Tag 43 – Corona und die Bienen

Paul, Ojok und Sabriye in Uganda

Wer in den letzten Tagen das Gefühl hatte, an Corona Neuigkeiten zu ertrinken, dem wurde tatsächlich etwas Neues geboten: Die Killerbiene! Sie verbreitet sich über den amerikanischen Kontinent. 50 Menschen sterben pro Jahr durch Stiche, ganze Bienen Populationen werden wortwörtlich zu Hackfleisch verarbeitet.

Und? Appetit auf Neues? Oder bleiben wir lieber bei Covid 19, dem Altbekannten?

Wie wäre es mit einer Kombination? Corona und die Bienen.

Das Bienensterben war ein Thema, lange vor dieser Krise. Heute hört man nicht viel, nicht weil wir die Lösung gefunden haben, eher, da alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Und trotzdem ist es meiner Ansicht nach Relevant, die beiden Krisen miteinander in Verbindung zu setzen. Aber dazu komme ich am Ende dieses Blog-Beitrags.

Der Impuls zu diesem Thema kam durch ein Telefonat mit Ojok Simon, einem 2012 kanthari Absolvent.

Ojok kommt aus Uganda, er ist Bienenzüchter, Umweltschützer, Menschenrechtler, Regierungsberater, Weltreisender, erfolgreicher Geschäftsmann und er ist fast blind.

Mit dreizehn überlebte er einen Überfall der Rebellen des heute meist gesuchten Terroristen Joseph Kony, der tausende von Kindern aus den Dörfern Nord Ugandas entführte, um sie zu Kindersoldaten zu machen. Einige Unserer kanthari Alumni waren unter den Entführten, konnten aber entkommen.

Ojok wehrte sich so stark, dass er mit einem Gewehrkolben bewusstlos geschlagen wurde. „Sie schlugen auf den Kopf, die Schläfen und die Augen. Als ich wieder aufwachte, war ich in Sicherheit, aber ich war fast blind.“

Wer Ojok kennt, weiß, dass ihn so etwas nur wenig aus der Fassung bringt. Sein Leben musste jetzt einfach anders organisiert werden. Seine Vorlieben nachts durch den Wald zu streifen, auf hohe Bäume zu klettern und auf meterhohen Ästen balancierend süßen Honig aus den Waben der wilden Bienen zu stibitzen, musste er zwar aufgeben, aber er fand schnell Ersatz. Er legte eine alte Honigwabe in einen Tontopf und versteckte diesen im Wald. Irgendwann kam er zurück und war entzückt über das laute Summen, das aus dem Tontopf drang. Tatsächlich hatte eine Bienen Population die alte Wabe akzeptiert und den Topf als Bienenstock wohnbar gemacht. Das War der Anfang einer großen Zukunft.

Wir besuchten Ojok ein paar Jahre nach seiner Graduierung gemeinsam mit Marijn und Tomek, den Filmemachern. Folgende Szene, die ich in meinem Buch beschreibe, ist auch im Film, „kanthari, change from within“ zu sehen.

„Jedes Mal, wenn ich an Gulu im Norden Ugandas denke, erinnere ich mich an den Geschmack von Malaquang, einer würzigen Paste aus leicht säuerlichen Blättern und gestampften Erdnüssen, an die Rauchschwaden der Holzfeuer, über denen ein Lamm gart, an runde, grasbedeckte Lehmhütten, an Gewitterstürme und prasselnden Regen und an den leicht holzigen Duft von bittersüßen Honig.

Wir sind irgendwo im Busch, kilometerweit entfernt von der nächsten größeren Straße. Ojok hat uns in weiße Schutzanzüge, mit Helm, stichfesten Überschuhen und Handschuhen gesteckt, und jetzt pirschen wir, so leise, wie es für eine Gruppe von sieben Laien eben geht, an die Bienenstöcke heran. Wo immer wir auftauchen, verstummt augenblicklich alles um uns her. Frösche unterbrechen ihr kehliges Ächzen, Zikaden halten in ihrem sägenden Singsang inne, nur die Vögel stoßen spitze Alarmrufe aus, als wären wir gefährliche Raubtiere.

