Tag 80 – Zeit, sparsam zu sein

(Von Olubodun Akinyele, 2019 kanthari)

Als ich im Dezember letzten Jahres mich von kanthari und allen Teilnehmern verabschiedete und daraufhin ins Flugzeug stieg, war ich voller gemischter Gefühle. Natürlich freute ich mich auf meine Familie, aber ich ließ auch vieles zurück: Freunde in Kerala und Erinnerungen an eine intensive Zeit. Zugleich freute ich mich auch zu einem internationalen Netzwerk von sozialen Veränderern, kantharis zu gehören. Und ich spürte, wir waren alle mehr als bereit nach sieben Monaten intensiven Trainings, unsere volle Energie für Veränderungen einzusetzen.

Meine Organisation „AYITI“, identifiziert benachteiligte Kinder und selektiert sie für einen programmier Kurs. Doch in diesem Kurs lernen sie nicht nur Techniken des Programmierens, sie lernen auch, diese Techniken für ethische Zwecke zu verwenden.

Programmierung öffnete mir Türen und ermöglichte es mir, aus der Armut herauszukommen.

Ich bin in einer Familie mit drei Geschwistern aufgewachsen. Wir lebten alle in einer Einzimmerwohnung, in einer gefährlichen Nachbarschaft. Das gesamte Haus bestand aus 15 Familien, die alle in ihre individuellen Ein-Zimmer-Appartements mit durchschnittlich zwei Kindern eingezwängt waren. Alle Familien teilten sich Küche, Toilette und Bad. Die Straße war (und ist noch heute) eine Brutstätte von Drogensüchtigen, Alkoholabhängigen, Kultanhängern, Räubern und jeglichen sozialen Lastern.

Viele meiner Freunde wurden entweder von der Polizei wegen Raub oder von der Dschungeljustiz in Banddenkriegen getötet. Jeder Tag war ein Alptraum, und jedes Mal, wenn die Sonne unterging und die Nacht näher rückte, wurden wir regelmäßig in große Angst versetzt. Es gab kaum ein Tag und keine Nacht ohne kämpfe oder Schüsse.

Als Kind habe ich mich oft gefragt, warum muss ich dort leben, womit hatte ich das verdient?

Der Fall eines Taxifahrers, der am helllichten Tag in Brand geriet und im Krankenhaus starb, war mir eine Lehre. Ich habe deshalb nie auf Provokationen reagiert, habe meine Gefühle immer verheimlicht. Denn alles, was der Taxifahrer getan hatte, war für sein Recht auf Benzin ohne Bestechung zu pochen. Der Mörder läuft heute noch frei herum.

Alles, was ich um mich herum sah, war boshafte Gewalt, und trotzdem glaubte ich, es gäbe etwas Besseres als Verbrechen und Banden. Die Entscheidung für ein besseres Leben, war da, aber meine Möglichkeiten waren begrenzt; Ich konnte nicht über meine Nachbarschaft, über meine Realität hinaussehen.

Es war die Programmierung, die mir die Türen zu einer anderen Welt öffnete. Der Computer half mir aus der Armut und er erweiterte mein „Gesichtsfeld“. Plötzlich gab es neue, aufregende Möglichkeiten.

Viele meiner Freunde verstanden zunächst nicht, was mich an der Programmierung so fesselte. Auch ich wusste zu Beginn nicht, worauf ich mich einließ. Es war spannend, Probleme durch kleine, einfache Programme lösen zu können.

Da sich meine Eltern den Kauf eines Computers nicht leisten konnten, verbrachte ich Tag für Tag in Internetcafés, um da Codierung zu studieren. Das Essensgeld wurde nun in Internetzeit gesteckt. Das hielt mich von den „Freunden“ fern, die Drogen verkauften.

Heute, nachdem ich für meine Programme unterschiedliche Auszeichnungen gewonnen habe und gut von der Programmierung leben kann, glaube ich, dass meine eigenen Erfahrungen anderen Kindern helfen können, aus den Elendsvierteln von Lagos zu entkommen. Es geht darum, die Barriere zu senken, um Programmierkenntnisse erlangen zu können. Das würde auch dazu beitragen, die Kriminalitätsrate bei Kindern und Jugendlichen zu senken.

Ich wollte eine Gemeinschaft junger Veränderer schaffen, die, ausgestattet mit Programmierkenntnissen, darauf aus ist, ihre Zeit in sinnvolle soziale Projekte zu stecken. Und genau das brachte mich nach kanthari und wieder zurück nach Nigeria, wo meine Organisation AYITI 2020 an Fahrt aufnehmen sollte.

