Tag 47 – Covid-19 und die Generation Z

Abhijit, Gründer von DEFY

Wer hätte das gedacht! Als wir uns gerade auf die weltweiten Lockerungen der Ausgangssperre freuen durften, gibt es schon gleich wieder den nächsten Dämpfer. Die Generation Z, also diejenigen, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurden, werden sich nie mehr von den Folgen der Corona Krise erholen können. Das sind mal „Großartige“ Aussichten für die heutigen Schüler und Studienanfänger.

Birgit, eine gute Freundin aus meiner Heimatstadt Bonn, machte mich in diesem Zusammenhang auf einen Artikel in der Welt am Sonntag aufmerksam, in dem, neben dem drohenden Mangel an Jobs, tatsächlich auch der monatelange Schulausfall für das zukünftige Scheitern der Generation Z ins Spiel gebracht wird. „Das Bildungs-system nimmt sich ganz schön wichtig!“, höre ich Birgits ironischen Unterton. Sie ist Lehrerin im Ruhestand und sie ist wütend. „Glauben sie denn wirklich, man lernt nur in der Schule?“

7’500 Kilometer von Bonn entfernt, in der Stadt Bangalore, lebt Abhijit Sinha und er stellt genau die gleiche Frage.

Abhijit ist ein kanthari mit ganz besonders scharfer Zunge. Er graduierte im Jahr 2015 mit einer brillanten Rede, die einen Teil der Zuschauer, besonders denjenigen, der auf das hiesige Bildungssystem schwört, schockiert und sprachlos zurückließ.

Der heute noch sehr junge, aber bereits international preisgekrönten Schulkritiker hat selbst viel Gutes über seine eigene Schulzeit in Mumbai zu sagen. Er hatte das Glück, Lehrer zu haben, die, wie Birgit, nicht glauben, dass Lernen allein im Klassenzimmer stattfinden muss.

Abhijit schreibt über seine eigene Schulzeit: Wir lernten, wie man sicher reist und wie man klar kommuniziert und wir lernten sogar, dass die Lehrer nicht immer Recht haben; all dies lernten wir nicht nur in der Schule, sondern auch von Freunden und Menschen, die wir auf unseren Streifzügen trafen. Und wir lernten von schwierigen Situationen, in denen wir uns gerade befanden, von Filmen, Theaterstücken, Ausflügen, von Camps in der Wildnis, vom Internet, Computer-Spielen, Reisen, Picknicks, Sport, Spaziergängen durch die Stadt – alles hatte etwas beizutragen. Die Zeit in der Schule war großartig, nicht wegen der Schule selbst, sondern weil wir jeden Tag außerhalb der Schule Neues und uns selbst entdecken konnten.
Und dann lernte er das Bildungssystem von innen kennen. Er kam auf ein College, ein renommiertes College für Hochbegabte oder für Kinder reicher Eltern.

„Es waren vier lange Jahre Zeitverschwendung!“ erklärte er der verblüfften Zuhörerschaft während der Fragerunde im Anschluss an seine Rede. Doch er ließ sich von der „großen Langeweile“ nicht kleinkriegen und so entwickelte er außerhalb der Klassenzimmer eine Motorrad Ambulanz für die berühmten Bodabodas in Uganda, ein 25$ günstiges, wassersparendes Urinal und eine App, die Verkehrsunfälle aufspürt. Damals machte er sich Gedanken, wie eine Schule nach seinem Geschmack aussehen könnte. Er zog in ein Dorf in der Nähe von Bangalore und startete seinen ersten Nook, einen Ort mit Werkzeugen, Materialien und Internet. Eine Schule ohne Lehrer, in der Kinder die Chance haben, selbstständig Lernen zu lernen.

Abhijit ist Gründer von Project DEFY. DEFY ist eine Abkürzung und steht für „Design Education For Yourself“.

