Tag 165 – Windelweisheiten!

Wie sich die Wege der Wegwerfwindeln mit denen der Wasserhyazinthen kreuzen.

Es ist keine Bollywood Schnulze, keine Liebe auf den ersten Blick. Wir sprechen hier eher von einer Zwangsehe zwischen Wegwerfwindel und Wasserhyazinthe.

Bei so unterschiedlichen Heiratskandidaten werden die Leser und Leserinnen sich fragen, wie kann so eine Ehe funktionieren? Wo liegen die Gemeinsamkeiten?

Man muss nicht weit suchen: Gemeinsam ist ihnen der lange Weg vom Geburtsort auf dem Nord- und dem Südamerikanischen Kontinent bis hin zum Vellayani See, wo sich zurzeit während des Lockdowns die Konzept-Transformation vollzieht. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sich beide Kandidaten zu Wasser und zu Land breit machen und verheerende Umweltprobleme nach sich ziehen.

Dabei sind beide, individuell betrachtet zunächst einmal ansehnlich und durchaus sinnvoll.

Beide dienen in gewisser Weise der Hygiene. Die Wasserhyazinthe säubert mit ihren wollartigen Wurzeln das Frischwasser und die Wegwerfwindel sorgt für einen klinisch sauberen Baby Popo.

Eine interessante Parallele ist die steilanwachsende Kurve der Produktion wie auch der rapiden weltweiten Verbreitung.

Die Wasserhyazinthe ist ein Wachstumsgigant. Bei entsprechend feucht heisser Temperatur und genügend Nährstoffen im Wasser, verdoppelt sie ihre Masse in nur zwei Wochen. Sie gehört damit zu den am schnellsten wachsenden Pflanzen. Mittlerweile ist sie nicht nur in den Tropen zu finden. Auch in Europa und Nord Amerika verbreitet sie sich stetig.

Die Wegwerf-Windel steht der Wasserhyazinthe in Verbreitung und Vermehrung nicht viel nach. Betrug der globale Wert der Wegwerfwindel im Jahr 2015, 52 Milliarden us$, wird er für 2023 auf 90,2 Milliarden US$ geschätzt. 

Dabei drängen sich die Produzenten selbstbewusst auch in Länder, wie zum Beispiel China, die traditionell eine sehr viel umweltverträglichere Lösung bieten. Wie wir es mit Erstaunen in Tibet beobachten konnten, tragen die Kleinkinder dort praktische Schlitzhosen, die sich beim Hinhocken weit öffnen. Für das Konzept “Windel” gibt es, soweit ich weiss, noch nicht mal ein Wort im Tibetischen. Und dennoch scheint es den Konzernen zu gelingen, in China die Wegwerf-Windel als “unverzichtbar für die Intelligenz-Entwicklung des Kindes” zu positionieren. 

Windeln wie auch Hyazinthen nehmen die Umwelt kräftig in die Zange. So wachsen die Windel-Berge weltweit stetig an und die Wasserhyazinthen treiben unaufhaltsam vorwärts. Über weite Strecken auf Flüssen und Seen bilden sie licht-undurchlässige Matten, die alle anderen Wasserpflanzen absterben lassen. Sie verstopfen Kanäle und Hafenbecken und die starke Pflanzenfaser bilden auf dem Seeboden einen dicken Schlammartigen Untergrund, der alles Lebendige erstickt. Während also die Wasserhyazinthe für den ‚Schlammassel‘ unter Wasser verantwortlich ist, sorgt die Wegwerfwindel für Chaos auf dem Trockenen.

4’000 bis 6’000 Windeln braucht ein Baby, bis es Windelfrei auf die Toilette gehen kann. Die Zeit des Windeltragens erhöht sich zur Freude der Konzerne beträchtlich mit dem Gebrauch der Wegwerfwindeln, denn die super Saugkraft der Windelinnereien sorgen für einen Rundum Trocken-Komfort und es gibt für das Kleinkind keinerlei Anlass, sich vom Wickelstatus zu emanzipieren. Werden also hauptsächlich Wegwerfwindeln genutzt, produziert ein einziges Kind bis zu 700 Kilogramm unverwertbaren Restmüll, der 200 bis 500 Jahre für die biologische Zersetzung braucht. Machen wir uns mal nichts vor: Dank des uns von den Konzernen anerzogene Wegwerf und Hygiene-Wahns, hinterlassen wir unseren Kindern eine vollgeschissene Welt.

Der Windel-Wahnsinn wurde mir erst richtig bei der Erstbegegnung mit meiner gerade neugeborenen Nichte Mira bewusst. Ich war zunächst erstaunt, wie schnell so ein Wickelvorgang von Statten ging, bis ich plötzlich merkte, da wird gar nicht mehr ‘gewickelt’. Höschen aus und raus in den Müll und schnell ist das Kind wieder trocken und duftfrisch.

Und was passiert mit dem Müll? Nach Schätzungen beträgt der Windelmüll bis zu 3% des Alltagsmülls. Oder wie der Arte Dokumentarfilm *Wickeln, Windeln, wegwerfen” es etwas plastischer darstellt, man könnte allein in England, mit 3 Milliarden Wegwerfwindeln jährlich, acht Wembley Stadien füllen (den Link zum Dokumentarfilm finden Sie am Ende des Blogs). Recycling ist ausgeschlossen. So eine Windel enthält zu viel Chemie und unterschiedliche Materialien, die gar nicht richtig voneinander zu trennen sind.