Von weither hören wir Donnergrollen, die Luft wird schwer, und Ojok treibt uns zur Eile an. Wir müssen es vor dem Gewitter schaffen, hier draußen sei man vor Blitzschlägen und herunterfallenden Ästen nicht sicher, und wenn es mal regnet, dann seien keine Wege mehr zu erkennen: „Wie oft habe ich mich schon verirrt!“

Obwohl wir auch auf dem trockenen Boden keine Wege ausfindig machen können, hat es nicht den Anschein, als habe er Orientierungsprobleme. Schnell und zielsicher führt er uns im Zickzackkurs durch die Wildnis. Ojok, von der Statur einem Bären ähnlich, hüpft erstaunlich leichtfüßig auf unwegsamem Gelände vor uns her.

Paul und ich leben auch in den Tropen und sind bestimmt nicht überängstlich. Wir verlassen auch mal einen ausgewiesenen Pfad und denken nicht ständig an Schlangennester oder anderes Getier. Hier würden wir allerdings ohne Ojoks Führung nicht einfach so durch raschelnde, ja höchst lebendig wirkende Laubhaufen stapfen. Nun gut – es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Er zieht mich einfach an der Spitze meines Blindenstocks hinter sich her. Er steuert mich durch Dornengestrüpp, über staubtrockene Erdwälle und durch dichtes Buschwerk. Wir klettern durch überwucherte Gräben, über Baumstämme und Luftwurzeln, bis wir atemlos seinen Arbeitsplatz erreichen.

Ein paar Meter vor unserem Ziel bleibt er stehen und flüstert uns zu: „Jetzt müssen wir ruhig sein. Bienen mögen keinen Lärm.“ Leise bittet er seinen Helfer, näherzukommen. Es ist jetzt ganz still, ich höre nur ein dumpfes Summen. „Das ist ein einheimischer Bienenstock“, raunt Ojok uns zu.

Wir wissen Bescheid, denn er hat uns zuvor einen Schnellkurs in Bienenzucht gegeben. Dabei haben wir eine Menge über den Unterschied von einheimischen und sogenannten europäischen Bienenstöcken gelernt. Laut Ojok besteht der hauptsächlich im Endzweck. Da die europäischen Bienenzüchter an einer schnellen und effizienten Honigausbeute interessiert sind, bieten sie den Bienen eine Art „Fertighaus“ mit vorgepresster Wachswabe. Die wird an einem Metallrahmen in einen praktischen Holzkasten gehängt und kann einfach, sauber und schnell ausgetauscht werden. So verlieren die Bienen keine Zeit mit der Produktion von Wachs, und der Honig kann schneller geerntet werden.

Die einheimischen Bienenvölker müssen sich ihre Wabe erst einmal selbst bauen. „Uns ist das recht“, hatte Ojok erklärt. „Wir haben Zeit. Und so bekommen wir wertvolles Wachs, das weiterverarbeitet werden kann.“

Ojok hatte uns zuvor einen verwaisten einheimischen Bienenstock gezeigt. Dabei handelte es sich um den quergelegten ausgehöhlten Baumstamm einer Elefantenpalme. Diese Palmenart trägt kinderkopfgroße Früchte, die gerne von Elefanten gefressen werden. Die Stämme mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern eignen sich laut Ojok hervorragend als Bienenstöcke, denn die Rinde ist hart und das Innere weich und leicht zu entfernen. Es sei nicht einfach, wilde Bienen anzusiedeln. Die Behausung muss von Verunreinigungen befreit und dann von innen mit Honig, geschmolzenen Wachs oder Zuckerwasser eingerieben werden. Die Bienen hätten so den Eindruck, als wäre der Platz schon mal bewohnt worden und würde sich für eine neue Kolonie eignen. Der süße Geruch ziehe aber auch Ameisen und andere Insekten an. Und Bienen seien eigen, sie teilten ihr Heim nicht gerne. Sobald sie anderes Getier vorfänden, gebe es keine Chance, dass sie sich einrichten.

Vor der kreisrunden Öffnung des Bienenstocks hat Ojok ein durchlöchertes Blech angebracht. So werden die Bienen vor größeren Tieren und vor Unwettern geschützt und können leicht ein- und ausschwärmen.

Ojok löst jetzt behutsam das Blech vom Nagel und legt es auf die Seite. Es dauert einige Sekunden, bis das Geschwader die Veränderung bemerkt. Doch dann geht es los. Aus dem leicht verschlafenen Summen entsteht ein Getöse. Und plötzlich sind sie um uns her. Eine tobende Wolke von wütenden Geschossen, die steinschlagartig gegen unsere Schutzanzüge und gegen die Gitter vor den Gesichtern prallen. Aus dem Innern des Bienenstockes klingt es jetzt, als ob Tausende von Sportwagen über eine ferne Rennstrecke rasen.

