Tag 34 – Von Fröschen, Bibern und Adlern (Teil 2)

Tomet, Sabriye Jane und Mary während des Dreh's zu seinem Dokumentarfilm über kanthari

Es geht heute wieder um die drei Tiere als Symbole für verschiedene kanthari Typen und ihre ganz speziellen Herangehensweisen an eine bestimmte Problematik.

In diesem Zusammenhang stelle ich drei Film-Initiativen vor, die aus ganz unterschiedlichen Motivationen ins Leben gerufen wurden.

Gestern war die Mukuru Angaza Film-Akademie an der Reihe. Es ist eine Initiative für filmbegeisterte Slumkinder, ins Leben gerufen von einem ehemaligen Kind aus dem gleichen Slum.

Gikufu, der Gründer, ist im kanthari Jargon ein Frosch. Nur zu Erinnerung: der Frosh ist ein direkt Betroffener und das gibt ihm die Möglichkeit Auswirkungen aus erster Hand zu beschreiben und Veränderungen von innen heraus anzustoßen. Die Erfahrungen mit einer akuten Krise oder mit einer andauernden Ungerechtigkeit, können ihm den Ruck geben, aufzubegehren oder besser, etwas nachhaltiges zu tun. Frösche sind Teil ihrer eigenen Zielgruppe und werden so Nutznießer ihrer eigenst entwickelten Maßnahmen.

Heute geht es um die Biber-Perspektive.

Ein Biber ist im kanthari Jargon zunächst einmal ein interessierter Zuschauer, man könnte ihn auch den „Schaulustigen“ nennen. Der Biber Typ steht eher am Rand des Geschehens und ist im Gegensatz zum Frosch nur mäßig oder gar nicht persönlich betroffen. Allerdings hat ein Biber die Möglichkeit, sein Interesse an einem Problem in direkte Aktion umzuwandeln. Biber sind durchaus in der Lage, mitzufühlen. Wenn aber das Mitgefühl zum Mitleid wird, stellt sich oft ein überzogenes Helfersyndrom ein. Solange sie sich aber nicht von Emotionen überwältigen lassen und eine gewisse innerliche Distanz bewahren, sind sie vielleicht eher in der Lage, das Problem aus einer etwas objektiveren Perspektive zu beurteilen.

Unter kantharis gibt es verhältnismäßig wenig Biber. Das hat einen Grund. Denn es braucht schon eine starke Startmotivation, alles stehen und liegen zu lassen, um sich ganz auf die soziale Veränderung konzentrieren zu können.

Oftmals sind Biber Suchende und die soziale Initiative, die sie anstoßen, sind nur Abschnitte der eigenen Reise und darum handelt es sich eher um kurzfristige Aktionen, die durchaus langfristige Wirkungen haben können. Wenn Biber aber die Auswirkungen ihrer Arbeit direkt erleben, dann bleiben sie oft auch länger am Bau“.

Einer der sehr nachhaltig wirksamen Biber ist Tomek aus Polen, ein 2013 kanthari Absolvent. Er hatte BWL studiert und realisierte während seines ersten Bürojobs, dass er für das „Business as usual“ nicht geschaffen war. Er warf alles hin und machte sich auf die Suche nach einem neuen Leben. In seinem ersten sozialen Projekt ging es um die Integration von Gefängnisinsassen. Die Initiative wurde europaweit anerkannt und wird heute noch von Freiwilligen Studenten seiner früheren Universität weitergeleitet. Aber Tomek, der Biber, blieb nicht lange dabei, er suchte sich bald einen anderen „Bau“. In Ghana arbeitete er mit Kindern und half im Aufbau einer Bibliotek.

Der Nächste Stop: Nepal. Da traf er im malerischen Pokhara auf Khom, einen 2009 kanthari Absolventen. Khom ist blind und bietet berufsbildende Maßnahmen für Blinde und Sehgeschädigte an. Tomek nutzte seinen BWL Hintergrund und eröffnete mit Khom das erste cybercafé, ein Internet-Treffpunkt für Blinde und Sehende.

Und der Biber zog weiter. Mit dem Jagriti Yatra, einem Zug, angefüllt mit 400 indischen und internationalen Suchenden, ein Zug der einmal im Jahr, 18 Tage lang durch ganz Indien fährt und überall soziale Initiativen vorstellt, fand er die nächste Station, kanthari. Das war zunächst mal für ihn ein Kulturshock. sieben Monate lang in intensiver Außeinandersetzung mit seiner eigenen Suche und mit 21 Teilnehmern aus fast ebenso vielen Ländern.

— (aus dem Buch „Die Traumwerkstatt von Kerala, die Welt verändern, das kann man lernen“

„Da gab es nicht nur einen Khom. Ich lebte und arbeitete tagtäglich mit vielen Khoms, mit charismatischen, extrovertierten und daher manchmal sehr anstrengenden Menschen aus der ganzen Welt. Alle hatten unterschiedliche Zielsetzungen. Und alle hatten eine Energie, die mich ein wenig einschüchterte.“

Tomeks Jahrgang bestand in der Tat aus vielen nicht zu bändigenden Temperamenten. Es gab Teilnehmer aus Stämmen der Ureinwohner Nord- und Südindiens, die sich für Menschenrechte stark machten, engagierte Feministinnen aus Kerala und Nigeria, die sich gegen männliche Gewalt und Unterdrückung einsetzten. Es gab einen Sambier, der zuerst bei einem Busunglück sein rechtes Bein und einige Jahre später durch einen Hirntumor seinen Sehsinn verloren hatte. Er wollte eine Farm für Blinde und körperlich Behinderte aufbauen, die sich an der Farmgain-Bewegung für nachhaltige Landwirtschaft orientieren sollte. Und da war Thomas, ein Überlebender des liberianischen Bürgerkriegs, Dichter und Rapper, der mittlerweile ein Poetry-Slam-Café aufgemacht hat, um den vom Bürgerkrieg traumatisierten, gewalttätigen Jugendlichen neue Formen anzubieten, ihre Aggressionen zu kanalisieren.“

Unter all den vielen Fröschen, die aus existentiellen Motivationen ihre Projekt Ideen entwickelten, fragte er sich wieder und wieder: „Und wohfür brenne ich? Was ist mein Projekt?“

Tomek war sich seiner Zuschauer-Rolle sehr bewußt. Und da er ein leidenschaftlicher Reisender war, entstand die Idee, die vielen kanthari Initiativen weltweit aufzusuchen und durch Kurzfilme zu dokumentiren. Darüberhinaus produzierte er gemeinsam mit dem bekannten Niederländischen Dokumentarfilmer Marijn Poels einen einstündigen Film „kanthari Change from Within“. Es ist ein Dokumentar ueber die Entstehung des Instituts und die Arbeit von 4 kantharis aus Ost-Afrika. Obwohl Tomek, der Biber, inzwischen längst weitergezogen ist und andere „Bauten“ in Angriff genommen hat, haben seine Kurzfilme für die einzelnen kantharis noch lange Nachwirkungen.

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