Nun sind wir auf dem kanthari Campus sowohl mit Kompostierung wie auch mit der Produktion von Bio-Gas vertraut. Und wenn man sich nur auf den zusätzlichen Inhalt einer vollen Windel, also auf den probiotischen Baby Kot und auf das nährstoffreiche Urin konzentriert, dann schlagen die Herzen der Bio-Landwirte Purzelbäume.

Warum nicht also eine Windel entwickeln, die selbst noch als Abfall der Menschheit sowie der Umwelt dienlich ist? Wie kann man also aus bio-Abfällen kompostierbare Wegwerf-Windeln fabrizieren?

Und hier, man wird es schon geahnt haben, kommt die Wasserhyazinthe ins Spiel. Davon haben wir seit den Fluten von 2018 im Vellayani See mehr als genug.

Mein erstes Zusammentreffen mit der Wasserhyazinthe war eher bedrohlich. Gemeinsam mit Neerthadakan, einer lokalen Aktivistengruppe unternahmen wir eine Säuberungsaktion. Damals hatten wir noch nicht viel Erfahrung und Paul hatte bisher auch keine der bewerten Werkzeuge entwickelt, die den See im größeren Stil von den Invasoren befreien konnten. Daher versuchten wir die Pflanzenflut mit mindestens zehn Personen, durch blosse Körperkraft an Land zu drücken. Irgendwann befanden sich einige von uns mittendrin. Da hatte ich das erste Mal einen Eindruck, was es bedeutet Platz-Angst zu bekommen. Ich konnte die anderen kaum hören, denn überall rasselten und knirschten die spargelartigen Stängel so laut aneinander, dass jede Kommunikation ausgeschlossen war.

Die Wasserhyazinthe wurde zunächst von uns nicht ganz grundlos zur Pest, zum lästigen Feind degradiert, bis wir sie uns ein wenig genauer betrachteten.

Das Schöne an der Pflanze sind die dicken handförmigen Blätter. Sie thronen hoch oben auf Stängeln, die bis zu einem Meter aus dem Wasser Ragen und wenn sie in der Nachmittagsbriese hin und her schwingen, scheint es, als würden sie einem freundlich zuwinken. Die Blätter sind besonders nahrhaft und daher als Futter für freilaufende Hühner gut geeignet.
Die fleischigen Stängel werden in der Sonne getrocknet, aufgeschnitten und in dünne Faser zerlegt. Damit weben die Frauen in den umliegenden Dörfern weiche lederartige Körbe und Matten.

Uns interessierten aber vor Allem die unter Wasser bis zu einem Meter tiefhängenden braun-schwarzen Wurzeln. Da ich die Wurzeln bei den Säuberungen ständig in den Händen hielt, fiel mir auf wie weich und wollig sie sich anfühlten. Zieht man die Pflanze aus dem Wasser, sind es diese wolligen Wurzeln, die voll Wasser gesogen das gesamte Gewicht ausmachen. Diese Saugkraft der Wurzeln war es, die das Windel-Projekt in Gang brachte.

Gemeinsam mit Chacko experimentierten wir mit der Wolle. Mal wurde sie gezupft, mal gefilzt, mal gewaschen und dann wieder nur an der Sonne getrocknet. Und jedes Mal der Aufsaug-Test. Das Ergebnis: Sechs Gram gezupfte Wolle kann 40 ml Wasser aufsaugen.
20 Gram Wolle, die wir wahrscheinlich auch zum Ausstaffieren der Windel benötigen, können bequem bis zu 80 ml Wasser aufnehmen.

Vor einigen Wochen gesellte sich zum Windel Team, Riya Orison hinzu. Sie war Praktikantin während der Anfangsphase des Lockdowns und sie war, wie wir versessen auf See-Säuberungsaktionen. Als Projekt-Managerin machte sie unser Hobby zum Programm und nahm eine Feld-Studie in Angriff.

In einer streng abgetrennten See-ecke, untersuchen wir nun das Wachstum der Superpflanze und basierend auf unseren Experimenten, stellte Riya schon erste Windel-Prototypen her.
Es geht um eine Einlage, die hauptsächlich aus Wasserhyazinthenwolle besteht. Geklemmt wird diese Einlage in einen Windelhalter, der aus getrockneten Hyazinthen-Stängeln gewebt wird.

Die Ziele der Hyazinthen-Wegwerf-Windel sind klar umrissen:

-Keine Macht dem Umweltschmutz und keine Macht den Konzernen, die sich um die Umwelt bisher nicht groß kümmerten. 
-Kein Copyright, aber ein Recht, kopieren zu dürfen.
-V
ereinfachung des Produktionsvorgangs. Die Windel-Herstellung soll innerhalb von Minuten machbar sein.
-Sie muss hautverträglich und vollkommen biologisch abbaubar sein.
-Und sie darf, bis auf den mehrfach verwendbaren Windelhalter, so gut wie gar nichts kosten.

All dies ist machbar, besonders wenn die lokale Bevölkerung mitzieht. Es gibt bereits einige Frauen in den umliegenden Dörfern, die sich mit der Optimierung der Windelhalter beschäftigen.

Sobald die Einlage sicher im Windelhalter verstaut, und das Baby zufrieden ist, ist die Hochzeit vollzogen und wir können uns neuen Herausforderungen stellen.

Tag 22 – ‚Rural is cool‘ – oder – die Transformationswaschmaschine

Es hat sich im letzten Jahrzehnt weltweit eine recht Argwöhnische Haltung gegenüber nicht-Regierungsorganisationen eingestellt. Im Kontakt mit vielen kanthari Absolventen spürten wir, dass die Luft besonders für “Grass Root” (Graswurzel) Initiativen in Ländern Africas und Asiens immer dünner wurde. Viele Regierungen machten NGOs für das Elend in ihren Ländern verantwortlich und erließen Gesetze, die besonders kleine Organisationen an den Rand existentiellen Überlebens trieb.

