Tag 21 -Was gibt es zu Essen?

Siddhesh auf einem Feld

Heute ist der 21. Tag der verhängten Ausgangssperre. Und weil es so “schön friedlich” war, werden gleich 19 Tage drangehängt.

In der Zwischenzeit haben sich Tausende der Ausganssperre widersetzt und teils mit Fahrrädern, Motorrädern oder auch zu Fuß auf den langen Marsch in ihre Dörfer gemacht. Doch in den Dörfern gibt es keine Journalisten. Wir sind lediglich auf die Informationen unserer kantharis angewiesen. Und wir werden weiter berichten.
Wir werden, um kantharis zu unterstützen und um Sie über ihre Herausforderungen und Aktionen zu informieren, sowohl den Blog als auch die Facebook Video Serie weiterführen. Dabei müssen wir allerdings auch darauf achten, dass uns die Nahrungsmittel nicht ausgehen. Noch gibt es Fish im Teich, die Enten legen ein oder zwei Eier am Tag, Jack Fruit und Kokosnüsse hängen etwa zehn Meter über unseren Köpfen und wollen geerntet werden. Die Frage ist nur, von wem?

Das Gute ist, dass wir wissen, woher unsere Nahrung stammt. Das trifft leider auf die meisten Esser nicht zu.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie nachdenklich, schockiert, vielleicht auch ein wenig angewidert die Zuhörer aus dem kanthari Auditorium kamen, nachdem sie bei den im Dezember stattfindenden kanthari Talks gebannt Siddhesh‘s Abschlussrede verfolgt hatten. Es ging unter anderem um Gemüse. Da glauben wir, dass wir uns mit dem häufigen Konsum von Gemüse etwas Gutes tun, doch der Kurzfilm, den Siddhesh präsentierte, sorgte dafür, dass uns allen der Appetit verging. Es ging darum, dass Gemüsehändler die Ware vor dem Verkauf ordentlich mit Silikon Sprays einsprühen und besonders das grüne Gemüse mit Textilfarbe einfärben, um es attraktiver aussehen zu lassen. 

Siddhesh, 2019 kanthari Absolvent, ließ uns mit diesen unappetitlichen Wahrheiten nicht im Regen stehen. Er überzeugte das Publikum mit einer Lösung, die er in den letzten Monaten bereits zu einem Teil umgesetzt hat. Aber zunächst zu Siddhesh‘s Werdegang:
Siddhesh kommt aus einer Bauernfamilie. Sein Vater machte Schulden, um sowohl ihm ein technisches Studium zu ermöglichen. Doch Siddhesh wollte nicht studieren, er wollte lieber in die Landwirtschaft. Der Vater setzte sich zunächst einmal durch.

In seiner Rede stellt Siddhesh die Frage: “Warum wollen Ärzte, dass ihre Kinder ebenfalls Ärzte werden? Warum wollen Ingenieure, dass ihre Kinder in die gleichen Fußstapfen treten? Aber Bauern wollen auf keinen Fall, dass sich ihre Kinder für die Landwirtschaft interessieren.”

Obwohl Siddhesh nicht auf den Kopf gefallen ist, wurde er wie die meisten Studien Abgänger in seinem Jahrgang, arbeitslos. Er nutzte seine technische Begabung Kompostierungsmaschinen und mechanische Bewässerungssysteme zu konstruieren. “Ich wollte meinem Vater zeigen, wie sehr ich für seinen Beruf brenne.” Doch sein Vater blieb stur: “Warum wirst Du nicht Bettler! Dann würdest Du mehr als ich verdienen!”
Er kann seinen Vater verstehen. Laut einer Studie verdient ein Kleinbauer im Monat durchschnittlich 5000 Rupien, das sind umgerechnet ungefähr 65 US$. Die meisten indischen Kleinbauern sind aufgrund von misslungenen Ernten hoch verschuldet und alle 30 Minuten begeht ein Bauer Selbstmord.

Siddhesh gibt der subventionierten industriellen Landwirtschaft die Schuld. Er Sammelte Bodenproben aus seinem Dorf und ließ sie testen. Der Boden war vollkommen vergiftet. “Keine Pilzsporen, keine Mikroben, tote Erde. Es ist kein Wunder, dass die Ernten jedes Jahr schlechter ausfallen.”
Und obwohl sein Vater ihm Hausverbot erteilt hat, ging er nach dem kanthari Programm wieder in sein Dorf zurück. Er mietete sich eine Hütte, in der er jetzt lebt und er startete seine Organisation Agro Rangers.
Wie Lawrence aus Nigeria und Neeraj aus Bihar/Indien, möchte auch Siddhesh die jungen Leute aus seinem Dorf für eine neue, umweltfreundliche Landwirtschaft begeistern. Darüber hinaus entwickelte er das Konzept “Family Farmer”.

