Tag 46 – Eine neue Stille

Sabriye Tenberken
Co-Gründerin von kanthari
Teresa auf dem kanthari Campus

Gast Blog von Teresa Millich (einer ehemaligen kanthari Praktikantin)

Da ist sie wieder, die erschütternde Erinnerung, dass wir unsere Menschlichkeit noch nicht überwunden haben. Das Streben nach der Kontrolle, die Illusion der Überlegenheit, haben uns am Ende eben nur von ihr entfernt. Die Menschlichkeit, unsere essenziellste, wohl wichtigste Eigenschaft. Begraben unter den Informationsfluten, dem lauten Rattern und Ächzen des automatisierten Alltags, das Mantra in den Ohren klingelnd, die tückische Betäubung: Immer schneller, höher, weiter…

Jetzt ist es anders. Eine neue Stille ist entstanden, die uns zu Gefangenen unseres Selbst macht. In der Zeit von Covid-19, kann man nicht mehr wegsehen. Man kann sich selbst nicht mehr aus dem Weg gehen, seinen Mitbewohnern nicht, der Familie nicht mehr. Alles schrumpft zu einem kleinen Kosmos zusammen. Wenn es auf den Straßen leergefegt ist, die Augen über den Masken angsterfüllt ohne Fokus flackern, da wird die Stille manchmal unerträglich. Weil sie so verräterisch ist und uns erzählt von den Strukturen, den Systemen, die wir erschaffen haben und die nun offen liegen, an die Oberfläche kommen, dort wo sie schon immer waren.

Meine Mitbewohnerin und ich haben uns Zimmerpflanzen gekauft, vielleicht weil einem manchmal das Gefühl überkommt nicht mehr atmen zu können. Die Straße runter das Altersheim, der Schmerz seine Liebsten erst mal nicht mehr oder nur Einschränkungsweise sehen zu können. Lockerungen sind in Sicht, aber auch wenn man täglich mit neuen Zahlen und Prognosen gefüttert wird, es bleibt die Unbestimmtheit, die Unsicherheit, die Unruhe. Die Uni ist geschlossen, nur noch virtuelle Kommunikation und das starke Bedürfnis einfach in den Arm genommen zu werden, in einer Zeit, wo es gilt mindestens 1,50m Abstand an der Supermarktkasse zu halten. Das Geräusch von Atemgeräten verfolgt einem manchmal im Schlaf und man hört von Menschen, welche den Virus bekommen haben, überlebt haben, gestorben sind. Glücklicherweise sind es weitaus mehr die es überleben, weil es noch keinen Kollaps des Gesundheitssystems gab. Vor allem ist es die Angst, die Einzug hält. Als junger Mensch, um die 20, ist es wie für Alle eine Dualität von Sicherheit und Freiheit, die unentwegt kämpft. Es wird auf allen Kanälen Zurückhaltung gepredigt, um Menschenleben zu retten. Manchmal stößt man an Grenzen dieser Zurückhaltung und erwischt sich dabei an die Sinnlosigkeit zu glauben.

Dann öffnet sich der Blick weiter und man sieht nach draußen in die Welt. Wie können wir nach dieser Krise sicherstellen, dass wir uns nicht wieder mehr entfernen, sondern begreifen, dass das Virus keine Nationalität hat, keine Unterschiede macht. Es ist nicht die Menschheit gegen den Virus, es ist die Menschheit gegen sich selbst. 

Meine Hoffnung in dieser Zeit bleibt, dass sich der Schock dieses Menschseins, in erster Linie hilflos Mensch sein, auf unser Selbstverständnis und Miteinander auswirkt. Wir sind in erster Linie Weltbürger, bevor sich alles in den bunten Facetten des äußerlichen Daseins ausbreitet. Da tut es gut ein Lächeln der Kassiererin im Supermarkt hinter der Glasabtrennung zu schenken, dem älteren Nachbarn den Einkauf zu besorgen, mit Abstand Mut zu machen und sich selbst als Teil des Ganzen zu verstehen. Auch in diesem kleinen Rahmen sind wir ein Fenster zur Welt.

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