Es ist ein Non-for-Profit Projekt, das bis heute mit über 15 Kommunen in Indien und in Süd-Ost Afrika arbeitet. Es geht um die Einrichtung von „Maker-Spaces“, Räume, in denen Kinder und Jugendliche zum Selbstlernen motiviert werden. Abhijit nennt diese Nooks auch „Schulen ohne Lehrer“. In einem Chat erzählte ich ihm von der Angst der Bildungsökonomen, dass die heutigen Jugendlichen durch den Schulausfall beträchtlich Nachteile haben würden.

Schule und die Angst vor neuen Bildungsmethoden gehören zu seinen Lieblings Themen und er erklärte sich bereit für ein Skype-Interview mit Chacko und mir:

kanthari: Monatelanger Schulausfall, Fluch oder Segen?

Abhijit: Ja, ich höre das auch tagtäglich, in Indien und auch von internationalen Organisationen: „Oh mein Gott, was für eine schwierige Situation! Unsere Kinder lernen nicht …!“ Ehrlich gesagt, für mich ist das dummes Zeug! Wie kann jemand „nicht lernen“? Nur weil die Kinder nicht zur Schule gehen, lernen sie nicht mehr? Das ergibt doch keinen Sinn!

Ich denke, drei Monate keine Schule ist doch nicht so schlimm. Es ist eine Auszeit, eine Zeit zum Entspannen, eine Zeit, um herauszufinden, was man wirklich im Leben will. Wann bekommen diese Kinder während ihrer 20-jährigen Schullaufbahn wieder die Chance dazu?

Und die Frage ist doch: ist unser System wirklich so zerbrechlich, dass es einen drei Monaten Schulausfall nicht verkraften kann?

Das einzige Problem, das ich sehe, ist, dass Schule in Indien auch für andere gesellschaftliche Bedürfnisse aufkommen muss. Zum Beispiel bekommen viele Kinder in ihren Schulen eine warme Mahlzeit. Das ließe sich allerdings auch leicht regeln. Das Essen hätte den Familien geliefert werden können.

kanthari: Und wie sinnvoll sind Prüfungen und wie sinnvoll ist eigentlich Schule?

Abhijit: Viele Leute stellen jetzt diese Frage. Aber sie fragen nicht weiter. Anstatt zu hinterfragen, warten sie darauf, dass die Dinge ‚normal‘ werden, nicht dass sie besser werden.
Ich hatte als Kind nie das Gefühl, benachteiligt zu sein, wenn ich mal Prüfungen verpasst habe.
Kinder denken so nicht. Aber Eltern.
Niemand spricht hier vom „Lernen“. Alles, worum es geht, ist doch der Zugang zum „Produkt“ Ausbildung. Die Schule wird wie ein Supermarkt betrachtet, da schickt man seine Kinder hin.
Ob sie mit etwas Sinnvollem wieder zurückkommen, ist egal.

Warum denken wir nicht darüber nach, ob Lernen nicht auch einfach in der Familie geschieht?

Das System tut so, als sei ihm die Ausbildung und das Wohl des Kindes wichtig.

Wenn das so wäre, gäbe es viel besseren Unterricht. Man würde die Schule so verändern, dass der mentale Stress der Kinder minimiert wäre. Aber was geschieht stattdessen hier in Indien und auch anderswo in der Welt? Sobald die Ausgangssperre anfing, hatten sie den großen Einfall: „Da Kinder nicht zur Schule kommen können, wird das Klassenzimmer zu ihnen nach Hause gebracht!“

Statt darüber nachzudenken, wie wir mit Kindern und ihren Familien zusammenarbeiten können, um Lernen auf eine andere Art auszuprobieren, fingen sie einfach mit Online-Klassen an!

Jetzt sitzen die Kinder sechs bis sieben Stunden vor einem Bildschirm und starren auf den Lehrer, wie in einem Klassenzimmer. Die Lehrer unterrichten immer noch den gleichen Unsinn, aber: „Wow! Es ist virtuell! Was für eine andere Art des Lernens!“ Für Leute wie uns, die Alternativen zum gewohnten Bildungssystem offerieren wollen, ist dies einfach eine schlechtere Variante des Mainstream Lernens.