Ein “Family Farmer” ist so etwas wie in Europa der Hausarzt. Es geht dabei um Kleinbauern, die nicht viel Land besitzen, aber durch entsprechenden Methoden hochwertiges Biogemüse für etwa 40 Familien anbauen können. Die Familien bezahlen einen monatlichen günstigen Festsatz und nehmen ab, was gerade geerntet wird. Damit können sich die Kunden sicher sein, dass ihr Gemüse nicht aus einer Färbeanlage kommt und die Kleinbauern sind finanziell abgesichert, ohne sich wegen Pestizide und behandeltes Saatgut in Unkosten zu stürzen.
Um Bioanbau gewinnträchtig zu betreiben, bedarf es allerdings eine Vorbereitungszeit von einigen Jahren. Siddhesh hat nicht lange gewartet. Er fing sofort im Januar an, eine Modell Farm mit Kompostierungsanlage, und Wasserauffangbecken einzurichten. Heute nutzt er die Corona Ausgangssperre, um gelangweilte Jugendliche davon zu überzeugen, dass Landwirtschaft Spaßmachen kann. Früh morgens geht’s zur Farm, dort arbeiten sie gemeinsam den ganzen Tag und abends, bringen sie ihre Ernte zu den Familien ins Dorf.

Siddhesh hat für die Zukunft große Pläne. Gemeinsam mit seinen jugendlichen Mitstreitern, wollen sie nun Schritt für Schritt das gesamte Dorf zu einem landwirtschaftlichen Modelprojekt gestalten.
“Ich sehe es vor mir. Wenn es weitergeht und meine Leute nicht doch auf andere Gedanken kommen, dann haben wir hier Felder mit verschiedensten Gemüsesorten in Mitten von Obst und Nussbäumen. Wir haben Fischteiche und Kühe für den Dünger. Jedes Haus wird eine eigene Ecosan Toilette bekommen, auch werden wir Biogas Anlagen installieren. Selbstversorger und Kleinbauern werden bei solchen Krisen überleben.”
“Und Dein Vater? was sagt der dazu?” möchte ich wissen. Ich höre ihn schlucken.
“Er weiß nichts. Vielleicht weiß er noch nicht einmal, dass ich in der Nähe bin.”

Tag 18 – „Ohne Wasser, keine Landwirtschaft. Ohne Bauern, keine Nahrung.“

John Mwangi, 2016 kanthari, wuchs in Kibera, einem der größten Slums Nairobis auf. Seine Familie hatte sich dort mit Eltern und acht Geschwistern, eine Blechhütte geteilt.

Der Vater erzählte den Kindern oft, wie die Familie in den Slum geraten war. Sie kamen aus einer sehr Fruchtbaren und wasserhaltigen Gegend. Die Fruchtbare Erde zog die Kolonialisten an und verdrängten Johns Vorfahren in die Wälder. Der Großvater hatte sich den Maumau Kämpfern angeschlossen. Doch irgendwann musste die Familie fliehen und so landeten sie wie viele unfreiwillig in den hoffnungslos überfüllten Randbezirken Nairobis.

John erinnert sich: “Diskriminierung in der Schule, Platzmangel zu Hause, alles erträglich, aber ich konnte als Kind nicht aufhören, an Essen zu denken.”

Als Teenager interessierte er sich aus naheliegenden Gründen für die Herstellung von Nahrung und in diesem Zusammenhang für Kompostierung.

Er sammelte organische Abfälle und die daraus entstehende Erde verkaufte er an Schulen und reichere Leute, die über Stadtgärten verfügen. Seine “Kompostierungsfabrik” wurde ein Erfolg und er bekam ein Stück Land, gleich neben dem Flughafen. Es war eine alte Müllkippe. Das Projekt wurde aber schnell verboten, denn die Abfälle, die er sammelte, zogen riesige Vögel an, die schließlich beinahe den Flugverkehr lahmlegten.

