– Eine mehrteilige Auseinandersetzung mit Befürwortern und Kritikern des Mikrofinanzwesens, Teil 4

von Sabriye Tenberken

Im letzten Blog-Post, im Kapitel 5, hatte ich für dieses Mal das Ende dieser Reihe vorausgesagt. Je mehr ich aber in das Thema der Mikrofinanzierung eintauche, desto höher stellen sich mir die Nackenhaare.

Ich kann nicht anders als meiner Empörung Luft zu machen und dem Blog ein weiteres Zwischenkapitel unterzuschieben. Heute geht es um das Unternehmertun und um die angetastete Würde des Menschen.


6. Das Business in the Box

«Jeder Mensch ist ein geborener Unternehmer. Manche bekommen eine Chance, die Fähigkeiten zu entfalten. Andere werden niemals ahnen, welche Möglichkeiten in ihnen stecken“. Muhammad Yunus

Stimmt das? Sind wir Menschen wirklich geborene Unternehmer, brauchen wir nur die entsprechende Gelegenheit, um unsere mitgegebenen Potentiale auszuschöpfen?
Ich habe grundsätzlich meine Bedenken gegenüber diesen Weisheiten wie: «Jeder ist ein Künstler, ein Leader, ein Philosoph» und eben auch mit diesem Satz: «Jeder ist ein Unternehmer». Was bedeutet es denn Unternehmer sein? Neben all den positiven Eigenschaften, die viele als erstrebenswert ansehen, wie z.B. erfinderisch zu sein, immer lösungsorientiert, kommunikativ, leidenschaftlich, müssen Unternehmer auch Spaß am Risiko haben. Sie dürfen keine Angst haben, auch mal kräftig auf die Nase zu fallen. Sie sind gezwungen schnelle Entscheidungen zu treffen und machen sich dadurch nicht besonders viele Freunde. Sie arbeiten notgedrungen oft weit mehr als der Durchschnitt und schrecken nicht davor zurück, sich und in vielen Fällen auch andere auszubeuten.

Dabei betreiben sie Raubbau am eigenen Dasein, an der eigenen Gesundheit und haben so gut wie kein Privatleben mehr. Nicht zuletzt steht das Unternehmertun auch immer mit Profitstreben im Zusammenhang. Spätestens an diesem Punkt würde ich sagen, Muhammad Yunus hat etwas entscheidendes übersehen: Menschen sind Individuen und damit unterschiedlich!

Es scheint allerdings so, als hätte die Grameen Bank genau das erkannt. Viele durch Mikrokredite finanzierte Unternehmen floppen, weil entweder die Bedingungen nicht ideal oder die eigenen Ideen nicht gut genug sind. Und dann haben wahrscheinlich die meisten Menschen nicht das notwendige Interesse und Durchhaltevermögen, sich immer wieder neu zu erfinden. Muss also der Traum des Muhammad Yunus, die Welt durch Milliarden «ICH-AGs» retten zu wollen, scheitern? Mitnichten!

Bevor sich eine Anzahl von potentiellen Kunden den Verlockungen der Mikrokreditvergaben entziehen könnte, erfinden die Herren der Mikro-Finanzindustrie schnell etwas Neues: das «Business in the Box». Das ist ganz einfach. Du brauchst nichts selber zu erfinden, nicht mühsam einen Business-Plan zu entwickeln, keinen Selbstkosten-Preis zu errechnen oder gar ein Branding zu entwerfen. Alles, was Du zur Umsetzung brauchst, wird, wie bei einem Franchise, mundgerecht angeliefert.

An diesem Punkt wird es für die Ärmsten der Armen, die in der Regel nicht ausgebildet und damit auf die Herausforderungen eines Franchises unzureichend vorbereitet sind, richtig ungemütlich. Sie werden nämlich zu unbezahlten Scheinselbstständigen im Dienst der Konzerne. Die Folge: die in den vorhergehenden Kapiteln beschriebene «Solidaritätsgruppe» verwandelt sich in eine Drückerkolonne.

Während ich darüber schreibe, fällt mir ein, dass ich vor vielen Jahren einen Schnellkurs zu dieser Spielart der «Armutsbekämpfung» bekam und zwar von einem indischen Straßenjungen.