Konzerne, die sich zum Beispiel in ihren Umweltpraktiken von Aktivisten auf die Finger geklopft sahen, sprangen gerne auf diesen Zug auf. Soziale- und Umweltinitiativen wurden in der Öffentlichkeit als korrupt bezeichnet, wohlmöglich, um von eigenen undurchsichtigen Praktiken abzulenken.

Durch Corona scheint sich jedoch die schlechte Stimmung umzukehren. Kürzlich las ich einen Artikel, in dem die indische Regierung den vielen sozialen Initiativen im Land für die effektive Soforthilfe dankte. Besonders die “Community based organisations” werden plötzlich mit Wohlwollen und nicht mehr mit mistrauen beurteilt. Ist das ein erstes Eingestehen, dass Regierungen weltweit auf die in der Kommune integrierten Initiativen besonders in Krisenzeiten angewiesen sind? Können Community Based Organisations von nun an darauf hoffen, in ihrer wichtigen Arbeit ernstgenommen zu werden?

Ich möchte in diesem Zusammenhang eine Community Based Organisation vorstellen.
Es handelt sich um Durian. Ja ganz richtig, Thailandreisende wissen: Durian ist der Name einer tropischen Frucht, die zunächst einmal durch ihren penetranten Geruch alle Obstliebhaber in die Flucht schlägt. Derjenige, der sich überwinden kann, doch einmal zu probieren, wird den Wohlgeschmack niemals vergessen.

Tony Joy wählte also “Durian” als Name für ihre Organisation, die sich um Kommunen in abgelegenen Gegenden Nigerias kümmert. Warum?
“In meinem Land hat der Begriff “rural”, (abgelegen) kein gutes Image. Wir sind mit dem Glauben aufgewachsen, dass “Rural” für Schmutz, Gestank und Armut steht. Ja, Menschen in abgelegenen Dörfern sind im Allgemeinen arm und ungebildet. Und wie in der Landwirtschaft üblich, kann es auch mal derbe stinken. Aber es sind doch die Städte, die im Müll ertrinken! Um Armut zu bekämpfen, müssen wir erst einmal unsere Einstellung zu “rural” ändern.

Ich sage: rural ist cool. Es mag stinken, wie die Durian Frucht, aber wenn man sich einmal traut, wirst Du von den ungeahnten Möglichkeiten überrascht sein.”

Wie viele kantharis hat auch Tony Joy eine Vorgeschichte. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine “Überlebende”. Mit 13 warf sie sich vor ein Taxi, um sich das Leben zu nehmen. Das klappte nicht, denn der Taxifahrer hatte zu gute Reflexe.
Ein Jahr zuvor war ihr Vater gestorben. Sie trauerte so stark, dass die Mutter sie aus Eifersucht aus dem Haus warf. In Träumen hört sie heute noch die Stimme ihrer Mutter: “You are waste” (Du bist Müll, Du bist zu nichts nutze). Wer Tony Joy kennt, weiß, wie gelassen sie über die Beleidigungen, die sie in ihrer Kindheit ertragen musste erzählen kann. Die Frage ist, was hat sie bloß so stark gemacht?

“Es hat mir als Teenager schon eine Menge ausgemacht. Aber ich habe irgendwann den Begriff “waste” für mich akzeptiert.”
Tony Joy glaubt, dass sie durch Kreativität, durch Musik, Dichtung und Gestaltung ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen hat.
Noch bevor sie zum kanthari Institut kam, hatte sie eine Zeitlang auf einer Müllkippe gelebt und gemeinsam mit Müllsammlern aus Abfall Gebrauchsgegenstände und kleine Kunstwerke gebastelt. Die Objekte verkauften sie und so konnten sie überleben.
“Waste hat einen wert. Und dieser Gedanke hat mich gestützt.”

Im Jahr 2017 kam sie ans kanthari Institut und wurde, wie alle Teilnehmer in einen Prozess der Konzept Transformation geworfen. Wir nennen es auch die “Waschmaschine”, eine für viele emotional recht anstrengende Zeit, in der sie ihre Konzepte für ihre soziale Initiativen auseinandernehmen, kritisch betrachten und neu zusammensetzen müssen. Es ist schon schmerzhaft, liebgewonnene Ideen kritisch zu hinterfragen und eventuell sogar zu verwerfen.

Wenn aber der Waschvorgang abgeschlossen ist, fühlen sie sich oft wie neu geboren. Dann werden sie selbst zu ihrer Idee, eine erhebende Phase für alle Beteiligten.

Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der Tony durch die Waschmaschine gedreht wurde. Und während die einen wütend mit Türen knallten, plötzlich wie aus dem Nichts heraus in Tränen ausbrachen oder sogar zu Lachen anfingen, gehörte sie eher zu den Schweigenden. Ausgerüstet mit einer Schwimmweste, trieb sie damals stundenlang in unserem Vellayani See und da entstand Durian, eine Initiative zur Dorfentwicklung.

Dafür hatte sie eine bestimmte Kommune im Blick. Es handelte sich um ein Dorf mit arbeitslosen Jugendlichen, betrunkenen Männern und hoffnungslosen Frauen, die ihren Kindern keine solide Schulbildung bieten konnten. Doch dieses Dorf hatte einen Schatz, der von niemandem wirklich erkannt wurde. Überall wächst Bambus. Bambus ist ein Gras, dass sich wie Unkraut vermehrt und ebenso schnell wächst. In vielen Ländern wird darum Bambus auch als lästiges Unkraut missachtet. Dabei wird schnell übersehen, was Bambus alles leisten kann.