Später zog es ihn zurück auf das Land seiner Vorfahren, wo er gegen Großkonzerne für gerechte Wasserverteilung und für den Schutz von Kleinbauern kämpft.

Bis jetzt schien das ein etwas aussichtsloser Kampf, doch in diesen Wochen hat sich etwas Entscheidendes geändert: während nämlich die landwirtschaftlichen Massenbetriebe auf ihren für Europa bestimmten Blumen sitzen bleiben, haben seine Kleinbauern immer noch ein angemessenes Auskommen.

Tag 17 – Sinn

Vor acht Jahren hatten wir im kanthari Institut eine lebhafte Diskussion über das Thema “was ist sinnvolle Arbeit?”
Da viele unserer Absolventen nach dem kanthari Programm ihre eigenen Trainingsprogramme und Schulungszentren für ganz spezifische Zielgruppen einrichten, stellen sich viele die Frage, was für ein Training ist wirklich sinnvoll und nachhaltig. Wie kann ich Jugendliche aus dem Slum davon überzeugen, dass Fashion design “cooler” sei als Drogenverkauf. Und, können Frauen in Armutsvierteln durch die Herstellung von Schmuck wirklich überleben? Saar Moses, ein Friedensaktivist aus Sierra Leone, wurde richtig wütend: “Wir können es uns in Krisenzeiten nicht leisten, bunte Armkettchen aufzuziehen! und wer braucht schon Fashion, wenn geschossen wird?”

Saar hatte als Junge einen 14-jährigen brutalen Bürgerkrieg überlebt. Und, das ahnte er damals nicht, würde wenige Jahre später in Mitten der Ebola Krise als Nothelfer aktiv werden. Doch es war Lawrence, ein junger, eher schweigsamer Nigerianer, der unseren Blick auf Arbeit vollkommen veränderte.

Lawrence kommt aus einer eher abgelegenen Gegend Nigerias. Er war einer der ersten in seinem Dorf, der aufgrund guter Schulnoten zur Universität in Ota, zugelassen wurde. Das Studium beendete er mit Auszeichnung und seine gesamte Familie setzte darauf, dass Lawrence in einer Bank oder in einer Firma einen hochdotierten Job bekommen würde. Die Aussichten waren trotz hoher Arbeitslosigkeit selbst unter Studienabgängern für ihn recht gut. Daher war die Enttäuschung groß, als er plötzlich wieder in seinem Dorf auftauchte und verkündete, er wolle lieber Bauer werden. Und nicht nur das, er wolle andere Jugendliche davon überzeugen, keine Arbeit in der Stadt zu suchen. Er nahm sich einige vernachlässigte, brachliegende Felder vor und arbeitete von morgens bis spät in die Nacht. Zum Missfallen der Dorfbevölkerung, schlossen sich mehr und mehr Jugendliche Lawrence an.

nachdem er im Jahr 2012 das kanthari Programm abgeschlossen hatte, startete er Springboard (Sprungbrett), eine Organisation, die sich zum Ziel setzt, Landwirtschaft für arbeitssuchende Jugendliche attraktiv zu machen. Bei seiner Landwirtschaft geht es darum, nicht gegen die Natur zu arbeiten. Daher entwickelte er ein Trainingsprogram für Bioanbau.

Bis heute hat er 3450 jugendliche zu Bio Bauern ausgebildet. Und jetzt, während der Corona Krise verstehen die Dörfler endlich, wie wichtig Bauern sind und immer schon waren.

“Nur das wir jetzt vor einem Problem stehen. Aufgrund der Ausgangssperre gibt es kaum Helfer auf den Feldern und das in mitten der Pflanzsaison.”

Tag 7 – Krieg in Zeiten der Corona (Teil 1)

Wenn wir an kantharis in Krisen denken, erinnern wir uns zunächst einmal an Stürme in Odissa, Fluten in Kerala, Erdbeben in Nepal oder auch an Kriege, und hier besonders an den von der Welt fast unsichtbaren Bürgerkrieg in Cameroon.

Es ist ein über Jahre schwelender Krieg zwischen der französisch und der englischsprachigen Bevölkerung. Die 7 kantharis aus Cameroon gehören der englischsprachigen Minderheit an. Sie und ihre Familien erlebten Vertreibung, Gewalt und Mord.

und heute?

Durch Telefonate und Chats versuche wir uns ein Bild von Cameroon in der neuen Krisensituation zu machen. Und wir sind überrascht von den gutgelaunten Reaktionen:

“things calmed down.” “We are safe.”, “We found another enemy!”