Von der Seite vernehme ich ein leises Fauchen. Der Helfer bedient einen kleinen Blasebalg, mit dem er Rauch in den Bienenstock und in unsere Nasen bläst. Zunächst wird das Brausen lauter und aggressiver, doch dann schwillt es ab. Der Rauch betäube die Bienen, er schade ihnen aber nicht. Sie würden einfach nur ein bisschen willenlos und weniger angriffslustig. Ojok zieht seine Handschuhe aus, denn so könne er besser arbeiten. Ob er denn nicht gestochen werde?

„Doch, natürlich, mehrmals am Tag. Aber ich liebe es!“ Ohne Zögern greift er in die Baumhöhle und prüft mit bloßer Hand die Fülle der Wabe. Er brummt zufrieden. „Hm, noch etwa zwei Wochen, und dann können wir ernten.“

In diesem Moment scheint es, als ob der Himmel über uns auseinanderreißt. Eine tosende Wasserflut stürzt auf uns herab. Die Schutzanzüge sind im Nu durchweicht und hängen wie Zementsäcke an uns herunter. Der ausgedörrte Boden wird in wenigen Minuten zur schlammigen Masse. Da Ojok den Stock wieder schließen muss, schickt er uns schon mal zurück. Orientierungslos stapfen wir los, und als wir nach einigem Herumirren in Ojoks Hütte ankommen, sitzt er schon da und schüttet sich aus vor Lachen. „Na? Hab ich zu viel versprochen? Macht euch nichts draus, das sind die Freuden eines Landwirts!“

(aus: „Die Traumwerkstatt von Kerala – die Welt verändern, das kann man lernen.“

Heute gehört Ojok zu den bekannten Imkern weltweit. Im Jahr … bekam er den, mit 25’000 $ dotierten Polman Preis und wurde schlagartig der Liebling der Presse.
Doch Ojok bleibt bodenständig und verliert nicht den Sinn für das Wesentliche: die Ausbildung der Blinden zu Bienenzüchtern und Umweltschützern und die Veränderung der ugandischen Gesellschaft zu mehr Toleranz für Menschen mit Behinderungen.

Er unterhält eine Kooperative Hive Uganda Limited mit 250 blinden Bienenzüchtern und war bereits dabei, den für seine Reinheit bekannten Honig nach Italien zu exportieren, als das Corona Virus ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Als ich ihn bedauern will, fängt er an, zu lachen. „Mach dir keine Sorgen, wir sind krisenerprobt. Uns geht es eigentlich gut, Honig und Wachs verderben nicht und das Virus hat sich in Uganda noch nicht wirklich breit gemacht.“

„Und was macht das Bienensterben?“

Jetzt wird er nachdenklich und das Lächeln verschwindet aus seiner Stimme als er mir Folgendes erklärt:  „Die Bienen sterben vor allem in Europa und Amerika. Bei uns in Afrika oder auch Asien ist das Problem längst nicht so groß.“  Er kommt auf die Varroa Milbe zu sprechen, die sich in Bienenstöcken „einschleicht“ und die Bienen von innen verzehrt. „Die Varroa Milbe schlägt da zu, wo die Bienen ein schwaches Immunsystem haben. Und die Bienen sind besonders in den Regionen geschwächt, wo sie vielen Giften ausgesetzt sind. Bei uns gibt es wenig Bauern, die sich Pestizide leisten können und wir, die blinden Bienenzüchter und Umweltschützer sorgen dafür, dass sie lernen, den Vorteil zu sehen.“

Dann erinnert er mich an den unterschied der europäischen und der afrikanischen Bienenstöcke. „Die Europäer mögen es sauber und effizient. Die vorgepresste Wabe wird einfach ausgetauscht und später wieder verwendet. Bei uns erleben die Bienen kleine widerkehrende Krisen, wenn ihr gesamtes Vermögen, Haus und Nahrung verschwindet und sie müssen richtig hart arbeiten, um alles wieder aufzubauen. Das macht sie stark.“

„Und siehst Du eine Parallele zur heutigen globalen Krise?“ Frage ich neugierig, jetzt höre ich wieder das Ojok-Gelächter:

„Nun …, warum fragst du? Ich bin Landwirt! Die Analyse und Schlussfolgerung überlass ich lieber den Wissenschaftlern.“

Seit gestern kann der sehr bewegende Dokumentarfilm „kanthari – CHANGE FROM WITHIN“ online erhältlich und kann über folgenden Link angeschaut werden.