Wenn ich alleine in Nepal oder Indien unterwegs bin, komme ich oft mit Straßenkindern in Kontakt. Ich erlebe sie als hilfsbereit und auskunftsfreudig. Und da sie durch ihre überlebenswichtige Beobachtungsgabe schnell erkennen, dass ich blind bin, habe ich den Vorteil, als ihresgleichen betrachtet zu werden. Oftmals wollte ich ihnen gerne etwas für ihre Hilfe, eine mehrspurige Straße zu überqueren oder eine Adresse ausfindig zu machen, zustecken. Doch dann kam nicht selten der entrüstete Einwand: «No Mam, you are one of us!». So akzeptiert zu werden, empfinde ich fast wie einen «Ritterschlag“, denn es gibt kaum Berührungsängste und ich habe die Möglichkeit, einen direkten Einblick in ihr Leben zu bekommen.

Meinen ersten Lehrmeister in Sachen Mikrofranchising traf ich vor etwa zehn Jahren am Hauptbahnhof in Pune. Ich war damals allein unterwegs und saß mit Rucksack und Blindenstock auf einer Bank und wartete auf meinen Zug, der mich nach Mumbai bringen sollte. Irgendwann war ich nicht mehr allein, jemand hatte sich mir leise genähert und stand nun eine Weile dicht vor mir. Als ich ihn ansprach meinte er lachend: «You are not REALLY blind, aren’t you?!»
Es war ein Teenager von etwa 15 oder 16 Jahren. Er lebte ohne ein richtiges Zuhause und, wie er mir in überraschend klarem Englisch erzählte, es ginge ihm gut. Kein Anzeichen von Selbstmitleid. Mit Betteln käme er gut über die Runden und manchmal könne er sich sogar ein Zugticket erlauben. Andere hätten es da viel schlechter. Die seien gezwungen, Sachen zu verkaufen.

In diesem Moment hörte ich Stimmen, die im Chor etwas riefen. Als die Sänger in einer langen Reihe an uns vorbeitrabten, erklärte der Junge mir, dass es sich hier um blinde Jugendliche eines nahegelegenen Heimes handele. Um die Kosten für ihre Unterbringung aufbringen zu können, mussten sie Spielwaren und Snacks verkaufen. Das Ganze, so mein kurzzeitiger Begleiter, würde oft in einem Verlustgeschäft enden, nämlich dann, wenn sie auf den Restbeständen der Spielsachen, die sie zuvor von den Händlern abgekauft hatten, sitzen blieben.
Was mir damals nicht klar war – es handelte sich wahrscheinlich um eines der vielen sozialen Alternativkonzepte, von denen Yunus in seinen öffentlichen Reden so schwärmt: Auch Bettler bekommen einen Microcredit und haben damit die Möglichkeit, mit diesem Geld Produkte zu erwerben, um sie weiter verkaufen zu können. Und dann, so erklärt Yunus dem staunenden Publikum, machen sie etwas instinktiv Richtiges, das andere mühsam in der Havard Business School lernen müssen: «Market segmentation!» Diese Bettler wüssten genau, an welcher Tür es sich lohnt Snacks zu verkaufen und wo man besser mit Betteln durchkommt… Sein Publikum ist begeistert. Mir wird es bei den vielen Youtube Clips, in denen ich über alternative Konzepte der finanziellen Inklusion unterrichtet werde, ganz flau im Magen. Denn obwohl das ganze immer noch unter dem Label «Entrepreneurship» (Unternehmertum) oder in diesem Fall auch genauer «Micro Franchising» läuft, handelt es sich faktisch hier um unbezahlte «Vertreter», die ausziehen, um auf eigene Kosten und mit eigenem Risiko das Produkt in den abgelegensten Gebieten zu vertreiben und damit für die Marke bei ganz neuen, potentiellen Kunden zu werben.

Die Konzerne, zu denen Coca-Cola, teleNor, Danone, BASF, Unilever, Adidas und viele andere gehören, lassen sich gerne auf diese Experimente mit der Armut ein. Warum auch nicht. Sie haben kein finanzielles Risiko, schließlich wird den meist weiblichen Vertreterinnen von der Grameen Bank oder einer sonstigen MFI ein Mikrokredit gegeben, für die sie Produkte günstig einkaufen können. Die Verkäuferinnen, die in oft unwegsamen Regionen einen neuen Markt für die Firmen erschließen sollen, nennen sie, mit väterlich bewundernder Herablassung: Capitalism’s frontiers, Grameen Phone Ladies, Danone Ladies oder Solar Sisters. Sie selbst schmücken sich mit dem Grameen Branding und verkaufen das Ganze, für meine Ohren zynisch, als «Social Business».

