Tag 115 – Yes, Sierra Leone! (Teil 1)

Ganz im Osten von Sierra Leone, im Drei-Länder-Eck Sierra Leone, Guinea und Liberia, fließt der Manor. Dieser Grenzfluss trennt Sierra Leone von Guinea.

Er bildet die erste Hürde für viele Flüchtlinge, die hier ihre gefährliche Reise nach Europa antreten, eine Reise, auf der die meisten von ihnen entweder verunglücken, als Sklaven verkauft oder sogar ermordet werden. Von denen, die nach großen Strapazen in Europa ankommen, werden fast alle wieder zurückgeschickt, da ihre Fluchtgründe die Behörden nicht überzeugen: ‚Schliesslich sei Sierra Leone ja ein sicheres Drittland‘!

Ein sicheres Drittland? Tatsächlich würde die Mehrzahl der angegebenen Fluchtgründe wohl kaum jemandem eine andere Wahl lassen, als schleunigst das Weite zu suchen:

– Homosexuelle werden gesellschaftlich ausgegrenzt und befürchten Gewaltexzesse, ja sogar Lynchjustiz.

– Arme Bauern aus den abgelegenen, aber rohstoffreichen Gebieten werden ohne Entschädigungen von ihren Grundstücken vertrieben, damit die Industrien ihren Hunger an Rohstoffen stillen können.

– Gierige Diamantenhändler beuten in den oft illegal angeeigneten Minen gegen Hungerlöhne ihre Arbeiter aus, darunter auch Kinder.

– Der Klima-Wandel lässt Landstriche veröden und andere überfluten und zieht Hunger und Armut nach sich.

– Und dann gibt es zurzeit auch die „Covid-19  Krise“!…

Nicht, dass Sierra Leone vom Virus bisher sehr betroffen sei. Es gibt zurzeit nicht viel mehr als 1600 registrierte Fälle, doch breitet sich unter Jugendlichen das Gerücht aus, Europa habe aufgrund der vielen Todesfälle jetzt Hilfskräfte dringend nötig und würde deshalb auf sie warten.

Sahr Yilia, ein kanthari (2009) aus Sierra Leone sagt dazu: „Ich habe manchmal  diese widersinnigen Gespräche mit jungen Leuten, die mir erzählen, dass sie den Europäern jetzt etwas Gutes tun würden, wenn sie sich schnell zu ihnen auf den Weg machten, da  so viele Menschen in Europa am Corona Virus gestorben seien. Ich weiß nicht, ob ich über so viel Naivität wütend oder amüsiert sein soll. Aber diese Gespräche zeigen mir auch, wie wichtig es ist, hier etwas Sinnvolles für Jugendliche aufzubauen, damit sie in ihrem Heimatland für sich eine Lebensperspektive haben können.”

Sahr Yilias eigene Lebensgeschichte ist gezeichnet durch den 11 Jahre andauernden Bürgerkrieg (1991-2002). Gewalt, Hunger und Armut, die er in seiner Jugend erlebt hatte, veranlassten ihn, eine Organisation für Waisen- und Straßenkinder ins Leben zu rufen. Ein weiterer Impuls zu dieser Arbeit war der plötzliche Tod seiner Lebensgefährtin. Sie starb wie so viele im Kindbett und hinterließ eine gemeinsame Tochter mit Namen Comfort.

“Als ich mich in der Leichenhalle umsah, wurde mir bewusst, dass nur junge Frauen da lagen. Die Todesursache war bei allen gleich. Mangelnde medizinische Versorgung nach der Entbindung. Ich fragte mich, wie viele dieser mutterlosen Kinder landen in Waisenheimen oder werden zu Straßenkindern. Meine Tochter sollte sich niemals als Waise fühlen!”

Nach seinem Training im kanthari Institut und nach einem fünfjährigen Studium an der York University in Groß Britannien im Fachbereich „Human Rights“, leitet er “YES, Sierra Leone”, ein Trainingszentrum, das junge Menschen in Berufen ausbildet, die in der Zukunft für das Überleben in dieser Welt wichtig sein werden. Seine Zielgruppe sind Waisen und ehemalige Strassenkinder. Er möchte denjenigen eine andere Perspektive geben, die das Land ihrer Traumata so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen.

“Wir müssen alle lernen, „JA“, „YES“ zu einem Leben in Sierra Leone sagen zu können. Der Weg dazu ist schwierig, denn die Albräume der Vergangenheit sind für die meisten von uns noch übermächtig.”

Der Bürgerkrieg in West-Afrika

Sahr ist ein kanthari der ersten Generation. In diesem ersten Jahr hatten wir fünf Teilnehmer aus den Ländern Sierra Leone und Liberia, beides kriegsgeschüttelte Regionen. Wir wussten damals nicht viel über den gerade beendeten, äusserst brutalen Bürgerkrieg. Die Berichte aus erster Hand und die posttraumatischen Symptome, die bei einigen von ihnen während gewisser Anlässe immer mal wieder ans Licht kamen, entsetzten und verwirrten uns: So verkroch sich Mohamed (Sierra Leone)kurz nach seiner Ankunft in Kerala zitternd unterm Bett, als einer unserer indischen Mitarbeiter unbedacht ein Feuerwerk als Willkommens-Gruß krachen und zischen ließ. Von da ab war Feuerwerk auf dem kanthari-Campus ein Tabu.