Einer der kantharis schickte uns eine kleine Video Botschaft, die auf unserer Facebook Seite zu sehen ist.

Teh Francis, 2016 kanthari Absolvent, ist Gründer von enkindle cameroon. Er war einer der ersten, die micro Kredite für Frauen nach Cameroon brachte, er ist aber inzwischen eher kritisch. Mittlerweile hat er “Table banking” eingeführt, das ist eine Methode, mit der Frauen durch Eigenbeiträge sich selbst eine finanzielle Basis schaffen können und nicht von externen Kreditgebern abhängig werden. Zudem entwickelte er eine Business Schule für Frauen, die weder lesen noch Schreiben können.
All diese Initiativen kamen durch den Bürgerkrieg zum Zeitweiligen Stillstand.

“Yes, a lot of evel things are happening here, however, we are safe now.” Der brutale Bürgerkrieg habe sich in den letzten Wochen und Monaten spürbar beruhigt. Jetzt habe man einen gemeinsamen neuen Feind, den Corona Virus.

Teh Francis sorgt nun dafür, dass seine vielen Projekte erneut anlaufen. Business und Computer Kurse für Frauen, und, während Schulen auf der ganzen Welt geschlossen werden, denkt er nun darüber nach, Kinder nach drei Jahren Krieg zum ersten Mal wieder zu unterrichten.

Schule ist auch ein Thema für Marlyse, ebenfalls aus dem englischsprachigen Teil Cameroons. Sie absolvierte kanthari in 2018. Marlyse gründete Wokomé, eine Sommerakademie für Kinder, die aufgrund von überfüllten Klassenzimmern und nicht relevantem Unterricht die Lust am Lernen verloren haben. Durch alternative Aktionen, durch Exkursionen und Experimente, möchte sie die Kinder dazu motivieren, selbstständig zu lernen. Wie wir alle jetzt erfahren können, ist Das Selbstständige Lernen eine Fähigkeit, die während wochenlanger Ausgangssperren, ob in Kriegs- oder Corona Zeiten, wichtig wird. Als ich mit Marlyse telefonierte, begab sie sich gerade in Selbst-isolation. Diesmal aber nicht aus Angst vor Gewalt, sondern aus Freiwilliger Einsicht, sich und andere zu schützen.

Tag 6 – Und wie geht es den Kindern?

Kinder sind direkt von der Viruserkrankung am wenigsten betroffen. Allerdings werden besonders Kinder ohne Angehörige von den Konsequenzen der 21tägigen Ausgangssperre am meisten spüren.

Es geht hier um die vielen restlos überfüllten Kinderheime, besonders in Odissa.

Gouri Shankar Mishra, kanthari Absolvent von 2015, gründete, An-Anya, eine Organisation, die sich gegen Kinderarbeit und für Kinderrechte stark macht. Gouri ist bei einigen Behörden gefürchtet, wird aber von den meisten sehr geschätzt. Er geht durch Internatsschulen und Kinderheime und deckt Missstände auf. In der Vergangenheit hat er einige Lehrer wegen nachgewiesenem sexuellen Missbrauchs ins Gefängnis gebracht. Und in diesen Tagen hat er sich aufgemacht, um die Heimsituation in Zeiten der Corona Krise offenzulegen.

Da viele Kinderheime von privaten Trägern verwaltet werden und sie durch die Anzahl der Kinder Profite machen, gibt es auf einen Platz mindestens zwei Kinder. Die Haelfte der Kinder ist aber nicht offiziell registriert und das bedeuetet, dass das Heim von der Regierung fuer die nicht-registrierten keine Nahrungszulagen bekommt. Viele der Heime wurden bisher von lokalen Anwohnern mitversorgt. Die Extra (Sach-)Spenden bleiben allerdings jetzt aufgrund der Ausgangsperre aus. Die Preise für Reis, Linsen, Kartoffeln und Zwiebeln schnellen in diesen Tagen in die Höhe. Die meisten Heime haben keine Seifen und keine Desinfektionsmittel mehr und die Betten der Kinder, die eigentlich einen Meter voneinander getrennt stehen müssten, stehen aus Platzmangel dicht gedrängt. Das große Problem ist, dass die Mitarbeiter in den Heimen trotz der Ausgangssperre jeden Tag von zu Hause zur Arbeit kommen und nach ihrer Schicht wieder gehen. Auch so kann der Virus verbreitet werden.

