Tag 50 – Indien und Deutschland in Zeiten der Krise, Gedanken einer Ausländerin in Deutschland

Priya mit Sabriye auf dem kanthari Campus

(Von Priya Mohan, ehemalige kanthari Intake-Koordinatorin, heute arbeitet sie bei der Deutschen Welle in Bonn)

Als eine „Keralite“, eine Frau aus Kerala, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt, habe ich hier so viele Änderungen meines Lebens erfahren, dass sie für mehr als eine Lebenszeit ausreichen.

Und während sich meine Wurzeln nach den einfachen irdischen Freuden von „Gods Own Country“ (so wird Kerala genannt) sehnen, habe ich die Sprache und Kultur meiner Wahlheimat angenommen. Hier habe ich ein neues Leben und eine Karriere begonnen.

Letzte Woche besuchte ich Karl und Cornelia, die Eltern meiner Freundin Sabriye, in ihrem schönen Dorf Morenhoven, nicht weit von der Stadt Bonn, in der ich lebe. Ich sehe sie nach fast zwei Monaten zum ersten Mal wieder, weil aufgrund der aktuellen Corona-Krise ein Kontaktverbot verhängt wurde. Wie immer flüchte ich mich zu ihnen, wenn ich meine extremen Tiefs habe und ich finde, dass Cornelia und ich, obwohl wir in unterschiedlichen Ländern großgeworden sind, viele Gemeinsamkeiten haben. Diesmal litten wir beide unter einem ‚Corona Blues‘.

Gerade als ich ankomme, ruft uns Sabriye aus meinem Heimatland Kerala an, um zu erfahren, wie es uns ginge. Wir telefonieren oft miteinander. Jeweils aus der Perspektive eines Ausländers tauschen wir uns über das Leben und den Alltag unserer jeweiligen Wahlheimat aus.

Wir diskutieren, informieren uns über lustiges, haarsträubendes, kritisches. Wir sind offen, erkennen an und dabei nehmen wir Kritik nicht persönlich.

Als ich letzte Woche mit ihr sprach, erzählte ich ihr, wie einige meiner Kollegen bei der Arbeit zu mir kamen und meinten: „Oh! Du bist aus Indien!  Wir haben gerade in den Nachrichten gesehen, dass die Leute Kuh-Urin als Immun-Therapie gegen das Virus trinken. Na, glaubst Du auch daran?“

Wenn sie so mit mir reden, haben sie immer einem Hauch von Ironie in der Stimme. Ich war völlig entsetzt und sprachlos und brauchte ein paar Sekunden für eine Antwort. Dann sagte ich: „Klar weiß ich davon, aber bitte versteht, dass ich nicht zu diesem Teil Indiens gehöre. Im Norden Indiens ist die Forderung Kuh-Urin zu trinken auch Teil einer politischen Agenda. Ich muss jedes Mal darauf hinweisen, dass ich aus Kerala komme.

Kerala ist nicht nur als „Gods Own Country“ bekannt. Es ist ein süd-Indischer Staat, der immer wieder bewiesen hat, wie gut man mit Krisen umgehen kann. Angefangen mit dem Nipah-Virus, dann mit den Fluten in den Jahren 2018 und 2019 und jetzt mit der Corona-Krise. Ich hätte gerne ein bisschen geprahlt, aber sollten sie doch selbst etwas über Kerala herausfinden. In der Zwischenzeit hatte die BBC und die Washington Post Kerala als modellhaft in der Bewältigung der Krise vorgestellt.

Während ich dies schreibe ist es der vierte Tag, an dem es in Kerala keine Neuinfektionen gibt. Kerala befindet sich im Bezug auf Effizienz, Gesundheitsversorgung, Alphabetisierung und Internetgebrauchs mit westlichen Ländern auf Augenhöhe.

Aber dieses Gespräch hat mir klar gemacht, dass die Menschen hier im Westen, Indien als eine Kultur ansehen. Es ist für sie ein Land der Mystiker und der Spiritualität. Und sie betrachten es als ein Land der Armen, in dem Hunger sowohl nach Nahrung als auch nach Macht besteht.

Ich frage mich oft, warum man im Westen Indien so anders sieht als ich es sehe.

Bei meiner Arbeit in der Deutschen Welle hatte ich einen Kollegen, den ich beim Mittagessen fragte, ob er bereits Indien besucht habe und ob er mit seinen Kindern gern dorthin reisen würde. Er antwortete, dass er schon mit dem Gedanken gespielt hätte, aber er sei nicht sicher ob er bei all der Armut emotional nicht überfordert wäre.

Ich war sprachlos, schließlich redet er von einem brutto Inlandsprodukt von über drei Billionen US-Dollar! Es ist das fünftgrößte Land der Welt!  Ein Land mit der größten IT-Branche. Und dann überlegte ich, was er wohl über mich denken mochte. Glaubte er wohl, ich sei ebenfalls in einem Slum großgeworden? Nicht, dass es mir etwas ausgemacht hätte. Aber er tat mir leid. Er hatte einfach falsche Vorstellungen.

Ein Blick auf Deutsche aus Indien

Eines weiß ich über die Deutschen: Sie lieben Regeln, sind super strukturiert und organisiert. Während der letzten vier Jahre, in denen ich noch in Kerala lebte, arbeitete ich im kanthari Institut, zusammen mit Sabriye und ihrem niederländischen Partner Paul. Es gab während der Arbeit immer wieder gravierende Missverständnisse. Ich habe versucht herauszufinden, warum wir so oft aneinander vorbeiredeten.