Der Plan war der Folgende:

Ein Kurrikulum für 52-Wochenenden in 5 algorithmischen Schritten:

A = „Access“ (Zugriff auf die Welt der Programmierung)

Y = „youthfulness“ (let’s go wild!)

I = Intellektualität (reflektieren, analysieren und Probleme lösen)

T = Technologie (Software + Hardware + Mentoring)

I = Initiieren (Traumfabrik, Prototypeing, Investing und Pitching)

Anfang dieses Jahres hatte ich eine ganze Menge auf meinem Teller.

ich musste mich in meiner neuen/alten Realität wieder zurechtfinden, ich wollte meine zukünftigen Schüler ausfindig machen und ich wollte meine neu erlernten Fundraising Strategien ausprobieren. Außerdem musste ich meinen 5jährigen Sohn ständig davon überzeugen, dass ich nicht mehr für längere Zeit unterwegs sein würde.

Und dann schlug die Pandemie zu und sperrte uns in die Grenzen unserer Zimmer ein. Niemand weiß, wann es vorbei sein würde oder wann sich das Leben wieder normalisieren wird. Wir leben in einer interessanten Zeit; eine Zeit, in der die ganze Welt wegen einer Krankheit pausiert.

Schulen mussten schließen, religiöse Aktivitäten stehen in der Warteschleife, Flugzeuge wurden stillgelegt, Umweltschützer freuen sich über die Naturfreundliche Entwicklung, aber die Industrie muss jetzt vieles überdenken, neu bewerten und sie muss sich verändern. Es ist noch nicht auszumachen, was das für viele Industriebereiche bedeutet.

Diese Zeit hat auch für mich alles verändert: Ich habe viel gelesen und gelernt, dass Pandemien und Naturkatastrophen Teile des Lebens waren und sind, für die die Welt Vorsorge treffen muss.

Für mich ist diese Zeit „Familienzeit“. Es ist eine Zeit zum Nachdenken, Planen und Innehalten von der rasanten Bewegung des Daseins. Während dieser Zeit unterrichtete ich meinen fünfjährigen Sohn in Mathematik. Ich programmierte ein mathematisches Spiel für ihn. das macht das Lernen einfacher und ich wurde für ihn zum Superheld.

Ansonsten heißt es: Abwarten! Aber Moment mal! Bedeutet das, dass das Projekt aufgeschoben werden muss? Bedeutet das, dass ich den Kindern, die ich bereits ausgewählt hatte, die vor Aufregung über den Programmierkurs nicht schlafen konnten, absagen muss? Bedeutet das, dass ich die Spenden der großzügigen Sponsoren nicht ausgeben kann, ja, vielleicht sogar zurückschicken muss? Bedeutet das, dass ich der Welt sagen muss, „sorry“ Corona macht es unmöglich, aktiv zu sein!“?

Nein, wir müssen die Pläne jetzt einfach umstellen. Es ist jetzt die Zeit, frugal zu sein.

In einer Welt, die den Atem anhält, finden wir einfach neue Wege, um zu überleben.

Wir müssen jetzt anders an die Dinge herangehen. Und als ich darüber nachdachte, wie man den Kindern trotz Ausgangssperre helfen kann (Laptops ist keine Idee, die können sie sich nicht leisten), kam ich auf Android Smartphones. Die sind kostengünstig und wir können sie mit Leichtigkeit gebraucht bekommen. Dann werden wir wöchentlich Kurzfilme mit Anweisungen schicken und so können sie sich selbst weiterhelfen. Damit werden sie in der Lage sein, die Welt der Programmierung zu erkunden. Einmal pro Woche rufen wir sie an, um ihren Fortschritt zu beurteilen, alle Fragen zu besprechen, und Feedback zu geben.

Machen wir uns nichts vor: Das Leben wird nicht gleichbleiben. Das Gesetz der Trägheit besagt, dass ein in Beweglichkeit befindender Gegenstand nicht in der Bewegung innehält, wenn keine äußeren Kräfte auf den Gegenstand einwirken. Jetzt hat eine externe Kraft auf die kopflos dahin rasende Menschheit eingewirkt. und plötzlich ist es möglich. Wir kommen zum Stillstand. Wer hätte das gedacht?!

Wir müssen lernen, nicht nur zu existieren… aber zu leben. Wenn es einen besseren Zeitpunkt gibt, um neu zu definieren, was Menschlichkeit und Existenz bedeuten, dann ist es JETZT!