Online-Lernen ist so, als würde man jeden Tag sieben Stunden lang einen langweiligen Film sehen müssen. Der einzige Vorteil des Online-Lernens ist, dass die Lehrer nicht in der Lage sind, die Kinder zu verprügeln.

kanthari: Aber was ist Lernen für Dich?

Abhijit: Lernen passiert während sozialer Interaktion, wenn Menschen andere Menschen treffen.

Fragen wir Leute, an was man sich erinnern kann, wenn man an die eigene Schulzeit zurückdenkt, dann hört man Geschichten über Freunde und das gemeinsame Abhängen im Schulhof. Bei der Schule geht Es doch nicht nur darum, sich Fähigkeiten und Wissen anzueignen, sondern es geht auch darum, zu lernen, wie man emotional und sozial koexistiert. Das größte Problem ist heute nicht der Schulausfall per se, sondern der Mangel an sozialer Interaktion.  Besonders Dorfbewohnern in Indien fällt es sehr schwer, sich nicht treffen zu dürfen.  Sie haben nicht das Bedürfniss: „Netflix und Chillen“ wie Kids in der Stadt. Das tägliche Leben besteht darin, mit Nachbarn zu plaudern und zu tratschen.

kanthari: Und was ist während der Ausgangssperre die Rolle von Projekt DEFY?

Abhijit: Wir haben damit angefangen, mit Familien auf dem Land zu sprechen. Das erste, was wir tun mussten war, ihnen mit Lebensmitteln und Miete unter die Arme zu greifen. Zumindest haben sie jetzt nicht mehr die große Angst davor, Hungern zu müssen.

Das nächste Problem war, dass die Familien mit der neuen Situation nicht klarkamen. Es war ihnen unangenehm, so viel Zeit miteinander verbringen zu müssen. eine Mutter klang richtig enttäuscht: „Was kann ich meinem Kind beibringen? Ich bin doch selbst nicht gebildet!“ Das war der neue Denkanstoß: Alle müssen gemeinsam lernen!

Das Bildungssystem versucht uns einzureden: „Wenn ihr wollt, dass Eure Kinder gebildet sind, schickt sie zur Schule. Ihr, die Eltern, seid nicht in der Lage, eure eigenen Kinder auszubilden. Ihr seid dann wichtig, wenn es darum geht für die Schulbildung zu bezahlen!“ Das gibt Eltern das Gefühl, dass sie nicht in der Lage sind, mit ihren Kindern sinnvolle Gespräche zu führen.

Normale Organisationen würden sagen, ok, bringen wir dem Kind ein paar Fähigkeiten bei, etwas Mathematik, Naturwissenschaften, … Aber das ist nicht das, was sie brauchen. Jetzt müssen sie Hilfestellungen bekommen, wie sie emotional und sozial mit der Situation umgehen können. Die Krise macht es deutlich, dass das Kind nicht isoliert betrachtet werden kann. Es steht in einem Kontext von Menschen, von Familienangehörigen.

Das gemeinsame Lernen mit der Familie steht jetzt im Mittelpunkt. Wir haben mit ein paar Familien begonnen und uns 2 Stunden am Tag unterhalten, um ihnen zu helfen, ihr Leben zu strukturieren. und wir beginnen mit gemeinsamen Spielen.

Schauen wir uns doch mal die gegenwärtige Situation an: Wann wären wir jemals wieder so intensiv mit der Familie zusammen? Es könnte ein Vorteil sein. Aber es ist nicht leicht, die Kommunikationsbarrieren zu überwinden.

Früher hatten Eltern nur eine Stunde pro Tag mit ihren Kindern. jetzt haben sie 24 Stunden miteinander. Die Menschen brauchen Hilfe, um ihre persönlichen Interaktionen neu zu organisieren.

Die Frage ist: Können wir diese Isolation nutzen, um einander näher zu sein?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.