Tag 35 – Von Fröschen, Bibern und Adlern (Teil 3)

Dave während des Naam Festivals in Trivandrum

Ich vergleiche in den letzten drei Blog Posts drei verschiedene Filmprojekte. Alle haben das Ziel, eine positive Veränderung anzustoßen. Doch die Perspektiven unterscheiden sich beträchtlich.

Der eine handelt aus der Frosch-Perspektive, er sitzt mitten im Geschehen und hat zwei Möglichkeiten, Resignation oder Aktion. Der Nächste ist ein Biber, der entweder interessiert zuschaut oder sich solidarisch zeigt und anpackt. Und nun fehlt nur noch der Adler, der weit ab vom Geschehen seine Kreise zieht.

Adler haben im Gegensatz zu Fröschen und Bibern den Weitblick oder auch den globalen Überblick. Sie stützen sich hauptsächlich auf sekundär Informationen. Sie vergleichen, gehen in die Geschichte und ziehen Schlüsse für zukünftiges Handeln.

Adler sind unter kantharis äußerst selten zu finden. Denn normalerweise wollen sich kantharis direkt engagieren und möchten keine Zeit mit wissenschaftlichen Studien verlieren. Daher freuen wir uns über jeden, der die globale Übersicht, also eine Makroperspektive, mit direkter Aktion verbinden kann.

So ein Adler ist zum Beispiel Dave Ojay aus Kenia, ein 2018 kanthari Absolvent.

Dave ist Gründer des Naam Festivals, und der Kampagne „My lake my future“, die im Oktober 2018 am hiesigen Vellayani See ihren Anfang nahm. Naam bedeutet in seiner Muttersprache Luo „großes Wasser“. Und Dave hat sich den Schutz der großen Gewässer weltweit zum Ziel gesetzt. Wie? Durch Film und Festivals.

Ich muss sagen, ich war ein wenig skeptisch, als er mir verkündete, er wolle durch Festivals und Film-Vorführungen die Menschen dazu animieren, ihre Gewässer zu säubern. Meine Einwände: „Ein Festival macht Krawall und scheucht die Vögel weg, und am Ende gibt es Müll, der beim ersten kräftigen Regenfall in den See fließt.“

Doch Dave blieb stur und tatsächlich schaffte er es mehr als 200, gewöhnlich eher wasserscheue Trivandrum Einwohner für einen ganzen Tag in den Vellayani See zu locken, um ihn von Müll und exotischen Wasserpflanzen zu säubern. Dazu gab es live Musik und wer sich am Ufer erholen wollte, wurde mit Dokumentarfilmen über die weltweite Dringlichkeit von See-Rettungsmaßnahmen aufgeklärt. Seine Filme und Erklärungen machten auf alle, auch auf mich nachhaltigen Eindruck.

 

Dave stammt selbst vom Viktoria See, dem größten Frischwasserreservoir des afrikanischen Kontinents. Er beschreibt den See seiner Heimat als „schlagendes Herz“, den Nil, dessen Wasser vom Viktoria See gespeist wird und über 300 Millionen Menschen in 11 Ländern versorgt, als Arterie. Doch das Herz sei, so Dave, kurz vor dem Infarkt. Die Gründe dafür sind offensichtlich: Überfischung, unkontrollierte industrielle Abwasserzufuhr, Verschmutzung durch Autowaschaktionen und Überwucherung durch Wasserpflanzen, die eigentlich nicht dahingehören. Er vergleicht den langsamen Tod des Viktoria Sees mit dem, in den Anden befindlichen Titicaca See, einer „Industriekloake“, die in weiten Teilen von Algenteppichen und Froschleichen bedeckt ist. Und er macht einen weiteren Schwänk, zurück nach Indien, Nach Bangalore zum Balandur. Balandur ist der größte See der südindischen Metropole. Bekannt ist er allerdings durch die selbstentzündeten Brände und den meterhohen giftigen Schaumteppichen, die bei Anwohnern gefährliche Haut- und Atemwegsreizungungen hervorrufen.

„Die Welt hat weniger als 2,5% an Frischwasser Reservaten wovon 1,7% in Gletschern gespeichert ist. Wenn wir morgen überleben wollen, müssen wir heute agieren.“

„Und was gibt es da für konkrete Aktionsmöglichkeiten?“, fragte ich, immer noch skeptisch?

An eine weltweite Ausgangssperre hätte Dave wohl in seinen kühnsten Träumen nicht geglaubt. Doch die Auswirkungen der Covid Krise sind bereits nach drei Wochen unübersehbar. Plötzlich wundern sich Menschen über schwimmende „Wesen“ in der Lagune Venedigs, Seen und Flüsse scheinen sich ohne unser Zutun wie von selbst zu reinigen.

Am erstaunlichsten: der Ganges. Der Heilige Fluss ist seit Jahrzehnten bekannt als ein schlammiger, nach Giftmüll und Leichen stinkendes Gewässer, das trotz der Verschmutzung die Gläubigen Hindhus nicht davon abhält, sich zu baden und jedes Mal eine Hand voll zu trinken.

Und heute, aufgrund der temporären Schließung der am Ganges befindlichen Fabriken, ist der Fluss so klar wie lange nicht mehr. Man kann sogar Fische und am Grund liegende Steine erkennen.

Während die Industrie den Atem anhält, darf die Natur ausatmen. Die Gewässer, die Wälder, die Tiere sind die Gewinner der Krise. und doch gibt es einen Verlierer: … Der Ganges Delphin.

Der Ganges Delfin hat sich an den Schlamm und die damit einhergehende geringe Sichtweise so gut angepasst, dass sein Sehsinn sich vollkommen zurückentwickelte. Er konzentriert sich so hauptsächlich auf das Echolot und ist gegenüber den Sehenden unter den Flussbewohnern im Jagtvorteil.

Jetzt aber heißt es unter den Fischen: „Guck mal, da kommt der Blinde! Macht dass ihr wegkommt!“