Tabubruch in Kenia

Juliet Omondi
2021 kanthari, Gründerin von Paro Mayien

Tabus, die uns ein Leben lang verfolgen

Juliet Omondi kommt aus Homa Bay, einer ländlichen Region im Westen Kenias. Sie spricht ein Tabu an, das in Ostafrika wie auch in vielen anderen Ländern der Welt weit verbreitet ist. Wir sagen, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und trotzdem werden Mädchen und Frauen während ihrer Menstruation von Schulen und Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen. Juliet möchte mit ihrer Organisation Paro Manyien (Bewusstseinsveränderung) dieses Tabu ändern, indem sie die Verantwortlichen in den Kirchen und Gemeinden für dieses Thema sensibilisiert.

Ich denke oft an Situationen wie diese: Man ist in einer Menschenmenge und plötzlich merkt man, die Periode hat unerwartet begonnen. Allerdings gibt es nichts, womit man sich säubern kann, man hat keine Binden und, viel schlimmer noch, es gibt niemanden, mit dem man darüber reden kann.

Es passiert jeder Frau im Leben bestimmt einmal oder auch mehrmals. Aber die Glücklichen können sich schnell Abhilfe schaffen. Die meisten jungen Mädchen in unseren Ländern werden aber mit diesem Problem vollkommen allein gelassen.

Ich bin geboren und aufgewachsen in einer ländlichen Gegend im Westen Kenias, wo Tabus und Mythen rund um die Menstruation noch immer lebendig sind. Und so erlebte ich das Einsetzen meiner Menstruation mit Angst und Scham. Ich weigere mich jedoch, solche rückständigen Vorstellungen zu übernehmen und weiterzutragen. Wie in der gesamten Gemeinde wurde auch in meiner Familie nicht offen über die Menstruation gesprochen. Man glaubt, dass die Menstruation eine höchst private Angelegenheit der Frau ist, weil das Menstruationsblut von bösen Geistern benutzt werden könnte, um den Menschen in der Umgebung Schaden zuzufügen. Mit jemandem vom anderen Geschlecht über die Menstruation zu sprechen, gilt als respektlos. Unter normalen Umständen würde ich mir wünschen, dass Mütter mit ihren Kindern rechtzeitig vor der Pubertät über diese Themen sprechen. Leider war es bei mir nicht so.Ich erinnere mich noch lebhaft an einen Montagmorgen. Ich machte mich gerade auf den Weg zur Schule, als ich merkte, dass ich meine Periode hatte. “Mama”, rief ich mit brüchiger Stimme. Ich zitterte und hatte Angst. “Was ist los?”, fragte sie. “Ich glaube, ich habe meine Periode.” Ich hatte nämlich gehört, wie meine Mitschülerinnen und ältere Mädchen in der Schule über die Periode und Binden sprachen, wenn auch in gedämpftem Ton. Ich erhoffte mir nun eine Erklärung und Hilfe durch meine Mutter. Doch leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt. Sie war so von Scham behaftet, so dass sie nur meinte, ich sei vielleicht krank oder dass das Blut auch von einer Verletzung herrühren könne.

Ich war verwirrt, fühlte mich alleingelassen und war irgendwie auch enttäuscht.
Später am Abend teilte sie mir allerdings doch mit, dass ich mich nun in eine Frau verwandeln würde.  Aber das hätte Konsequenzen: Ich dürfe nicht mehr ihr Schlafzimmer betreten, auch das Gemüse dürfe ich während der Periode nicht pflücken, da es sonst verdorre und kranke Familienmitglieder sollte ich nicht mehr aufsuchen. All das machte mich wütend. Und so war es mir nicht möglich, meine Mutter jemals wieder auf so vertrauliche Themen anzusprechen.

Glücklicherweise hatte ich eine ältere Cousine in der Sekundarschule, die bereit war, ihr Wissen über die Menstruation und die Ge- und Verbote während meiner Periode mit mir zu teilen. Das war nach etwa drei Monaten, in denen ich im Stillen gelitten hatte.
In der Schule erlebte ich, wie Jungen ältere Mädchen schikanierten, die diese Veränderungen bereits durchmachten. Sie wurden gedemütigt, hatten Angst und wurden allgemein verspottet.

Irgendwann war auch ich an der Reihe. Eines Tages befleckte ich meine Schuluniform und musste mir bis zur Mittagspause einen Pullover um die Taille binden. Um aber die Schule nicht zu verpassen, schlich ich mich immer wieder in das Schlafzimmer meiner Mutter, um ein oder zwei Binden zu stehlen, die zu groß, zu dick und zu unbequem waren, um sie zu tragen. Das brachte mich dazu, mir andere Methoden auszudenken, um mit meiner Menstruation umzugehen. Ich schnitt alte Stoffstücke und Decken zurecht und nähte sie zusammen. Mit der Zeit wuchs ich über meine Ängste hinaus, öffnete mich meinem engen Freund, wurde zornig und konfrontierte mich mit meinen Tyrannen. Ohne es zu wissen, hatte ich mich zur Stimme der anderen Mädchen in der Schule entwickelt.

Heute habe ich als Gesundheits-beauftragte mit Mädchen zu tun, die sich in einer ähnlichen Situation befinden: Mädchen, die wie ich niemanden haben, mit dem sie reden können, Mädchen, die von Tabus umgeben sind, die sie daran hindern, an den täglichen soziokulturellen Aktivitäten teilzunehmen, während sie ihre Periode haben.

Während eines der Schulgesundheitsprogramme, die ich in Kilifi, Kenia, durchgeführt hatte, hatte ich ein recht emotionales Gespräch mit einem Mädchen namens Kadzo, das mir von seinen Problemen als Teenager erzählte. “Ich bin eine Waise und lebe bei meinen Großeltern, die sich nicht um die Menstruation kümmern. Zu Hause kämpfen wir darum, Essen auf den Tisch zu bringen, und Damenbinden haben aufgrund unserer begrenzten Mittel keine Priorität. Ich habe niemanden, den ich fragen kann, kein Geld, um Binden zu kaufen, und niemanden, mit dem ich reden kann”.

Später vertiefte ich mich in das Thema und erfuhr, dass die Kultur der Geheimhaltung rund um die Menstruation die Mädchen noch weiter in ein Dilemma stürzt, da sie finanziell nicht unabhängig sind. Mangelnde Beratung und Angst führen dazu, dass einige Mädchen zu anderen Mitteln greifen, um Geld für den Kauf von Binden zu bekommen. Zehn Prozent der 15-jährigen Mädchen in Kenia tauschen Sex gegen Geld, um Binden zu kaufen, da sie zu Hause kaum welche bekommen können. Einige enden mit Teenager-Schwangerschaften, frühen Ehen oder sexuell übertragbaren Krankheiten. Einige brechen am Ende die Schule ab.
Genau wie Kadzo leiden viele andere Mädchen noch immer im Stillen. Und deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht, um diese Geschichte zu ändern.

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