“Und was können wir als kantharis tun?” Frage ich Gouri am Telefon. Seine Antwort: “Wir sind diejenigen, die den Kindern in den Heimen eine Stimme geben müssen. Wir dürfen uns nicht davor scheuen, Zustände zu benennen. Jetzt ist die Zeit, in der wir uns alle gezwungen sehen sollten, etwas zum Guten zu verändern.”

Tag 5 – Und wer freut sich?

Wenn wir nicht besser wüssten, würde man denken, man sei irgendwo abgeschieden im Dschungel. Grillen, Frösche, Vögel aller Art, keine Eisenbahn in der Nacht, kein Straßenverkehr, keine Flugzeuge. Wenn ich mit kantharis, Freunden oder Familienangehörigen telefoniere, höre ich immer wieder begeisterte Ausrufe: “der Himmel war noch nie so blau und die Flüsse noch nie so klar!”

Einige unserer kantharis sind Umweltaktivisten und können der Corona Zeit einiges abgewinnen.

Ragunath, kanthari Absolvent von 2019, ist einer derjenigen, der den Ernst der Situation zwar erkennt, aber trotzdem nicht müde wird zu betonen, dass jetzt die Wälder endlich einmal Pause haben. Kein Straßenbau, keine Kettensägen.

Ragunath kommt aus Tamil Nadu, einem Nachbarstaat Keralas. Er hat eine ziemlich wilde Vergangenheit hinter sich, die ich hier kurz umschreiben möchte. Als Kind wuchs er mit seinen Großeltern in einem abgelegenen Dorf auf, er lebte mitten im Wald. Dann kamen Fabriken und

Irgendwann musste die Familie in die laute und stinkende Stadt umziehen. Seitdem ist er auf der Jagd nach unverbrauchter, frischer Luft.

Der Kino Film Titanic und sein Verlangen, endlich einmal wieder durchatmen zu können, ließ ihn auf einem Fracht Schiff anheuern. 10 Jahre fuhr er zur See. Das Problem war nur, dass er als Techniker hauptsächlich in mitten stinkender Dämpfe des Maschinenraums zu tun hatte. “Fresh air? No way!”

Trotzdem hat er das Leben in kleiner Gesellschaft sehr genossen. Und erst wenn man ihn nach seinen Seefahrergeschichten ausfragt, sagt er, fast so nebenbei: “Well, yes, it was quite dangerous sometimes.” Dann erzählt er von Stürmen, Piraten-Attacken, Feuer auf engstem Raum und schließlich von einem dreimonatigen Schiffs-Arrest in einer Flussmündung in Nigeria. Sie waren nur zu fünft, die Kapitäne wurden freundlicherweise ausgeflogen. Es gab kaum zu Essen, kaum frisches Wasser. Alle hatten Malaria und da hatte er bald genug.

Wieder zu Hause in Tamil Nadu ging es weiter auf der Jagd nach frischer Luft und er entwickelte zwei Große Leidenschaften, Wald und Fahrradfahren. Heute kämpft er gegen Abholzung und er freut sich für die Bäume, die sich während der 21 tägigen Ausgangssperre ein bisschen erholen können. Eigentlich wollte er genau in dieser Zeit mit dem Fahrrad durch ganz Indien fahren. “From Kashmir to kanthari!”, 5000 km in 45 Tagen, vom Norden ganz in den Süden Indiens. Er wollte von einer Schule zur nächsten ziehen, um gemeinsam mit Schülern auf dem Weg tausende Bäume zu pflanzen. “And what do we learn from this crisis?” Er lacht etwas trocken: “Haltet mal alle die Luft an und ihr werdet merken wie gut es tut, frei durchatmen zu können …”

Tag 4 – Risikopatienten

Überall spricht man von besonders gefährdeten Risiko Patienten. Viele unserer kantharis weltweit arbeiten genau mit dieser Zielgruppe. 

Da ist zum Beispiel Henry, ein kanthari Absolvent von 2017 aus Kenia. Er ist Gründer von Kick-start-Kilifi, ein alternatives Ausbildungszentrum für die vielen Jugendlichen, die aus Armutsgründen die Schule verlassen müssen. 

