Die Auswirkungen von Stigmatisierung

Mutongi Kawara
2023 kanthari Teilnehmerin aus Simbabwe

Mutongi T. Kawara kam HIV-positiv auf die Welt. Ihre Eltern starben früh an einer durch AIDS indozierten Krankheit. Denn damals gab es noch keine Medikamente, die den Virus in Schach halten konnten. Durch ihre gesamte Kindheit wurde sie von Haushalt zu Haushalt geschickt. Oft wurde sie sexuell belästigt und durch diskriminierende Kommentare ständig daran erinnert, dass sie als HIV-positives Mädchen keine Zukunft haben würde. Das raubte ihren Lebenswillen. Erst später gelang es ihr, wieder Mut zu fassen. Die Arbeit mit Waisenkindern, die unabhängig von ihrem HIV-Status oder ihren Schwierigkeiten eine positive Lebenseinstellung hatten, entfachte ihren Lebenssinn, Mukundi zu gründen, um anderen Waisenkindern ein sicheres und liebevolles Umfeld zu bieten.

Vorurteile gegen Menschen mit HIV in Zimbabwe

Die leidenden Blicke voll falscher Trauer waren das Schlimmste! Es war, als wäre Mitleid das Beste, was die meisten um mich herum zu bieten hatten. In jungen Jahren, als ich meine Schule abschließen wollte und dafür ein wenig finanzielle Unterstützung hätte gebrauchen können, wurde mir “gnädigerweise” die Finanzierung einer Police angeboten, die die Kosten für meine “baldige” Beerdigung abdecken soll. Manchmal, wenn ich auf eine liebevolle Umarmung eines Verwandten hoffte, erntete ich stattdessen Blicke blanken Abscheus. Ich bin als Waise aufgewachsen, die HIV-positiv geboren wurde.

Frühes Leben und Herausforderungen

Im Alter von 12 Jahren hatte ich beide Elternteile durch den gleichen Virus verloren und das hatte erhebliche Auswirkungen auf mich und mein Selbstbild. Ich war finanziell gut abgesichert. Aber was meinen Geist langsam sterben ließ, waren die ständigen Bemerkungen meiner Verwandten und Bekannten, dass der Tod das nächste große Ereignis in meinem Leben sei. Ein Verwandter machte mir durch Andeutungen klar, dass ich allein an meiner HIV Erkrankung Schuld trüge, schließlich wisse man ja, dass so etwas von zu viel sexueller Freizügigkeit käme. Einige vermittelten mir, dass es für mich keine Hoffnung gäbe, selbst wenn ich Medikamente nehme. Andere wiederum brachten mich voll Fürsorge zu Geistheilern, die aber auch eher entmutigend waren.

Auf der Suche nach einem Zuhause

Im Alter von 13 Jahren, gleich nach dem Tod meiner geliebten Eltern, zog ich aus meinem Zuhause aus. Von nun an wohnte ich bei verschiedenen Verwandten bis ich im Alter von 15 Jahren zu meiner Schwester zog.

Bei dieser Irrfahrt von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, wurde ich von zwei männlichen Verwandten sexuell belästigt. Sie begründeten dies mit Tradition und taten so, als sei es für mich ein Privileg. Wann immer sie die Gelegenheit dazu fanden, berührten sie mich unangemessen. Es war die verletzendste und abscheulichste Erfahrung meines Lebens. Ich wusste, dass es falsch war, konnte mich aber nie dagegen aussprechen. Die bleibende Wirkung ist, dass ich es bis heute nicht besonders mag, von irgendjemandem angefasst zu werden.

Kampf und Wiedergeburt

War das der Preis, den ich zahlen musste, um als Waise versorgt zu werden?

Hätten meine Eltern, wären sie noch am Leben, mich vor diesen Übergriffen bewahrt?
Ich fühlte mich oft allein und in diesen Momenten der Demütigung spürte ich die imense Lücke die der Tod meiner Eltern in mein Leben gerissen hatte.
Ich weiß, dass sie sich um mich gesorgt hätten und sie hätten mich immer daran erinnert, regelmäßig meine Medikamente zu nehmen.

Mit all diesen Erfahrungen und Gedanken, die auf mir lasteten, hörte ich nämlich auf, meine Medikamente konsequent einzunehmen. Das war nicht gut für meine Gesundheit, und ich fing an, zu verkümmern. Ich war so abgemagert, dass sich niemand mehr in meine Nähe traute. Ich war bereit, einfach alles aufzugeben. Obwohl ich weder genug Kraft sammelte, um Selbstmord zu begehen, noch in meinem Kopf darüber nachdachte, wie ich es tun könnte, war ich bereit zu sterben. Ich betete sogar irgendwann dafür.

