Tag 21 -Was gibt es zu Essen?

Siddhesh auf einem Feld

Heute ist der 21. Tag der verhängten Ausgangssperre. Und weil es so “schön friedlich” war, werden gleich 19 Tage drangehängt.

In der Zwischenzeit haben sich Tausende der Ausganssperre widersetzt und teils mit Fahrrädern, Motorrädern oder auch zu Fuß auf den langen Marsch in ihre Dörfer gemacht. Doch in den Dörfern gibt es keine Journalisten. Wir sind lediglich auf die Informationen unserer kantharis angewiesen. Und wir werden weiter berichten.
Wir werden, um kantharis zu unterstützen und um Sie über ihre Herausforderungen und Aktionen zu informieren, sowohl den Blog als auch die Facebook Video Serie weiterführen. Dabei müssen wir allerdings auch darauf achten, dass uns die Nahrungsmittel nicht ausgehen. Noch gibt es Fish im Teich, die Enten legen ein oder zwei Eier am Tag, Jack Fruit und Kokosnüsse hängen etwa zehn Meter über unseren Köpfen und wollen geerntet werden. Die Frage ist nur, von wem?

Das Gute ist, dass wir wissen, woher unsere Nahrung stammt. Das trifft leider auf die meisten Esser nicht zu.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie nachdenklich, schockiert, vielleicht auch ein wenig angewidert die Zuhörer aus dem kanthari Auditorium kamen, nachdem sie bei den im Dezember stattfindenden kanthari Talks gebannt Siddhesh‘s Abschlussrede verfolgt hatten. Es ging unter anderem um Gemüse. Da glauben wir, dass wir uns mit dem häufigen Konsum von Gemüse etwas Gutes tun, doch der Kurzfilm, den Siddhesh präsentierte, sorgte dafür, dass uns allen der Appetit verging. Es ging darum, dass Gemüsehändler die Ware vor dem Verkauf ordentlich mit Silikon Sprays einsprühen und besonders das grüne Gemüse mit Textilfarbe einfärben, um es attraktiver aussehen zu lassen. 

Siddhesh, 2019 kanthari Absolvent, ließ uns mit diesen unappetitlichen Wahrheiten nicht im Regen stehen. Er überzeugte das Publikum mit einer Lösung, die er in den letzten Monaten bereits zu einem Teil umgesetzt hat. Aber zunächst zu Siddhesh‘s Werdegang:
Siddhesh kommt aus einer Bauernfamilie. Sein Vater machte Schulden, um sowohl ihm ein technisches Studium zu ermöglichen. Doch Siddhesh wollte nicht studieren, er wollte lieber in die Landwirtschaft. Der Vater setzte sich zunächst einmal durch.

In seiner Rede stellt Siddhesh die Frage: “Warum wollen Ärzte, dass ihre Kinder ebenfalls Ärzte werden? Warum wollen Ingenieure, dass ihre Kinder in die gleichen Fußstapfen treten? Aber Bauern wollen auf keinen Fall, dass sich ihre Kinder für die Landwirtschaft interessieren.”

Obwohl Siddhesh nicht auf den Kopf gefallen ist, wurde er wie die meisten Studien Abgänger in seinem Jahrgang, arbeitslos. Er nutzte seine technische Begabung Kompostierungsmaschinen und mechanische Bewässerungssysteme zu konstruieren. “Ich wollte meinem Vater zeigen, wie sehr ich für seinen Beruf brenne.” Doch sein Vater blieb stur: “Warum wirst Du nicht Bettler! Dann würdest Du mehr als ich verdienen!”
Er kann seinen Vater verstehen. Laut einer Studie verdient ein Kleinbauer im Monat durchschnittlich 5000 Rupien, das sind umgerechnet ungefähr 65 US$. Die meisten indischen Kleinbauern sind aufgrund von misslungenen Ernten hoch verschuldet und alle 30 Minuten begeht ein Bauer Selbstmord.

Siddhesh gibt der subventionierten industriellen Landwirtschaft die Schuld. Er Sammelte Bodenproben aus seinem Dorf und ließ sie testen. Der Boden war vollkommen vergiftet. “Keine Pilzsporen, keine Mikroben, tote Erde. Es ist kein Wunder, dass die Ernten jedes Jahr schlechter ausfallen.”
Und obwohl sein Vater ihm Hausverbot erteilt hat, ging er nach dem kanthari Programm wieder in sein Dorf zurück. Er mietete sich eine Hütte, in der er jetzt lebt und er startete seine Organisation Agro Rangers.
Wie Lawrence aus Nigeria und Neeraj aus Bihar/Indien, möchte auch Siddhesh die jungen Leute aus seinem Dorf für eine neue, umweltfreundliche Landwirtschaft begeistern. Darüber hinaus entwickelte er das Konzept “Family Farmer”.