Erst als ich hier nach Deutschland kam, verstand ich, was sie mir die ganze Zeit nahebringen wollten. Dank einer einfachen Organisation oder Planung meines Tages, fand ich plötzlich reichlich Zeit für vieles, was ich neben der Arbeit noch tun wollte. Ich habe von ihnen gelernt, dass ich mehr Zeit zur Verfügung habe, nicht weil ich weniger arbeite, sondern einfach, weil ich strukturierter arbeite. In Kerala waren 24 Stunden einfach nicht genug und ich fragte mich oft am Ende des Tages, was ich den ganzen Tag über getan hatte.

Zeitplanung ist etwas, das man in Indien nicht lernt. Ich liebte mein Chaos, und dachte, das sei die Norm. Paul und ich tauschen uns heute oft aus und lachen darüber, wenn wir uns zu Weihnachten in Deutschland treffen.

Die Kehrseite der Struktur

Die meisten meiner deutschen Freunde sagen mir oft, dass sie Unsicherheit fürchten. Sie planen ihre gesamte Tätigkeit zu Beginn eines jeden Jahres. Sie sind sehr zuversichtlich, dass sich an diesen Plänen nichts ändern wird und nichts ändern darf. Geschieht dies dennoch, entsteht Panik.

In den letzten zwei Monaten riefen mich ein paar meiner deutschen Kollegen an, um zu fragen, wie ich mit der Ausgangssperre zurecht käme, wie mit Stress umzugehen sei und sie berichteten mir, wie sie kämpften, da sie keine klare Perspektive für die nächsten Monate hatten.

Sie sagten immer wieder: „Priya, ich bin sicher, Du bist es bereits gewohnt, mit solchen Stressniveaus umzugehen, aber für uns ist das alles neu.“ Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Ist Stress etwas, wogegen der Westen nicht immun ist?

Tatsächlich vergingen meine ersten zwei Monate einfach sehr schnell, da ich diese Zeit genutzt habe, um die Sprache zu lernen. Und ich habe mich um meine Gesundheit gekümmert. Ich hatte in meinem Leben viel einstecken müssen und ich bin in einem Land großgeworden, in dem man Krisen gewohnt ist. Daher waren die letzten Wochen für mich und meinen Sohn eine eher gute Zeit, ein wahres Geschenk.

Aus der Sicht von Indien bedeutet im Westen zu leben, dass die Dinge immer bequem sind und nichts wirklich schief gehen kann. So ist das System hier konstruiert. Solange man sich an die Regeln hält, gibt es nichts zu befürchten.

Nun, das ist in vielerlei Hinsicht wahr, aber ich habe auch das Gefühl, dass Menschen dadurch irgendwie ihren Gleichgewichtssinn verlieren, sobald ein so winziges Virus ihr Leben auf Eis legt. Raten Sie mal, was hier nützlich werden könnte: Die wahren indischen Traditionen wie Yoga und Meditation!

Unterschiedliche Krisenbewältigung

Obwohl die deutsche Regierung uns während der Corona-Zeit immer wieder versichert hat, es gäbe absolut keinen Grund, wegen eventuellem Mangel an grundlegenden Produkten in Panik zu geraten, liefen wir trotzdem alle ständig in den Supermarkt, um zusätzliche Vorräte zu horten. Als Inderin versuchte ich hauptsächlich mehr Lebensmittel zu lagern. Bei den Deutschen, wie bei allen anderen im Westen, ging allerdings die Angst um, ohne Toilettenpapier dazustehen. Da bin ich aber froh, dass ich in Indien gelernt habe, mich mit Wasser, statt mit Papier zu reinigen.

Hier in Deutschland werden junge Menschen schon sehr früh in Selbstdisziplin geschult, und ich war erstaunt zu sehen, wie einfach es für sie war, sich an die Regeln der physischen und sozialen Distanz zu halten. Die gleichen Regeln und Strukturen, über die ich vorhin gesprochen habe, sind es, die sie dazu bringen, diese strengen Richtlinien und Protokolle mit Leichtigkeit einzuhalten. Das Vertrauen, das die Regierung in ihre Bevölkerung hat und der Respekt, den die Gesellschaft im Gegenzug gibt, ist das, was ich so erstaunlich finde. Nur deshalb ist Deutschland im Kampf gegen Covid-19 viel erfolgreicher als viele andere Länder.  Heute hat sich nicht nur die Kurve abgeflacht, sondern das Leben wird langsam wieder normalisiert für die Menschen, die den Richtlinien folgen.

In Indien dagegen, wurde zur gleichen Zeit zunächst eine eintägige Sperre verhängt, und am Ende des Tages strömten die Menschen auf die Straßen, schlugen Töpfe und Pfannen und sangen: „Go Corona, go“… Das ist auch für mich urkomisch. Es war der erste Artikel, den ich einen Tag später in der Deutschen Welle las. Unnötig zu sagen, ich fühlte mich etwas peinlich berührt.

Heute sehe ich das so: ich bin sehr dankbar, beide Welten erleben zu dürfen. Ich genieße es, in beiden Ländern, Indien und Deutschland zu sein. Indien, das Land der Mystik, das sich heute mit der Moderne mischt, ist ein liebenswertes Land.

Indien hat mich unverwüstlich gemacht. Ich kann mit Krisen wie der Corona Pandemie gut umgehen.

Sollte ich einen Ratschlag an diejenigen geben, die in beiden Ländern zu Hause sind, dann wäre es der Folgende: Lese die Kulturen beider Länder wie ein Buch und nehme einzelne Seiten heraus, um ein neues Buch zusammenzustellen. Wenn wir all unsere Kraft und Widerstandsfähigkeit ins Spiel bringen, können wir das Beste aus dieser Krise herausholen.

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