Vom Mitleid zur Empathie

Josephine Malan
2022 kanthari Teilnehmerin aus den Philippinen

Sympathie und Mitleid hatte ich für Blinde. Jetzt nicht mehr.

Ich wuchs in einer Mittelklassefamilie in Iloilo City auf. Da ich das einzige Mädchen unter fünf Geschwistern war, wurde ich von meinen Eltern verwöhnt. Meine Familie ist alles für mich. Der Tod meines Vaters, als ich noch auf dem College war, stellte unser Leben auf den Kopf. Ich musste meinen Traum, Ingenieurin zu werden, aufgeben, um mich um meine Familie zu kümmern. Aufgrund einer Krankheit, verstarb auch meine Mutter einige Jahre später. Damit blieb ich allein in unserem Haus zurück. Ich fühlte mich verloren. Mein Lebensziel war verbannt.

Ich arbeitete fast 32 Jahre lang weiter, um meine Geschwister zu unterstützen. Der Alltag langweilte mich so sehr, dass ich beschloss, einen Weihnachtsurlaub bei meinem Bruder und seiner Familie zu verbringen, die nach Manila gezogen waren.

Blindheit als grosse Belastung

Als ich dort ankam, wurde ich mit einer traurigen Nachricht empfangen. JM, mein Neffe, erblindete als er 15 Jahre alt war. Ich war fassungslos und konnte keine Worte finden, um JM zu beruhigen. Ich fragte meinen Bruder neugierig, warum er mich nicht über JMs Zustand informiert hatte. Er sagte: “Ich wusste nicht, wie ich es erklären sollte, und es würde deinen Kummer nur noch vergrößern.”

Ich war verwirrt über die Einrichtung ihres Hauses. Die scharfen Kanten der Möbel waren mit Schaumstoff abgedeckt und der Flur war leer. Als ich mich danach erkundigte, erklärte mein Bruder, dass JM immer gegen Möbel stieß, wenn er herumlief, und sich blaue Flecken holte.
Ich war erschüttert, als mein Bruder mir erklärte, wie JM einen Selbstmordversuch unternahm, als er merkte, dass er nicht mehr sehen konnte. Mein Bruder sagte, dass er einen gut bezahlten Job im Ausland ablehnen musste, weil er JM nicht verlassen konnte.

Lorena und das Future Vision

Später erfuhr ich, dass Lorena, eine blinde 2013 kanthari Alumni und Gründerin von Future Vision (einer Organisation für Blinde), an meinen Bruder herangetreten war. Sie wollte JM davon überzeugen, an ihrem Projekt teilzunehmen. Es brauchte viel Überzeugungsarbeit, bis er zustimmte. Lorena erzählte JM von ihren Erfolgsgeschichten, bis er sich entschloss, es zu versuchen.

Von diesem Tag an begleitete ich JM zu Future Vision. Dort lernte ich Lorena kennen, die meine Sicht auf blinde Menschen oder besser gesagt mein Leben veränderte. Ich unterhielt mich mit ihr und erfuhr von all den Schwierigkeiten, die sie durchmachen musste, um dorthin zu gelangen, wo sie jetzt ist. Ich war beeindruckt, als sie mir erzählte, dass sie allein in verschiedene Länder gereist ist. Die Art und Weise, wie sie ein unabhängiges Leben führte, und ihr Selbstvertrauen veränderten meine Wahrnehmung von Blinden völlig.

Blindenschrift, weisse Stöcke, Laptops und Mobiltelefone

Bei meinen häufigen Besuchen bei Future Vision beobachtete ich die Aktivitäten der Organisation. Ich war erstaunt, als ich die Blindenschrift kennenlernte und erfuhr, wie sich Blinde mit weißen Stöcken selbständig fortbewegen können. Ich beobachtete amüsiert, wie die blinden Kinder ihre Laptops und Mobiltelefone benutzten.

Ich erfuhr, dass die Kinder in Mathematik Schwierigkeiten hatten, und beschloss daher, als Freiwillige bei Future Vision mitzuarbeiten. Ich half ihnen bei Mathematik und taktilem Lernen. Das war keine leichte Aufgabe. Ich musste die Art und Weise, wie ich kommunizierte verlernen und neu lernen. Ich musste verbal beschreiben, was ich sah. Ich bastelte verschiedene geometrische Formen mit Garn, um ihnen Geometrie beizubringen.

"Ich habe bestanden"

Eines Abends kamen ein paar Kinder auf mich zu und umarmten mich. Eines von ihnen rief aus: “Ich habe meine Matheprüfung bestanden! Danke, Tita!” Ich war überglücklich und zu Tränen gerührt. Bald darauf begann ich, Kinder in verschiedenen Sportarten wie Goalball und Schach zu unterrichten. Ohne es zu wissen, wurde ich von der Vision von Future Vision gefesselt.

Ich wurde Zeuge, wie Future Vision das Leben von JM und anderen blinden Kindern veränderte. Ich sah, wie JM sein Selbstvertrauen zurückgewann. Er bewegte sich unabhängig, mischte sich fröhlich unter seine Freunde und Verwandten und wurde zum Entertainer der Familie. Er schloss seine Schulausbildung ab und schrieb sich am College ein. Heute ist er Radiomoderator und Präsident der Organisation für Menschen mit Behinderungen, die mehr als 500 Mitglieder hat.


Ich habe festgestellt, dass es auf der Insel, wo ich geboren und aufgewachsen bin, viele blinde Menschen gibt, die vor Herausforderungen stehen. Die Erfahrung, wie eine Organisation das Leben von Blinden verändern kann, hat mich dazu inspiriert, das Modell des Future Vision Home in Iloilo City zu übernehmen. Und jetzt kann ich sagen, dass ich mein verlorenes Ziel wieder gefunden habe.

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