Von Tennisbällen und Kraftquellen

Sabriye Tenberken
Co-Gründerin von kanthari

Der englische Begriff “Survivor” (Überlebender) wird meines Erachtens zu oft, zu leichtfertig verwendet. Heutzutage ist jeder ein “Survivor”, der in irgendeiner Weise ein Ereignis, eine Erkältung überwunden und manchmal auch nur ein Examen bestanden hat. Während wir diese Begrifflichkeiten scheinbar mühelos in unsere tägliche Kommunikation einbauen, verlieren wir nicht selten die notwendige Achtung. Vor dem eigentlichen Begriff und vor all dem, was dahintersteht: ein Lebender, der dem scheinbar sicheren Tod trotzt.

Die DNA des kanthari Auswahlverfahrens bringt es mit sich, dass wir hier mit überdurchschnittlich vielen wirklichen Überlebenden arbeiten dürfen. Einige der Teilnehmer stammen aus Kriegsgebieten, wurden als Kind entführt oder mussten Folter aushalten. Viele waren traumatisiert. Aber alle, die für das kanthari Programm ausgewählt werden, müssen ihr Trauma überwunden haben. Um diese Menschen zu finden, haben wir ein sehr ausgefeiltes Auswahlverfahren entwickelt. Die Kandidaten gehen durch einen Sieben-Stufen-Prozess. Sie müssen schriftlich Informationen zu ihrem Projektvorhaben darlegen, sie werden in Interviews auf ihre intrinsische Motivation hin abgeklopft und sie werden von geschulten internationalen Psychologen auf ihre Widerstandskraft hin untersucht. Daher handelt es sich bei den Ausgewählten Teilnehmern um meist überdurchschnittlich starke Persönlichkeiten. Ihnen geht es, mehr als dem selbst ernannten “Survivor”, darum, etwas in der Welt zu verändern. Sie tun dies nicht, um sich selbst ein Denkmal zu setzen. Sie handeln aus existenzieller Notwendigkeit heraus, aus einem intrinsischen Bedürfnis, die Gesellschaft oder gewisse Zustände zu verbessern.

Precious aus Simbabwe

Eine dieser Überlebenden ist Precious. Precious kommt aus Simbabwe. Durch den gewaltsamen Tod ihrer älteren Schwester, wurde sie sehr früh im Leben Pflegemutter. Sie ist Mutter zweier eigener Kinder, die schon in jungen Jahren Entwürdigung und Demütigung miterleben mussten. Ausserdem ist Precious Freundin und Mentorin vieler Frauen, die ihr Schicksal teilen aber nie den Mut hatten, aus ihren Erfahrungen Schlüsse zu ziehen. Precious hat gelernt, ihre eigene Geschichte als Kraftquelle zu verstehen. Ihre Erfahrungen sind verstörend und gleichzeitig ermutigend.

Nun habe ich im Laufe der letzten 13 Jahre viele Geschichten gehört. Ich würde mich nicht als abgestumpft bezeichnen, aber ich bin nicht mehr so schnell zu schocken.

Die Geschichte, die mir Precious in mehrstündigen Gesprächen, begleitet von Tränen der Wut und selbst humorigen Gelächter, erzählte, klammerte sich aber noch eine lange Zeit an meine alltäglichen Gedankenabläufe. Es ist eine Lebensgeschichte, die durchaus als Vorlage für ein Hollywood Psychodrama dienen könnte.

Die Muster erkennen

Viele Beschreibungen ihrer persönlichen Erfahrungen werden wohl immer in klaren Bildern in meinem Gedächtnis bleiben. Der tote Körper ihres Cousins, den sie als Kind identifizieren musste. Er war in einem Fluss ertrunken und hatte im Überlebenskampf seinen Freund, der ihn retten wollte, durch eine Umarmung in die Tiefe gerissen. Die Folter durch den eigenen Ehemann und besonders die an ihr verübte Scheinhinrichtung, er wollte doch nur seine neue Waffe ausprobieren… Der Versuch der Selbsttötung durch Gift, der missglückte, da ihre Schwägerin rechtzeitig zur Stelle war. Die vielen Demütigungen durch Polizei und Gericht und nicht zuletzt die traurigen, wiederkehrenden Muster und Warnzeichen, die sie zunächst für sich ignorierte.