Tony machte sich schlau und verwandelte in wenigen Jahren, eine vernachlässigte Kommune in einen Hotspot für Bambus-Produkte. Zunächst starteten sie mit der Verarbeitung von Bambus zu Schmuck und Geschirr. Dann ging es weiter mit Möbeln.

Geplant ist nun auch der Bau einer mehrstöckigen Schule mit Werkstätten, natürlich konstruiert aus Bambus. Und dann wird es Bambus Blindenstöcke, Bambus Fahrräder und sogar Bambusseide geben. Und wer noch immer nicht genug hat, kann auch mal kandierten Bambus und natürlich Bambussprossensalat probieren 😉

Zur Zeit, dreht sich das Durian Team durch eine weitere Waschmaschine. Die Bambus Produktion wurde zwischenzeitlich eingestellt und nun produzieren sie neben notwendigen Nahrungsmitteln auch ihre eigene Seife, hergestellt aus Kakauschalen-Abfällen.
Durian und der Bambus hat die Kommune bereits bekannt gemacht und die Menschen, die sich zuvor eher für ihre Herkunft geschämt haben, können heute mit Selbstbewusstsein Sagen: “Rural ist Cool”.
Tony rät heute allen kanthari Teilnehmern, sich der Transformationswaschmaschine voll und ganz hinzugeben. “es lohnt sich, gedreht und geschleudert zu werden. Wenn wir uns nicht dagegen sträuben, haben wir die Chance für etwas ganz Neues.”

Tag 17 – Sinn

Vor acht Jahren hatten wir im kanthari Institut eine lebhafte Diskussion über das Thema “was ist sinnvolle Arbeit?”
Da viele unserer Absolventen nach dem kanthari Programm ihre eigenen Trainingsprogramme und Schulungszentren für ganz spezifische Zielgruppen einrichten, stellen sich viele die Frage, was für ein Training ist wirklich sinnvoll und nachhaltig. Wie kann ich Jugendliche aus dem Slum davon überzeugen, dass Fashion design “cooler” sei als Drogenverkauf. Und, können Frauen in Armutsvierteln durch die Herstellung von Schmuck wirklich überleben? Saar Moses, ein Friedensaktivist aus Sierra Leone, wurde richtig wütend: “Wir können es uns in Krisenzeiten nicht leisten, bunte Armkettchen aufzuziehen! und wer braucht schon Fashion, wenn geschossen wird?”

Saar hatte als Junge einen 14-jährigen brutalen Bürgerkrieg überlebt. Und, das ahnte er damals nicht, würde wenige Jahre später in Mitten der Ebola Krise als Nothelfer aktiv werden. Doch es war Lawrence, ein junger, eher schweigsamer Nigerianer, der unseren Blick auf Arbeit vollkommen veränderte.

Lawrence kommt aus einer eher abgelegenen Gegend Nigerias. Er war einer der ersten in seinem Dorf, der aufgrund guter Schulnoten zur Universität in Ota, zugelassen wurde. Das Studium beendete er mit Auszeichnung und seine gesamte Familie setzte darauf, dass Lawrence in einer Bank oder in einer Firma einen hochdotierten Job bekommen würde. Die Aussichten waren trotz hoher Arbeitslosigkeit selbst unter Studienabgängern für ihn recht gut. Daher war die Enttäuschung groß, als er plötzlich wieder in seinem Dorf auftauchte und verkündete, er wolle lieber Bauer werden. Und nicht nur das, er wolle andere Jugendliche davon überzeugen, keine Arbeit in der Stadt zu suchen. Er nahm sich einige vernachlässigte, brachliegende Felder vor und arbeitete von morgens bis spät in die Nacht. Zum Missfallen der Dorfbevölkerung, schlossen sich mehr und mehr Jugendliche Lawrence an.

nachdem er im Jahr 2012 das kanthari Programm abgeschlossen hatte, startete er Springboard (Sprungbrett), eine Organisation, die sich zum Ziel setzt, Landwirtschaft für arbeitssuchende Jugendliche attraktiv zu machen. Bei seiner Landwirtschaft geht es darum, nicht gegen die Natur zu arbeiten. Daher entwickelte er ein Trainingsprogram für Bioanbau.

Bis heute hat er 3450 jugendliche zu Bio Bauern ausgebildet. Und jetzt, während der Corona Krise verstehen die Dörfler endlich, wie wichtig Bauern sind und immer schon waren.

“Nur das wir jetzt vor einem Problem stehen. Aufgrund der Ausgangssperre gibt es kaum Helfer auf den Feldern und das in mitten der Pflanzsaison.”

Tag 8 – Krieg in Zeiten der Corona (Teil 2)

Peace Crops, is eine initiative eines 2019 kanthari Absolventen aus Cameroon. In seiner 10-minütigen Abschlussrede beschreibt er ein Leben, jenseits von Frieden.

Es war am 12. Juli 1998, Als Joshua Njeke gemeinsam mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder nach Hause fuhr. Sie hatten sich das Endspiel der Fußball Weltmeisterschaft angesehen und feierten den Ausgang. Frankreich hatte gewonnen und Njeke’s lieblings Fußballer Zinidine Zedane hatte ganze 3 Tore geschossen! Das Leben konnte nicht schöner sein. Aber dann …  Das Fahrzeug wurde angehalten, ein Mann befahl dem Vater Geld zu geben und als er hastig nach seiner Geldbörse griff, wurde er vor den Augen seiner Kinder erschossen. Joshua war gerade einmal 9 Jahre alt.