Die Region Kilifi wird laut Henry auch das Armenhaus Kenias genannt. Da wo es Armut gibt, gibt es auch Krankheiten. Besonders stark verbreitet ist hier die Tuberkulose, eine Krankheit, die man medizinisch sehr gut im Griff haben könnte. Aber, so Henry: “Poverty doesn’t sell!” (Armut verkauft sich nicht). Die TB macht einen Menschen auch zum Risiko-patienten in Zeiten der Corona. Henry ist selbst an Tuberkulose erkrankt und fürchtet nun, dass ein durch die TB geschwächtes Immunsystem, dem Corona Virus nicht viel entgegenzusetzen hat. Henry gehört zu den wenigen Gebildeten in seinem Umkreis, der sich eine ärztliche Behandlung leisten kann und gut darüber bescheid weiß, wie wichtig es ist, die TB Behandlung bis zum Ende durchzuführen. Aber viele andere sterben, auch viele junge Leute. 

2018 sind weltweit 1,5 Millionen Menschen an TB gestorben. “Die meisten Menschen wissen das nicht, oder wollen es nicht wissen, denn wir haben keine Lobby.”, sagt Henry resigniert. “Wenn der Corona Virus nach Kilifi kommt, könnte es ein Massensterben verursachen.”

Aber der Virus IST bereits in Kilifi eingetroffen. Ein Politiker kam gerade aus Deutschland, wurde von den Behörden in Nairobi verpflichtet, sich für 2 Wochen pro-Forma in Quarantäne zu begeben. Was sie nicht wussten, er hatte den Virus mitgebracht. Doch statt einer Vorsichtsmaßnahme, machte er Wiedersehens parties, schüttelte Hände und sorgte so dafür, dass sich Corona auch in Kilifi breitmacht. Henry unterhält zum Glück ein Großes Netzwerk. Die Bevölkerung respektiert ihn als jemanden, der es geschafft hat, sich trotz schlechtester Ausgangsbedingungen, zu bilden, und dennoch alles dafür tut, um Armut zu bekämpfen. Er macht momentan so gut wie er kann, Informations Kampagnen, um dafür zu sorgen, dass sich der Hotspott Kilifi nicht zu sehr aufheizt. 

Wenn man sich die Situation in Kilifi vor Augen hält, können wir froh sein, dass das Gesundheitssystem in Kerala so gut funktioniert. Dennoch war Kerala als erster indischer Staat betroffen. Das liegt auch an der hohen Bildungsrate, viele studieren oder arbeiten im Ausland und bringen samt Einkommen und Bildung auch Corona mit. Heute gab es den ersten Todesfall. Wir drücken die Daumen, dass die Rate in Kerala und ganz Indien weiterhin überschaubar bleibt, machen uns allerdings Sorgen um die Genauigkeit der landesweiten Statistiken. 

Viele kantharis in anderen Staaten kennen Menschen mit starken Symptomen, es gibt aber kaum Testmöglichkeiten. Diejenigen, die auf dem Land leben, müssen, um sich testen zu lassen, in die Großstädte reisen. Das können sich nur die wenigsten leisten und da kann man sich vorstellen, was noch auf Indien zukommen könnte.

Tag 3 – Lockedown in Indien

Die große Frage, die hier in Indien ihre runde macht, wie funktioniert eine totale Ausgangssperre in den Dörfern, in abgelegenen Gegenden, da wo die Menschen für ihre täglichen Bedürfnisse fuer jeden Toilettengang aus der Hütte müssen. Einige unserer kantharis leben und arbeiten in den gebieten, die in Zeiten wie diesen, aus derSicht geraten. 

Neeraj, kanthari Absolvent von 2016, lebt in Bihar, einem der ärmsten Staaten Indiens. Er gründete Khetee, eine Selbstversorger Landwirtschafts Kommune. “Wir hätten genug zu essen, aber wir dürfen nicht auf die Felder, um zu ernten und wir dürfen auch unsere Tiere nicht versorgen!” 

Er erzählt, wie offiezielle auf Dorfbewohner, die sich der Ausgangssperre widersetzen, Jagd machen. “Man kann Dörfler nicht in Hütten einsperren. Wir könnten uns aber schützen, wenn man uns die Möglichkeit gäbe, uns selbst zu versorgen.” 

Neeraj erzählt, wie viele tagesloehner aus seiner Region nun am existenzminimum stehen. Und er erzählt, wie wenig sie bescheid wissen. Bis vor einer Woche, hatten viele in seinem Dorf keine Ahnung, was in der welt ‘da Draussen’zur Zeit passiert. 