Fragt sich, was an diesem Business „sozial“ sein soll. Ist es ein sozialer Akt, Frauen viele Kilometer durch die abgelegensten Regionen zu schicken, um den noch Ärmeren, die sich bestimmt keinen Zahnarzt leisten können, überzuckerte Softdrinks anzudrehen. Ist es etwa sozial, in diesen Billiglohnländern unter widrigsten Umständen Sneakers für 1,50$ produzieren zu lassen und damit obendrein die lokalen Schumacher in den Ruin zu treiben? Fördert es die Solidarität, wenn in einem Dorf ganze Kolonnen gegenseitig konkurrierender Vertreterinnen von Haus zu Haus marschieren, um Mobiltelefon-Karten zu verkaufen?

Seit wir das kanthari Institut gegründet haben, bekam ich hin und wieder von Bekannten sehr positive Artikel und wissenschaftliche Abhandlungen über die Mikrofinanz-Industrie, mit der Bemerkung, es handele sich um hervorragende Ideen zur Armutsreduzierung und würde unseren kanthari Studenten sicherlich gutes Lehrmaterial liefern. Doch je mehr sie die Aussage von Muhammad Yunus priesen, Business sei der Schlüssel zu jedem Problem, umso misstrauischer wurde ich.

Um mir die haarsträubende Umsetzung des sog. «Kapitalismus mit Herz» genauer vorstellen zu können, war mir das Werk der deutschen Autorin und Journalistin Kathrin Hartmann, «Wir müssen leider draußen bleiben», eine große Hilfe. Hier beschreibt sie eindrücklich, wie stolz das Management von Danone von seiner «Joghurtfabrik für Arme» erzählt. Dabei erwähnten die Herren begeistert, wie Hunderte von engagierten Frauen die kleinen, speziell gebrandeten und mit wichtigen Mineralstoffen und Vitaminen angereicherten Joghurthäppchen an Familien mit Kindern verkauften. Neugierig geworden, machte sich die Autorin auf, um dem Phänomen der «Danone Ladies» auf den Grund zu gehen. Aber sie fand zunächst keine einzige. Erst nach langer Suche traf sie auf eine ehemalige Vertreterin, die ihren Einsatz längst bereute. Eindrücklich beschreibt diese, wie sie mit kiloschweren Kühltaschen durch Sumpf und Sand bei schlechtem Wetter von Dorf zu Dorf wandern musste, nur um sich dann für die überteuerte Süßware beschimpfen und beschämen zu lassen. Denn in einer muslimisch geprägten Kultur kommt es nicht gut an, wenn Frauen selbst sich um das Einkommen kümmern. Zudem war der Gewinn nur spärlich. In guten Zeiten verdiente sie für drei Tage Arbeit nicht mehr als ein Euro fünfzig und oftmals blieb sie auf den verderblichen Produkten hängen.

Im Interview mit Kathrin Hartmann zeigte sich ihre Verbitterung. Sie fühlte sich ausgenutzt und nicht ernstgenommen. Und schließlich stellte sie die Frage, die ich mir selbst immer wieder gestellt habe: Warum werden nicht einfach die so engagierten Frauen für faire Löhne fest angestellt?

Ist doch klar, so würde der CEO eines Social Business argumentieren, das Risiko eines Verlustgeschäfts sei viel zu groß! Da überträgt man die Verantwortung für Erfolg oder Flop lieber auf die Armen. Man kann es auch anders formulieren: Die Armen kennen sich mit Krisen am besten aus und haben sowieso nicht viel zu verlieren.

Und doch, sie haben etwas entscheidendes zu verlieren: Ihre Energie, ihren Mut, ihren Lebenswillen und ihre Würde! Wie wäre es, Muhammad Yunus, wenn wir Ihr anfangs erwähntes Zitat ein wenig veränderten: «Jeder Mensch hat ein Recht auf Arbeit. Manche bekommen eine Chance, zu arbeiten und ihre Fähigkeiten zu entfalten. Andere werden noch nicht mal ahnen, welche Möglichkeiten ihnen vorenthalten wurden.”

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