Er wuchs dann in einem Waisenheim auf, erlebte Hunger und Gewalt und schließlich Bürgerkrieg. Joshua glaubt, dass Krieg und Gewalt aus Hunger und Armut entsteht. Sein persönlicher Ausweg aus dem Teufelskreis war die Landwirtschaft. Er lernte alles über biologischen Gemüse- und Getreide Anbau und Nach seinem Aufenthalt in kanthari 2019 baute er seine Landwirtschaftstätigkeiten weiter aus. Jetzt unterrichtet er jugendliche Waisen im Nachhaltigem Gemüseanbau.

Joshua demonstriert eindrücklich in seiner Rede, wie ein und dasselbe Werkzeug, eine Hacke, sowohl für Krieg als auch für den Erhalt des Friedens genutzt werden kann.

Und was denkt er über Corona in Cameroon?

Die Rate der Infizierten ist noch überschaubar. Wichtig ist jetzt Vorsorge durch lokale und Nachhaltige Landwirtschaft.

 

Auch Limbi, kanthari Absolventin aus 2018, ist zurzeit dabei, durch Ihre Organisation Eco Balances, die Zukunft der Frauen in Cameroon durch nachhaltige Waldwirtschaft zu sichern.

In den Wochen, in denen der Virus um die Welt kreiste, sorgte sie mit ihrem Team dafür, dass auf etwa 1000 Quadratmetern über 3000 Bäume gepflanzt wurden. Es sind hauptsächlich Obst und Nussbäume, aber auch solche, deren Blätter und Rinde zu Herstellung von pflanzlichen Medikamenten verarbeitet werden können. Wichtig ist, dass die Menschen sich auf “non-timber products”, und nicht wie bisher auf die Holz- Verarbeitung fokussieren.

Im Krieg geschüttelten Cameroon erleben Menschen und Natur jetzt eine kleine Atempause. Wir alle können gespannt sein, was die Welt daraus lernen wird.

Tag 7 – Krieg in Zeiten der Corona (Teil 1)

Wenn wir an kantharis in Krisen denken, erinnern wir uns zunächst einmal an Stürme in Odissa, Fluten in Kerala, Erdbeben in Nepal oder auch an Kriege, und hier besonders an den von der Welt fast unsichtbaren Bürgerkrieg in Cameroon.

Es ist ein über Jahre schwelender Krieg zwischen der französisch und der englischsprachigen Bevölkerung. Die 7 kantharis aus Cameroon gehören der englischsprachigen Minderheit an. Sie und ihre Familien erlebten Vertreibung, Gewalt und Mord.

und heute?

Durch Telefonate und Chats versuche wir uns ein Bild von Cameroon in der neuen Krisensituation zu machen. Und wir sind überrascht von den gutgelaunten Reaktionen:

“things calmed down.” “We are safe.”, “We found another enemy!”

Einer der kantharis schickte uns eine kleine Video Botschaft, die auf unserer Facebook Seite zu sehen ist.

Teh Francis, 2016 kanthari Absolvent, ist Gründer von enkindle cameroon. Er war einer der ersten, die micro Kredite für Frauen nach Cameroon brachte, er ist aber inzwischen eher kritisch. Mittlerweile hat er “Table banking” eingeführt, das ist eine Methode, mit der Frauen durch Eigenbeiträge sich selbst eine finanzielle Basis schaffen können und nicht von externen Kreditgebern abhängig werden. Zudem entwickelte er eine Business Schule für Frauen, die weder lesen noch Schreiben können.
All diese Initiativen kamen durch den Bürgerkrieg zum Zeitweiligen Stillstand.

“Yes, a lot of evel things are happening here, however, we are safe now.” Der brutale Bürgerkrieg habe sich in den letzten Wochen und Monaten spürbar beruhigt. Jetzt habe man einen gemeinsamen neuen Feind, den Corona Virus.

Teh Francis sorgt nun dafür, dass seine vielen Projekte erneut anlaufen. Business und Computer Kurse für Frauen, und, während Schulen auf der ganzen Welt geschlossen werden, denkt er nun darüber nach, Kinder nach drei Jahren Krieg zum ersten Mal wieder zu unterrichten.

Schule ist auch ein Thema für Marlyse, ebenfalls aus dem englischsprachigen Teil Cameroons. Sie absolvierte kanthari in 2018. Marlyse gründete Wokomé, eine Sommerakademie für Kinder, die aufgrund von überfüllten Klassenzimmern und nicht relevantem Unterricht die Lust am Lernen verloren haben. Durch alternative Aktionen, durch Exkursionen und Experimente, möchte sie die Kinder dazu motivieren, selbstständig zu lernen. Wie wir alle jetzt erfahren können, ist Das Selbstständige Lernen eine Fähigkeit, die während wochenlanger Ausgangssperren, ob in Kriegs- oder Corona Zeiten, wichtig wird. Als ich mit Marlyse telefonierte, begab sie sich gerade in Selbst-isolation. Diesmal aber nicht aus Angst vor Gewalt, sondern aus Freiwilliger Einsicht, sich und andere zu schützen.

Tag 6 – Und wie geht es den Kindern?

Kinder sind direkt von der Viruserkrankung am wenigsten betroffen. Allerdings werden besonders Kinder ohne Angehörige von den Konsequenzen der 21tägigen Ausgangssperre am meisten spüren.

Es geht hier um die vielen restlos überfüllten Kinderheime, besonders in Odissa.