Heute erkennt sie diese Muster umgehend. Nicht nur in ihrer eigenen Geschichte, sondern auch rückblickend in der ihrer ältesten Schwester. Sie wurde von ihrem Mann auf offener Straße totgeprügelt. Und sie kann die Muster mittlerweile in den Lebensgeschichten unendlich vieler Frauen in Simbabwe identifizieren.

Diese Muster und wiederkehrenden Warnsignale motivierten Precious, deutlicher hinzusehen. Und langsam, Schritt für Schritt entwickelte sie sich zu Expertin von Warnsignalen, nicht nur für sich selbst, sondern vor allem für andere Frauen.

Die Teinehmer:innen des Precious Hearts Haven workshop

Was ist das Geheimnis von Resilienz?

Heute interessiert mich etwas anderes: Wie ist es möglich, dass Menschen, die dem Tod mehrere Male ins Auge geblickt haben, die so gedemütigt wurden, dass sie nichts mehr zu verlieren haben, sich trotz alledem, aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen können?

Was bedarf es, um aus großem Leid Stärke zu gewinnen? Und wie kann diese Stärke in konstruktive Aktion umgesetzt werden? Zusammengefasst: was ist das Geheimnis von Resilienz?

Ich gehe gerne Begriffen tiefer auf den Grund. Besonders wenn sie im Alltag fast inflationär gebraucht werden. Manchmal liegt ein Teil der Erklärung im Ursprung des Wortes. Hier im Lateinischen Resilire, heisst übersetzt: abprallen, oder zurückspringen. Bei diesen Verben kommt mir als erstens ein Tennisball in den Sinn, den ich mit Kraft gegen ein geschlossenes Garagen-Tor werfe. Was kann man beobachten? Es gibt einen lauten Knall. Die Wucht des Aufpralls sorgt für eine kurzeitige Verformung, aber recht schnell ist der Ball wieder hergestellt und kann erneut geworfen werden. Während ein Ei oder eine Glaskugel bei geringstem Aufprall zerspringt, ist ein Tennisball fast unverwüstlich. Er kann sich der Umgebung kurzzeitig anpassen und gibt dem Druck nach. Er hat aber auch eine innere Form, zu der er schnell wieder zurückkehren wird, sobald der Druck von außen nachlässt.

Schnelle Anpassungsgabe, Flexibilität und die Möglichkeit zur Reflektion scheinen wichtige Merkmale von Überlebenden zu sein. Damit Überlebende aber auch einen positiven Beitrag für andere leisten können, müssen sie auch in der Lage sein, eigene Fehler zu erkennen und als Impulse für Lösungsansätze wertzuschätzen.

Precious hat an Stärke gewonnen

Ohne Frage, Precious ist resilient. Sie ist flexibel und hält kurz aufeinanderfolgende Krisen aus, ohne langfristig Schaden zu nehmen. Im Gegenteil. Rückblickend hat sie sogar an Stärke gewonnen und ist nun, mit Mitte 30 bereit, sich für andere Frauen einzusetzen.

“Ich brauche keine Therapie,” sagt sie mit Nachdruck. “Für mich gibt es keinen besseren Weg aus der Hölle, als andere Frauen in Krisen zu stärken und sie schließlich glücklich zu machen.”

Precious hat vor knapp vier Monaten während den kanthari Talks 2021 auf der Bühne gestanden und den Zuschauern und Zuschauerinnen offline und online mit ihrer Rede Mut gemacht.

Zurück in Simbabwe

Als sie zurückkam war sie begeistert von der großen Unterstützung durch Freunde und Familienangehörige. Das ist nicht selbstverständlich. Die wenigsten Angehörigen haben Verständnis dafür, dass sich nach kanthari alles ändert. Lukrative Jobs werden von den Absolventen oft ausgeschlagen, stattdessen kümmert man sich um etwas, das in vielen Augen von Freunden und Verwandten kaum Zukunftsaussichten hat. Erst wenn die Organisation sich stabilisiert hat und sich die Mitarbeitenden durch Spenden einen Lebensunterhalt finanzieren können, wird zähneknirschend eingesehen, dass es wohl eine Zeitenwende gibt und heute andere Schwerpunkte gesetzt werden.