Ein “Family Farmer” ist so etwas wie in Europa der Hausarzt. Es geht dabei um Kleinbauern, die nicht viel Land besitzen, aber durch entsprechenden Methoden hochwertiges Biogemüse für etwa 40 Familien anbauen können. Die Familien bezahlen einen monatlichen günstigen Festsatz und nehmen ab, was gerade geerntet wird. Damit können sich die Kunden sicher sein, dass ihr Gemüse nicht aus einer Färbeanlage kommt und die Kleinbauern sind finanziell abgesichert, ohne sich wegen Pestizide und behandeltes Saatgut in Unkosten zu stürzen.
Um Bioanbau gewinnträchtig zu betreiben, bedarf es allerdings eine Vorbereitungszeit von einigen Jahren. Siddhesh hat nicht lange gewartet. Er fing sofort im Januar an, eine Modell Farm mit Kompostierungsanlage, und Wasserauffangbecken einzurichten. Heute nutzt er die Corona Ausgangssperre, um gelangweilte Jugendliche davon zu überzeugen, dass Landwirtschaft Spaßmachen kann. Früh morgens geht’s zur Farm, dort arbeiten sie gemeinsam den ganzen Tag und abends, bringen sie ihre Ernte zu den Familien ins Dorf.

Siddhesh hat für die Zukunft große Pläne. Gemeinsam mit seinen jugendlichen Mitstreitern, wollen sie nun Schritt für Schritt das gesamte Dorf zu einem landwirtschaftlichen Modelprojekt gestalten.
“Ich sehe es vor mir. Wenn es weitergeht und meine Leute nicht doch auf andere Gedanken kommen, dann haben wir hier Felder mit verschiedensten Gemüsesorten in Mitten von Obst und Nussbäumen. Wir haben Fischteiche und Kühe für den Dünger. Jedes Haus wird eine eigene Ecosan Toilette bekommen, auch werden wir Biogas Anlagen installieren. Selbstversorger und Kleinbauern werden bei solchen Krisen überleben.”
“Und Dein Vater? was sagt der dazu?” möchte ich wissen. Ich höre ihn schlucken.
“Er weiß nichts. Vielleicht weiß er noch nicht einmal, dass ich in der Nähe bin.”

Tag 18 – „Ohne Wasser, keine Landwirtschaft. Ohne Bauern, keine Nahrung.“

John Mwangi, 2016 kanthari, wuchs in Kibera, einem der größten Slums Nairobis auf. Seine Familie hatte sich dort mit Eltern und acht Geschwistern, eine Blechhütte geteilt.

Der Vater erzählte den Kindern oft, wie die Familie in den Slum geraten war. Sie kamen aus einer sehr Fruchtbaren und wasserhaltigen Gegend. Die Fruchtbare Erde zog die Kolonialisten an und verdrängten Johns Vorfahren in die Wälder. Der Großvater hatte sich den Maumau Kämpfern angeschlossen. Doch irgendwann musste die Familie fliehen und so landeten sie wie viele unfreiwillig in den hoffnungslos überfüllten Randbezirken Nairobis.

John erinnert sich: “Diskriminierung in der Schule, Platzmangel zu Hause, alles erträglich, aber ich konnte als Kind nicht aufhören, an Essen zu denken.”

Als Teenager interessierte er sich aus naheliegenden Gründen für die Herstellung von Nahrung und in diesem Zusammenhang für Kompostierung.

Er sammelte organische Abfälle und die daraus entstehende Erde verkaufte er an Schulen und reichere Leute, die über Stadtgärten verfügen. Seine “Kompostierungsfabrik” wurde ein Erfolg und er bekam ein Stück Land, gleich neben dem Flughafen. Es war eine alte Müllkippe. Das Projekt wurde aber schnell verboten, denn die Abfälle, die er sammelte, zogen riesige Vögel an, die schließlich beinahe den Flugverkehr lahmlegten.

Später zog es ihn zurück auf das Land seiner Vorfahren, wo er gegen Großkonzerne für gerechte Wasserverteilung und für den Schutz von Kleinbauern kämpft.

Bis jetzt schien das ein etwas aussichtsloser Kampf, doch in diesen Wochen hat sich etwas Entscheidendes geändert: während nämlich die landwirtschaftlichen Massenbetriebe auf ihren für Europa bestimmten Blumen sitzen bleiben, haben seine Kleinbauern immer noch ein angemessenes Auskommen.

Tag 17 – Sinn

Vor acht Jahren hatten wir im kanthari Institut eine lebhafte Diskussion über das Thema “was ist sinnvolle Arbeit?”
Da viele unserer Absolventen nach dem kanthari Programm ihre eigenen Trainingsprogramme und Schulungszentren für ganz spezifische Zielgruppen einrichten, stellen sich viele die Frage, was für ein Training ist wirklich sinnvoll und nachhaltig. Wie kann ich Jugendliche aus dem Slum davon überzeugen, dass Fashion design “cooler” sei als Drogenverkauf. Und, können Frauen in Armutsvierteln durch die Herstellung von Schmuck wirklich überleben? Saar Moses, ein Friedensaktivist aus Sierra Leone, wurde richtig wütend: “Wir können es uns in Krisenzeiten nicht leisten, bunte Armkettchen aufzuziehen! und wer braucht schon Fashion, wenn geschossen wird?”