Gouri Shankar Mishra, kanthari Absolvent von 2015, gründete, An-Anya, eine Organisation, die sich gegen Kinderarbeit und für Kinderrechte stark macht. Gouri ist bei einigen Behörden gefürchtet, wird aber von den meisten sehr geschätzt. Er geht durch Internatsschulen und Kinderheime und deckt Missstände auf. In der Vergangenheit hat er einige Lehrer wegen nachgewiesenem sexuellen Missbrauchs ins Gefängnis gebracht. Und in diesen Tagen hat er sich aufgemacht, um die Heimsituation in Zeiten der Corona Krise offenzulegen.

Da viele Kinderheime von privaten Trägern verwaltet werden und sie durch die Anzahl der Kinder Profite machen, gibt es auf einen Platz mindestens zwei Kinder. Die Haelfte der Kinder ist aber nicht offiziell registriert und das bedeuetet, dass das Heim von der Regierung fuer die nicht-registrierten keine Nahrungszulagen bekommt. Viele der Heime wurden bisher von lokalen Anwohnern mitversorgt. Die Extra (Sach-)Spenden bleiben allerdings jetzt aufgrund der Ausgangsperre aus. Die Preise für Reis, Linsen, Kartoffeln und Zwiebeln schnellen in diesen Tagen in die Höhe. Die meisten Heime haben keine Seifen und keine Desinfektionsmittel mehr und die Betten der Kinder, die eigentlich einen Meter voneinander getrennt stehen müssten, stehen aus Platzmangel dicht gedrängt. Das große Problem ist, dass die Mitarbeiter in den Heimen trotz der Ausgangssperre jeden Tag von zu Hause zur Arbeit kommen und nach ihrer Schicht wieder gehen. Auch so kann der Virus verbreitet werden.

“Und was können wir als kantharis tun?” Frage ich Gouri am Telefon. Seine Antwort: “Wir sind diejenigen, die den Kindern in den Heimen eine Stimme geben müssen. Wir dürfen uns nicht davor scheuen, Zustände zu benennen. Jetzt ist die Zeit, in der wir uns alle gezwungen sehen sollten, etwas zum Guten zu verändern.”

Tag 5 – Und wer freut sich?

Wenn wir nicht besser wüssten, würde man denken, man sei irgendwo abgeschieden im Dschungel. Grillen, Frösche, Vögel aller Art, keine Eisenbahn in der Nacht, kein Straßenverkehr, keine Flugzeuge. Wenn ich mit kantharis, Freunden oder Familienangehörigen telefoniere, höre ich immer wieder begeisterte Ausrufe: “der Himmel war noch nie so blau und die Flüsse noch nie so klar!”

Einige unserer kantharis sind Umweltaktivisten und können der Corona Zeit einiges abgewinnen.

Ragunath, kanthari Absolvent von 2019, ist einer derjenigen, der den Ernst der Situation zwar erkennt, aber trotzdem nicht müde wird zu betonen, dass jetzt die Wälder endlich einmal Pause haben. Kein Straßenbau, keine Kettensägen.

Ragunath kommt aus Tamil Nadu, einem Nachbarstaat Keralas. Er hat eine ziemlich wilde Vergangenheit hinter sich, die ich hier kurz umschreiben möchte. Als Kind wuchs er mit seinen Großeltern in einem abgelegenen Dorf auf, er lebte mitten im Wald. Dann kamen Fabriken und

Irgendwann musste die Familie in die laute und stinkende Stadt umziehen. Seitdem ist er auf der Jagd nach unverbrauchter, frischer Luft.

Der Kino Film Titanic und sein Verlangen, endlich einmal wieder durchatmen zu können, ließ ihn auf einem Fracht Schiff anheuern. 10 Jahre fuhr er zur See. Das Problem war nur, dass er als Techniker hauptsächlich in mitten stinkender Dämpfe des Maschinenraums zu tun hatte. “Fresh air? No way!”

Trotzdem hat er das Leben in kleiner Gesellschaft sehr genossen. Und erst wenn man ihn nach seinen Seefahrergeschichten ausfragt, sagt er, fast so nebenbei: “Well, yes, it was quite dangerous sometimes.” Dann erzählt er von Stürmen, Piraten-Attacken, Feuer auf engstem Raum und schließlich von einem dreimonatigen Schiffs-Arrest in einer Flussmündung in Nigeria. Sie waren nur zu fünft, die Kapitäne wurden freundlicherweise ausgeflogen. Es gab kaum zu Essen, kaum frisches Wasser. Alle hatten Malaria und da hatte er bald genug.

Wieder zu Hause in Tamil Nadu ging es weiter auf der Jagd nach frischer Luft und er entwickelte zwei Große Leidenschaften, Wald und Fahrradfahren. Heute kämpft er gegen Abholzung und er freut sich für die Bäume, die sich während der 21 tägigen Ausgangssperre ein bisschen erholen können. Eigentlich wollte er genau in dieser Zeit mit dem Fahrrad durch ganz Indien fahren. “From Kashmir to kanthari!”, 5000 km in 45 Tagen, vom Norden ganz in den Süden Indiens. Er wollte von einer Schule zur nächsten ziehen, um gemeinsam mit Schülern auf dem Weg tausende Bäume zu pflanzen. “And what do we learn from this crisis?” Er lacht etwas trocken: “Haltet mal alle die Luft an und ihr werdet merken wie gut es tut, frei durchatmen zu können …”

Tag 4 – Risikopatienten

Überall spricht man von besonders gefährdeten Risiko Patienten. Viele unserer kantharis weltweit arbeiten genau mit dieser Zielgruppe. 

Da ist zum Beispiel Henry, ein kanthari Absolvent von 2017 aus Kenia. Er ist Gründer von Kick-start-Kilifi, ein alternatives Ausbildungszentrum für die vielen Jugendlichen, die aus Armutsgründen die Schule verlassen müssen. 