“Es gibt keine Fernseher und kein Radio. Also haben wir den Trommler aus alten Zeiten wieder verpflichtet.” Ein Freund Neeraj’s wurde mit schutzkleidung ausgestattet und lief so trommelnd durch die siedlungen. “Schützt euch! Wascht die Hände!” Das Problem sei nur, dass es keine Schutzmasken, keine Seife gebe, und das obwohl in dieser Krise viele Biharies aus den Hotspots der Virus Verbreitung zurückgekommen sind und schon die ersten Symptome zeigen. 

“Wir brauchen Quarantäne-Plätze, aber die Schule, die dafür vorgesehen war, ist verschlossen. Niemand kann rein und daher kann sich niemand von der Bevölkerung sich in selbst Isolation begeben.”

Neeraj wird jetzt selbst aktiv. Gemeinsam mit Freiwilligen bereiten sie nun Ställe und Schuppen als mögliche Quarantäne Stationen vor. Mit Stoffschals basteln sie sich Masken und stellen nun selbst Fluessig Seife her. 

 

Im Nachbarstaat, odissa, ebenfalls weit weg von der Zivilisation, lebt in einer Ureinwohner Kommune Sadhana, kanthari Absolventin von 2017, die mit ihrem projekt Sadhan, Frauen, die von ihren Ehemännern verprügelt werden, durch Skilltraining zu einer neuen selbstständigkeit verhilft. 

Als ich sie fragte, wie es ihr ginge, erzählte sie von den Frauen, die den virus für ein Gerücht halten. Ja, man wundere sich, dass alles zum stillstand komme, niemand mehr ein Einkommen habe. “Die Leute haben nichts mehr zu essen, aber sie bringen es nicht mit einer Erkrankung zusammen.” 

“Und wie geht es Dir?” Darauf eine lange Pause und dann meinte sie lakonisch, “ich habe hunger!”

Sadhana ist geschieden und scheinbar gelten die Rettungsmaßnahmen, jede Familie solle Grundnahrungsmittel erhalten, nicht für sie und auch nicht für Jyotshna, eine ebenfalls geschiedene kanthari Absolventin von 2013, die ein ähnliches Projekt in einer anderen Gegend gegründet hat. 

 

Kabir lebt auch in einer eher abgelegenen Gegend in Bangladesh. Das größte Problem sei hier, dass die Leute aus den Städten auf die Dörfer flüchten und das Virus so über das ganze Land verteilen. Bis vor Kurzen gab es noch keine realistische Einschätzung darüber, wie man sich schützen sollte, denn die Religiösen Führer meinten, wer gläubig sei, dem sei geholfen. Kabir kümmert sich mit seiner Organisation Oniruddah Bangladesh  um Familien mit Geistig-Behinderten Kindern und Jungen Erwachsenen. Das ist diesen Zeiten eine besondere Herausforderung, denn wie soll man ihnen erklären, dass sich die Welt gerade drastisch verändert. Viele geistig Behinderte Erwachsene haben die Angewohnheit, im Dorf herumzustreifen und mit allen ein Gespräch anzufangen. “Einsperren ist ohne es erklären zu können, nicht so einfach.”, sagt Kabir, der sich selbst zu Zeit verstärkt um seinen geistig behinderten älteren Bruder kümmert. 

 

Auch wir leben ein wenig ausserhalb der Stadt, aber macht Euch keine Sorgen, uns geht es den Umständen entsprechend noch gut. wir nutzen die Zeit mit unseren Alumni zu telefonieren und wir beobachten, wie in Zeiten der Krise mehr Menschen sich für kantharis interessieren. 

Entgegen unserer Erwartung kommen auch mehr Anmeldungen aus der ganzen Welt rein, darunter Angola, Zambia, Somalia, Pakistan, Bangladesh..

Es scheint so, als würden sich die Leute darauf besinnen, was jetzt wirklich wichtig ist. Essen, Gesundheit und Solidarität.

Tag 2

Wir haben eine globale Campagne gestartet. An jedem Tag unseres Lockdowns stellen wir einen kanthari mit einem kurzen Video auf unserer Facebook Seite vor. 

Die kantharis werden über Herausforderungen in dem entsprechenden land und über die Schwierigkeiten der spezifischen Zielgruppe sprechen. Am Ende, ganz wichtig, was können wir von der Krise lernen, was können kantharis jetzt oder auch später tun. 

