Tag 48 – Ein anderes Virus, mit dem Menschen leben müssen

Sabriye Tenberken
Co-Gründerin von kanthari
Norman Manzi

kanthari Talks, Dezember 2015:

Das Publikum wird durch eine kurze Vorstellung des nächsten Sprechers auf das, was da kommt, vorbereitet. Vielleicht spüren die Gäste unsere Spannung. Denn is ist Mucks Mäuschen Still. Es scheint als hätten sogar die Krähen vor dem Auditorium in ihrem ewigen Krächzen innegehalten, um einen Zeitzeugen zu lauschen. Es war das letzte Mal, dass wir Manzi über seine Vergangenheit sprechen hörten. Doch dieses letzte Mal hatte es in sich:

Es war einmal ein Land, das von seinen Bewohnern mit Stolz das Land der tausend Hügel genannt wurde. Die Landschaft war atemberaubend schön. Erloschene Vulkane, dichte Wälder, stille seen und glitzernde Flussläufe, die sich durch Blumenwiesen schlängelten, ein Land, in dem immer Frühling herrschte.

Ja, es gab unterschiedliche Stämme, Rassen und Religionen. Aber die Menschen lebten in Harmonie. Sie feierten die gleichen Feste, hielten sich an die gleichen Normen und sie redeten die gleiche Sprache. Auch die Kinder kannten beim Spielen keine Unterschiede. Es gab Frieden!

Meine Damen und Herren, das Land, dass ich hier beschreibe ist mein Heimatland Ruanda!”

Und dann ging es los: Aus den Lautsprechern ertönten, unsichtbar und daher umso drastischer, Gewaltexzesse Schreie, zerbrechendes Glas, splitterndes Holz, Schläge, Tritte und überall hilflos weinende Kinder.

In den nächsten Minuten erzählte uns Manzi aus der Sicht eines kleinen Jungen, wie er den Völkermord erlebte.

Ich hatte mich schon einige Jahre bevor Manzi zu uns ans kanthari Institut kam, mit dem Genozid von Ruanda beschäftigt. Doch aus erster Hand die Geschichte eines 7-jährigen Jungen und der zwei Jahre älteren Schwester zu erfahren, war verstörender als alle Filme und Artikel, die mir bis dahin untergekommen waren.

Manzi und seine Schwester gehörten zu einer Tutsi Familie. Die Eltern, bedroht von ihren eigenen Nachbarn und ehemaligen Freunden, die zu den Hutus gehörten, Sahen keine andere Möglichkeit, als zu fliehen und sie waren darüber hinaus gezwungen, ihre Jüngsten Kinder in der Hand der Hutus zurückzulassen, im Wissen, dass sie wahrscheinlich wie viele andere Kinder brutal ermordet würden.

Manzi erlebte als Augenzeuge, wie seine Schwester mehrfach vergewaltigt wurde. Sie konnten fliehen und überlebten mehrere Jahre in Flüchtlingslagern in Uganda.

Manzi hatte Glück, er konnte in die Schule gehen und später an der Universität in Kampala studieren. Seine Schwester wurde wie die meisten Mädchen aus den Flüchtlingslagern in ihrer Schulbildung vernachlässigt. Und dann bekam sie die Diagnose: wie tausende andere Kinder, die aus Ruanda fliehen konnten, wurde sie HIV positiv getestet.

20 Jahre später steht ihr jüngerer Bruder Norman Manzi auf der Bühne vor einem gebannten Publikum. Er erzählt nicht viel aus seiner Geschichte, denn, so wie er mir einmal erklärte: “Bei uns haben viele eine ähnliche Geschichte. Es ist jetzt wichtig nach Vorne zu sehen.”

Und so entstand seine Initiative “Dream Village”.

Es ist ein Trainingszentrum, in dem junge HIV positive Menschen ihr Leben mit dem Virus annehmen, danach ausrichten und darüberhinaus lernen, selbst Projekte für HIV positive ins Leben zu rufen.

“Wir haben immer geglaubt, dass das HIV Virus ein Todesurteil ist. Aber das Leben ist noch lange nicht zu Ende! Menschen können mit gesunder Lebensführung und gut eingestellter Medikamentierung alt werden. Sie können HIV negative Kinder zur Welt bringen. Warum können sie dann nicht ihre eigenen Projekte auf die Beine stellen?”

Heute, fünf Jahre später gibt es mehr als 5’000 junge HIV positive, die in irgendeiner Weise durch Manzis “Dream village” gefördert werden und Hilfe bekommen, Sei es durch Training, oder durch Psychosoziale Beratung. Das Training wird in Kooperation von “Dream Village” und verschiedener Ministerien organisiert und hauptsächlich durch HIV Infzierte durchgeführt. Peer Education ist das Stichwort. sie wissen genau, was wichtig ist und können die verängstigten Jugendlichen gut beraten. Es geht dabei um gesundes Essen, Sport, regelmäßige einnahme der Medikamente und es geht darum, dass sie selbst verantwortlich handeln und ihre Zukunft eigenständig bestimmen.

Manzi war gerade dabei, für sein “Dream Village”, das bisher in angemieteten Räumen oder in Gesundheitszentren organisiert wurde, eigene Gebäude zu bauen, als Corona ihm, wie bei so viele andere Projekten, dazwischenfunkte. Jetzt musste er sich umorientieren. Und da es um eine Zielgruppe ging, die bei vernachlässigter Versorgung durchaus eine Risikogruppe darstellte, war er und sein Team in höchster Alarmstufe.

“Wir machten uns große Sorgen um die Nachfuhr der Medikamente. Was, wenn internationale Flüge ausfallen? Woher bekommt Ruanda die überlebensnotwendige Medizin?”

Doch das Gesundheitsamt hatte vorgesorgt. Für mindestens ein Jahr sind alle in ruanda registrierten HIV Infizierten abgesichert.

“Aber dann das nächste Problem: wie konnten die Patienten während der Ausgangssperre an ihre Medikamente kommen. Es gab ja gar keinen öffentlichen Transport mehr.”

Manzi unterhält ein festes Team von 15 jungen Leuten, alle HIV Positiv. Durch die Zusammenarbeit mit der Regierung, bekam seine Organisation die Erlaubnis, mit bereitgestellten Motorrädern durch die Dörfer zu fahren, um Medikamente auszugeben.

“In der Zwischenzeit hat sich die Ausgangssperre wieder ein wenig gelockert. Natürlich müssen wir alle immer noch Masken tragen, sonst werden wir verhaftet und ins Stadion gebracht, wo wir dann über die gesellschaftliche Pflicht, alle vor dem Virus zu bewahren, aufgeklärt werden.
Unsere Dream Village Mitglieder haben gelernt mit dem einen Virus zu leben, jetzt müssen wir zusehen, wie wir gemeinsam das neue Virus in den Griff bekommen“.

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