Meine Schwestern und einige meiner Tanten und Onkel, die sich immer bemüht hatten mich zu unterstützen, kamen mir zu Hilfe und fanden eine Privatklinik für mich, die kostenlose medizinische Dienstleistungen für Menschen mit HIV anbot. Dort kam ich in Selbsthilfegruppen mit jungen Leuten, die sich in einer noch schlimmeren Situation befanden als ich. Das riss mich aus meinem Selbstmitleid und meiner selbst auferlegten Misere.

Neuanfang durch soziales Engagement

Langsam fing ich an aus meinem Schneckenhaus herauszukriechen. Als ich auf der Suche nach Arbeit war und versuchte mein Leben in Ordnung zu bringen, schlug mir ein Freund vor, es mit Freiwilligenarbeit zu versuchen. So beschloss ich, ehrenamtlich in einem Kinderheim in meiner Gemeinde zu arbeiten. Das Heim war eine Unterkunft für Kinder, deren Eltern nicht in der Lage waren, sie zu versorgen. Es handelte sich um vernachlässigte Kinder und Waisen, die niemanden hatten, der sie aufnahm. Kinder zu sehen, die ihre verschiedenen chronischen Krankheiten und Behinderungen akzeptiert und angenommen hatten, aber dennoch große Hoffnungen in ihr Leben setzten, motivierte mich ungemein. Ich habe alles im Haushalt gemacht, einschließlich den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, zu kochen, Wäsche zu waschen oder Geschirr zu spülen. Ich habe auch viel Zeit damit verbracht, mit den Kindern zu interagieren, mit ihnen zu spielen und zu sprechen.

Vision für die Zukunft

All das gab mir das Gefühl, dass ich eigentlich nicht eingeschränkt war und das ich in der Lage war, unabhängig von meinen Umständen einen sinnvollen Beitrag für andere zu leisten.

Die Arbeit in der ländlichen Gemeinde öffnete mir auch die Augen für das Leben von Waisenkindern in abgelegenen Gebieten. Sie leben einfach nur vor sich hin und verpflegen sich von der Hand in den Mund. Viele Waisen sind nicht in Heimen untergebracht. Sie haben nicht die Zuversicht, dass sie jeden Tag eine Malzeit bekommen oder das ihre Schulgebühren übernommen werden.

Sie landen in der Regel in Familien mit anderen Kindern, die besser behandelt werden als sie selbst. Oder sie haben “Vertrauenspersonen”, die ihr Vertrauen missbrauchen und sie sexuell misshandeln. In den meisten Fällen sind diese Waisen verarmt und haben daher keinen Zugang zu ihren Grundbedürfnissen.

Für zwei Jahre arbeitete ich in einer Organisation eines kanthari Alumni, was mir einen tiefen Einblick in die eher ländlichen Gemeinschaften gab. Ich kam auch mit vielen Waisenkindern zusammen und ich wusste nun, dass das Thema Waise zu mir gehört.

Ich möchte Waisenkindern einen sicheren Raum und ein unterstützendes System bieten das ihnen hilft, in Liebe und Fürsorge aufzuwachsen.

Philosophie und Hoffnung

“Nzombe huru yakabva mukurerwa” ist ein Shona-Sprichwort, das bedeutet, dass große Geister von Menschen aufgezogen werden. Die Frage ist, was passiert mit Waisenkindern, die niemanden haben, von dem sie großgezogen werden können? “nzou hairemerwe nenyanga dzayo” ist ein weiteres wichtiges Sprichwort, das besagt, dass wir unsere eigenen Probleme, unsere Wünsche in der Hand haben.

Wie kann das aber umgesetzt werden, wenn Waisenkinder kaum Urvertrauen entwickeln können, wenn keine Vertrauensperson anwesend ist? Es gibt viele ähnliche Sprichwörter in meiner Sprache Shona. Sie alle haben eine tiefe Bedeutung.

Um diese Sprichwörter auch für Waisenkinder geltend zu machen, setzen wir sie als Referenz für unsere Philosophie von Mukundi ein.

In unserem zukünftigen Waisendorf werden wir uns bemühen, Fähigkeiten und Denkweisen zu entwickeln, die ihnen helfen, sich in der realen Welt zurechtzufinden. Nur so werden wir resiliente Menschen aus ihnen machen können.

Mehr ueber Mutongi’s Arbeit lesen Sie auf https://mukundizw.org/

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