung von neuen Wegen des digitalen Lernens, eine andere Nutzung des Internets, neue Formen der Kinderbetreuung, aber auch, besonders für ohnehin schon benachteiligte Familien, die Verschuldung durch die Krise, die zur Mangelernährung, und zur Obdachlosigkeit führen kann.

Die Schulschließungen sind allerdings für viele Kinder ein Segen, gerade für diejenigen, die jeden Morgen mit Angst zur Schule gehen. Wie zum Beispiel Ashu Egbe Marlyse.

Marlyse, 2018 kanthari Absolventin, kommt aus Kamerun.
Ihre Ausbildung, von Schule bis Universität hat bei ihr tiefe Narben hinterlassen.
Sie schreibt: „Ich habe in der Schule immer hart arbeiten müssen, hatte aber am Ende nichts davon. Gute Noten waren für mich unerreichbar. Das Wissen, was ich konsumieren sollte, war für mich nicht relevant. Egal, wie sehr ich mich angestrengt habe, mein Hirn war wie ein Sieb. Nichts blieb hängen. Ich fing an, die Schule zu hassen.

Woran lag das?

Vielleicht, da ich aus einem kaputten Elternhaus kam, in dem mich meine wütenden Verwandten ständig daran erinnerten, den Mund zu halten und mich zu verkriechen.
Vielleicht, da meine Sprache zu Hause eine andere war als in der Schule.
Vielleicht, da mein Lehrer mir einmal sagte, ich sei genauso wenig wert wie meine Noten.
Vielleicht, da es niemanden zu interessieren schien, was ich in der Schule machte.
Ich könnte mit diesen „Vielleichts“ noch länger weitermachen. Eine Antwort für mein Versagen hatte ich damals nicht parat.

Allerdings wurde mir schnell klar, was für einen Rattenschwanz meine schlechten Noten an negativen Folgen hinter sich herziehen würde. Ich wurde in der High-School von bestimmten Fächern ausgeschlossen, das wiederum entschied darüber, welchen Studiengang ich nicht wählen durfte, und schließlich beeinflusste es meine Job-Suche. Immer wieder das Gleiche: man sah sich meine Noten an und die Türe wurde mir vor der Nase zugeschlagen. um überhaupt überleben zu können, musste ich mich für einen minimalen Lohn ausbeuten lassen.

Dann starb meine Mutter, und von da an gab es keine Henne mehr, die ihr Küken beschützten konnte. Das Leben wurde zur täglichen Schlacht.

Jeden Tag lief ich mit einem schlechten Gewissen umher, hatte ich doch meiner Mutter versprochen, die Schule gut abzuschließen, damit ich mich um meine Geschwister kümmern konnte. Jetzt gab es aber keine Arbeit für mich. mein Bruder wurde schwer krank und ich konnte seine Krankenhauskosten nicht begleichen. Er starb. Möge seine Seele in Frieden ruhen.

In meiner Kultur wird die Verantwortung ohne angemessene Vorbereitung einfach an die nächste Generation übergeben. Die Eltern setzen alles auf das erste oder ein auserwähltes Kind. Sie investieren Geld und sorgen dafür, dass es alle wichtigen Schulen besuchen kann.

Die Schulen in unserem System, fokussieren sich dann darauf, Kreativität herauszuprügeln. Kritisches Denken wird verpönt, und diejenigen die sich widersetzen sind zum Scheitern verurteilt, werden als dumm und faul abgestempelt. Du willst nicht, du kannst nichts, du bist nichts.

Bevor ich nach Kerala ans kanthari Institut ging, stand ich an einem Scheideweg: Entweder vergesse ich alles, also meine gesamte Schulgeschichte und lasse tausende von Kindern in Kameroon in die gleiche Falle Tappen oder ich benutze meine Erfahrungen, um das Lernen für viele erträglicher zu machen. kanthari bestärkte mich darin, etwas zu verändern. Heute träume ich von einem alternativen Lehrraum. Vom Umdenken der Eltern und Lehrer, von einer neuen Lernerfahrung von Schülern, die nicht durch Noten bestimmt wird. Ich träume von einer Lernumwelt, in der die Kinder ihre Talente entdecken können und in der es keine Lehrer gibt, die einen gängeln, aber Mentoren, die einen bei ihrer Suche begleiten. Und so gründete ich Wokome, eine Organisation, die sich auf alternatives Lernen konzentriert. Seit einem Jahr engagieren wir Eltern, damit sie sich aktiv an den Lernprozessen ihrer Kinder beteiligen. Das geschieht u.a. durch Hausbesuche.

Wir unternahmen diese Hausbesuche mitten im Krieg. Seit 2016 herrscht zwischen der anglophonen und der frankophonen Bevölkerung ein gewaltsamer Bürgerkrieg.

Die durch den Krieg verursachten Herausforderungen waren enorm, besonders im Bildung-Sektor.

Viele Schulen im englischen Teil Kameruns hatten ihre Türen schon vor langer Zeit geschlossen.

Der Bürgerkrieg hat Tausende von Todesopfern gefordert und mehrere Hunderttausend Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Und als wäre das nicht genug, befindet sich nun auch das Corona Virus mitten unter uns. Kamerun steht derzeit an fünfter Stelle der am stärksten betroffenen Länder Afrikas. Diese Situation zwang die Familien früher als in anderen Ländern, sich Gedanken über eine neue Schulform zu machen. Ob Krieg oder Corona, irgendetwas musste passieren. Bereits Ende Februar begannen wir mit den Vorbereitungen für eine Bildungs-Kampagne.

Es ging um das Zuhause als Klassenzimmer und die Eltern als Mentoren. Neben Wissensvermittlung in verschiedenen Bereichen, wurde auch In jeder Familie ein Minigarten angelegt, in denen Eltern gemeinsam mit Kindern die unterschiedlichsten Gemüsesorten anpflanzen können. Heute zahlt sich das aus. Denn was wir vor drei Monaten nicht erwartet hatten, ist, dass der Preis von Lebensmitteln durchs Dach schießt.

Als dann am 17. März 2020 auch alle übrigen Schulen schließen mussten und wir nicht mehr direkt handlungsfähig waren, waren die Eltern bereits wachgerüttelt für etwas Neues. Diejenigen, mit denen wir schon im Vorfeld gearbeitet hatten, genossen nun die neuen Konzepte, mit denen sie sich nun in ganz anderer Weise an die Kinder annähern konnten.

Leider war unsere Kampagne vergleichsweise klein und damit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir machen weiter. Auch nach der Covid bedingten Ausgangssperre werden wir andere Familien dazu bringen, ihr Heim in einen Lernraum zu verwandeln. Ob Schulen damit überflüssig werden? Wahrscheinlich nicht. Aber Kinder könnten lernen, dass Lernen Spaß macht. Heute garantiert die Ausgangssperre zumindest, dass die Kinder dem Unterricht nicht fernbleiben können 🙂

Wir fragen uns bloß, was ist mit den tausenden von Kindern, die in dieser gefährlichen Zeit noch auf den Straßen und Märkten wohnen? Viele ohne Obdach, und ohne medizinische Betreuung. Wer kümmert sich um die?

 

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