Ich habe inzwischen schon mit einigen kantharis telefoniert, es ist sehr interessant, wie sie in der ganzen Welt alle mit der Gleichen Krise zu tun haben und trotzdem so unterschiedliche Erfahrungen haben und Herausforderungen meistern müssen. 

Akhilesh zum Beispiel kommt aus dem Slum in Delhi, er erzählt wie dicht die Menschen aufeinander hocken. “Social Distancing” ist ein Witz. Wenn es ausbricht, dann wird ihnen alles um die Ohren fliegen. Es gibt schon jetzt wenig Krankenhausplätze, und die Slumbewohner werden die letzten sein, die einen Platz mit Intensivstation ergattern können. Das gäbe eine Katastrophe die dann auch wiederum andere Krankheiten verursachen würde. 

Als ich die Frage stellte, was wir denn von der Krise lernen konnten, fing er an zu lachen. “Oh, die Straßen sind schön sauber. Wir konsumieren weniger, kaufen weniger ein und wir werfen weniger weg. Alles bekommt einen neuen Wert.”  Akhilesh ist Gründer von Planet Rakshak, er sorgt dafür, dass elektronische Geräte nicht so schnell entsorgt werden. Durch die Weitergabe von funktionierenden Mobiltelefonen und Laptops an Bedürftige, gibt er den Geräten, die sonst den Elektro-Berg erhöhen würden, eine längere Lebensdauer. 

Robert Malunda, ein blinder kanthari Jahrgang 2015, aus dem Slum in Bulawayo, Zimbabwe erzählt, wie man alle beschwört sich bitte ordentlich die Hände zu waschen, “Womit denn? Wir haben weder Seife noch sauberes Wasser.”

Anumuthu aus Pondicheri ist voller Sorge um die Obdachlosen. In Zeiten der Ausgangssperre geht es denen, die kein Zuhause haben besonders dreckig. Sie werden von den Polizisten verprügelt, müssen sich in Parks verstecken und bekommen, da niemand mehr auf der Straße ist und auch nichts mehr wegwirft, kaum noch etwas zu essen. 

Nach und nach werden wir von den vielen Eindrücken erfahren, 

schaut doch mal rein: www.facebook.com/kantharis

mit herzlichen Gruessen 

paul und sabriye

Tag 1

Heute ist der erste Tag von 21 Tagen Lockdown. Bisher waren wir unter der Kontrolle des Keralianischen Staates. Wir hatten das Gefühl, dass die hiesige Regierung alles ziemlich gut in der Hand hat. Am vergangenen Montag wurde ein einwöchiger Lockdown beschlossen und wir haben alle unsere Kollegen, die nach Hause gehen konnten, nach Hause geschickt. 

Dann kam plötzlich eine Entscheidung aus Delhi: sofort 21 Tage komplett Lockdown für ganz Indien. Das bedeutet, keiner darf mehr raus. 21 Tage im Haus. Wir hatten uns zwar gut für einen eventuellen Lockdown vorbereitet und eingedeckt, aber nicht für 21 Tage. 

Jetzt stellt Euch mal Folgendes vor: Ein ganzes Land verpflichet 1,3 Milliarden Menschen Zuhause zu bleiben. Ungefaehr 170 millionen Menschen in Indien leben von weniger als 130 Rupien, also ein 1,50 Euro am Tag. Sie leben von der Hand in den Mund und sind auf tägliche Arbeit angewiesen. All diese Menschen brauchen etwas zu essen. Es ist noch nicht klar, wie die Regierung Grundnahrungsmittel an Bedürftige verteilen will.  

Da es keine Warnung gab, gibt es eine realistische Gefahr, dass viele der Aermsten eher an Hunger als am Virus sterben. Da kann es irgendwann natürlich auch zu Konflikten kommen. 

Es könnte sein, dass Leute oder Institutionen irgendwann von hungrigen Leuten ausgeraubt werden. Man kann es niemanden verübeln. In Thailand gab es bereits einige solche Fälle. Eine kanthari Absolventin aus Thailand, schrieb uns, dass dort die Militär Regierung drastische Maßnahmen nimmt, da die Kriminalisierungsrate bereits gestiegen sei. Und das führt natürlich zu mehr Unsicherheit. 

Mit herzlichen Grüssen

paul und sabriye