Die Region Kilifi wird laut Henry auch das Armenhaus Kenias genannt. Da wo es Armut gibt, gibt es auch Krankheiten. Besonders stark verbreitet ist hier die Tuberkulose, eine Krankheit, die man medizinisch sehr gut im Griff haben könnte. Aber, so Henry: “Poverty doesn’t sell!” (Armut verkauft sich nicht). Die TB macht einen Menschen auch zum Risiko-patienten in Zeiten der Corona. Henry ist selbst an Tuberkulose erkrankt und fürchtet nun, dass ein durch die TB geschwächtes Immunsystem, dem Corona Virus nicht viel entgegenzusetzen hat. Henry gehört zu den wenigen Gebildeten in seinem Umkreis, der sich eine ärztliche Behandlung leisten kann und gut darüber bescheid weiß, wie wichtig es ist, die TB Behandlung bis zum Ende durchzuführen. Aber viele andere sterben, auch viele junge Leute. 

2018 sind weltweit 1,5 Millionen Menschen an TB gestorben. “Die meisten Menschen wissen das nicht, oder wollen es nicht wissen, denn wir haben keine Lobby.”, sagt Henry resigniert. “Wenn der Corona Virus nach Kilifi kommt, könnte es ein Massensterben verursachen.”

Aber der Virus IST bereits in Kilifi eingetroffen. Ein Politiker kam gerade aus Deutschland, wurde von den Behörden in Nairobi verpflichtet, sich für 2 Wochen pro-Forma in Quarantäne zu begeben. Was sie nicht wussten, er hatte den Virus mitgebracht. Doch statt einer Vorsichtsmaßnahme, machte er Wiedersehens parties, schüttelte Hände und sorgte so dafür, dass sich Corona auch in Kilifi breitmacht. Henry unterhält zum Glück ein Großes Netzwerk. Die Bevölkerung respektiert ihn als jemanden, der es geschafft hat, sich trotz schlechtester Ausgangsbedingungen, zu bilden, und dennoch alles dafür tut, um Armut zu bekämpfen. Er macht momentan so gut wie er kann, Informations Kampagnen, um dafür zu sorgen, dass sich der Hotspott Kilifi nicht zu sehr aufheizt. 

Wenn man sich die Situation in Kilifi vor Augen hält, können wir froh sein, dass das Gesundheitssystem in Kerala so gut funktioniert. Dennoch war Kerala als erster indischer Staat betroffen. Das liegt auch an der hohen Bildungsrate, viele studieren oder arbeiten im Ausland und bringen samt Einkommen und Bildung auch Corona mit. Heute gab es den ersten Todesfall. Wir drücken die Daumen, dass die Rate in Kerala und ganz Indien weiterhin überschaubar bleibt, machen uns allerdings Sorgen um die Genauigkeit der landesweiten Statistiken. 

Viele kantharis in anderen Staaten kennen Menschen mit starken Symptomen, es gibt aber kaum Testmöglichkeiten. Diejenigen, die auf dem Land leben, müssen, um sich testen zu lassen, in die Großstädte reisen. Das können sich nur die wenigsten leisten und da kann man sich vorstellen, was noch auf Indien zukommen könnte.

Tag 3 – Lockedown in Indien

Die große Frage, die hier in Indien ihre runde macht, wie funktioniert eine totale Ausgangssperre in den Dörfern, in abgelegenen Gegenden, da wo die Menschen für ihre täglichen Bedürfnisse fuer jeden Toilettengang aus der Hütte müssen. Einige unserer kantharis leben und arbeiten in den gebieten, die in Zeiten wie diesen, aus derSicht geraten. 

Neeraj, kanthari Absolvent von 2016, lebt in Bihar, einem der ärmsten Staaten Indiens. Er gründete Khetee, eine Selbstversorger Landwirtschafts Kommune. “Wir hätten genug zu essen, aber wir dürfen nicht auf die Felder, um zu ernten und wir dürfen auch unsere Tiere nicht versorgen!” 

Er erzählt, wie offiezielle auf Dorfbewohner, die sich der Ausgangssperre widersetzen, Jagd machen. “Man kann Dörfler nicht in Hütten einsperren. Wir könnten uns aber schützen, wenn man uns die Möglichkeit gäbe, uns selbst zu versorgen.” 

Neeraj erzählt, wie viele tagesloehner aus seiner Region nun am existenzminimum stehen. Und er erzählt, wie wenig sie bescheid wissen. Bis vor einer Woche, hatten viele in seinem Dorf keine Ahnung, was in der welt ‘da Draussen’zur Zeit passiert. 

“Es gibt keine Fernseher und kein Radio. Also haben wir den Trommler aus alten Zeiten wieder verpflichtet.” Ein Freund Neeraj’s wurde mit schutzkleidung ausgestattet und lief so trommelnd durch die siedlungen. “Schützt euch! Wascht die Hände!” Das Problem sei nur, dass es keine Schutzmasken, keine Seife gebe, und das obwohl in dieser Krise viele Biharies aus den Hotspots der Virus Verbreitung zurückgekommen sind und schon die ersten Symptome zeigen. 

“Wir brauchen Quarantäne-Plätze, aber die Schule, die dafür vorgesehen war, ist verschlossen. Niemand kann rein und daher kann sich niemand von der Bevölkerung sich in selbst Isolation begeben.”

Neeraj wird jetzt selbst aktiv. Gemeinsam mit Freiwilligen bereiten sie nun Ställe und Schuppen als mögliche Quarantäne Stationen vor. Mit Stoffschals basteln sie sich Masken und stellen nun selbst Fluessig Seife her. 