Saar hatte als Junge einen 14-jährigen brutalen Bürgerkrieg überlebt. Und, das ahnte er damals nicht, würde wenige Jahre später in Mitten der Ebola Krise als Nothelfer aktiv werden. Doch es war Lawrence, ein junger, eher schweigsamer Nigerianer, der unseren Blick auf Arbeit vollkommen veränderte.

Lawrence kommt aus einer eher abgelegenen Gegend Nigerias. Er war einer der ersten in seinem Dorf, der aufgrund guter Schulnoten zur Universität in Ota, zugelassen wurde. Das Studium beendete er mit Auszeichnung und seine gesamte Familie setzte darauf, dass Lawrence in einer Bank oder in einer Firma einen hochdotierten Job bekommen würde. Die Aussichten waren trotz hoher Arbeitslosigkeit selbst unter Studienabgängern für ihn recht gut. Daher war die Enttäuschung groß, als er plötzlich wieder in seinem Dorf auftauchte und verkündete, er wolle lieber Bauer werden. Und nicht nur das, er wolle andere Jugendliche davon überzeugen, keine Arbeit in der Stadt zu suchen. Er nahm sich einige vernachlässigte, brachliegende Felder vor und arbeitete von morgens bis spät in die Nacht. Zum Missfallen der Dorfbevölkerung, schlossen sich mehr und mehr Jugendliche Lawrence an.

nachdem er im Jahr 2012 das kanthari Programm abgeschlossen hatte, startete er Springboard (Sprungbrett), eine Organisation, die sich zum Ziel setzt, Landwirtschaft für arbeitssuchende Jugendliche attraktiv zu machen. Bei seiner Landwirtschaft geht es darum, nicht gegen die Natur zu arbeiten. Daher entwickelte er ein Trainingsprogram für Bioanbau.

Bis heute hat er 3450 jugendliche zu Bio Bauern ausgebildet. Und jetzt, während der Corona Krise verstehen die Dörfler endlich, wie wichtig Bauern sind und immer schon waren.

“Nur das wir jetzt vor einem Problem stehen. Aufgrund der Ausgangssperre gibt es kaum Helfer auf den Feldern und das in mitten der Pflanzsaison.”

Tag 8 – Krieg in Zeiten der Corona (Teil 2)

Peace Crops, is eine initiative eines 2019 kanthari Absolventen aus Cameroon. In seiner 10-minütigen Abschlussrede beschreibt er ein Leben, jenseits von Frieden.

Es war am 12. Juli 1998, Als Joshua Njeke gemeinsam mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder nach Hause fuhr. Sie hatten sich das Endspiel der Fußball Weltmeisterschaft angesehen und feierten den Ausgang. Frankreich hatte gewonnen und Njeke’s lieblings Fußballer Zinidine Zedane hatte ganze 3 Tore geschossen! Das Leben konnte nicht schöner sein. Aber dann …  Das Fahrzeug wurde angehalten, ein Mann befahl dem Vater Geld zu geben und als er hastig nach seiner Geldbörse griff, wurde er vor den Augen seiner Kinder erschossen. Joshua war gerade einmal 9 Jahre alt.

Er wuchs dann in einem Waisenheim auf, erlebte Hunger und Gewalt und schließlich Bürgerkrieg. Joshua glaubt, dass Krieg und Gewalt aus Hunger und Armut entsteht. Sein persönlicher Ausweg aus dem Teufelskreis war die Landwirtschaft. Er lernte alles über biologischen Gemüse- und Getreide Anbau und Nach seinem Aufenthalt in kanthari 2019 baute er seine Landwirtschaftstätigkeiten weiter aus. Jetzt unterrichtet er jugendliche Waisen im Nachhaltigem Gemüseanbau.

Joshua demonstriert eindrücklich in seiner Rede, wie ein und dasselbe Werkzeug, eine Hacke, sowohl für Krieg als auch für den Erhalt des Friedens genutzt werden kann.

Und was denkt er über Corona in Cameroon?

Die Rate der Infizierten ist noch überschaubar. Wichtig ist jetzt Vorsorge durch lokale und Nachhaltige Landwirtschaft.

 

Auch Limbi, kanthari Absolventin aus 2018, ist zurzeit dabei, durch Ihre Organisation Eco Balances, die Zukunft der Frauen in Cameroon durch nachhaltige Waldwirtschaft zu sichern.

In den Wochen, in denen der Virus um die Welt kreiste, sorgte sie mit ihrem Team dafür, dass auf etwa 1000 Quadratmetern über 3000 Bäume gepflanzt wurden. Es sind hauptsächlich Obst und Nussbäume, aber auch solche, deren Blätter und Rinde zu Herstellung von pflanzlichen Medikamenten verarbeitet werden können. Wichtig ist, dass die Menschen sich auf “non-timber products”, und nicht wie bisher auf die Holz- Verarbeitung fokussieren.

Im Krieg geschüttelten Cameroon erleben Menschen und Natur jetzt eine kleine Atempause. Wir alle können gespannt sein, was die Welt daraus lernen wird.