In Precious Fall ist das anders. Sie trifft mit ihrem Projekt, das Frauen aus gewaltsamen Ehen eine Zuflucht gibt und sie neu auf die Gesellschaft vorbereitet, einen Nerv. Denn Gewalt ist überall, fast in jeder Familie.

Ein Rückzugsort mit Therapiemöglichkeit

Am Wochenende machte sie gemeinsam mit ihrem Team einen Workshop mit 120 Jugendlichen. Erst zögerlich, aber dann, angeregt durch Interaktionsspiele, traten die Jugendlichen langsam, aber sicher mit eigenen Beobachtungen und Berichten nach vorne. In Gruppen, aber auch einzeln erzählten sie von ihren Erfahrungen in der Familie oder in ihrer Nachbarschaft. “Und die Geschichten,” so Precious, “ähneln sich meiner in vielen Punkten.”

Und doch gibt es die vielen, die unter der Last des gesellschaftlichen Tabus, unter familiären Druck die strahlende Fassade aufrecht zu erhalten, zerbrechen. Sie brauchen Therapiemöglichkeiten und Rückzugsorte. Frauenhäuser, in denen sie für gewisse Zeit vor ihren Peinigern sicher sind.

Dagegen gibt es nur wenige, die, wie Precious “zurückspringen”. Nicht alle können Resilienz zeigen und sind in der Lage, ihre eigenen Erfahrungen in positive gesellschaftliche Veränderungen zu wandeln. 

Precious, wir werden noch viel von Dir Hören.

Precious Hearts Haven verfolgt einen Vier-Stufen-Ansatz:

Schritt 1: Sensibilisierung

In Workshops mit Frauen und Männern geht sie das Tabu Gewalt in der Ehe an. Auch in Schulen und Kirchengemeinden sorgt sie dafür, dass die Opfer und Täter lernen, darüber zu sprechen.

Schritt 2: Precious Hearts Haven

Es geht hier um die Erschaffung eines vorübergehenden sicheren Ortes für Frauen und Mädchen, wo sie sich vor ihren Männern verstecken können. Von dort aus können sie rechtliche Schritte gegen den Gewalttäter unternehmen. Dort bietet die Organisation bei Bedarf Rechtshilfe und psychologische Beratung an. Precious Bruder hat ihr ein erstes Haus übergangsweise zur Verfügung gestellt. Für ein langfristiges Projekt ist Precious auf der Suche nach Land und finanzieller Hilfe, ein frauen- und kinderfreundliches Haus zu bauen.

Schritt 3: Übergang zum Leben

Nach der ersten Heilungsphase haben die Frauen die Möglichkeit, an Workshops teilzunehmen.
In diesen Workshops werden sie mit anderen Betroffenen auf die gängigen Muster, die Alarmglocken eines Gewaltkreislaufs aufmerksam gemacht. Dabei geht es auch um das Erlernen der gewaltfreien Kommunikation sowie um Konfliktresolution.

Schritt 4: Kubatana (d.h. Verbindung)

Sobald die Frauen in der Lage sind, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, bietet die Organisation ihnen ein intensives berufliches Training an, bei dem es besonders um die Arbeit in der Gastronomie geht. Aus Precious eigener Erfahrung als Betreiberin eines gutlaufenden Restaurants, weiß sie, wie Malzeiten in einer freundlichen Umgebung verbinden und zu einem offenen Austausch auch über schwierige Themen einlädt.

Sie plant daher für die Zukunft eine Kubatana-Restaurantkette mit kleineren und größeren Lokalen, die alle von betroffenen, aber nun geheilten Frauen geleitet werden sollen. Kubatana soll auch in der Öffentlichkeit für Gewaltlosigkeit, für offene Kommunikation und Essen mit Zeit und Muße stehen.

Das Team um Precious hofft, dass sowohl diese Orte wie auch die Frauen, die trotz ihrer Geschichte nun in Leitungspositionen stehen, mit dazu beitragen, dass die Gewaltspirale in der Simbabwischen Kultur Schritt für Schritt abgebremst wird.

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