Eine Welt, in der wir es wagen, aufzufallen

Sherleen Tunai
2023 kanthari aus Kenia

Es dauerte ganze 25 Jahre, bis Sherleen Tunai endlich akzeptierte, dass sie eine Person mit Albinismus ist. Sherleen wuchs in Kakamega, Kenia, auf. Sie sehnte sich danach, dazuzugehören und sie hasste ihr Aussehen. In sozialer Isolation, begann sie als Kind Kleidung für sich zu entwerfen und zu nähen. Denn sie wollte genauso hübsch aussehen wie ihre weißen, blonden Barbie Puppen. Durch ihre neu gegründete Initiative Ana Antani (Ich gehöre dazu), möchte Sherleen andere Menschen mit Albinismus befähigen, sich gleich zu Beginn ihrer Jugend zu akzeptieren und mit Albinismus zu identifizieren.

Die Suche nach Zugehörigkeit

“Sherleen, du hast Albinismus.” Es hat 25 Jahre lang gedauert, bis ich mir genau diese Worte im Spiegel zurufen konnte. Der Ausschlag gab ein Telefonat mit Ducton, meinem älteren Bruder. Er erinnerte mich an die Vergangenheit, die ich unbewusst aus meinem Gedächtnis verdrängt hatte.

Als Kind fühlte ich mich einsam. Kinder liefen hinter mir her und riefen alle möglichen Namen: “mzungu!” (weißes Mädchen), “muindi!” (Inder) oder “jini!” (Geist). Der Satz, der mich aber immer zum Weinen brachte, war: “Kujeni muone! Hii ni ninil? Hii si mtu!” (Kommt und seht, was das ist. Das hier ist kein Mensch?!).

Ich hasste es, alleine von der Schule nach Hause zu gehen. Um mich zu verteidigen, trug ich immer einen Stock bei mir. Oh, ich war so bereit, jeden zu verprügeln, der hinter mir herlief und mich beschimpfte. Aber es brachte mir den Ruf ein, so etwas wie ein aggressives Tier zu sein. Für lange Zeit hatte ich keine Freunde, weil Kinder mich von ihren Verabredungen zum Spielen ausschlossen und ich hatte Angst vor Ablehnung.

Der Alptraum von Angriffen auf Albinos

Ich erinnere mich, dass sich auf meiner gesamten Haut durch Sonnenbrände verursachte Wunden gebildet hatten. Diese Wunden, da sie nicht behandelt wurden, fingen an übel zu riechen und ich wurde von Schwärmen von Fliegen verfolgt. Niemand wollte in meiner Nähe sein. Das war besonders schmerzhaft an Weihnachtsfeiertagen. Während meine Familie beisammen saß, saß ich allein im Hühnerstall.

Einmal, im Alter von fünf Jahren, fragte ich meinen Vater, warum ich anders war und anders aussah. Er sagte: “Oh, ich habe dich in London gekauft. Der Pilot hat dich auf dem Markt abgesetzt und ich habe dich dort aufgegriffen. Deshalb bist du mein weißes Mädchen.” Jahre lang hatte ich diese Geschichte geglaubt.

Die Rückkehr zur Leidenschaft des Designs

Das Universitätsleben war schwieriger. Ich versuchte mich in der Campus-Politik, wurde aber im Internet gemobbt. Man nannte mich ein geschältes Schwein und ich gab auf, weil ich all der Feindseligkeit nicht standhalten konnte. Also engagierten wir uns, einige Freunde und ich, im Kampf gegen die Verfolgung von Albinos. Da ich, wie viele Menschen mit Albinismus, an einer leichten Sehschwäche litt, schlug meine Schwester mir vor, an eine Blindenschule zu gehen. Dort sah ich zum ersten Mal ein anderes Mädchen mit Albinismus. Ich starrte sie die ganze Zeit an. Sie sah genauso aus wie ich. Als ich einen Jungen mit Albinismus sah, war ich verliebt.

Selbstakzeptanz und die Kraft des Handelns

 

Die High School war einfach, weil ich dazu gehörte. Niemand beleidigte oder verletzte mich mit spitzen Gegenständen, um nachzusehen, ob mein Blut grün wie bei einem Monster sei. Doch ich war schockiert, als ich zum ersten Mal auf ein Mädchen mit Albinismus traf, dass unter Hautkrebs litt. Sie hatte immer Schmerzen. Sie verließ die Schule und kam nie wieder.

Ich glaube, dass das Bewusstsein sich kontinuierlich entwickelt. Die Welt, die wir sehen wollen, ist eine Welt, in der Kinder nicht für ihr Aussehen und für ihre Andersartigkeit ausgeschlossen und gemobbt werden. Eine Welt, in der wir es wagen können, aufzufallen.

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