 

Im Nachbarstaat, odissa, ebenfalls weit weg von der Zivilisation, lebt in einer Ureinwohner Kommune Sadhana, kanthari Absolventin von 2017, die mit ihrem projekt Sadhan, Frauen, die von ihren Ehemännern verprügelt werden, durch Skilltraining zu einer neuen selbstständigkeit verhilft. 

Als ich sie fragte, wie es ihr ginge, erzählte sie von den Frauen, die den virus für ein Gerücht halten. Ja, man wundere sich, dass alles zum stillstand komme, niemand mehr ein Einkommen habe. “Die Leute haben nichts mehr zu essen, aber sie bringen es nicht mit einer Erkrankung zusammen.” 

“Und wie geht es Dir?” Darauf eine lange Pause und dann meinte sie lakonisch, “ich habe hunger!”

Sadhana ist geschieden und scheinbar gelten die Rettungsmaßnahmen, jede Familie solle Grundnahrungsmittel erhalten, nicht für sie und auch nicht für Jyotshna, eine ebenfalls geschiedene kanthari Absolventin von 2013, die ein ähnliches Projekt in einer anderen Gegend gegründet hat. 

 

Kabir lebt auch in einer eher abgelegenen Gegend in Bangladesh. Das größte Problem sei hier, dass die Leute aus den Städten auf die Dörfer flüchten und das Virus so über das ganze Land verteilen. Bis vor Kurzen gab es noch keine realistische Einschätzung darüber, wie man sich schützen sollte, denn die Religiösen Führer meinten, wer gläubig sei, dem sei geholfen. Kabir kümmert sich mit seiner Organisation Oniruddah Bangladesh  um Familien mit Geistig-Behinderten Kindern und Jungen Erwachsenen. Das ist diesen Zeiten eine besondere Herausforderung, denn wie soll man ihnen erklären, dass sich die Welt gerade drastisch verändert. Viele geistig Behinderte Erwachsene haben die Angewohnheit, im Dorf herumzustreifen und mit allen ein Gespräch anzufangen. “Einsperren ist ohne es erklären zu können, nicht so einfach.”, sagt Kabir, der sich selbst zu Zeit verstärkt um seinen geistig behinderten älteren Bruder kümmert. 

 

Auch wir leben ein wenig ausserhalb der Stadt, aber macht Euch keine Sorgen, uns geht es den Umständen entsprechend noch gut. wir nutzen die Zeit mit unseren Alumni zu telefonieren und wir beobachten, wie in Zeiten der Krise mehr Menschen sich für kantharis interessieren. 

Entgegen unserer Erwartung kommen auch mehr Anmeldungen aus der ganzen Welt rein, darunter Angola, Zambia, Somalia, Pakistan, Bangladesh..

Es scheint so, als würden sich die Leute darauf besinnen, was jetzt wirklich wichtig ist. Essen, Gesundheit und Solidarität.

Tag 2

Wir haben eine globale Campagne gestartet. An jedem Tag unseres Lockdowns stellen wir einen kanthari mit einem kurzen Video auf unserer Facebook Seite vor. 

Die kantharis werden über Herausforderungen in dem entsprechenden land und über die Schwierigkeiten der spezifischen Zielgruppe sprechen. Am Ende, ganz wichtig, was können wir von der Krise lernen, was können kantharis jetzt oder auch später tun. 

Ich habe inzwischen schon mit einigen kantharis telefoniert, es ist sehr interessant, wie sie in der ganzen Welt alle mit der Gleichen Krise zu tun haben und trotzdem so unterschiedliche Erfahrungen haben und Herausforderungen meistern müssen. 

Akhilesh zum Beispiel kommt aus dem Slum in Delhi, er erzählt wie dicht die Menschen aufeinander hocken. “Social Distancing” ist ein Witz. Wenn es ausbricht, dann wird ihnen alles um die Ohren fliegen. Es gibt schon jetzt wenig Krankenhausplätze, und die Slumbewohner werden die letzten sein, die einen Platz mit Intensivstation ergattern können. Das gäbe eine Katastrophe die dann auch wiederum andere Krankheiten verursachen würde. 

Als ich die Frage stellte, was wir denn von der Krise lernen konnten, fing er an zu lachen. “Oh, die Straßen sind schön sauber. Wir konsumieren weniger, kaufen weniger ein und wir werfen weniger weg. Alles bekommt einen neuen Wert.”  Akhilesh ist Gründer von Planet Rakshak, er sorgt dafür, dass elektronische Geräte nicht so schnell entsorgt werden. Durch die Weitergabe von funktionierenden Mobiltelefonen und Laptops an Bedürftige, gibt er den Geräten, die sonst den Elektro-Berg erhöhen würden, eine längere Lebensdauer. 

Robert Malunda, ein blinder kanthari Jahrgang 2015, aus dem Slum in Bulawayo, Zimbabwe erzählt, wie man alle beschwört sich bitte ordentlich die Hände zu waschen, “Womit denn? Wir haben weder Seife noch sauberes Wasser.”

Anumuthu aus Pondicheri ist voller Sorge um die Obdachlosen. In Zeiten der Ausgangssperre geht es denen, die kein Zuhause haben besonders dreckig. Sie werden von den Polizisten verprügelt, müssen sich in Parks verstecken und bekommen, da niemand mehr auf der Straße ist und auch nichts mehr wegwirft, kaum noch etwas zu essen. 

Nach und nach werden wir von den vielen Eindrücken erfahren, 

schaut doch mal rein: www.facebook.com/kantharis

mit herzlichen Gruessen 

paul und sabriye