James und Victor (beide aus Liberia) waren keine Kinder mehr, als der Krieg ausbrach. Sie konnten vergleichsweise frei über ihre Erlebnisse erzählen. Beide sind vollkommen blind. James war Pfarrer und Victor hatte während des Krieges als Lehrer in Liberia an einer Blindenschule unterrichtet. Sie berichteten, wie sie auf der Flucht vor einem Rebellen-Checkpoint in einer Reihe warten mussten. Die Rebellen zählten sie ab und bei jeder Primzahl wurde ein Wartender erschossen. James war die Nummer zwölf und Victor stand zwei weiter dahinter. Nummer 11 und 13 wurden einfach ausradiert.

Jonson, ein weiterer kanthari aus Liberia war durch die Explosion einer Granate erblindet, die in sein Haus geworfen wurde. Er wäre fast verblutet, wenn nicht ein Zivilist, ein Chinese, sich seiner angenommen hätte.

Und Sahr?

Sahr war in den ersten drei Monaten bei uns im kanthari-Institut fast stumm. Später taute er auf, aber er blieb eher zurückhaltend, wenn es um seine eigenen Kriegserfahrungen ging.  Wir ahnten, dass er, damals als Kind, Grausames erlebt haben musste. Doch bei einem langen Telefongespräch erst vor kurzem, zehn Jahre später, bekam ich einen tieferen Einblick in sein Leben, das Leben eines hochgradig sehbehinderten, von Rebellen entführten Kindersoldaten.

Sahr wurde mit dem achten Lebensjahr fast blind. Seine Eltern versuchten alles, um seinen Sehsinn zu retten. Sie brachten ihn zu traditionellen Heilern, doch die machten seinen Zustand nur noch schlimmer, indem sie ihm Chili-Konzentrat ins Auge gossen. Er hätte eigentlich in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, eine Blindenschule besuchen sollen, doch dann begannen die blutigen Auseinandersetzungen genau in seiner Heimatregion Kono.

Der Bürgerkrieg Sierra Leones dauerte etwa 11 Jahre, von 1991 bis 2002. Ausgelöst wurde er mit der Besetzung der Diamanten- Minen im Osten des Landes durch die RUF ( Revolutionary United Front). Es handelte sich um Rebellen-Truppen unter der Führung der Liberianischen Warlords Charles Taylor und Foday Sankoh. Sie nahmen die Diamanten-Minen ein, um ihre eigenen Kriegshandlungen im benachbarten Liberia finanzieren zu können, und sie überfielen Dörfer und Städte. Bekämpft wurden sie durch stetig wechselnde Regierungstruppen, oft vertreten durch private Kampfeinheiten, die, wie auch die Rebellen, Kinder als Soldaten einsetzten. Sahr war einer der entführten Kindersoldaten.

Dschungel-Kämpfe

(Anmerkung: dieses Kapitel enthält Beschreibungen von Gewaltakten)

Sahr Yilia war erst 13 Jahre alt, als die Rebellen ihn und seine gesamte Familie entführten.

“Mein Vater war Chief über 14 Dörfer. Wir betrieben damals eine Farm mit Rindern, eine Kaffee- und eine Kakao-Plantage, nicht weit von der Liberianischen Grenze entfernt. Daher interessierten sich die Rebellen besonders für uns.”

Es war gegen 6:00 morgens, auf dem Weg zur Farm, als die Familie überfallen und wie Vieh zusammengetrieben wurden. Die Kinder wurden von den Eltern getrennt und Sahr kam in die Einheit der „Kleinen Jungs“, die “Small Boys‘ Unit”. Der Vater wurde gefoltert und starb später an den Folgeschäden. Seine Mutter, die zwei Jahre ältere Schwester und seine beiden Tanten kamen in die Einheit der Rebellenfrauen. Da sich die Rebellen zunächst hauptsächlich auf die Frauen konzentrierten, hatte Sahr mit dem Gedanken gespielt, zu fliehen. Doch dann ließ er von dem Plan schnell wieder ab, denn er hatte Angst, so seine Familie nie wieder sehen zu können.

In diesen ersten Tagen wurden sie bereits Zeuge der unfassbaren Brutalität der Rebellen. Die Jungen beobachteten, wie sich einige der Kommandeure über eine junge schwangere Frau unterhielten und der Streit wurde laut, weil der eine behauptete, sie bekäme einen Jungen, der andere meinte, dass es bestimmt ein Mädchen sei.

“Ich kann mich daran erinnern, dass der eine sagte: <Sehen, wir doch einfach mal nach!> Und dann schnitten sie der schwangeren Frau vor uns den Bauch mit einer Machete auf. Da brüllten sie vor Begeisterung als hätten sie ein Fußballspiel gewonnen: es waren Zwillinge, ein Mädchen und ein Junge und jetzt waren alle drei tot. Wir waren starr vor Schock. Aber die Rebellen machten sich über uns lustig: „Wenn ihr denkt, das wäre das Schlimmste, was ihr sehen würdet, wartet nur ab, bis wir in den Dschungel kommen!”

Dann ging es los in den Dschungel. Sie mussten marschieren. 180 Km, mit schweren Säcken, vollgestopft mit allem, was man für ein Kriegscamp nötig hatte. Waffen, Munition, Möbel, Säcke mit gestohlenen Lebensmitteln. Auch die Kleinsten unter ihnen wurden nicht verschont. Sie trugen Säcke die größer und schwerer zu sein schienen als sie selbst. Und wenn sie mal stolperten und fielen, wurden sie von den Rebellen so lange getreten, bis sie wieder auf den Beinen standen. Es gab keine Fahrzeuge, und auch wenn es sie gegeben hätte, hätten sie niemals durch das dichte Pflanzengestrüpp fahren können.

Nach einigen Tagen und Nächten trafen sie in der Basis ein, ein Camp, mitten im abgelegensten Waldgebiet…

Teil 2 gibt es Morgen