Von Mirranda Tiri, Simbabwe (2021 kanthari Teilnehmerin)

Während eines Campingausflugs in Namibia entdeckten meine Eltern das Paradies an einem Ort, den auch Livingstone einst als “Garten Eden” bezeichnete. Es war in einer wunderschönen atemberaubenden Landschaft mit wilden Tieren, eine fast unberührte Umgebung. Das einzige von Menschenhand geschaffene Bauwerk, war eine kleine Lehmhütte. Wir verbrachten viel Zeit mit Mokoro-Safaris (ein traditionelles Kanu), besuchten die Umgebung und unternahmen geführte Wanderungen und Rundfahrten. Wir spielten Spiele, benannten Pflanzen, Bäume und Vögel und lernten etwas über die Sterne. Wir waren verliebt in die Wildnis. Meine Eltern wussten damals, dass wir hierhergehörten. Diese Jahre, von 9 bis 14 Jahren, waren die beste Zeit meiner Kindheit.

Ich wurde in eine zerrüttete Familie hineingeboren und war ein unerwünschtes Kind. In einem Zuhause voller Terror und Gewalt litt meine Mutter darunter, dass es meine Schwester und mich gab. Vielleicht war es aus Angst oder Verbitterung, aber meine Mutter floh als ich 5 Jahre alt war nach Südafrika. Sie ließ meine Schwester und mich in der Obhut unseres Vaters zurück. Wir waren alles, was von ihrer Ehe übrigblieb.

Wir wurden oft von einem Haus eines Verwandten zum nächsten geschoben. Wir blieben aber nie lange an einem Ort. Während eines Aufenthalts bei einem Verwandten auf dem Lande wurde ich sexuell missbraucht. Ich war erst 6 Jahre alt und wusste nicht, was es bedeutet, berührt und vergewaltigt zu werden. “Ukangotaura chete ndinokuuraya nemhuri yako” (wenn du es jemandem erzählst, bringe ich dich und deine Familie um) sind die Worte, an die ich mich heute noch in aller Klarheit erinnere. Ich kann mich nicht mehr an das Mädchen erinnern, das ich vor diesem Vorfall war, weil mein Vergewaltiger sie getötet hat.

Ohne zu wissen, welche Last ich trug, kam meine Mutter als ich 9 Jahre alt war zurück und nahm uns mit. Aber diesmal war die Situation anders. Sie hatte Adolf kennengelernt, einen Mann, in den sie unsterblich verliebt war. In jedem Urlaub fuhren wir raus aus der Stadt in die Wildnis. Und so begann die schönste Zeit meiner Kindheit. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wirklich in eine gut funktionierende Familie zu gehören.

Doch das Universum setzte dem ein Ende.
Als ich 14 Jahre alt wurde, verstarb meine Mutter. Ich wurde auf ein Internat geschickt. Alles was ich fühlte, war Verlassenheit und Sinnlosigkeit im Leben. In der Schule wurde ich schikaniert, litt unter Depressionen und Angstzuständen und zog mich völlig aus der Gesellschaft zurück. Außerdem war ich gerade in die Pubertät gekommen und hatte so viele Fragen zu meinem Körper und den Veränderungen, die ich erlebte.
Nach dem Abschluss der High School wollte ich zurück in die Wildnis, die ich mit guten Erinnerungen und dem Gefühl, dorthin zu gehören, verband. Ich wollte in die dahin zurück, wo es niemanden gab, der mich verurteilte, und wo überall Frieden herrschte.

Ich weiß noch, wer ich in der Zeit in der Wildnis war. Aber ich konnte nicht mehr dorthin zurück. Adolf, eine Vaterfigur, als ich sie am meisten brauchte, war depressiv und hatte sich mittlerweile das Leben genommen. Also wurden meine Schwester und ich wieder wie Nomaden von einer Familie zur anderen geschickt. Schließlich beschloss unser Vater, dass wir dauerhaft bei unseren Großeltern bleiben sollten.
Doch innerhalb eines Jahres jagte unser Großvater sowohl meine Schwester als auch mich aus seinem Haus. Das war im Nachhinein allerdings ein Glücksfall. Wir mieteten ein Zimmer und zum ersten Mal seit langer Zeit hatten wir das Gefühl, endlich frei und zu Hause zu sein.

Nach einem Monat lernte ich Trevor kennen. Er ist der Gründer von Purple Hand Africa und 2018 kanthari. Er arbeitet in Simbabwe mit der LGBTIQ-Gemeinschaft. Ich schloss mich seinem Team an. Das öffnete mir die Türen zu einer ganz neuen Welt. In den Gesprächen, die wir während der Camps führten, wurde mir klar, dass die meisten Menschen ähnliche Geschichten über brutale Herausforderungen in ihrer Jugend erlebt hatten. Ich dachte an die Reise- und Campingphase meines Lebens zurück. Die Zeit, in der ich unbeschwert und in Kontakt mit meiner Familie und meinen Gefühlen war. Ich war motiviert, andere Mädchen zu unterstützen, denen es ähnlich erging wie mir. Sie sollen die gleiche Art von Heilung wie ich erfahren. In unseren Wildnis Camps können sie sich wieder mit ihren Eltern, ihrem inneren Selbst und der Natur verbinden. Weit weg von den Augen der Welt, können sie sich dort selbst entdecken. Ich möchte den Mädchen helfen, ihre Geschichten zu erzählen und ihre Wahrheiten zu leben.
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Mirranda ist eine kanthari Teilnehmerin dieses Jahres und Gründerin von Kanya Africa.
Kanya Africa möchte Mädchen die Möglichkeit geben, sich frei auszudrücken, sich weiterzuentwickeln und ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, und zwar durch Wildnis Camps und andere kreative Orte. Durch Aktivitäten, die von lustigen und abenteuerlichen Spielen bis hin zu ruhigen, nachdenklichen Sitzungen reichen, werden die Wildnis Camps den Mädchen die Möglichkeit geben, die Bindung zwischen ihnen zu stärken, ihr Selbstvertrauen zu steigern und sich einander anzuvertrauen, um ihre tiefsten Herausforderungen zu teilen.

Am 17. Dezember 2021 um 15:55 Uhr Indischer Zeit (11:25 EST) wird Ihre Abschlussrede präsentieren. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.kantharitalks.org/

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